Koffer

18.8.2015 | Von:
Gabriella Zanier

Altern in der Migrationsgesellschaft: Neue Ansätze in der Pflege – kultursensible (Alten-)Pflege und Interkulturelle Öffnung

In Zukunft wird es in Deutschland immer mehr Pflegebedürftige mit einer Migrationsbiographie geben. Einrichtungen der Altenpflege sind gefordert, sich auf diese Entwicklung einzustellen, um den individuellen Bedürfnissen und Ansprüchen der Pflegebedürftigen gerecht zu werden. Der Beitrag stellt die hierbei zum Tragen kommenden Ansätze der kultursensiblen (Alten-)Pflege und Interkulturellen Öffnung vor.

Kursteilnehmer stehen bei der Ausbildung in kultursensibler Pflege am Dienstag in Flensburg hinter ihrem selbstgebastelten Multikulti-Seniorenheim mit integrierter Kapelle und Moschee. Immer mehr pflegebedürftige Menschen haben einen Migrationshintergrund. Daher bieten die Malteser Flensburg einen Lehrgang in kultursensibler Pflege an. Das Programm verbindet eine intensive Sprachausbildung für Migranten mit einer Basisqualifikation Pflegehilfe.Kursteilnehmer des Lehrgangs "Kultursensible Pflege" in Flensburg: Immer mehr pflegebedürftige Menschen haben einen Migrationshintergrund. Daher bieten die Malteser Flensburg einen Lehrgang in kultursensibler Pflege an. Das Programm verbindet eine intensive Sprachausbildung für Migranten mit einer Basisqualifikation Pflegehilfe. (© picture-alliance/dpa)

Hintergründe

Forderungen nach kultursensibler Pflege und sogenannter Interkultureller Öffnung sind nicht neu. Bereits Anfang der 1990er Jahre gab es dazu erste Arbeitsansätze in der offenen[1] und stationären Altenhilfe[2]. Auch die Prognosen über eine deutliche Zunahme der Anzahl älterer Migranten[3] waren bereits vor 25 Jahren bekannt. Schon Ende der 1980er Jahre wiesen erste Untersuchungen auf die Schwierigkeiten für ältere Migranten beim Zugang und der Nutzung medizinischer und pflegerischer Dienste sowie sozialer Leistungen hin[4]. Im Jahr 1999 wurde der Arbeitskreis Charta für eine kultursensible Altenhilfe (Vorläufer vom Forum für eine kultursensible Altenhilfe) ins Leben gerufen. Zwei Jahre lang setzte er sich mit der Frage auseinander, welche Barrieren beim Zugang von Migranten zur Altenhilfe bestehen und wie sie überwunden werden könnten. Die Arbeitsansätze dazu wurden im 2002 veröffentlichten Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe und der begleitenden Handreichung formuliert. Das Thema blieb jedoch weiterhin eher ein Randthema und gewinnt erst allmählich angesichts einer steigenden Zahl älterer Menschen mit Migrationshintergrund an Aufmerksamkeit. Laut Mikrozensus 2013 haben rund 16,5 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, etwa 1,5 Millionen davon sind über 65 Jahre alt. Modellrechnungen zeigen, dass ihre Zahl bis 2030 auf 3,6 Millionen ansteigen und sich damit in ca. 15 Jahren mehr als verdoppeln wird[5]. Bereits heute stellen die älteren Migranten die zurzeit am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe dar[6].

Aufgrund der Arbeitsbedingungen und Migrationsbelastungen ist das Risiko, im Alter pflegebedürftig zu werden, bei der Gruppe der Migranten höher als in der Referenzgruppe der Einheimischen.

Zu den für Migranten spezifischen Belastungen können im Wesentlichen zählen: schwere Arbeitsbedingungen, höheres Unfallrisiko, häufigere Berufskrankheiten, Erwerbslosigkeit (nicht nur wegen geringerer Qualifizierung, sondern auch wegen Berufsunfähigkeit), sozioökonomische Benachteiligung, migrationsbedingte psychische Belastungen z.B. durch Trennungserfahrungen (von der Heimat sowie auch familiären Bindungen), Anpassung an die kulturellen und Systembedingungen des "Aufnahmelandes", Kommunikationsprobleme, Diskriminierungserfahrungen, kulturelle Identifikationskonflikte und Generationsprobleme.

