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Machtspiele um die kaspische Energie?

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Machtspiele um die kaspische Energie?

Friedemann Müller

/ 19 Minuten zu lesen

Die kaspische Region ist aufgrund ihrer Energieressourcen sehr begehrt. Die Region wurde zum Spielball fremder Mächte. Die USA, Russland und China bringen ihre Interessen deshalb intensiv zum Ausdruck.

Einleitung

Machtspiele um kaspische Energie sind so alt wie die Geschichte des modernen Erdölzeitalters, dessen Beginn um die Mitte des 19. Jahrhunderts angesetzt wird. Dabei ist die Gier nach kaspischem Erdöl noch viel älter, doch sind die Machtspiele früherer Jahrhunderte unzureichend dokumentiert. Bohrungen wurden bereits im 10. Jahrhundert in bis zu zwölf Metern Tiefe vorgenommen, um den wertvollen Rohstoff Erdöl zu gewinnen.

Doch das moderne Erdölzeitalter ist mit der Industrialisierung und Motorisierung der neueren Geschichte verbunden, und im Zuge dessen wurde eine relativ kleine Fläche um Baku in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Boomregion fast amerikanischen Ausmaßes. 1863 wurde dort die erste Erdöl-Raffinerie eröffnet. Die Brüder Ludwig und Robert Nobel ließen sich in Baku nieder und kauften 1875 das große Balachany Erdölfeld. Russland brüstete sich als Kolonialmacht bei der Pariser Weltausstellung 1878 mit dem neuen Erdölzentrum und dank Investoren mit internationaler Reputation floss mehr Kapital in die Region. So kamen 1893 beispielsweise die Rothschilds und gaben der Erdölgewinnung einen neuen Schub. Zwischen 1898 und 2003 wurde in keiner Region der Welt mehr Erdöl produziert als im Raum Baku, im Jahr 1901 sollen hier sogar 50 Prozent der Weltproduktion gewonnen worden sein. Das architektonische Gesicht Bakus ist heute noch wie wohl keine andere Stadt östlich des Bosporus von dieser Gründerzeit geprägt.

Bald nach der Jahrhundertwende führte die Jagd nach dem flüssigen Treibstoff zu weltweit neuen Entdeckungen. In Russland wurde Erdöl an der Wolga, also näher an den großen Industriezentren des Landes, entdeckt, so dass die kaspischen Ressourcen trotz Produktionswachstums relativ an Bedeutung verloren. Doch der Mythos blieb. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Wehrmacht die Erdölquellen von Baku ins Visier und wurde nicht weit davor vernichtend geschlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag für die Sowjetunion die Bedeutung des Erdöls von Baku und dem Nordkaukasus mehr darin, dass dort die Industrieanlagen für die Ausrüstung zur Erdölerschließung und Ausbildungsstätten für die Ingenieure angesiedelt waren. Der Anteil des Erdöls an der sowjetischen Produktion nahm jedoch weiter ab. Allerdings wurden in Kasachstan und dem übrigen Zentralasien neue Erdölregionen erschlossen, die sich aber ebenfalls nicht mit dem großen Projekt in Westsibirien messen konnten. Doch gewannen die Erdgasfelder in Turkmenistan, zum kleineren Teil auch in Usbekistan und Kasachstan, an Bedeutung. 1990 trug Turkmenistan etwa 15 Prozent zur Gesamtproduktion der Sowjetunion, dem mit Abstand größten Erdgasproduzenten der Welt, bei. Zu dieser Zeit zeichnete sich auch ein neuer Erdölboom in Kasachstan ab, denn in der Region Tengiz, am nördlichen Ostufer des Kaspischen Meeres, wurde das damals größte unerschlossene Erdölfeld der Welt entdeckt.

So ist nicht verwunderlich, dass sich mit der Unabhängigkeit der kaspischen Anrainerstaaten Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan der Mythos der unermesslichen Energieschätze erneuerte. Der Titel von Rudyard Kiplings Roman "Great Game", der das imperialistische Gezerre zwischen Russland und England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt, hat wie kein anderes Schlagwort die internationale Wahrnehmung der postsowjetischen Entwicklung dieser Region geprägt. Die Öffentlichkeit sieht sich jetzt mit der Neuauflage eines recht unappetitlichen Machtkampfes zwischen großen Mächten, diesmal Russland, USA und China, in diesem Raum konfrontiert. Nur geht es nun nicht mehr um kolonialen Landgewinn, sondern um die begehrte Ressource Erdöl. Zbigniew Brzezinskis Buch "The Grand Chessboard" hat zu diesem Eindruck beigetragen, doch mag auch er unterschätzt haben, dass die Globalisierung neue Spieler und Spielregeln hervorbringt. Deshalb sollte die derzeitige Erschließung der Energieressourcen am Kaspischen Meer nicht aus dem Blickwinkel des 19. Jahrhunderts bewertet werden. Ohne Zweifel gibt es Einflussversuche, welche eher an die Zeit vor den Weltkriegen erinnern, doch alle Entwicklungen unter diesem Licht zu betrachten, würde die Analyse in eine schiefe Lage bringen.

