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Gespaltene Bürgergesellschaft?

Politisches Engagement Editorial Bürgerschaftliches Engagement im politischen Diskurs Gespaltene Bürgergesellschaft? Ungleichheit in der Bürgergesellschaft Freiwilliges Engagement in den neuen und alten Bundesländern Die sozialen Risiken "Neuer Ehrenamtlichkeit"

Gespaltene Bürgergesellschaft? Die ungleichen Folgen des Strukturwandels von Engagement und Partizipation

Norbert Brömme Hermann Strasser

/ 23 Minuten zu lesen

Traditionelle Solidarorganisationen wie Gewerkschaften, Kirchen und Verbände verzeichnen seit längerem einen Mitgliederschwund. Er betrifft überproportional die unteren, vor allem bildungsfernen Bevölkerungsschichten.

I. Zur Problemstellung

Die soziologische und die öffentliche Debatte über sozialen Zusammenhalt, Gemeinschaftsbindungen und Solidarität in Deutschland hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Wendung erfahren. Noch Mitte der neunziger Jahre wurde im Zusammenhang mit der Individualisierungsthese der Niedergang gemeinschaftlicher Beziehungsformen konstatiert und damit eine Diskussion über den Fortbestand von Solidarität und Gemeinsinn entfacht . Die Mutmaßung einer Desintegrationskrise und einer damit verbundenen Erosion von Solidarnetzen wurde bald von einer positiven Einschätzung gesellschaftlicher Bindekräfte abgelöst. Das gilt zumindest für Überlegungen, die Partizipation und Engagement in freiwilligen Vereinigungen als zentrale Integrationsmechanismen und als wesentliche Quellen für das soziale Kapital einer Gesellschaft ansehen .

Im Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001 wird in der politischen Öffentlichkeit der unverzichtbare Beitrag der Freiwilligenarbeit für die gesellschaftliche Wohlfahrt beschworen. Von bis zu 22 Millionen Bundesbürgern über 16 Jahre, also von jedem dritten Erwachsenen, ist die Rede, die bei Sportvereinen und Feuerwehren, Kirchen und Gewerkschaften freiwillig mitmachen. Wissenschaftlich kommen neue Formen des Engagements und neue Konfigurationen der Gemeinschaft als funktionale Äquivalente für überkommene Bindungs- und Beteiligungsmuster in den Blick. Ein Strukturwandel des zivilen Engagements scheint sich zu vollziehen. Nicht Rückgang, sondern Verlagerung sozialer und politischer Beteiligung in Vereinigungen, Verbänden und Organisationen steht gegenwärtig zur Debatte; bisweilen wird eine Ausweitung des freiwilligen Engagements verkündet .

An diesem Punkt scheint die Debatte über gesellschaftliche Beteiligung und sozialen Zusammenhalt ein vorläufiges Ende gefunden zu haben. Beide Argumentationslinien ignorieren jedoch, dass es sich sowohl beim Niedergang als auch beim Wandel von Engagement und Partizipation um sozialstrukturell ungleich verteilte Entwicklungen handelt. Es erhebt sich sogar die Frage, ob dieser Strukturwandel nicht den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen von Feldern sozialer und politischer Beteiligung zur Folge hat.

Der hier unternommene Versuch einer differenzierten Interpretation des Strukturwandels von Engagement und Partizipation erfolgt in drei Schritten: Nachdem wir auf die Relevanz von Mitgliedschaften in freiwilligen Assoziationen für Individuum und Gesellschaft hingewiesen haben, soll im ersten   Teil   die herkömmliche These des Strukturwandels skizziert werden. Anschließend   folgt   eine differenzierte Analyse der Mitgliedschaften in Vereinen, Verbänden und Initiativen sowie der Entwicklung von Mitgliedschaftsquoten zwischen 1956 und 1998. Zur Illustration greifen wir auf ALLBUS-Daten sowie Angaben ausgewählter Studien zurück . Schließlich wagen wir im dritten Abschnitt   eine Erklärung der festgestellten Tendenzen.

Um Argumentation und Beweislage überzeugend darlegen und verknüpfen zu können, müssen wir zwei Einschränkungen machen: Erstens zeigt die Entwicklung der gesellschaftlichen Beteiligung in den neuen Bundesländern spezifische Merkmale, die besonderer Erklärungsansätze bedürfen. Der starke Rückgang von Mitgliedschaften seit 1990, insbesondere bei politischen Organisationen und Gewerkschaften, ist u. a. eine Folge des Wandels bzw. des Verschwindens alter DDR-Organisationen, der Veränderung der wirtschaftlichen Lage und des Ausscheidens vieler Ostdeutscher aus dem Erwerbsleben sowie der Normalisierung hoher gesellschaftlicher Beteiligung nach der Umbruchphase . Wir beschränken uns daher im vorliegenden Beitrag auf die Verhältnisse im Westen Deutschlands.

Zweitens zwingen uns die Restriktionen des Datenmaterials, aber auch inhaltliche Überlegungen dazu, uns auf Männer als Mitglieder in Organisationen und Vereinen zu konzentrieren. Wenn wir den Schulabschluss und die berufliche Stellung berücksichtigen wollen, kann der Zeitvergleich von Mitgliedschaftsquoten angesichts des zugänglichen Zahlenmaterials nur für Männer erfolgen . Gleichzeitig lassen sich geschlechtsspezifische Beteiligungspräferenzen und Entwicklungstendenzen feststellen, die bei einem Vergleich verschiedener Organisationsformen zu berücksichtigen wären. Frauen sind in Selbsthilfegruppen, soziokulturellen Vereinen, informellen Gruppierungen sowie sozialen und personenbezogenen Organisationen stärker vertreten als Männer, die sich vor allem in traditionellen Vereinigungen und prestigeträchtigen Ehrenämtern engagieren . Im Gegensatz zur Ent-wicklung der Mitgliedschaften bei Männern weisen Frauen aber nicht nur bei neuen Organisationsformen höhere Beteiligungsraten auf, sie verzeichnen teilweise sogar Zuwächse bei traditionellen Vereinsformen, wie das etwa bei Sportvereinen der Fall ist . Obwohl bei Männern und Frauen nach wie vor unterschiedlich hohe Beteiligungsquoten vorliegen, hat es den Anschein, dass Frauen stark aufholen.