Gleichzeitig verfügen Migranten aber auch über eine Reihe von Ressourcen, die das Risiko einer Pflegebedürftigkeit verringern können. Dazu zählen u.a. im Falle jener, die als "Gastarbeiter" in die Bundesrepublik gekommen sind, die positive Selektion im Hinblick auf den Gesundheitszustand zu Beginn der Migration (guter Gesundheitszustand war Voraussetzung für den Arbeitsvertrag im Aufnahmeland), die ausgeprägte Anpassungsfähigkeit und die Kompensationsmechanismen, die die Migranten entwickelt haben.

Insgesamt haben in Deutschland gut über acht Prozent[7] der im Sinne des SGB XI pflegebedürftigen Personen einen Migrationshintergrund. Diese Zahl erfasst nur die Anfrage von institutionell registrierten Pflegeleistungen, jedoch keineswegs den realen Bedarf. Rund 78 Prozent der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund bzw. ihre pflegenden Angehörigen nehmen keine Pflegeleistungen in Anspruch. Zudem greifen sie auf ambulante Pflegeleistungen meist erst im fortgeschrittenen Stadium der Pflege zurück und bevorzugen Geldleistungen (79 Prozent ausschließlich Pflegegeld, bei den Pflegebedürftigen ohne Migrationshintergrund 70 Prozent) gegenüber Sach- und Kombileistungen (Pflegegeld plus Sachleistung, d.h. Inanspruchnahme von professionellen Pflegediensten). Das verweist auf Barrieren bei der Inanspruchnahme von Pflegeleistungen, die zum einen aufseiten der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund und ihrer Angehörigen, zum anderen aber auch aufseiten der Einrichtungen und Dienstleister in der Altenpflege zu finden sind.

Barrieren

Wenn in den Einrichtungen der Altenhilfe die Nachfrage seitens älterer Migranten noch gering ist, darf dies nicht als Indikator für einen geringeren Bedarf gedeutet werden. Vielmehr sollte nach den Gründen für die Diskrepanz zwischen Bedarf und tatsächlicher Nachfrage gesucht werden. Barrieren auf der Seite der Migranten behindern die Wahrnehmung und Nutzung der Unterstützungsangebote wie auch die öffentliche Artikulation ihres Hilfebedarfs.

Zu diesen Barrieren zählen u.a.[8]: Unkenntnisse bzw. fehlende oder falsche Information über die Beratungs- und Hilfsangebote und über Versorgungsansprüche, mangelnde Sprachkenntnisse, Angst vor rechtlichen oder finanziellen Folgen (Einkommen der Kinder wird einbezogen), negative Erfahrungen mit Behörden in Deutschland oder im Heimatland, bürokratische Hürden bei der Beantragung von Pflegeleistungen, Hemmungen/Scham bei der Inanspruchnahme fremder bzw. professioneller Hilfe, soziale Kontrolle innerhalb der Community oder durch Deutsche ohne Migrationshintergrund, Stigmatisierung, Unwissenheit oder Unsicherheit über Inhalt und Gestalt der Hilfe/Pflegeleistungen, Sorge/Misstrauen darüber, dass die eigenen kulturellen und religiösen Bedürfnisse nicht verstanden und nicht berücksichtigt werden, Vorbehalte gegenüber den Wertvorstellungen der Mitarbeiter (Vorurteile).

Auf der anderen Seite verhindern Barrieren der Einrichtungen der Altenhilfe, dass Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund diese in Anspruch nehmen. Oft mangelt es am Verständnis für die spezifischen Bedürfnisse von Migranten.

Zu den Barrieren auf der Seite der Einrichtungen/des Systems zählen z.B. die monolinguale Ausrichtung (Informationsmaterialien und Beratung meist nur auf Deutsch), die Art der Informationsverteilung, die Verständlichkeit des Inhalts des Informationsmaterials (selbst für deutsche Nutzer schwer verständlich), die Unübersichtlichkeit der Hilfsangebote, bürokratische Hürden (Antrag und verschiedene Zuständigkeiten), die mangelnde Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Bedarf von Migranten vor Ort, Unkenntnisse über die Lebenslagen der Migranten, Vorurteile, Leugnung von kulturellen Unterschieden, mangelnde interkulturelle Kompetenz[9].

Lösungsansätze: Konzepte – Ziele – Umsetzungsrealität

Die skizzierte Pluralität und Heterogenisierung der Bevölkerung sind noch nicht in die derzeitigen Strukturen des Altenhilfe- und Gesundheitssystems eingegangen. Diese stehen heute vor der Aufgabe, einen internen Organisationsentwicklungsprozess einzuleiten, um den zunehmend unterschiedlichen kulturellen wie religiösen Bedürfnissen angemessen begegnen zu können.