Post-sowjetische Machtbildung in den neunziger Jahren

Für die neuen unabhängigen Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan boten die Energieressourcen die beste Chance, sich nach Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 von dem früheren Kolonialherrn Russland unabhängig zu machen. Zieht man zum Beispiel in Betracht, wie sehr andere post-sowjetische Staaten wie die Ukraine, Moldawien oder auch Armenien wegen der Abhängigkeit von Energielieferungen aus Russland in ihrer Bewegungsfreiheit begrenzt sind, so kann man diese Ressourcen als durchaus segensreich für den Unabhängigkeitsdrang der jungen Staaten ansehen. Bereits drei Jahre vor Auflösung begannen mit Duldung des damaligen Generalsekretärs der KPdSU, Michail Gorbatschow, Verhandlungen zwischen Vertretern der (sowjetischen) Republik Kasachstan und der amerikanischen Firma Chevron um die Erschließung des Tengiz-Feldes. Die Verhandlungen zogen sich wegen der Unerfahrenheit im Umgang mit privaten Unternehmen seitens der kasachischen Verhandler, aber auch wegen überzogener Forderungen und dem latenten Misstrauen in der Moskauer Zentrale, über Jahre hin. Chevrons Vertreter wollten mehrmals die Verhandlungen beenden. Doch nach Auflösung der Sowjetunion wuchs auf der kasachischen Seite der Wille, zu einem Abschluss zu kommen, so dass im April 1993 schließlich ein Vertrag unterzeichnet wurde, der für eine ganze Region Maßstäbe setzen sollte.

Mit der ersten Erdölkrise Anfang der siebziger Jahre wurden das bereits im Jahrzehnt zuvor abgeschlossene Kapitel kolonialer Erdölausbeutungsverträge durch ein neues Selbstbewusstsein der energiereichen Staaten als unabhängige internationale Akteure ersetzt. Seitdem haben sich prinzipiell drei Vertragsoptionen zur Erschließung von Erdöl- und Erdgasressourcen herauskristallisiert: erstens, die Erschließung durch eine staatliche (monopolistische) Erdölgesellschaft, wie dies zum Beispiel in Saudi-Arabien oder Mexiko der Fall ist; zweitens die Erschließung durch ausländische Firmen, die gegebenenfalls mit inländischen im Wettbewerb stehen, wie in Kanada; drittens eine Kombination aus beidem, indem eine staatliche Erdölgesellschaft zusammen mit ausländischen Gesellschaften die Erschließung betreibt. Letzteres trifft auf die neuen kaspischen Staaten zu. Diese Kombination macht es möglich, die Technologie und das Management-Know-how von außerhalb heranzuziehen und doch zu einem hohen Grad an der Erschließung beteiligt zu sein. Das Tengiz-Projekt ist das erste im post-sowjetischen Raum, das sich dieses Modells bedient. Auf diese Weise bleiben etwa 80 Prozent der Gewinne im eigenen Land. Im Falle des Tengiz-Projekts hat Chevron zugesagt, über dreißig Jahre lang ca. 20 Milliarden US-Dollar in die Erschließung zu investieren. Dieses Großprojekt und Folgeprojekte machten Kasachstan in den neunziger Jahren zu dem Land mit dem höchsten ausländischen Investitionsanteil am Bruttosozialprodukt weltweit.

Noch mehr internationales Aufsehen hat das im September 1994 in Baku abgeschlossene "Jahrhundertprojekt" erregt. Hier wurde das Tengiz-Projekt weitgehend kopiert mit der wesentlichen Ausnahme, dass als ausländischer Partner nicht ein großes Erdölunternehmen gewählt wurde, sondern ein Konsortium aus elf Unternehmen (Azerbaijan International Operating Company, AIOC), die sich gegenseitig politisch neutralisieren sollten. Unter Führung von BP mit dem größten Anteil von 17 Prozent an dem Konsortium wurden amerikanische, europäische, russische, japanische Firmen und die aserbaidschanische staatliche Erdölfirma SOCAR einbezogen. Damit sollte verhindert werden, dass die ausländischen Erdölfirmen als Interessenvertreter der entsprechenden ausländischen Regierung wirken. Dies scheint in diesem wie auch in weiteren Konsortialgeschäften gut gelungen zu sein, denn die Firmen selbst sind zwar an politischem Schutz durch ihre Heimatregierungen interessiert, nicht aber daran, dass sie politische Interessen ihrer Regierungen mitvertreten müssen. Schließlich sehen sie sich in einem globalen Wettbewerb und dabei in erster Linie ihren Anteilseignern verpflichtet. Deshalb können politische Interessen der eigenen Regierung hinderlich sein, wie dies bei amerikanischen Unternehmen in der Region mit Blick auf die Iran-Sanktionen durchaus der Fall ist.

