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31.1.2007 | Von:
Rudolf Uertz

Politische Ethik im Christentum

Protestantismus

Während die politische Ethik des Katholizismus aufgrund der spezifischen Verfasstheit der katholischen Kirche bis einschließlich zur Neuorientierung des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965)[6] eine relative Geschlossenheit aufweist, ist die protestantische Ethik grundsätzlich äußerst vielfältig. Denn zum Protestantismus zählen alle neuzeitlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften (Lutheraner, die Reformierten wie Calvinisten und Zwinglianer, die Unierten, die Anglikaner, aber auch die vorreformatorischen Bekenntnisse der Waldenser und Hussiten), d.h. all diejenigen Gemeinschaften, die "neben der römisch-katholischen 'Weltkirche' und den östlichen, orthodoxen Kirchen ein religiös-theologisch und ethisch eigenständiges Christentum repräsentieren" (Friedrich Wilhelm Graf).

Was markiert im Gegensatz zu den etablierten Kirchen die eigenständige protestantische Bekenntnis- und Gemeinschaftsform? Es ist - verkürzt gesagt - die gegen die tradierte Kirchlichkeit gerichtete subjektorientierte Form des Glaubens und der theologischen Rechtfertigung des Einzelnen, des Sünders vor Gott: In der Reformation und in den protestantischen Kirchen vollzieht sich also eine radikal vom Einzelnen ausgehende Glaubensform, die zugleich die herkömmlichen Formen des geistlichen Amtes und der institutionellen (sakramentalen) Vermittlung beseitigt und mit der Hervorhebung des allgemeinen Priestertums, demgemäß der Gemeindeleiter nur noch ein primus inter pares ist, zugleich auch eine kulturell einflussreiche Kirchlichkeit und Sozialform schafft.[7]

Wohl gab es schon im Mittelalter Vorstufen der Bewegung subjektiver Denk- und Glaubenshandlung (Mystik, Armutsbewegungen, Nominalismus in Philosophie und Theologie u.a.), aber erst in den reformatorischen Kirchen wird diese Bewegung radikalisiert. Mit der Neuorientierung im kirchlichen und theologisch-biblischen Bereich entwickelt sich zugleich auch eine eigene protestantische Ethik mit spezifischen Beziehungs- und Handlungsmustern für das Verhältnis des Christen zum Staat und zur weltlichen Kultur. Die Säkularisierung von Gesellschaft und Kultur, d.h. die "Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung" ist Folge der Pluralität und Konkurrenz der verschiedenen christlichen Bekenntnisse in der Neuzeit. Angesichts von konkurrierenden Wahrheitsansprüchen fällt dem modernen Staat zwangsläufig die Funktion der Befriedung von Gesellschaft und Gemeinwesen zu mit der Folge, dass das christliche Bekenntnis primär in den privaten Bereich verwiesen wird und der Staat weltanschaulich neutral ist. Das bedeutet, dass er einerseits die Religionen und die Religionsfreiheit seiner Bürger schützt, andererseits aber keine Konfession bevorzugt.[8]

Die Säkularität der Gesellschaft hat Ernst Troeltsch (Politische Ethik und Christentum, 1904) im Blick, wenn er die christliche Ethik im pluralistischen Gemeinwesen betrachtet. Er erkennt im Christentum eine starke gesellschaftliche Macht, verneint aber "eine unmittelbar und wesentlich aus den christlichen Ideen abgeleitete politische Ethik". Christliche Sozialethik könne immer nur "zum Teil christliche Ethik" sein, da sie kulturell vermittelt ist, mithin theologische, philosophische und soziale Faktoren zusammenwirken. Eine rein aus theologischen Normen abgeleitete Ethik verneint Troeltsch; die Sozialethik des Katholizismus, die ein "politisches Programm" enthalte, basiere primär auf naturrechtlichen Ideen.

Der Zugang des Christen zu Staat, Politik und Recht ist ein kompliziertes Phänomen. In den verschiedensten Spielarten politischer Theologie gab es im Protestantismus wie auch im Katholizismus immer wieder Versuche, unmittelbar von theologischen und biblischen Normen her Handlungsoptionen für das säkulare Gemeinwesen zu gewinnen. Versuche dieser Art standen und stehen aber stets in der Gefahr ideologischer Verengungen. Zwar wird der Christ aus theologisch-biblischen Ideen Orientierungen und Motive für sein Handeln schöpfen, doch ist die Entscheidung für diese oder jene politische Option im säkularen Bereich, in dem der Handelnde mit konkreten sachlichen Gegebenheiten konfrontiert ist, nur auf Grund ethischer Bewertung zu treffen. So kann der Christ im Falle sozialer Ungerechtigkeit durchaus für einschneidende oder gar revolutionäre Maßnahmen plädieren. Aber die Frage, ob dieser Fall vorliegt, ist eine sozialethische. Hier ist der Glaube überfragt. Im Übrigen trifft der Christ im politischen Abwägungs- und Entscheidungsprozess ja auch nicht auf einen ethikfreien Raum. Vielmehr basieren auch die politischen Ideenkreise des Liberalismus, Sozialismus, des Konservatismus und andere politische Theorien sehr wohl auf sozialethischen Normen. Schließlich sind die Menschenrechte, deren demokratisches und rechtliches Ethos hohe Affinitäten zum christlichen Glauben aufweist, allgemein sittlicher Natur (Menschenrecht als Vernunftrecht).