Die zunehmende Vielfalt der Biographien, Lebensstile und Bedürfnisse erfordert vom Versorgungssystem flexible Strukturen und Abläufe, die Überarbeitung und Differenzierung der Pflege- und Betreuungskonzepte sowie neue Kompetenzen. Der kultursensible Ansatz und die Interkulturelle Öffnung können zu dieser Entwicklung beitragen. Während der Ansatz der kultursensiblen Pflege (wie auch ähnlich gelagerte Ansätze der transkulturellen bzw. ethnospezifischen Pflege) primär auf die Veränderung der Pflegebeziehung zwischen der hilfsbedürftigen Person und dem professionell Pflegenden und damit auf die individuelle Ebene zielt, richtet der Ansatz der Interkulturellen Öffnung seinen Fokus auf eine strukturelle Veränderung der Einrichtung/Organisation.

Kultursensible Pflege

"Kultursensible Pflege trägt dazu bei, dass eine pflegebedürftige Person entsprechend ihrer individuellen Werte, kulturellen und religiösen Prägungen und Bedürfnisse leben kann"[10], heißt es im 2002 veröffentlichten Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe.

Die kultursensible Pflege setzt am biographischen Ansatz an und erweitert ihn um soziokulturelle und religiöse Dimensionen.

Der Ansatz der kultursensiblen Pflege bietet keine vorgefertigten Lösungen, sondern basiert auf einem interkulturellen Lernprozess der professionell Pflegenden, der Hilfebedürftigen und deren Angehörigen, der Einrichtung und deren Umfeld. "Interkulturelles Lernen ist ein Prozess, in den alle Beteiligten eingebunden werden müssen", damit ein wechselseitiger Anpassungsprozess sowohl auf der Ebene der Pflegebeziehung als auch auf der Ebene der Einrichtung/Organisation eingeleitet werden kann. Dieser Lernprozess ist dauerhaft angelegt, wird in eine kontinuierliche strukturelle Entwicklung der Einrichtung (Interkulturelle Öffnung) eingebettet und sollte fortwährend weiter geführt werden.

In Anlehnung an das in der Handreichung für eine kultursensible Altenpflege erarbeitete Konzept fasst Abbildung 1 die zentralen Aspekte der kultursensiblen Pflege zusammen[11].
Abbildung 1: 10 Bausteine der kultursensiblen PflegeAbbildung 1: 10 Bausteine der kultursensiblen Pflege (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Erkenntnisse aus der Anwendung der skizzierten "Bausteine" fließen in einen kontinuierlichen, wechselseitigen und partnerschaftlich angelegten Lernprozess ein und speisen die Weiterentwicklung der professionell Pflegenden, der Einrichtung und der Qualität ihrer Konzepte und Leistungen. Der Lern- und Entwicklungsprozess ist nie abgeschlossen, sondern gilt als fortwährende Aufgabe. Deshalb sind regelmäßige Reflexionsräume und weitere Qualifizierung unentbehrlich. Beim Pflegemanagement muss der dafür notwendige Mehraufwand zeitlich und finanziell eingeplant werden.

Voraussetzung für eine kultursensible Pflege ist die Implementierung eines Prozesses der Interkulturellen Öffnung in der Einrichtung bzw. Organisation, die die individuelle Pflegebeziehung rahmt.

Interkulturelle Öffnung

Der Ansatz der Interkulturellen Öffnung[12] nimmt die Vielfalt der Gesellschaft bewusst wahr und integriert sie in die Organisationsstruktur[13].

Damit ist der Prozess der Interkulturellen Öffnung ein Veränderungsprozess der gesamten Einrichtung: "Interkulturelle Öffnung ist KEIN Zusatzangebot, sondern betrifft die ganze Organisation und erfordert einen transparenten langfristigen Entwicklungsprozess auf allen Ebenen", heißt es in § 3 des Memorandums für eine kultursensible Altenhilfe. Das bedeutet, dass die Interkulturelle Öffnung im Leitbild der Organisation zu integrieren und als dauerhafter Bestandteil der Qualitätsentwicklung und -sicherung und der Organisationsentwicklung der Institution zu verankern ist. Dazu zählen die Anpassung der internen Strukturen, die Überprüfung und Weiterentwicklung des Personalkonzepts und Qualitätsmanagements, die Optimierung von Abläufen, die Differenzierung der Angebotsgestaltung und der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Aufbau von Vernetzung und partizipativen Kooperationsstrukturen.