So geriet Chevron zwischen 1993 und 1997 unter großen Druck, weil die ursprünglich beabsichtigte Leitung des Tengiz-Erdöls nach Süden durch Turkmenistan und Iran zum Persischen Golf von der US-Regierung unterbunden wurde. Zugleich aber verbot sich die einzige Alternative, nämlich das Erdöl über Russland zum Schwarzen Meer zu leiten, weil die russische Regierung nicht bereit war, als Transitland für den Erdöltransport des neuen Konkurrenten Kasachstan zur Verfügung zu stehen. Erst eine amerikanische Intervention, verbunden mit einer Neuorganisation des CPC (Caspian Pipeline Consortium) als Konsortium, sorgte dafür, dass Russland den Vorteil der Transitgebühren höher bewertete als die Rivalität mit Kasachstan, das Russland nicht an der Exploration des Tengiz-Feldes beteiligte.

Doch längst bevor 1997 das neue CPC gegründet und die leistungsfähige CPC-Pipeline (Kapazität anfangs 28 Millionen, Ausweitung bis 67 Millionen Tonnen pro Jahr) im Oktober 2001 endlich in Betrieb genommen werden konnte, hatte sich ein Interessengleichgewicht herausgebildet, welches die Transportinfrastruktur für lange Zeit prägen sollte. Unter der amerikanischen (Clinton-) Regierung wurde im Oktober 1995 für den Transport der kleineren Mengen des "frühen Öls" aus der Produktion des Jahrhundertgeschäfts in Baku eine Doppellösung gefunden: Eine Pipeline, die von Baku zum georgischen Schwarzmeer-Terminal Supsa führt mit einer Kapazität von ca. sechs Millionen Tonnen pro Jahr (Fertigstellung 1999) und eine Pipeline mit einer Kapazität von fünf Millionen Tonnen pro Jahr von Baku über Grozny (Tschetschenien) zum russischen Schwarzmeerhafen Novorossiisk. Diese Pipelines sollten die russische Seite zufrieden stellen, Georgien als Transitland einbeziehen und zugleich den Wunsch westlicher Staaten nach einer Route südlich von Russland abdecken.

Mit dieser für alle Beteiligten vorteilhaften Lösung wurde die Entscheidung über die Verlegung der Hauptexport-Pipeline für das erst später in großen Mengen verfügbare aserbaidschanische Erdöl auf einen späteren Zeitpunkt vertagt. Dies bedeutete einen geschickten Schachzug seitens der USA, denn mit amerikanischer Hilfe wurde die CPC-Pipeline auf den Weg gebracht, die den Transport des ostkaspischen Erdöls über russisches Territorium leitete. Zwar hatten sich die USA zuvor intensiv darum bemüht, für das ostkaspische Erdöl eine Russland ausschließende Alternative zu konstruieren, nämlich mittels einer das kaspische Meer durchquerenden Pipeline von Kasachstan nach Baku an die Westküste. Doch wurde den amerikanischen Unterhändlern bald klar, dass Russland bei seiner Weigerung, eine solche Pipeline zuzulassen, am längeren Hebel saß. Es musste nur die Bemühungen um die Einigung der Anrainer des Kaspischen Meeres auf dessen Rechtsstatus verzögern oder verhindern und zugleich damit drohen, dass es einer transkaspischen Verlegung einer Pipeline nicht zustimmen wird, so würde angesichts der tatsächlichen militärischen Machtverhältnisse im Kaspischen Meer, in dem nur Russland über eine starke Marine verfügt, kein Investor wagen, eine solche Pipelineverlegung durchzuführen.

