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Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Christiane Eichenberg

Hungern im Netz

Pro-Ana-Bewegung im Internet

Medien liefern wichtige Ressourcen für Betroffene von Essstörungen. Insbesondere das Internet bietet eine Fülle an Hilfsangeboten,[26] die von komplexen, durch Therapeuten unterstützte E-Health-Programme bis zu reinen Selbsthilfeplattformen reichen, wobei für letztere in einzelnen Studien positive Effekte belegt wurden.[27] Aus diesem Rahmen scheint ein bestimmter Typ von Online-Plattformen von und für Essgestörte herauszufallen, die sogenannten Pro-Ana-Foren.

Pro-Ana steht für Pro Anorexia nervosa, Pro-Mia für Pro Bulimia nervosa. Die Pro-Ana- und Pro-Mia-Bewegung werden als ein Zusammenschluss von Betroffenen in Internetforen beschrieben, die ihre Essstörung nicht nur nicht bekämpfen, sondern sich für diese aussprechen und aufrechterhalten wollen. Die ersten Foren sind in den 1990er Jahren auf englischsprachigen Internetseiten entstanden. 2000 kamen in US-amerikanischen Medien erste Berichte über Pro-Ana auf, in Deutschland wurden diese Foren mit einer Verzögerung von etwa fünf Jahren bekannt. Als Bewegung, die ihre Krankheit nicht überwinden, sondern kultivieren will, stößt Pro-Ana schnell auf Unverständnis und Besorgnis. Als Hauptnutzende der Pro-Ana-Foren werden entsprechend der bekannten Risikofaktoren von Essstörungen vor allem Mädchen und junge Frauen beschrieben.

Allerdings können Pro-Ana-Seiten in Ausrichtung und Inhalt stark variieren. Eine "typische" Pro-Ana-Seite ist in Pinktönen gehalten und mit kleinmädchenhaften Motiven gestaltet. Charakteristische Inhalte sind zum einen Informationen über verschiedene Essstörungen, deren Symptomatologie und Verlauf sowie Informationen rund um das Thema Ernährung wie beispielsweise Kalorientabellen. Zum anderen werden häufig Tipps und Tricks gegeben, die zu einer Aufrechterhaltung des gestörten Essverhaltens beitragen. Ein weiterer Bestandteil sind sogenannte thinspirations zum Beispiel in Form von Fotos extrem schlanker Models, die dazu motivieren sollen, dünn zu sein. Thinspirations können auch destruktive Selbstinstruktionen, Gedichte, Lieder oder Filme sein. Als wichtigstes Element aller Pro-Ana-Seiten gelten jedoch ihre interaktiven Anwendungsbereiche (Foren, Chats, Instant-Messaging).

Insgesamt sind Pro-Ana-Seiten meist so organisiert, dass zum inneren Bereich der Website nur diejenigen Zugang haben, die sich angemeldet und ein "Bewerbungsverfahren" durchlaufen haben. Der Jugendmedienschutz in Gestalt von jugendschutz.net hat nach eingehender Prüfung 80 Prozent der gesichteten deutschsprachigen Internetseiten als problematisch eingestuft und die Schließung zahlreicher Pro-Ana-Foren veranlasst.[28] Diese Maßnahmen haben die Pro-Ana-Bewegung jedoch nicht eindämmen können, sondern dazu geführt, dass die Administratoren ihre Seiten mit weniger offensichtlichen Namen auf andere Server verlegt haben.

Pro-Ana-Foren werden in Fachkreisen vorwiegend mit großer Sorge betrachtet.[29] Betroffene Jugendliche würden stark gefährdet und fänden in den Foren eine Ideenbörse zur weiteren Forcierung ihrer Erkrankung wie exzessive Diätpläne, die gemeinschaftlich verfolgt würden. Insgesamt würde der Austausch die bestehende Symptomatik verschärfen und die Nutzerinnen gegenseitig darin bestärken, therapeutische Hilfe abzulehnen. Demgegenüber stehen – wenn auch deutlich seltener vertreten – relativierende Positionen, die diesen Foren auch präventive Funktionen zuschreiben, beispielsweise durch die Integration psychisch labiler Menschen in ein soziales Netzwerk.