Der Protestantismus hat mit der Verantwortungsethik, der idealtypisch die Gesinnungsethik gegenübergestellt wird und die die Verantwortbarkeit der Folgen von Handlungen und Entscheidungen intendiert, eine bedeutende ethische Theorie entwickelt, die weit über den protestantischen und christlichen Bereich hinaus Verbreitung findet.[9] Die Wurzeln der Verantwortungsethik reichen zurück in die antike Vorstellung des Bürgers im Gemeinwesen. Das Christentum hat den Gedanken der Verantwortung vor Gott und dem Gewissen hinzugefügt; die Neuzeit gab der Idee vom verantwortlichen Regieren in den Verfassungen ein rechtliches Gefüge. Diese drei Traditionslinien ergänzen und korrigieren sich gegenseitig.

Die Verantwortungsethik, die in ähnlicher Weise in der Gewissenslehre und dem Moralsystem des Katholizismus anzutreffen ist (Probabilismus), ermöglicht den Christen einen angemessenen Umgang mit den Problemen moderner Rechts- und Ordnungsgestaltung im pluralistischen Gemeinwesen (so etwa im so genannten Kulturprotestantismus und politischen Protestantismus, ferner im politischen und sozialen Katholizismus).

Die Verantwortungsethik wird in der protestantischen Ethik jedoch durch weitere Interpretationsmodelle theologischer Weltdeutung modifiziert und teilweise überlagert. Die wichtigsten Interpretationsmodelle, zu denen auch verschiedene Spielarten der politischen Theologie gehören, sind die Zwei-Reiche-Lehre, die Lehre von den Schöpfungsordnungen (diese eher geschichtstheologische Theorie grenzt sich von der Naturrechtslehre ab: Staat als "Erhaltungsordnung" oder "Notverordnung") und die Lehre von der Königsherrschaft Christi. Während die vor allem im Luthertum verbreitete Zwei-Reiche-Lehre, die keine ausgearbeitete Theorie darstellt, unter Berufung auf die Unterscheidung von weltlicher Ordnung und Reich Gottes die Eigenständigkeit der weltlichen Ordnung betont (u.a. Walter Künneth, Helmut Thielicke), heben demgegenüber der reformierte Theologe Karl Barth und seine Anhänger den umfassenden Anspruch Gottes auf die Welt hervor, womit Theologie und Kirche ein prophetisches Amt beanspruchen. Im Kirchenkampf des Jahres 1934, in dem die Mitglieder der Bekennenden Kirche gegenüber dem nationalsozialistischen Totalitarismus und den "Deutschen Christen" den unbedingten Anspruch Gottes auf das ganze Leben des Christen zum Ausdruck brachten, war die Lehre von der Königsherrschaft Gottes sicherlich die theologisch überzeugendste Form, den Missbrauch der Zwei-Reiche-Lehre, d.h. die Rechtfertigung von Gewaltpolitik im nationalsozialistischen Gewaltstaat, zu bekunden. Zu diesem Missbrauch trug nicht zuletzt die im Protestantismus lange übliche Interpretation des Römerbriefs bei, wonach die jeweils bestehende politische Herrschaft (bis 1918 das evangelische Landesfürstentum) religiös legitimiert wurde, dagegen sozialethisch-rechtliche Legitimationsfiguren kaum Bedeutung hatten. So war die von Karl Barth und Hans Asmussen formulierte Barmer Theologische Erklärung (1934) auch gegen falsche und einseitige Ansprüche und Interpretationen der protestantischen Theologie gerichtet. Nach 1945 sollte die Barmer Erklärung zu einer wichtigen Quellen politik- und sozialethischer Neuorientierung des Protestantismus und seiner positiven Einstellung zum demokratischen Rechtsstaat werden.

So bedeutsam das christliche Bekenntnis in existenzieller Situation - auch als prinzipielles Unterscheidungsmerkmal zwischen göttlichem und weltlichem Anspruch - ist, so wenig ist die Lehre von der Königsherrschaft Christi in der Lage, materialethische Normen für das Gemeinwesen zu formulieren. Denn ein Bekenntnis, so sehr es sittliche und religiöse Motive und Impulse freizusetzten vermag, enthält keine sozialethischen Normen. Es bedarf zu einer verantwortlichen Gestaltung des Gemeinwesens vielmehr der Vermittlung von Interpretationsmodellen, wie sie die Zwei-Reiche-Lehre und die Lehre von den Ordnungen grundsätzlich intendieren. Doch verlangen theologische Interpretationsmodelle sozialethische Modifizierungen. Entsprechend gilt es, auf der Basis genauer Sachkenntnis eine Politik- und Gesellschaftsanalyse mit ethischer Bewertung und theologischer Weltdeutung zu verbinden.

Fußnoten

6.
Vgl. die Dokumente Gaudium et spes und Dignitatis humanae: Über die Religionsfreiheit, in: Karl Rahner/Herbert Vorgrimler (Hrsg.), Kleines Konzilskompendium, Freiburg i. Br. 2002(29).
7.
Vgl. Karl-Heinz Ohlig, Christentum - Individuum - Kirche, in: Richard van Dülmen (Hrsg.), Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln 2001, S.11 ff.
8.
Vgl. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: Ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt/M. 1992, S.92 ff.
9.
Vgl. Max Weber, Politik als Beruf, Tübingen 1919.