Da demnach Russland mit seiner CPC-Pipeline nicht nur über die leistungsstärkste Pipeline des kaspischen Raumes verfügt, sondern damit auch Zugang zu dem erdölreicheren Ostteil des kaspischen Meeres hat, lag es nahe, die westkaspischen Produktionskapazitäten für einen Transport zu reklamieren, der Russland nicht einbezieht. Die USA bildeten bereits 1996 eine Koalition mit der Türkei, die auf türkisches Drängen zurückzuführen war. Es ging den USA darum, einerseits zu verhindern, dass Iran ins Infrastrukturnetzwerk einbezogen würde, andererseits wollten sie die andere Mittelmacht in der Region, nämlich den NATO-Verbündeten Türkei, stärken. Die USA brauchen die Türkei für Militärbasen mit Blick auf die Region des Mittleren Ostens. Sie fühlten sich aber auch konkret der Türkei verpflichtet, weil diese den Mittelmeerhafen Ceyhan ausgebaut hatte, um irakisches Erdöl über eine Pipeline - und damit unabhängig von dem empfindlichen Wasserweg durch den Ausgang des Persischen Golfs (Straße von Hormus) - zum Weltmarkt zu leiten. Dieser Hafen war wegen der im Irak-Kuweit-Krieg, dem Zweiten Golfkrieg (1990/91), verhängten Sanktionen der Vereinten Nationen kaum ausgelastet. Insofern bot sich aus amerikanischer Sicht eine Pipeline von Baku nach Ceyhan an, um diesen Hafen besser auszunutzen.

Die Türkei lebte nach Auflösung der Sowjetunion während der neunziger Jahre in einer Art pantürkischer Euphorie und bemühte sich, die turkstämmigen, ehemals sowjetischen Republiken, zu denen auch die drei kaspischen Anrainer gehören, an sich zu binden. Zwar folgte dieser Euphorie eine gewisse Ernüchterung, weil sich die kulturellen Unterschiede zu dem lange isolierten, sowjetisch geprägten Raum stärker als erwartet zeigten, und die machtpolitischen Einflussmöglichkeiten der Türkei begrenzt blieben. Doch als Investor ist die Türkei in diesem Raum durchaus präsent, und die infrastrukturelle Anbindung ist für die Türkei gerade wegen der fehlenden gemeinsamen Grenze - Georgien, Armenien oder Iran muss durchquert werden, um nach Aserbaidschan oder gar nach Zentralasien zu gelangen - besonders wichtig. Allerdings mussten über den Zeitraum von fast einem Jahrzehnt viele Steine aus dem Weg geräumt werden, bis die Pipeline mit ihrer Kapazität von rund 50 Millionen Tonnen pro Jahr 2005 eingeweiht und Anfang 2006 das erste Erdöl in Ceyhan verladen werden konnte. Die direkte Route Baku-Ceyhan konnte nicht gewählt werden, weil diese durch Armenien geführt hätte.

Aserbaidschan und Armenien trennt jedoch ein seit 1994 eingefrorener Konflikt in Nagorny Karabach, einem mehrheitlich von Armeniern besiedelten Territorium in Aserbaidschan. Dieses Gebiet und ein sehr breiter Korridor, ebenfalls auf aserbaidschanischer Seite, ist von Armenien, das sich russischer Unterstützung versichern kann, militärisch besetzt. Dadurch kam es zu einer Massenflucht - noch heute leben aserbaidschanische Flüchtlinge unter unerträglichen Bedingungen in Lagern. Der Versuch, den Bau der Baku-Ceyhan-Pipeline zum Ausgangspunkt einer Friedensregelung zu machen und den armenischen Megri-Korridor für eine Verkürzung der gesamte Pipeline um ca. 300 km zu nutzen, scheiterte. Bereits 1997 hat sich Aserbaidschan auf Georgien als Transitland festgelegt. Dies war auch deshalb ein effizienter Schachzug, weil dadurch Georgien als Befürworter einer anderen Route ruhig gestellt wurde. Diese andere und viel kostengünstigere Lösung sah eine Hauptleitung parallel zur Pipeline des frühen Erdöls von Baku nach Supsa (Georgien) vor und von dort die Verschiffung des Erdöls entweder zur europäischen Schwarzmeerküste oder durch den Bosporus zum Weltmarkt. Doch die Europäer unterstützten diese ökonomisch sinnvolle Variante nicht, und Georgien wurde mit der Rolle des Transitlandes für die Pipeline nach Ceyhan abgespeist.

Die zweite Hürde für die nunmehr Baku-Tbilisi-Ceyhan (BTC) genannte Pipeline lag in den enormen Kosten und technischen Schwierigkeiten, da die Leitung nicht nur über eine Länge von mehr als 1 700 km, sondern auch über mehr als 2 000 Meter hohe Gebirge in der Türkei geführt werden musste. Mit der Kostenfrage brachte sich die russische Seite wieder ins Gespräch, indem sie argumentierte, dass im Zeitalter der Globalisierung die kostengünstigste Lösung zu favorisieren sei. Deshalb bot sie an, die Hauptexportpipeline wesentlich billiger von Baku zum Schwarzmeerhafen Novorossiisk parallel zu der nördlichen Pipeline für das frühe Öl zu verlegen. Die Clinton-Administration kam dagegen in Bedrängnis, weil ihr unterstellt wurde, dass sie die Pipeline aus dem amerikanischen Bundeshaushalt subventionieren würde, was die amerikanische Verfassung jedoch verbietet.