Diese Einschätzungen beruhen jedoch auf theoretischen Überlegungen. Daher wurde eine eigene Studie vorgenommen, um die Funktionen und Effekte der Pro-Ana-Foren aus Nutzerinnenperspektive zu erfassen.[30] 220 adoleszente Nutzerinnen deutschsprachiger Pro-Ana-Foren beantworteten einen Online-Fragebogen und durchliefen zwei standardisierte Instrumente: das Brief Symptom Inventory zur Erfassung der allgemeinen Psychopathologie sowie ein Essstörungsinventar, den Eating Attitudes Test. Es zeigte sich, dass die Gesamtstichprobe eine hohe psychische Belastung und starke Ausprägung essgestörter Symptomatik aufweist. Pro-Ana-Foren wurden meist schon seit längerer Zeit und vor allem mit hoher Nutzungsfrequenz besucht. Dabei zeigte sich eine soziale Exklusivität der Pro-Ana-Nutzung. Zwei Drittel gaben an, dass niemand aus dem "realen" Umfeld von ihrer diesbezüglichen Aktivität wisse.

Als dominante Nutzungsmotive erwiesen sich: "um Menschen mit ähnlichen Problemen und Gedanken kennen zu lernen", "weil mich sonst niemand versteht" und "um andere bei Problemen zu unterstützen"– allesamt Motive, die konstruktiv sind für den Umgang mit Essstörungen. Allerdings fanden andere Motive mit Heilungspotenzial nur sehr geringe Zustimmung wie "um meine Essstörung loszuwerden" oder "um Informationen über Psychotherapie zu erhalten". Es zeigte sich, dass die Nutzerinnen von Pro-Ana-Foren keine homogene Gruppe darstellen. Vielmehr konnten drei Typen identifiziert werden, die sich hinsichtlich der Nutzungsmotive, des Alters sowie der Dauer der Mitgliedschaft und Essstörung voneinander unterscheiden. Typ 1 ("Heilungsorientierter Nutzertyp") machte knapp 40 Prozent der Stichprobe aus und kennzeichnet sich dadurch, dass die Überwindung der Essstörungen im Vordergrund steht. Dieser Typ fällt durch signifikant geringere Motivation zur Gewichtsreduktion im Vergleich zu Typ 2 und 3 auf. Befragte dieses Typs besuchen Pro-Ana-Foren insbesondere, um emotionale Unterstützung zu erhalten. Im Vergleich zu den anderen beiden Typen gab dieser Nutzertyp seltener gewichtsreduzierende Auswirkungen der Forennutzung an und verlor im Zeitraum der Nutzung von Pro-Ana am wenigsten an Gewicht. Typ 2 ("Bewältigungsindifferenter Nutzertyp", rund ein Fünftel der Gesamtstichprobe) ähnelt in seinen Motiven Typ 1, nämlich die Essstörung überwinden zu wollen, verfolgt jedoch auch ausgeprägte gewichtsreduzierende Nutzungsmotive. Typ 3 (etwa 40 Prozent der Gesamtstichprobe) besucht Pro-Ana-Foren vor allem wegen des Wunsches nach Gewichtsreduktion. Aufgrund dieser destruktiven Motivlage wurde dieser Typus als der "krankheitsaufrechterhaltende Nutzertyp" bezeichnet.

Nach dem subjektiven Verständnis von Pro-Ana befragt, gaben die meisten Teilnehmerinnen an, Pro-Ana sei für sie eine Selbsthilfegruppe, die das Ziel verfolge, mit einer Essstörung zu leben. Lediglich 15 Prozent sahen in Pro-Ana eine Selbsthilfegruppe, die dabei unterstütze, eine Essstörung zu überwinden. Pro-Ana als Lifestyle oder als ein "Hobby" erlebten insgesamt weniger als ein Zehntel der Befragten. Der Wunsch nach Aufrechterhaltung der Essstörung wurde von den Befragten am häufigsten durch Aspekte des "Gewinns" durch die Krankheit begründet, gefolgt von Angaben, die als erfolglose Überwindungsversuche zusammengefasst werden können. Die häufig der Pro-Ana-Bewegung zugeschriebene Einstellung, die Magersucht bis in den Tod aufrechterhalten zu wollen ("Ana till the end" = ATTE), wurde von der absoluten Mehrheit (70 Prozent) der Befragten stark abgelehnt.