II. Freiwillige Mitgliedschaften als soziales Kapital

Partizipation und Engagement verstehen wir als Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben in Form   von   freiwilligen Mitgliedschaften in intermediären Organisationen. Wir schließen jedoch nicht alle freiwilligen Vereinigungen, die dem gesellschaftlichen Bereich zwischen Staat, Markt und "Gemeinschaft" zuzuordnen sind, in unsere Betrachtung ein. Es werden solche Organisationsformen einbezogen, die einen bestimmten Grad an Formalisierung aufweisen, mittel- und längerfristige Ziele verfolgen, tatsächliche Beteiligung und Interaktion ihrer Mitglieder erlauben sowie nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind . Diesen Bedingungen entsprechen sowohl Parteien und Interessenverbände als auch kirchliche Vereine, Wohlfahrtsverbände, Gesangs- und Heimatvereine sowie sonstige Sport-, Hobby- und Geselligkeitsvereine.

Mit dem von Robert Putnam (2000) popularisierten Konzept des "sozialen Kapitals" lässt sich die besondere Bedeutung von Mitgliedschaften in freiwilligen Vereinigungen für Individuum und Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Für den Einzelnen bieten sie Identifikationsmöglichkeiten, soziale Kon-takte und Ressourcen und erleichtern den Zugang zu Gütern sowie Informationen. Gleichzeitig stellen freiwillige Vereinigungen Verbindungen zwischen Individuen her, die über den Familien- und Freundeskreis hinausgehen und nicht nur ökonomischen Motivationen entspringen . In der Gesellschaft erfüllen freiwillige Vereinigungen die Funktion von Interessenvertretungen und tragen mittelbar zur Ausbildung von zivilen Fertigkeiten ("civic skills") bei . Auf diese Weise fördern sie politische Partizipation und das Interesse am Gemeinwesen und erfüllen Aufgaben der Sozial- und Systemintegration . Mitgliedschaften in freiwilligen Vereinigungen sind nicht mit sozialem Kapital im Sinne von gesellschaftlichem Vertrauen ("social trust"), das die Textur einer Gesellschaft ausmacht, gleichzusetzen; sie repräsentieren nur einen Teil dieses Kapitals. Sie sind aber an der Herstellung erwünschter Konsequenzen von sozialem Kapital in entscheidender Weise beteiligt . Die Annahme liegt daher nahe, dass Mitgliedschaften in Assoziationen generalisiertes Vertrauen und Kontakte im Gemeinwesen fördern .

Über die weit verbreitete Einsicht hinausgehend, dass Mitgliedschaften in Vereinen und Organisationen Bestandteile individueller wie kollektiver Wohlfahrt darstellen, rücken wir den Verteilungsaspekt des Sozialkapitals in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wir gehen davon aus, dass soziales Kapital - wie andere Kapitalsorten - ungleich verteilt ist. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, ob diese Form der Verteilungsungleichheit in den letzten Jahren zu- oder abgenommen hat. Bezogen auf die hier betrachtete Komponente des sozialen Kapitals, wollen wir daher untersuchen, wie und warum eine Diskrepanz von Mitgliedschaftsquoten zwischen sozialen Gruppen entstanden ist. Nicht Rückgang oder Zunahme von sozialer und politischer Beteiligung als konstitutiver Komponente sozialen Kapitals liefert die entscheidende Forschungsfrage, sondern die Verteilung von bzw. der Zugang zu diesen Formen des Kapitals.

III. Strukturwandel von Engagement und Partizipation

Die Diskussion über den Wandel von Engagement und Partizipation und damit über einen möglichen Niedergang oder eine Umverteilung sozialen Kapitals dreht sich im Wesentlichen um zwei Aspekte :

- um den Rückgang der Partizipation in "klassischen" Organisationen sozialer und politischer Teilhabe wie in Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und Parteien und

- um die starke Zunahme kleiner, selbstorganisierter und projektorientierter Organisationenformen wie Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen, Tausch- und Kooperationsringe.

Prozesse gesellschaftlicher Modernisierung und Individualisierung werden als die eigentlichen Motoren ausgemacht, die eine Bewegung weg von traditionsgebundenem, normgeleitetem und fremdorganisiertem Engagement sowie dauerhaften Mitgliedschaften hin zu zeitlich befristeten, eigeninteressierten, selbstorganisierten und eher professionalisierten Formen freiwilliger Aktivitäten in Gang gesetzt hätten . Im politischen Bereich zeige sich diese Entwicklung in abnehmenden Partei- und Gewerkschaftsmitgliedschaften und in der Zunahme von kleinen, problemorientierten Initiativen und Organisationen; im sozialen und gesundheitlichen Bereich lasse sich schwindendes Engagement in großen Wohlfahrtsverbänden oder in kirchlichen Vereinen zugunsten des Anwachsens von Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftsvereinigungen, Elterninitiativen etc. feststellen, während im Freizeitsektor eine Transformation der Sportvereine von "Gesinnungsge-meinschaften" zu "Dienstleistungsunternehmen" gesehen werde.

Auch die vorliegenden ALLBUS-Daten bestätigen die Annahme, dass eine Verlagerung von Mitgliedschaften weg von den etablierten Organisationen stattfindet . Tabelle 1 macht in einem Zeitraum von 16 Jahren einen merklichen Rückgang der Mitgliedschaften in diesen traditionellen Vereinigungen deutlich. Die Anzahl der Nicht-Mitglieder (in einer der genannten freiwilligen Vereinigungen) stieg um 14 Prozentpunkte, während die Zahl der Einfach- und Mehrfachmitglieder drastisch sank.

Die Dritte-Sektor-, Vereins- und Selbsthilfeforschung stellt dagegen eine starke Zunahme kleiner, selbstorganisierter Assoziationen fest . Insbesondere bei Selbsthilfegruppen wird ein deutlicher Mitgliederanstieg dokumentiert . Auch die ALLBUS-Daten zeigen von 1980 bis 1998 eine steigende Beteiligung in Bürgerinitiativen, die aber in absoluten Zahlen eher gering ausfällt.

Die neuen Formen der sozialen und politischen Beteiligung haben ein zentrales Charakteristikum gemeinsam: den Anspruch, auch eigeninteressierte Motive der gesellschaftlich Engagierten mit zu berücksichtigen. Normen direkter und nicht nur generalisierter Wechselseitigkeit stehen im Vordergrund des Handelns. Wenn aber soziale Beziehungen in der individualisierten Kommunikationsgesellschaft immer häufiger frei gewählt, aber auch kurzfristiger eingegangen werden, tritt die soziale Welt als ego-zentriertes Netzwerk in den Vordergrund, in dem die Bereitschaft zur Gegenleistung aktiviert wird - auch zum Schutz gegen die wachsenden Risiken oberflächlicher, oft zufälliger Kontakte . Angesichts der gewandelten Motivstrukturen nehmen daher Mitgliedschaften zunehmend instrumentellen Charakter an . Dabei kann es sich sowohl um das Interesse an beschäftigungsrelevanten Qualifikationen und Kontakten als auch um Selbstfindungsprozesse handeln. Die neuen Assoziationsformen mit konkreten Zielsetzungen und zeitlicher Befristung erlauben ihren Mitgliedern sehr viel mehr als den Mitgliedern traditioneller Organisationen, Eigeninteressen zu verfolgen.