Die Investitionskosten der BTC-Pipeline wurden auf drei bis vier Milliarden US-Dollar geschätzt, die russische Alternative sollte etwa die Hälfte kosten. Gegen diese Variante sprach zum einen, dass Russland bereits den größten Teil des ostkaspischen Erdöls transportierte, zum anderen aber, dass die Pipeline, die zunächst über Grozny, Tschetschenien, führte, nicht hinreichend gegen Anschläge und illegale Erdölentnahmen seitens tschetschenischer Rebellen geschützt werden könne. Die Hauptexport-Pipeline wäre solchen, auch ökonomischen Beeinträchtigungen in der unsicheren Region des nördlichen Kaukasus ständig ausgesetzt gewesen.

Der Durchbruch zu Gunsten der BTC zeichnete sich im Jahr 2001 ab, als die Ölgesellschaft BP bekundete, das BTC-Projekt zu übernehmen. Die Kosten wurden dadurch begrenzt, dass die Türkei bereits 1997 in Aussicht stellte, alle Kosten zu tragen, die 1,7 Milliarden US-Dollar für den Teil des Projektes auf türkischem Boden überschritten. Für BP aber war ausschlaggebend, dass angesichts der recht großen Erdgasfunde bei den off-shore-Bohrungen östlich von Baku parallel zur Erdölpipeline eine Erdgaspipeline gebaut werden sollte, die nicht zum Mittelmeer, sondern in die türkische Stadt Erzurum und von dort weiter nach Westen führen sollte. Durch die Parallelverlegung der Leitungen konnten beträchtliche Kosten eingespart werden, insbesondere in Aserbaidschan und Georgien.

Auf der ostkaspischen Seite zeichnete sich 1997 etwas ab, das im neuen Jahrhundert eine wachsende Rolle spielen sollte. China, das 1994 zum Nettoimporteur von Erdöl wurde, bemühte sich um Zugang zu kaspischem Erdöl. Der chinesische Ministerpräsident Li Peng und der kasachische Präsident Nursultan Nazarbaev unterzeichneten am 24. September 1997 einen Vertrag, der für China die bis dahin größte Auslandsinvestition bedeutete. Für 9,5Milliarden US-Dollar wollte China die Erschließungsrechte über das ostkaspische Uzen-Feld sowie kleinere Felder nahe Aktobe erwerben und von dort eine 3000 km lange Pipeline nach Westchina bauen. Diese Pipeline sollte auf eine Jahreskapazität von 25 Millionen Tonnen ausgelegt sein. Das Pipelineprojekt kam bald danach aus Kostengründen zum Stillstand. Es war billiger, Erdöl auf dem Seeweg vom Persischen Golf und aus anderen Regionen zu importieren, wenngleich die Versorgung Westchinas auf Dauer eine verbesserte Infrastruktur erfordert.

Zweifelsohne haben sich in den neunziger Jahren die großen Mächte Russland, USA und China in die Errichtung einer Infrastruktur zum Transport der kaspischen Energieressourcen intensiv eingemischt und damit eigene Interessen verfolgt. Dabei wurden auch projektbezogene Koalitionen geschmiedet und, wenngleich sich der genaue Einblick dem Analysten zumeist entzieht, auch Druck ausgeübt. Ob dies zum Schaden der jungen Staaten im kaspischen Raum erfolgt ist, kann nur entschieden werden, wenn dafür die Maßstäbe genau definiert werden. Entsprechend muss der Begriff "great game", der ein massives Machtspiel suggeriert, kritisch hinterfragt werden. Es gibt seriöse Literatur, die mit diesem Begriff operiert, es gibt aber auch pseudowissenschaftliche Bücher und Medien, die hinter jedem aus ökonomischen Interessen geleiteten Geschäft ein böses politisches Machwerk vermuten.