Hinsichtlich der Auswirkungen der Forumsnutzung zeigte sich bei der Gesamtstichprobe, dass es nach Selbstangaben im Nutzungszeitraum zu einer deutlichen Gewichtsreduktion kam. Allerdings ergaben sich auch positive Effekte: Der weitaus größte Teil gab an, sich weniger einsam zu fühlen als vorher, und bei knapp einem Viertel der Nutzerinnen ist die Bereitschaft zu einer Psychotherapie im Laufe ihrer Pro-Ana-Mitgliedschaft gestiegen. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass Pro-Ana eine Untergruppe derjenigen anzuziehen scheint, die Therapien abgebrochen haben und diesbezüglich negative Erfahrungen berichten können. Demnach könnten Pro-Ana-Foren als der Versuch einer Entlastung besonders verzweifelter Betroffener verstanden werden.

Insgesamt gibt diese Studienlage keinen Anlass dazu, Pro-Ana-Foren pauschal gesetzlich verbieten zu müssen. Die Befunde lassen vielmehr insgesamt auf einen differenziellen Einfluss der Pro-Ana-Foren auf ihre Nutzerinnen schließen.[31] Je nach Motivation können die Betroffenen sowohl Vor- als auch Nachteile aus der Forenteilnahme ziehen. Die durch Medien verbreitete Meinung, dass Pro-Ana ausschließlich destruktive Einflüsse aufweist, konnten in dieser Studie nicht bestätigt werden. Nichtsdestotrotz haben Pro-Ana-Foren Schattenseiten. In diesem Zusammenhang gilt es weiterhin zu erforschen, welche Nutzertypen in welchen Krankheitsstadien vorrangig durch Pro-Ana angesprochen werden und inwieweit die Teilnahme die bereits existierenden Krankheitsmuster verstärkt, aufrechterhält oder gar zur Entwicklung einer schwereren Essproblematik beiträgt.

Fußnoten

26.
Vgl. Christiane Eichenberg/Stefan Kühne, Einführung Online-Beratung und -therapie. Grundlagen, Interventionen und Effekte der Internetnutzung, München 2014.
27.
Vgl. z.B. Jan Nedoschill et al., http://www.hungrig-online.de«: Einige Ergebnisse einer Online-Befragung Jugendlicher in der größten deutschsprachigen Internet-Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 54 (2005) 9, S. 728–741.
28.
Vgl. jugendschutz.net, Pro-Ana-Angebote im Internet, o.D., http://jugendschutz.net/selbstgefaehrdung/pro_ana/index.html« (17.7.2015).
29.
Vgl. Christiane Eichenberg, Online-Foren für junge Menschen mit selbstschädigenden Problematiken: Pro-Ana-Blogs, Suizid-Boards und Foren zu selbstverletzendem Verhalten, in: Torsten Porsch/Stephanie Pieschl (Hrsg.), Neue Medien und deren Schatten, Göttingen 2004, S. 245–274.
30.
Vgl. Christiane Eichenberg/Andrea Flümann/Kristin Hensges, Pro-Ana-Foren im Internet: Befragungsstudie ihrer Nutzerinnen, in: Psychotherapeut, 6 (2011), S. 492–500.
31.
Diese Einschätzung stimmt mit anderen Untersuchungen überein, vgl. z.B. Sarah Brotsky/Giles David, Inside the "Pro-Ana" Community: A Covert Online Participant Observation, in: Eating Disorders, 15 (2007) 2, S. 93–109.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christiane Eichenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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