Diese Befunde stimmen auch mit der Individualisierungsthese überein, in der Individualisierung als "historisch widersprüchlicher Prozess der Vergesellschaftung" begriffen und u. a. eine Ausweitung zweckrationaler Handlungsmotive postuliert wird. Zugespitzt kann aus dieser Perspektive "En-gagement grundsätzlich als eine Form des Tausches interpretiert (werden), die Solidarität als Resultat der Verfolgung von Eigeninteressen hervorbringt" . Solidarität entpuppt sich so "als eine kluge Form der Verfolgung individueller Interessen" .

Dass Gemeinsinn und Eigeninteresse sich nicht ausschließen, wird nicht zuletzt bei den Selbsthilfegruppen und selbstorganisierten Initiativen deutlich . Die kollektive Bearbeitung individueller Problemlagen oder die Suche nach Übergängen in den ersten Arbeitsmarkt durch Formen des freiwilligen Engagements sind Beispiele für die Verbindung von Eigennutz und Gemeinwohlorientierung. Das freiwillige Engagement jüngerer, arbeitsloser Akademiker, das in Westdeutschland zwischen 1984 und 1994 stark angestiegen war, ist ein treffender Beleg für eigeninteressiertes und solidarisches Handeln . Es zeichnen sich im Prozess des Strukturwandels demnach wechselseitige Veränderungen auf der Ebene der Individuen und der Organisationen ab.

Das "Aussterben der Stammkunden" von Großorganisationen als Folge gesellschaftlicher Wandlungsprozesse ist demnach nicht mit dem Ableben gesellschaftlicher Beteiligung und dem Niedergang von sozialem Kapital gleichzusetzen. Es bringt vielmehr deren Transformation mit sich, denn gesellschaftliche Beteiligung verlagert sich in kleine und eher informelle Zusammenschlüsse. Im Vergleich zu den Mitgliedschaften in großen Organisationen verbessert dieser Wandel zunächst die Bedingungen für Vertrauen und gegenseitige Aufmerksamkeit, da die Mitglieder in direkte Interaktionen stärker eingebunden sind. Der Strukturwandel von Engagement und Partizipation könnte somit mit einer Steigerung von gesellschaftlich verfügbarem Sozialkapital einhergehen. Damit ist aber nur eine Seite, die Bestandseite der Sozialkapital-Bilanz beleuchtet. Über die Verteilung wissen wir noch nichts.

IV. Sozialstrukturelle Konfigurationen von Mitgliedschaften

Allein die alltägliche Beobachtung, wie unterschiedlich individuelle Bedürfnisse, gesellschaftliche Interessen und kommunikative Fähigkeiten ausgeprägt sind, legt nahe, dass Mitgliedschaften in Vereinen, Verbänden, Parteien und Initiativen nicht über alle sozialen Gruppen gleichmäßig verteilt sind . Die Auswertung der ALLBUS-Daten über Mitgliedschaften nach Schulabschluss, beruflicher Stellung und Haushaltsäquivalenzeinkommen bestätigt diese Annahme für alle Erhebungszeitpunkte. Personen mit hohem Sozialstatus verfügen danach eher über Mitgliedschaften als Angehörige anderer Gruppen . Auffällig ist vor allem der starke Zusammenhang zwischen Mitgliedschaft und Bildungsabschluss. Unsere Auswertung der ALLBUS-Daten zeigt für alle Erhebungszeitpunkte, dass Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen hinsichtlich ihrer Mitgliedschaftsquote unterrepräsentiert sind .

Betrachtet man dagegen unterschiedliche Organisationsformen, kommt man zu einem differenzierten Ergebnis. Werden Mitgliedschaften im DGB, in kirchlichen Vereinen und in Wohlfahrtsverbänden - also traditionsreiche, "vertikal integrierte und hierarchisch strukturierte Organisationen" - als Untersuchungseinheiten unterschieden, kehrt sich die Zusammensetzung der Mitglieder nach dem Bildungsgrad teilweise um: Personen mit Fachhochschul- oder Hochschulreife sind als Mitglieder in Gewerkschaften stark unterrepräsentiert.

Das Gegenteil trifft zu für Volks- und Hauptschulabsolventen, die in diesen Organisationen stärker vertreten sind, als man erwarten würde. In kirchlichen Vereinen und Wohlfahrtsverbänden lässt sich wiederum ein Zusammenhang zwischen Mitgliedschaft und Bildungsabschluss kaum feststellen. Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen sind in diesen Organisationen nicht unterrepräsentiert. Diese Struktur der Mitgliedschaften in einzelnen Organisationsformen nach Bildungsabschluss hat sich über den Zeitraum von 1980 bis 1998 im Wesentlichen nicht verändert.

Überraschend ist dieses Ergebnis deswegen nicht, da sich das Engagement in Gewerkschaften, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden aus einer kulturellen Tradition speist und eng mit anderen Lebensbereichen, insbesondere der Erwerbsarbeit, verschränkt ist. Zum einen haben diese Organisationen ihre Wurzeln in "sozialmoralischen Milieus" mit vergleichsweise homogener Sozialstruktur. Wie die katholischen und protestantischen Milieus, begann auch das sozialdemokratische Milieu erst in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, sich aufzulösen. Andererseits sind zumindest die Gewerkschaften eng an die berufliche Tätigkeit als "Transmissionsriemen" für Mitgliedschaften gekoppelt. Milieuspezifische Integration und Interessenorganisation vermischen sich hier als Auslöser für gesellschaftliche Beteiligung.

Neben Strategien der Durchsetzung von Interessen im Erwerbsleben führen tradierte Weltanschauungen und milieugebundene Kontaktnetzwerke zur Teilhabe in "traditionellen" Vereini-gungen. Vor allem die Kultur der Arbeiterbewegung in Form von Bildungs-, Gesangs-, Sport-, aber auch Pfarrvereinen, Genossenschaften und Jugendbewegungen brachte in enger Verflechtung mit familialer und betrieblicher Sozialisation verschiedene Formen der Geselligkeit hervor. Diese durch "Klasseninteressen" und traditionelle Milieus geprägten Assoziationsmuster boten für einen Teil der sozioökonomisch schlechter gestellten Bevölkerungskreise gleichsam "niedrigschwellige" Partizipationschancen .