Die Verengung der globalen Energiemärkte

Während Ende 1998 und Anfang 1999 der Ölpreis mit zehn US-Dollar pro Fass auf ein Jahrzehnttief sank, reduzierten verschiedene ausländische Ölfirmen ihre geplanten Investitionen im kaspischen Raum drastisch. Dies lag auch daran, dass die von den Weltmeeren abgeschnittene kaspische Region für schweres Bohrgerät besonders mühsam zu erreichen ist und deshalb mangels ausreichenden Geräts die Erkundungsbohrungen ohnehin nur langsam vorankamen. Mit der Wiedergewinnung der Mitte der achtziger Jahre verloren gegangenen Kartellmacht der OPEC, die auf März 1999 datiert werden kann, als zum ersten Mal wieder über Mengenbegrenzungen Preissteigerungen durchgesetzt werden konnten, kam es zu einer dauerhaften Anhebung des Erdölpreises, gefolgt von einer nicht mehr künstlichen Verknappung des Erdölangebots im Vergleich zu der unerwartet hohen globalen Nachfragesteigerung.

Folgende Ereignisse stehen für diese Entwicklung. Erstens, der 11. September 2001 warf die Frage auf, ob die nun zunehmend als "Größerer Mittlerer Osten" (Greater Middle East) genannte Region - also vor allem die Region des Mittleren Ostens und des Kaspischen Meeres, die zusammen mit den Energiestätten Russlands bis nach Westsibirien als "Strategische Ellipse" bezeichnet wurde - weiterhin politisch hinreichend stabil sei, um die Versorgung der Weltwirtschaft insbesondere mit Erdöl, aber auch mit Erdgas zu gewährleisten. Da diese Frage nicht positiv beantwortet werden konnte, bot sich ein verstärkter Ansatz für spekulative Geschäfte um den Erdölpreis. Zweitens, die Sanktionen gegen Irak und der Krieg im Frühjahr 2003 und seine Folgen der Instabilität zeigten, dass dieses an Erdölreserven drittreichste Land der Welt auf absehbare Zeit weit hinter seinen Produktionsmöglichkeiten und der realen Produktion der siebziger und achtziger Jahre zurückbleibt. Drittens haben sich China und andere asiatische Schwellenländer in einer Weise als Nachfrager auf den globalen Erdölmärkten zu Wort gemeldet, wie sie keine seriöse Prognose vorausgesehen hatte. China allein ist für 30 Prozent des globalen Erdölnachfragewachstums zwischen den Jahren 2000 und 2004 verantwortlich. 2004 war diese globale Nachfrage höher als im gesamten Jahrzehnt davor.

Schließlich viertens, zeigt Tabelle 1 der PDF-Version, wie sehr sich die Reservesituation auf die Region des Mittleren Ostens verengt hat, weil dort ein viel geringerer Anteil der Reserven für die Produktion entnommen wurde als andernorts. Das heißt, die Produktion der heute bekannten gesicherten Erdölreserven könnte am Persischen Golf für über achtzig Jahre aufrechterhalten werden, während sie andernorts sehr viel früher zur Neige geht - mit Ausnahme der Kaspischen Region.

Diese Region birgt zwar im Vergleich zum Mittleren Osten nur etwa ein fünfzehntel so viel Erdölreserven, doch angesichts der zu Ende gehenden Reserven in allen Nachfrageregionen ist jedes Angebot außerhalb des Mittleren Ostens von großem Interesse. Immerhin ist Kasachstan nach der Golfregion mit ihren fünf großen Reserveländern (Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuweit, Vereinigte Arabische Emirate) sowie dem OPEC-Land Venezuela und Russland der erdölreichste Staat der Welt (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version).

Da unter den großen Erdölregionen der Welt die kaspische Region ein Spätentwickler ist, stellt sie neben der Golfregion die weltweit einzige dar, von der erwartet wird, dass sie ihren Anteil an der Weltversorgung steigern wird. Auch dies führt zu einem wieder wachsenden Interesse an den Ölschätzen der Region. Ein neues Machtspiel zeichnet sich deshalb ab. Der Blick fällt aber anders als in den neunziger Jahren nicht mehr vor allem auf die USA und Russland, sondern auf China und Iran. China hat im September 2004 die Pläne zum Bau der zunächst allerdings nur 998 km langen Pipeline von Kasachstan nach Westchina wieder aufgenommen und baut diese mit hohem Tempo. Sie soll 2006 in Betrieb genommen werden. Iran wiederum nutzt seinen Streit mit den westlichen Ländern über sein Atomprogramm, um sich aus der Isolation gegenüber den postsowjetischen Ländern zu befreien. Es wäre nicht verwunderlich, wenn in einem wünschenswerten Kompromiss die amerikanischen Sanktionen bezüglich der infrastrukturellen Verbindung zwischen Iran und seinen nördlichen Nachbarn aufgehoben würden oder nicht mehr aufrechtzuerhalten wären (vgl. Tabelle 3 der PDF-Version).