Es braucht entsprechende zeitliche Ressourcen für die Implementierung der Interkulturellen Öffnung, für die Umsetzung der kultursensiblen Pflege, für die Reflexion und Evaluation der neuen Erfahrungen und nicht zuletzt für die Moderation und Steuerung des Gesamtprozesses. Dazu bedarf es außerdem adäquater personeller Ressourcen, neuer Kompetenzen (von der Gewinnung neuer Mitarbeiter über Fortbildung und Einsatzplanung bis zur Supervision) sowie der Einplanung von adäquaten finanziellen Ressourcen. Die Einbeziehung einer externen Fachberatung kann besonders in der Implementierungsphase sehr hilfreich sein. Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung des Interkulturellen Öffnungsprozesses ist, dass sie vom Management gewollt und mit den Mitarbeitern und allen anderen Beteiligten offen diskutiert, abgestimmt und mitgetragen wird. Abbildung 2 zeigt die Schritte auf, die bei der Umsetzung der Interkulturellen Öffnung (von Einrichtungen der Altenhilfe) berücksichtigt werden müssen.
Abbildung 2: Interkulturelle Öffnung in der EinrichtungAbbildung 2: Interkulturelle Öffnung in der Einrichtung (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Fußnoten

1.
Polimeni (1991).
2.
Beispielhaft steht dafür das multikulturelle Seniorenzentrum "Haus am Sandberg" des Deutschen Roten Kreuzes. http://www.drk-haus-am-sandberg.de/ (Zugriff: 12.6.2015).
3.
Zur Erleichterung der Lesbarkeit wird zumeist nur die männliche Form verwendet. Damit sind jedoch immer beide Geschlechter gemeint.
4.
Holz et al. (1995).
5.
Kohls (2012a, 2012b).
6.
Statistisches Bundesamt (2011).
7.
Zwischen 8,2 und 8,7 Prozent: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2012), Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2011), Bundesministerium für Gesundheit (2011).
8.
Zanier (2005).
9.
Mehr zum Thema Barrieren: Stefan Gaitanides: Zugangsbarrieren für Migranten. Online unter: http://www.fb4.fh-frankfurt.de/whoiswho/gaitanides/zugangsbarrieren_oeffn07.pdf (Zugriff: 12.6.2015).
10.
§ 2 des Memorandums für eine kultursensible Altenhilfe (hg. vom Arbeitskreis für eine kultursensible Altenhilfe/Kuratorium Deutsche Altershilfe 2002).
11.
Zanier (2014).
12.
Schröer (2007a, 2007b).
13.
Ähnlich gelagert ist der Ansatz des Diversity Managements. Seine Ziele richten sich jedoch auf die Profilierung und bessere Positionierung der eigenen Organisation am Markt. Kundengewinnung und nachhaltige Marktfähigkeit sind somit seine Kernaspekte. Damit zeichnet sich der aus den USA stammende Ansatz eher durch ökonomische Beweggründe aus.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Gabriella Zanier für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Kurzdossiers

Kurzdossier 7

Abwanderung und Anwerbung von Fachkräften im Gesundheitswesen: Ursachen, Konsequenzen und politische Reaktionen

Überall auf der Welt stecken die Gesundheitssysteme in der Krise. Dieses Kurzdossier stellt zunächst das Ausmaß des weltweiten Fachkräftemangels im Gesundheitssektor sowie einige grundsätzliche Entwicklungen hinsichtlich der Migration von medizinischen Fachkräften dar.

Mehr lesen

Länderprofile

Länderprofile Migration: Daten - Geschichte - Politik

Ein Länderprofil enthält Informationen über Zuwanderung, Flucht und Asyl sowie Integration in einem bestimmten Land. Diese Informationen bestehen aus: Daten und Statistiken, Geschichtlichen Entwicklungen, Rechtlichen und politischen Maßnahmen, Aktuellen Debatten in den Ländern.

Mehr lesen

Infografiken

Zahlen zu Asyl in Deutschland

Wie viele Menschen suchen in Deutschland Asyl? Woher kommen sie? Wie viele Asylanträge sind erfolgreich? Und wie viele Menschen werden abgeschoben? Wir stellen die wichtigsten Zahlen zum Thema Asyl und Flucht monatlich aktualisiert in einfachen Infografiken dar.

Mehr lesen