Neuartige Gruppen und Initiativen, deren Zahl zunimmt, weisen eine andere sozialstrukturelle Konfiguration auf. Im Gegensatz zur Verteilung der Mitgliedschaften in "traditionellen" Vereinigungen weisen Personen mit niedrigem Bildungsgrad unterdurchschnittliche Mitgliedschaftsanteile beispielsweise in Bürgerinitiativen auf . Diese Einsicht wird durch die gegenwärtige Forschung auch für andere Assoziationsformen bestätigt . Die Träger neuer sozialer Bewegungen und Initiativen werden übereinstimmend in den besser gestellten Schichten verortet . Eine Studie zu Umweltinitiativen zeigt deutlich ein Übergewicht von Mitgliedern aus höheren Bildungsschichten auf . Eine "Demographie der an Selbsthilfe interessierten Bürger in Städten und ländlichen Regionen" weist ebenso klar auf die Überrepräsentanz von Personen mit höheren Bildungsabschlüssen hin. Forschungsarbeiten zu Kooperations- und Tauschringen, Nachbarschaftszentren und Initiativen im Sozialbereich betonen durchweg die "Mittelschichtszentriertheit" dieser Organisationsformen . Selbstorganisierte, kleinräumige, eher informelle und situative Organisationsformen unterscheiden sich demzufolge sozialstrukturell von freiwilligen Vereinigungen der traditionellen Art. Mit anderen Worten, Personen mit höheren Bildungsabschlüssen prägen als Mitglieder die "neuen" Assoziationsformen.

V. Die ungleiche Mitgliedschaftsentwicklung als Umverteilung von sozialem Kapital

Welche Bedeutung hat der Befund unterschiedlicher sozialstruktureller Konfigurationen von freiwilligen Vereinigungen? Seine Brisanz tritt durch eine Verbindung mit dem Mitgliederrückgang in traditionellen Organisationen bei gleichzeitiger Ausweitung des Engagements in neuen Assoziationen zu Tage. Es lässt sich daher folgende These

formulieren: Wenn traditionelle Organisationen massive Mitgliederverluste verzeichnen, während neue Assoziationsformen "boomen", müsste sich aufgrund der unterschiedlichen sozialstrukturellen Zusammensetzung dieser Organisationen auch eine ungleiche Mitgliedschaftsentwicklung abzeichnen.

Ein Rückgang von Mitgliedschaften bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hätte sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene unerwünschte Nebeneffekte. Auf der einen Seite gingen damit Möglichkeiten des Zugangs zu Organisationsressourcen und den damit verbundenen Kontaktnetzwerken verloren. Auf der anderen Seite könnte ein soziales Segment entstehen, das von konventionellen Formen der Partizipation weitgehend ausgeschlossen wäre.

Ein Blick auf die vorliegenden Daten zur Entwicklung der Beteiligung in Vereinen und Verbänden, die in den Tabellen 2 und 3 zusammengefasst sind, bestätigt die These von der ungleichen Mitgliedschaftsentwicklung .

Männer mit Volks- und Hauptschulabschluss bzw. Arbeiter verzeichnen von 1956 bis 1998 den größten Rückgang in der Mitgliedschaftsquote. Waren nach der Erhebung des UNESCO-Instituts für Sozialwissenschaften in Köln 1956 noch 72 Prozent der Volks- und Hauptschüler Mitglieder "irgendwelcher Vereine" , sind dies 1998 nur noch 58 Prozent. Auch bei den Arbeitern nimmt der Anteil der Vereins- oder Verbandsmitglieder um 20 Prozentpunkte ab, während es bei den Angestellten nur vier Prozentpunkte sind. Damit ist nicht nur der Rückgang der Mitgliedschaften für unterschiedliche Bildungs- und Berufsgruppen ungleich ausgeprägt, auch die Diskrepanz in der gesellschaftlichen Beteiligung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen hat zugenommen .

Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich eine zunehmende Ungleichverteilung von sozialem Kapital zwischen verschiedenen sozialen Gruppen. Geht man davon aus, dass nicht nur die Höhe von sozialem Kapital in einer Gesellschaft Einfluss auf den sozialen Zusammenhalt hat, sondern auch dessen Verteilung, dann gibt der vorliegende Befund Anlass zu Besorgnis. Aufgrund der Abnahme des Anteils von Hauptschulabsolventen und Arbeitern an der Gesamtbevölkerung hat es zunächst den Anschein, als ob die Höhe gesellschaftlicher Beteiligung stabil bliebe. Dennoch lassen sich zwischen den einzelnen Gruppen zunehmende Ungleichheiten feststellen. Das sagt zum einen etwas über die Integrationsfähigkeit neu entstehender Organisationsformen aus und macht zum anderen auf die Determinanten für Mitgliedschaften unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen aufmerksam. In jedem Falle setzen Investitionen in soziales Kapital bereits verfügbare Ressourcen - z. B. in Form von Bildungsqualifikationen und Kontaktnetzwerken - voraus, wie auch umgekehrt die meisten Studien belegen, dass soziales Kapital die Erträge des kulturellen Kapitals erhöht .

VI. Wandel der Rekrutierungspfade und Verlust der "integrierten Kernpopulation"

Für diese Ergebnisse bieten sich zwei Erklärungen an: erstens das Verschwinden traditioneller Rekrutierungspfade und Kontaktnetzwerke und/oder zweitens die größere Selektivität der unteren Bildungsgruppe.

Erstens: Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse - im Wesentlichen ausgelöst durch vermehrten Wohlstand und die Bildungsexpansion sowie die damit verbundene soziale und räumliche Mobilität - haben zur Transformation traditioneller Sozialmilieus geführt . Das hat eine "Austrocknung der vororganisatorischen Quellen formaler Organisierung" zur Folge, bewirkt aber auch, dass neue Assoziationsformen aufkommen, die den gewandelten Motivlagen, Ansprüchen und Fähigkeiten sowie den zeitlichen und materiellen Möglichkeiten besser entsprechen.

Das Wegbrechen überkommener, an sozialdemokratische oder konfessionelle Milieus gebundener Rekrutierungswege in intermediären Organisationen wird durch neue Integrationsmechanismen nur teilweise aufgefangen. Da sich die mit hohen Bildungsabschlüssen einhergehenden Qualifikationen und Qualitäten als wichtiges Zugangskriterium zu neuen Gruppen und Initiativen erweisen, werden Personen ohne solche Vorzüge kaum Zugang zu diesen Assoziationsformen finden. Die Beteiligung in Selbsthilfegruppen, neuen sozialen Bewegungen und ähnlichen Initiativen stellt daher nicht immer einen Ersatz für schwindende traditionelle Organisationsmuster dar.

