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4.1.2007 | Von:
Martin Sabrow

Historisierung der Zweistaatlichkeit

Geschichte und Gedächtnis

Doch die Aufarbeitungskoalition von Geschichte und Gedächtnis wirft nicht nur Gewinn ab; sie verursacht auch Kosten. Zunächst vertieft sie offenkundig die Spaltung zwischen unterschiedlichen Milieugedächtnissen, wie am Beispiel der DDR-Geschichte die härter werdende Konkurrenz zwischen dem geschichtspolitisch dominanten "Revolutionsgedächtnis" der ehemaligen Bürgerbewegung und dem zuletzt auch öffentlich hervorgetretenen "Anschlussgedächtnis" ehemaliger DDR-Eliten lehrt, das sich etwa im März 2006 in einem von jedem Unrechtsbewusstsein freien Skandalauftritt ehemaliger MfS-Offiziere bei einer Diskussionsveranstaltung in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen manifestierte.

Das auf Delegitimierung der DDR gerichtete Erinnerungsnarrativ hebt auf die politische Gegnerschaft zum SED-Regime und die friedliche Revolution des Herbstes 1989 ab und prägt den gedenkpolitischen Umgang mit der SED-Diktatur in der Öffentlichkeit. Die relegitimierende Gegenerzählung hingegen, die das Scheitern des sozialistischen Experiments infolge politischen Anschlusses und soziokultureller Kolonialisierung beschwört, unterstützt die weltanschauliche Verfestigung einer in der Bundesrepublik nicht angekommenen Erinnerungsgemeinschaft, deren dauerhafte Distanz zu den historisch-politischen Grundwerten der Bundesrepublik weitgehend hinter der politischen Koalitionsfähigkeit der PDS verborgen bleibt und nur gelegentlich, etwa im Streit um die historische Bewertung der Vereinigung von KPD und SPD 1946, zu Tage tritt. Noch problematischer ist, dass die vermutlich größte Akzeptanz in der ostdeutschen Bevölkerung eine dritte Geschichtserzählung genießt, die die lebensgeschichtliche Selbstbehauptung unter nicht selbst gewählten Umständen und wenig beeinflussbaren Veränderungen in den Mittelpunkt stellt.

Das sich vom Revolutions- und Anschlussgedächtnis gleichermaßen abhebende Wendegedächtnis der Bevölkerungsmehrheit findet sich öffentlich wenig repräsentiert und flüchtetsich in die Sehnsucht nach lebensnahen Erinnerungsorten, wie sie die allenthalben entstehenden DDR-Alltagsmuseen und eine ostdeutsche Produktnostalgie bis hin zum sozialistischen Diktaturkitsch repräsentieren. Gegenüber dieser Rivalität konkurrierender Erinnerungen ist die Zeithistorie in einer schwierigen Lage: Als wissenschaftliche Beobachterin hat sie nicht Partei zu nehmen, sondern ist ihrem Selbstverständnis nach bei allem Wissen um ihre historische Bedingtheit und politische Beeinflussbarkeit allein der Wahrheit verpflichtet. Sie hat die geschichtsrevisionistische Engführung der deutschen Einigung von 1989 mit dem österreichischen Anschluss von 1938 ebenso zurückzuweisen wie die Heroisierung der im ostmitteleuropäischen Vergleich überaus schwachen DDR-Opposition zur revolutionären Gegenmacht des SED-Regimes oder die Nivellierung des Übergangs von der Unfreiheit zur Freiheit zu einer bloßen Richtungswende. Als Partnerin der Aufarbeitung ist die Zeithistorie zugleich Akteurin, die geschichtspolitische Entscheidungen nicht nur analysiert, sondern vorbereitet. Sie ist bei der Novellierung des Stasi-Unterlagengesetzes ebenso gefragt wie bei der Schaffung und Ausrichtung von Gedenkorten und der Zukunft des städtebaulichen Diktaturerbes. Ihr Beitrag zum öffentlichen Erinnerungsdiskurs findet seine tiefste Fundierung in den Werten des freiheitlichen Rechtsstaates, dessen Kern der Schutz vor diktatorischer Willkür und die Empathie mit ihren Opfern ist.

Ein zweiter aufarbeitungsbedingter Kostenfaktor liegt in der Gefahr einer Verinselung der DDR-Forschung und ihrer Abkoppelung von der internationalen Fachentwicklung. Der Zusammenbruch der DDR und das Ende der Teilung hat die DDR-Forschung zu kritischer Selbstbefragung und inhaltlicher Neuausrichtung geführt, aber ihre thematische Konturierung weitgehend unberührt gelassen: Vor und nach 1989 konzentrierte sie sich auf die Erforschung der DDR und gab deren Einbettung in eine Gesamtgeschichte der deutschen und europäischen Nachkriegszeit wenig Raum. Nun lassen sich gute Gründe für die anfängliche Dominanz einer stärker isolierenden Erforschung der kaum aus der Gegenwart in die Vergangenheit getretenen DDR anführen. Nach 1989 galt es zunächst, die vielen Geheimnisse zu lüften, in die die Diktatur ihre Geschichte gehüllt hatte. Es dauerte, bis die Fülle von Quellenmaterial einigermaßen bewältigt und die DDR nach den Standards des Faches angemessen erschlossen war. Auch legte der Diktaturcharakter zunächst vor allem Vergleichsperspektiven nahe, die einerseits auf die ostdeutsche Ausprägung des sowjetischen Zwangsvorbilds, andererseits auf die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden großen Diktatursystemen des 20. Jahrhunderts zielten und dabei auf totalitarismustheoretische Deutungsmodelle im Gefolge von Hannah Arendt und Carl Joachim Friedrich wie auf das Konzept der modernen Diktatur zurückgriffen. Heute zählt die DDR ungeachtet vieler offener Einzelfragen zu den besterforschten, tendenziell sogar eher überforschten Provinzen der Zeithistorie, und das öffentliche Relevanz sichernde Aufarbeitungsbündnis droht zu einer Sackgasse für die wissenschaftliche Aufarbeitung zu werden.