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2.3.2007 | Von:
Hans-Joachim Busch

Demokratische Persönlichkeit

Persönlichkeitsbildung

Bildung ist im Rahmen der Psychoanalyse als Bildung der Persönlichkeit zu verstehen. Dieses psychoanalytische Bildungskonzept ist sehr umfassend gemeint und bezieht sich auf die psychischen Grundqualifikationen zur Teilnahme an der menschlichen Kultur. Nicht der Bildungsbürger - salopp formuliert - ist ihr Ziel, sondern der Kulturbürger, oder, wie es Freud anspruchsvoller und mit Weitblick bereits 1915 formulierte, der "Kulturweltbürger".[2] Diesen stellt Freud als ein aufgeschlossenes, tolerantes Individuum vor, dem die ganze Welt und der in der ganzen Welt Zuhause ist.

Wenn ich nun vom "Subjekt" statt vom "Kulturweltbürger" spreche, mache ich eine über Freud hinausgehende Annahme. Ich bringe das psychologische Individuum der Moderne in eine Beziehung zu den historischen Prozessen der Gesellschaft, zu ihren Macht- und Herrschaftsformen, Ungerechtigkeiten, wie das die Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule unter Rückgriff auf die Psychoanalyse getan hat. Das Leiden unter ihren gesellschaftlichen Bedingungen, aber auch die Befriedigungs-, die Einfluss- und die Gestaltungsmöglichkeiten von Individuen im Hinblick auf ihre Gesellschaften sollen es rechtfertigen, von Subjekten zu sprechen. Subjekte stehen in einer angespannten, konfliktvollen Beziehung zu ihren Gesellschaften und stellen sich ihr. Ihr Entwurf ist am Ideal des mündigen Bürgers, der demokratischen Persönlichkeit orientiert. Um ihm nahe zu kommen, müssen sie natürlich einiges, besser, möglichst viel wissen. Aber nur kognitives Wissen in sich aufzunehmen, anzusammeln und zu speichern und dann gegebenenfalls abrufen zu können, reicht dazu nicht aus. Es muss ein Funke, ein Impuls, ein unabhängiges Lerninteresse vorhanden sein, ein durchgängiges, stabiles Lernmotiv. Aber auch das könnte sich darin erschöpfen, sich immer wieder in neue Stoffelernend ("büffelnd") zu "vergraben" und darin völlig aufzugehen. Dann hätten wir doch eher einen "Bildungsbürger", aber keine "gebildete Persönlichkeit", schon gar keine demokratische Persönlichkeit und kein"gebildetes Subjekt". Ohne ausreichende "Affektbildung", das wusste schon Alexander Mitscherlich, fehlt der "Sozialbildung" und der "Sachbildung" die Grundlage.[3] Der individuelle Umgang mit den Mitmenschen wurzelt ebenso wie die Beschäftigung mit Sachen und die Bewältigung von Aufgaben in einer gut entwickelten Gefühlsstruktur. Ihrer bedarf es, um als Subjekt angemessen, souverän und kreativ mit den Themen, Aufgaben und Problemen der sozialen und dinglichen Welt umzugehen und für sie Lösungen zu finden.

Diese Persönlichkeitsstruktur erwächst aus dem Erleben in der frühen Kindheit. Dort, im Umgang mit den ersten Bezugspersonen, werden die Grundlagen gelegt und die Muster gebildet, die für das Handeln und Empfinden der Menschen im weiteren Verlauf ihrer Biographie einflussreich bleiben. Es geht um emotionales Lernen als Bedingung kognitiven Lernens. Im Mittelpunkt steht dabei der Umgang mit Triebwünschen, deren Artikulation und Zügelung. Es kommt darauf an, Affekte mit Wahrnehmungen, Definitionen von Situationen und dem Handeln in Einklang zu bringen. Um den Einzelnen in den Stand zu versetzen, angemessen zu urteilen und zu handeln, müssen seine Emotionen den Anforderungen der entsprechenden Situation adäquat sein.

Fußnoten

2.
Sigmund Freud (1915), Zeitgemäßes über Krieg und Tod, in: ders., Studienausgabe, Bd. IX: Fragen der Gesellschaft, Ursprünge der Religion, Frankfurt/M. 1974.
3.
Vgl. Alexander Mitscherlich (1963), Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. III: Sozialpsychologie 1, Frankfurt/M. 1983.