Dass neue Assoziationsformen steigende Anforderungen an ihre Mitglieder stellen, liegt an deren besonderen Organisationsprinzipien. Selbsthilfegruppen und neue Initiativen sind an der Erreichung persönlicher Anliegen orientiert, selbstorganisiert oder stärker auf professionalisiertes Engagement ausgerichtet. Nicht die Zugehörigkeit zu einem besonderen moralischen Milieu, sondern kommunikative Kompetenzen, Organisationsgeschick, Verhandlungsqualifikationen und die Fähigkeit, seine eigenen Interessen aktiv einzubringen und damit die persönliche Weiterentwicklung zu verbinden, sind wichtige Bestimmungsgründe für diese Art von Engagement. Die Tendenz vom Helfer zum freiwilligen Experten scheint immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Engagements zu erfassen . Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen verfügen aber im gleichen Ausmaß über diese Qualifikationen. Bildung und berufliche Tätigkeit sind von zentraler Bedeutung für den Erwerb dieser Fähigkeiten, ebenso wie eine Anerkennungskultur von Preisen und Auszeichnungen, Einladungen und Würdigungen den "freiwilligen" Einsatz dieser Fähigkeiten befördert.

Es ist daher kaum überraschend, dass die soziale Homogenität freiwilliger Assoziationen eng mit der Rekrutierung über Kontaktnetzwerke zusammenhängt. Meist werden Personen durch den direkten Kontakt aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zur Mitgliedschaft in einem Verein, Club oder einer Initiative bewogen. Da Selbsthilfegruppen und neue Initiativen in erster Linie in Mittelschichten verankert sind, führt bereits dieser Rekrutierungsmechanismus zur Reproduktion der Mitgliederbasis und damit zum Ausschluss anderer sozialer Gruppen .

Für die Annahme des weitgehend ersatzlosen Verlusts von sozialem Kapital, das über Mitgliedschaften in traditionellen Assoziationen zugänglich war, spricht auch der konstatierte Trend zur Informalisierung bzw. "Privatisierung" sozialer Beteiligung . Die Verlagerung der Aktivitäten hin zu informellen Beziehungsnetzen im sozialen Nahraum und damit eine Distanzierung zu Mitgliedschaften in formalen Organisationen zeigt sich in der Tat vor allem bei Arbeitern . Soziale Bindungen nehmen durch diese Verlagerung zwar nicht ab, aber soziales Kapital geht verloren - auf individueller Ebene ebenso wie auf kollektiver. Nicht weniger problematisch ist der Befund einer jüngsten Studie des Hamburger BAT-Freizeit-Forschungsinstituts einzuschätzen, nach der sich innerhalb des letzten Jahrzehnts ein Wertewandel weg von sozialen Zielen vollzogen hat: Das Zusammensein mit anderen sei zweitrangig geworden, vor allem Jüngeren mache es keinen Spaß, sich gegenseitig zu helfen. Die Spaßgesellschaft scheint ihre Kinder zu fressen .

Zweitens: Weiterhin kann die veränderte soziale Zusammensetzung der niedrig qualifizierten Bevölkerungsgruppe als wichtiger Hinweis zur Erklärung des ungleich verteilten Mitgliederschwunds gelten. Mit der Abnahme des Anteils der Hauptschulabsolventen an allen Schulabgängern von 70,6 Prozent im Jahr 1960 auf 26,5 Prozent im Jahr 1998 hat auch die soziale Homogenität dieser Bildungsgruppe zugenommen : Die Hauptschulabsolventen kommen einer negativen Auswahl gleich, werden zu einer "wesentlich selektiveren Population" .

Der ungleich verteilte Rückgang der Mitgliedschaftsquoten könnte daher damit erklärt werden, dass insbesondere Personen, die aus vergleichsweise gut integrierten Teilen der niedrig qualifizierten Bevölkerungsgruppe stammen, ihre Bildungschancen genutzt haben. Die Gruppe der Hauptschulabsolventen hätte demnach im Laufe der Zeit ihre "integrierte Kernpopulation" verloren. Die Übriggebliebenen müssen nicht nur als Verlierer der Bildungsexpansion gelten, sie sind auch von der Beteiligung in freiwilligen Vereinigungen weitgehend abgekoppelt.

VII. Schlussbemerkung

Solange traditionelle Milieus in der Lage waren, Bindungen zu intermediären Organisationen vergleichsweise leicht herzustellen, hatte zumindest ein Teil der ressourcenschwachen Bevölkerungsgruppen gute Chancen, diese Form des sozialen Kapitals zu erwerben, auch wenn nicht alle Personen davon Gebrauch machen konnten. Das Fehlen dieser "vororganisatorischen Integrationsmechanismen" kommt der Schließung eines Beteiligungspfades gleich, der bisher - alternativ zum Einstieg in freiwillige Assoziationen via ökonomisches und kulturelles Kapital - Mitgliedschaften ermöglicht hat. Neue Formen des sozialen Kapitals, die Selbsthilfegruppen und modernen Initiativen entspringen, erweisen sich so als exklusiv.

Die veränderten Produktionsbedingungen von sozialem Kapital haben nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Auswirkungen. Sollte sich langfristig ein Rückzug wenig privilegierter Bevölkerungsgruppen aus der gesellschaftlichen Beteiligung abzeichnen bzw. sollten die neuen Formen des gesellschaftlichen Engagements ihre Homogenität bewahren, dann wären bislang wirksame Formen der sozialen und politischen Integration gefährdet. Dann wäre auch die Rede von einer gespaltenen Bürgergesellschaft nicht mehr fern. Ganz abgesehen davon, dass für die betroffenen Personen eine wichtige soziale Ressource verloren ginge.

Politik, die sich für ein Erstarken der Zivilgesellschaft einsetzt, muss daher ihre Aufmerksamkeit stärker auf Formen des sozialen Kapitals lenken, die möglichst vielen Teilen der Bevölkerung zugänglich sind. Aber auch traditionelle Organisationen wie die Gewerkschaften müssen sich zu Service-Agenturen wandeln und ihren Mitgliedern bei der Bewältigung des wirtschaftlichen Strukturwandels durch Kontakte, Kurse und Kultur helfen, wollen sie nicht weiter Mitglieder verlieren. Freilich ist es mit attraktiveren Organisationen, Ehrenämtern auf Zeit und den vermehrten Möglichkeiten durch Arbeitszeitkonten und Gleitzeit allein nicht getan, wenn der Zugang zu sozialkapitalträchtigen Mitgliedschaften nur bestimmten Kreisen offen steht.  