Wie immer neue Begehrlichkeiten gegenüber dem kaspischen Erdöl entstehen, die Infrastruktur hat sich in den letzten zehn Jahren so weit entwickelt, dass vermutlich auf weitere Jahrzehnte die Handelsströme vorgegeben sind. Denn Pipelines sind Investitionen, die sich amortisieren müssen. Konkret heißt dies, dass China als Späteinsteiger darauf achten muss, wo noch freie Kapazitäten verfügbar sind. Die beiden wirklich großen Pipelines CPC und BTC führen nach Westen zum Schwarzen Meer und Mittelmeer. Da Russland selbst ein Nettoexporteur ist und deshalb kein Interesse am Import dieser Erdölmengen hat, ist Europa die Region, in die am günstigsten exportiert werden kann und in der deshalb das meiste kaspische Öl gekauft wird. Der Mythos, dass die USA sich in der Region so sehr engagiert haben, um das kaspische Öl für den eigenen Verbrauch zu sichern, widerspricht aller ökonomischer und sicherheitspolitischer Vernunft. Für die USA ist es um ein Vielfaches günstiger, die Öltransporte aus dem Persischen Golf oder aus Westafrika militärisch zu sichern, und auch die Exportkosten sind dort niedriger.

So günstig die Bedingungen sind, unter denen kaspisches Erdöl zum größten Teil nach Europa gelangt, so ungünstig sind sie bei Erdgas. Dabei liegt der Anteil an den Weltreserven beim Ergas mit acht Prozent doppelt so hoch wie beim Erdöl, das nur vier Prozent umfasst (vgl. Tabelle 4 der PDF-Version). Die Ansätze in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, eine leistungsfähige Erdgasleitung von Turkmenistan über Iran und die Türkei nach Europa zu legen, sind zum einen wegen der amerikanischen Bedenken gegen das Transitland Iran und den fehlgeschlagenen Bemühungen um eine transkaspische Erdgasleitung, und zum anderen wegen der deutschen Fixierung auf Russland als bevorzugtem Lieferanten nicht ernsthaft verfolgt worden. Dabei kann in Turkmenistan kostengünstiger produziert werden als im nordwestlichen Sibirien, und die Entfernung von Europa ist auch nicht größer. Russland hat dagegen in den neunziger Jahren turkmenisches Erdgas boykottiert in dem Wissen, dass das leitungsabhängige turkmenische Erdgas über keine quantitativ relevante Alternative zu dem von Russland kontrollierten postsowjetischen Netz verfügte. So ist die Erdgasproduktion in Turkmenistan in den neunziger Jahren mangels Transportmöglichkeiten auf ca. 20 Prozent des Standes von 1990 heruntergefahren worden. Anfang des neuen Jahrhunderts hat Gazprom jedoch sein Interesse an turkmenischem Gas entdeckt, da aus Kapitalmangel die Erdgasproduktion in Russland nicht so gesteigert werden konnte, wie dies der vor allem europäischen Nachfrage entsprach.

Deshalb wurde vom russischen Präsidenten Vladimir Putin die Eurasische Gasallianz ins Gespräch gebracht, die dazu führen soll, dass Russland den Transport, aber auch die volle Kontrolle über Erdgas im postsowjetischen Raum übernehmen will. Turkmenistan und Kasachstan sollten ausschließlich mit Russland Lieferverträge abschließen, Russland entscheidet dann über den Transport in Russland und gegebenenfalls ins europäische Ausland. 2003 hat Gazprom mit Turkmenistan einen auf 25 Jahre ausgelegten Vertrag abgeschlossen, der ab 2005 fünf Milliarden Kubikmeter und ab 2010 100 Milliarden Kubikmeter von Turkmenistan zur Lieferung vorsieht. Damit ist eine jährliche Menge erreicht, die Turkmenistans gesamtes Produktionspotenzial umfasst. Damit erübrigt sich der Bau einer leistungsfähigen Pipeline von Turkmenistan nach Westen, aber auch nach Osten, eine von den USA in den neunziger Jahren verfochtene Idee, welche Afghanistan in die Pipelineinfrastruktur einbinden und Pakistan und Indien miteinander verbinden sollte. Letzteres Vorhaben wird nun durch eine vereinbarte Pipeline von Iran über Pakistan nach Indien verwirklicht. Aserbaidschan hat sich dem russischen Zugriff dank seiner geografischen Lage entziehen können, doch die von dort zu erwartenden Fördermengen an Erdgas sind im Vergleich zu Turkmenistan und Kasachstan nicht von allzu großer Bedeutung. Ohne Zweifel ist aus diesem Interessenspiel Russland als Sieger hervorgegangen. Dies lag vor allem daran, dass weder die USA noch Europa sich ernsthaft für ein Gegenmodell engagiert haben. Dabei bräuchte Europa angesichts eines dramatischen Anstiegs des Importanteils an seinem Verbrauch (vgl. Tabelle 5 der PDF-Version) dringend zusätzliche Bezugsquellen. Derzeit wird 65 Prozent des Erdgases, das aus außereuropäischen Staaten nach Europa importiert wird, aus Russland bezogen.