Internetverweise der Autoren:

Stichwort "Freiwilligen-Engagement":  

www.buerger-fuer-buerger.de (Stiftung Bürger für Bürger - Service für freiwilliges Engagment)

www.isab-institut.de/home/fh-pe010.htm (Bürgerbefragung zum freiwilligen Engagement in 4 Kommunen)

www.bagso.de/718/02_4_01.htm (BAGSO Nachrichten Online, Sonderauswertung der repräsentativen Befragung zum freiwilligen Engagement in Deutschland 1999)

Bürgergesellschaft/Zivilgesellschaft:

www.arbeit-buerger-zukunft.de (Veranstaltungsliste mit Erklärungen, mit Titeln wie "Arme werdet ihr immer haben!, Neue Wege der Sozialpolitik einer Bürgergesellschaft")

www.demo-online.de/1299/b1299_11.htm (NRW auf dem Weg zur Bürgergesellschaft, Monatszeitschrift für Kommunalpolitk)

Fussnoten

Fußnoten

  1. Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags anlässlich des 30. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Köln, 26. - 29. Oktober 2000. 1 Vgl. Erwin Teufel (Hrsg.), Was hält die moderne Gesellschaft zusammen?, Frankfurt/M. 1996; Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft, Bd. I, Frankfurt/M. 1997.

  2. Vgl. Stefan Immerfall, Soziale Integration in den westeuropäischen Gesellschaften: Werte, Mitgliedschaften und Netzwerke, in: Stefan Hradil/Stefan Immerfall (Hrsg.), Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich, Opladen 1997, S. 139-173; Ernst Kistler/Heinz-Herbert Noll/Eckhard Priller (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts. Empirische Befunde, Praxiserfahrungen und Messkonzepte, Berlin 1999.

  3. Vgl. Rolf G. Heinze/Christoph Strünck, Die Verzinsung des sozialen Kapitals. Freiwilliges Engagement im Strukturwandel, in: Ulrich Beck (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000, S. 171-216.

  4. Teile der in diesem Beitrag benutzen Daten entstammen der kumulierten "Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften" (ALLBUS) für die Jahre 1980-1996 sowie der Erhebung für das Jahr 1998.

  5. Vgl. Eckhard Priller, Veränderungen in der politischen und sozialen Beteiligung in Ostdeutschland, in: Wolfgang Zapf/Roland Habich (Hrsg.), Wohlfahrtsentwicklung im vereinten Deutschland, Berlin 1995, S. 283-308.

  6. Vgl. Ernst Reigrotzki, Soziale Verflechtungen in der Bundesrepublik. Elemente der sozialen Teilnahme in Kirche, Politik, Organisationen und Freizeit, Tübingen 1956.

  7. Vgl. Karin Beher/Reinhard Liebig/Thomas Rauschenbach, Strukturwandel des Ehrenamts. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsprozess, Weinheim-München 2000; Dorit Sing/Ernst Kistler, Neue Chancen für Frauen? Zwischen Arbeit und Ehrenamt, Edition der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 32, Düsseldorf 2000.

  8. Vgl. Erwin K. Scheuch, Vereine als Teil der Privatgesellschaft, in: Heinrich Best (Hrsg.), Vereine in Deutschland, Bonn 1993, S. 142-207.

  9. Vgl. Annette Zimmer, Vereine - Basiselemente der Demokratie, Opladen 1996; Paul Dekker/Andres van den Broek, Civil Society in Comparative Perspective: Involvement in Voluntary Associations in North America and Western Europe, in: Voluntas: International Journal of Voluntary and Nonprofit Organizations, 9 (1998) 1, S. 11-38.

  10. Vgl. Robert D. Putnam, Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community, New York 2000; Peter L. Berger/Richard John Neuhaus, To Empower People: From State to Civil Society, hrsg. v. Michael Novak, Washington, DC 1996².

  11. Vgl. Sidney Verba/Kay Lehman Schlozman/Henry E. Brady, Voice and Equality. Civic Voluntarism in American Politics, Cambridge, Mass. 1995.

  12. Vgl. A. Zimmer (Anm. 9); Sigurd Agricola, Vereinswesen in Deutschland, Stuttgart 1997.

  13. Mit Sozialkapital sind u. U. Kosten auf individueller Ebene und negative Konsequenzen auf gesellschaftlicher Ebene verbunden. Mitgliedschaften kosten den Einzelnen zumindest Zeit und Geld. Je nach ihren Zielen und Aufnahmekriterien können freiwillige Vereinigungen (z. B. Geheimbünde) auch sozial desintegrativ wirken.

  14. Vgl. R. G. Heinze/Chr. Strünck (Anm. 3); R. D. Putnam (Anm. 10).

  15. Vgl. K. Beher/R. Liebig/Th. Rauschenbach (Anm. 7).

  16. Vgl. Heiner Keupp/Wolfgang Kraus/Florian Straus, Civic matters: Motive, Hemmnisse und Fördermöglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements, in: U. Beck (Anm. 3), S. 217-268.

  17. Vgl. Eckart Pankoke, "Ehre" und "Engagement" im Sport. Zwischen "starker Kultur" und "aktiver" Gesellschaft, in: Dieter H. Jütting / Michael Jochinke (Hrsg.), Standpunkte und Perspektiven zur Ehrenamtlichkeit im Sport, Münster 1996, S. 32-48, hier: S. 34.

  18. Wie vorhin erwähnt, lassen sich unter dem Begriff der "traditionellen" Organisationen und Vereine der DGB, die Parteien, die kirchlichen Vereine, die Wohlfahrtsverbände sowie die Gesangs- und Heimatvereine subsumieren. Deren Organisationsformen können auf lange Traditionen zurückblicken und deshalb als "etabliert" gelten. Vgl. A. Zimmer (Anm. 9).

  19. Vgl. Helmut Klaus Anheier u.a., Der Dritte Sektor in Deutschland, Berlin 1997; Joachim Braun/Ulrich Kettler/Ingo Becker, Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1997.

  20. Selbsthilfegruppen können ganz unterschiedlich organisiert sein, bestehen im Kern aber aus Formen freiwilligen Engagements, jenseits von Familien-, Verwandtschafts- oder Freundschaftsbeziehungen. Sind Selbsthilfegruppen nicht als eingetragene Vereine registriert, sollte eher von Engagierten, Betroffenen oder Teilnehmern als von Mitgliedern gesprochen werden.

  21. Vgl. Joachim Braun/Michael Opielka, Selbsthilfeförderung durch Selbsthilfekontaktstellen, Stuttgart 1992. Diese Ergebnisse stehen auch nicht im Widerspruch zu unseren Überlegungen, der Unterschied liegt vielmehr in der Datengrundlage und in der Perspektive. So beziehen sich unsere Daten nur auf Mitgliedschaften von westdeutschen Männern in traditionellen Organisationen wie Gewerkschaften, Kirchen, Vereinen und Verbänden, da diese Organisationsformen eine relativ breite Mitgliedsbasis aufweisen. Es ist richtig, dass bei Frauen ein Anstieg der Mitgliedschaften festzustellen ist; auch richtig ist, dass die Mitgliedschaften in "modernen" Vereinigungen wie Bürgerinitiativen und Netzwerken zunehmen. Im vorliegenden Beitrag soll der Blick vor allem auf die sozialstrukturelle Verteilung des zivilen Engagements und die daraus abzuleitenden Folgen gelenkt werden (vgl. auch den Beitrag von Hans Joas in diesem Heft).

  22. Vgl. Niklas Luhmann, Soziologie des Risikos, Berlin- New York 1991, S. 113; Richard Münch, Dialektik der Kommunikationsgesellschaft, Frankfurt/M. 1992², S. 15; Anna Maria Dederichs, Das soziale Kapital in der Leistungsgesellschaft. Emotionalität und Rationalität in "Vetternwirtschaften", Münster 1999, S. 104.

  23. Vgl. für die Bindung an Gewerkschaften bereits John H. Goldthorpe/David Lockwood, Affluence and the British Class Structure, in: The Sociological Review, (1963), S. 133-163; Wolfgang Streeck, Vielfalt und Interdependenz. Überlegungen zur Rolle von intermediären Organisationen in sich ändernden Umwelten, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 39 (1987), S. 471-495.

  24. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf den Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 119 .

  25. K. Beher/R. Liebig/Th. Rauschenbach (Anm. 7), S. 26.

  26. Adalbert Evers, Verschiedene Konzeptionalisierungen von Engagement. Ihre Bedeutung für Analyse und Politik, in: E. Kistler/H.-H. Noll/E. Priller (Anm. 3), S. 53-66, hier: S. 54.

  27. Vgl. Robert Wuthnow, Acts of Compassion. Caring For Others and Helping Ourselves, Princeton 1991; ders., Sharing the Journey. Support Groups and America's Quest for Community, New York 1994; Eva Nadai, Gemeinsinn und Eigennutz. Freiwilliges Engagement im Sozialbereich, Bern 1996.

  28. Vgl. Rolf G. Heinze/Heiner Keupp, Gesellschaftliche Bedeutung von Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit. Gutachten für die "Kommission für Zukunftsfragen" der Freistaaten Bayern und Sachsen, Bochum-München 1997; Thomas Bongartz/Klaus Gröhnke, Soziale Isolation bei Langzeitarbeitslosen? Eine netzwerkanalytische Betrachtung, in: Gabriele Klein/Hermann Strasser (Hrsg.), Schwer vermittelbar: Zur Theorie und Empirie der Langzeitarbeitslosigkeit, Opladen 1997, S. 197-219.

  29. W. Streeck (Anm. 23), S. 474.

  30. Für ungleiche individuelle und institutionelle Bedingungen politischer Beteiligung siehe z. B. Sidney Verba/Norman H. Nie, Participation in America, Political Democracy and Social Equality, New York 1972; Max Kaase, Politische Beteiligung und politische Ungleichheit, in: Wilhelm Abel/Knut Borchardt/Hermann Kellenbenz/Wolfgang Zorn (Hrsg.), Wirtschaft, Geschichte und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Friedrich Lütge, Stuttgart 1981, S. 363-377.

  31. Vgl. auch S. Agricola (Anm. 12); Dietrich Engels, Soziales, kulturelles, politisches Engagement. Sekundäranalyse einer Befragung zu ehrenamtlicher Mitarbeit und Selbsthilfe, Köln 1991; Rolf G. Heinze/Mathias Bucksteeg, Freiwilliges soziales Engagement in NRW: Potentiale und Förderungsmöglichkeiten, in: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Zukunft des Sozialstaates. Freiwilliges Engagement und Selbsthilfe, Düsseldorf 1996, S. 13-195;

  32. Die zugrunde liegenden Ergebnisse sind Teil erster Auswertungen der ALLBUS-Daten 1980-1996 und 1998. Die Zusammenhänge wurden zunächst mit Hilfe von Kreuztabellierungen unter Einführung von Kontrollvariablen und einer Reihe von Zusammenhangsmaßen für Daten unterschiedlicher Messniveaus analysiert. Die Verteilung der Residuen ist Grundlage für die Aussagen zur Über- bzw. Unterrepräsentation verschiedener Merkmalsträger der Stichprobe.

  33. Eckhard Priller/A. Zimmer, Ende der Mitgliederorganisationen? Laufen den NPOs die Mitglieder davon?, in: Dieter Witt/Ernst-Bernd Blümle/Reinbert Schauer/Helmut Klaus Anheier (Hrsg.), Ehrenamt und Modernisierungsdruck in Nonprofit-Organisationen, Wiesbaden 1999, S. 127-148, hier: S. 143.

  34. Vgl. Rainer M. Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: W. Abel u.a. (Anm. 30), S. 383.

  35. Zumindest innerhalb der Arbeiterschaft wurde das aktive Vereinsengagement stark von bessergestellten Arbeitern getragen (vgl. Josef Mooser, Arbeiterleben in Deutschland, Frankfurt/M. 1984). Gleichzeitig ist Lepsius' (Anm. 34) Gedanke von der "negativen Integration der Arbeiterklasse" bei einer vorschnellen Beurteilung der Integrationskraft des sozialdemokratischen Milieus in Betracht zu ziehen.

  36. Eine Analyse der Daten des Wohlfahrtssurveys 1993 über die relative Zu- und Abneigung von Arbeitern gegenüber einer Mitgliedschaft in Gewerkschaften, kirchlichen Vereinen und Bürgerinitiativen unterstützt unsere Ergebnisse (vgl. Gunnar Otte, Auf der Suche nach "neuen sozialen Formationen und Identitäten" - Soziale Integration durch Klassen oder Lebensstile?, in: Jürgen Friedrichs (Hrsg.), Die Individualisierungsthese, Opladen 1998, S. 181-220).