Ausblick

Angesichts des schwindenden Erdölangebots wird der kaspische Raum als energiereiche Region an Bedeutung gewinnen. Auch werden die Staaten durch ihre Einnahmen aus Energieverkäufen stärker prosperieren als ihre Nachbarn, die nicht über die entsprechenden Energiereserven verfügen. Die in weiten Teilen des postsowjetischen Raums erkennbaren Rückschläge im Demokratisierungsprozess finden aber auch hier statt. Angesichts der Renteneinnahmen aus Energieverkäufen ist die Korruption und damit die Verhinderung eines breiten gesellschaftlichen Wohlstandes noch stärker ausgeprägt als in den Nachbarländern. Der Konzentration der Wirtschaft auf den Erdölsektor und der Verhinderung einer ausgewogenen Wirtschaftsstruktur (ein als "Holländische Krankheit" bezeichnetes Phänomen) wird in diesen Staaten viel zu schwach entgegengewirkt. Dagegen werden nationalistische Tendenzen gefördert, wie zum Beispiel die Ankündigung in Aserbaidschan, zusätzliche Einnahmen in den militärischen Bereich zu investieren, um die besetzten Gebiete zurückzuerobern.

Dies alles hat wenig mit dem vermuteten "great game" zu tun. Die äußeren Mächte hindern Kasachstan, Turkmenistan und Aserbaidschan nicht daran, mit dem aus Energieverkäufen erworbenen Geld eine Entwicklung zum Schwellenland und gar zu einem westlichen Lebensniveau zu beschreiten. Die Infrastruktur für den Energietransport hat sich nach einem turbulenten Jahrzehnt weitgehend gefestigt. Sie folgt zum Teil ökonomischer Vernunft, zum Teil massiven Interessen von äußeren Mächten, zum Teil ist sie Ergebnis der Unfähigkeit der Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres, in mehr als zehn Jahren Verhandlungszeit zu einem Konsens über den Rechtsstatus des Kaspischen Meeres zu gelangen. All dies ist im historischen Vergleich nichts Ungewöhnliches. Bedauerlich ist dagegen das geringe Engagement der Europäer, sich in diese historische Phase der Strukturbildung einzuklinken, und vor allem die Unfähigkeit der jungen Staaten selbst, das Geschenk ihres Ressourcenreichtums für eine Staatsbildung zu nutzen, die der Bevölkerung und der langfristigen Entwicklung besser zugute kommt.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Michael P. Croissant/Bülent Aras, Oil and Geopolitics in the Caspian Sea Region, London 1999, S. 4.

  2. Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard. American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, New York 1997.

  3. Vgl. Jenik Radon, The ABCs of Petroleum Contracts: License-Concession Agreements, Joint Ventures and Production-sharing Agreements, in: Svetlana Tsalik/Anya Schiffrin (Eds.), Covering Oil, Open Society Institute, New York, S. 61 - 74.

  4. Vgl. Stephen Larrabee, U.S. and European Policy Toward Turkey and the Caspian Basin, in: Robert D. Blackwill/Michael Stürmer (Eds.), Allies Divided - Transatlantic Policies for the Greater Middle East, Cambridge, MA 1997, S. 143 - 173.

  5. Vgl. Rizvan Nabiyev, Erdöl und Erdgaspolitik in der kaspischen Region, Berlin 2003, S. 189 - 247.

  6. Hierzu gehört die sorgfältige Arbeit von Mehdi Parvizi Amineh, Globalisation, Geopolitics and Energy Security in Central Eurasia and the Caspian Region, The Hague 2003. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag des Autors in dieser Ausgabe.

  7. In diese Richtung bewerte ich das Buch Lutz Kleveman, Der Kampf um das Heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer, Berlin 2002.

  8. Vgl. BP Statistical Review of World Energy, London 2001 und 2005.

  9. Vgl. Roland Götz, Russlands Energiestrategie und die Energieversorgung Europas, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, März 2004, S. 13.

Dr. rer. pol., geb. 1943; Leiter der Forschungsgruppe Globale Fragen der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Ludwigkirchplatz 3 - 4, 10719 Berlin.
E-Mail: E-Mail Link: friedemann.mueller@swp-berlin.org