  37. Vgl. S. Agricola (Anm. 12).

  38. Vgl. Joachim Raschke, Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriß, Frankfurt/M. 1985; Hanspeter Kriesi, Neue soziale Bewegungen: Auf der Suche nach ihrem gemeinsamen Nenner, in: Politische Vierteljahresschrift, 28 (1987), S. 315-334.

  39. Vgl. Thomas Bacher/Manfred Cramer/Gabriele Lorenz/Bernhard Rutkies, Soziale Bewegungen im Umweltbereich, München 1990.

  40. Vgl. Joachim Braun, Selbsthilfe und Selbsthilfeunterstützung in der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1997, S. 53 und 88.

  41. Vgl. Christoph Badelt, Sozioökonomie der Selbstorganisation: Beispiele zur Bürgerselbsthilfe und ihre wirtschaftliche Bedeutung, Frankfurt/M. - New York 1980; Rolf G. Heinze, Neue Subsidiarität. Leitidee für eine zukünftige Sozialpolitik?, Opladen 1985; Heiner Keupp, Riskante Normen. Das Subjekt zwischen Psychokult und Selbstorganisation, Heidelberg 1988.

  42. Die schlechte Datenlage zu Selbsthilfegruppen und Initiativen mahnt jedoch auch zur Vorsicht, da "Selbstorganisationen der Mittelklasse durch Rechenschaftsberichte, Statistiken über Aktivitäten und Rechnungslegung u. dgl. viel besser dokumentiert sind als andere Selbstorganisationsgruppen" (Christoph Badelt, Politische Ökonomie der Freiwilligenarbeit, Frankfurt/M. 1985, S. 127).

  43. E. Reigrotzki (Anm. 6), S. 164.

  44. Einerseits widerspricht dieser Trend den Ergebnissen der Querschnittsanalyse zu "ehrenamtlichen Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten" bzw. zur "Beteiligung in Bürgerinitiativen, in Parteien, in der Kommunalpolitik" des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) (vgl. Marc Erlinghagen/Karin Rinne/Johannes Schwarze, Ehrenamtliche Tätigkeiten in Deutschland - komplementär oder substitutiv? Analysen mit dem Sozio-Oekonomischen Panel 1985 bis 1996. Diskussionspapiere aus der Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum 1997). Anhand des SOEP wurde von 1985 bis 1992 ein Anstieg der ehrenamtlichen Tätigkeiten bei Personen in Westdeutschland ohne Schulabschluss bzw. mit Hauptschulabschluss festgestellt. Andererseits hat eine Längsschnittanalyse des SOEP für den Zeitraum von 1992 bis 1996 gezeigt, dass bei gering Qualifizierten ein Rückgang des ehrenamtlichen Engagements festzustellen ist. Vgl. Marc Erlinghagen, Arbeitslosigkeit und ehrenamtliche Tätigkeit im Zeitverlauf. Eine Längsschnittanalyse der westdeutschen Stichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Jahre 1992 und 1996, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie, und Sozialpsychologie, 52 (2000), S. 291-310. Im vorliegenden Beitrag untersuchen wir allerdings Mitgliedschaften und nicht ehrenamtliche Tätigkeiten.

  45. So argumentiert auch James S. Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, Bd. 1, München 1991, S. 389 ff., dass sich Sozial- und Humankapital weitgehend komplementär zueinander verhielten, nicht zuletzt, weil schon Eltern mit mehr "Beziehungen" ihren Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten eröffnen könnten.

  46. Vgl. U. Beck (Anm. 24 ).

  47. W. Streeck (Anm. 23), S. 475.

  48. Das Beispiel der Altenpflege zeigt, dass mit Einführung der Pflegeversicherung die ehrenamtliche Pflege, vor allem durch Frauen, unter bestimmten Bedingungen zugunsten einer professionalisierten Organisation zurückgedrängt wird, auch wenn vordergründig über die Frage debattiert wird, ob angesichts hoher Arbeitslosigkeit und zunehmender Finanzierungslücken der öffentlichen Haushalte eine Aufwertung unentgeltlich-bürgerschaftlicher Arbeit nicht eine Alternative zum kostspieligen Ausbau professioneller Sozialdienste darstelle (vgl. Norbert Brömme, Eine neue Kultur des Helfens und der mitmenschlichen Zuwendung? Über die sozialen Auswirkungen des Pflegeversicherungsgesetzes, Veröffentlichungsreihe des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld (IPW), Bielefeld 1999; D. Sing/E. Kistler (Anm. 7).

  49. Vgl. Pamela A. Popielarz/J. Miller McPherson, On the Edge or In Between. Niche Position, Niche Overlap, and the Duration of Voluntary Association Membership, in: American Journal of Sociology, 101 (1995) 3, S. 698-720.

  50. Vgl. Deutsche Shell (Hrsg.), Jugend '97, Opladen 1997.

  51. Vgl. Martin Diewald, Soziale Beziehungen: Verlust oder Liberalisierung?, Berlin 1991.

  52. Vgl. Horst W. Opaschowski, "Schafft die Spaßgesellschaft ab!" Sonst geht die soziale Lebensqualität in Deutschland verloren, in: Freizeit aktuell, 22 (2001) 160; Hermann Strasser/Achim Graf, Schmidteinander ins 21. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Spaß- und Spottgesellschaft?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 12/2000, S. 7-16.

  53. Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 1999. Zahlen und Fakten für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2000.

  54. Vgl. Walter Müller, Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, S. 81-112, hier: S. 98.

Dipl.-Soz., geb. 1969; 1999 - 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Soziologie an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg; seit November 2000 Population Affairs Officer bei den Vereinten Nationen, Economic and Social Commission for Western Asia, Beirut, Libanon.

Anschrift: UN-ESCWA, P.O. Box 11-8576, Riad El-Solh 1107 2270, Beirut-Lebanon.
E-Mail: nbroemme @escwa.org.lb

Veröffentlichungen u. a.: Eine neue Kultur des Helfens und der mitmenschlichen Zuwendung?, Bielefeld 1999.

Dr. rer. oec., Ph.D., geb. 1941; Lehrstuhlinhaber für Soziologie und Wissenschaftlicher Leiter des Akademischen Zentrums für Studium und Beruf (AkZent) an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg.

Anschrift: Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, Institut für Soziologie, Lotharstr. 65, D-47057 Duisburg.
E-Mail: strasser@uni-duisburg.de

Veröffentlichungen u. a.: (zus. mit Gabriele Klein u. a.) Arbeitslos in Duisburg, Duisburg 1996; (zus. mit Harold Kerbo) Modern Germany, New York 2000.