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Dunkle Rauchwolken steigen am 03.03.2016 von der gesprengten Förderbrücke F34 im stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord nahe Cottbus (Brandenburg) auf.

18.3.2016 | Von:
Frank Uekötter

Utopie ohne Ökonomie: Aufstieg und Niedergang der Atomkraft in der westlichen Welt

Proteste …

Es brauchte also eigentlich gar keine Antiatomkraftbewegung, um die Atommanager in die Bredouille zu bringen. Probleme hatten sie schon so mehr als genug. Die Sicherheitsproblematik, die zweifelhafte Rentabilität, das fehlende Endlager – all die Dinge, die die Menschen zu Massendemonstrationen trieben, waren zuvor intern diskutiert worden. Die Antiatomkraftbewegung bezog einen Gutteil ihrer Expertise von Menschen, die zuvor in der Atomkraftbranche Karriere gemacht hatten und sich abwandten, nachdem die fachinternen Debatten zu keinen überzeugenden Lösungen geführt hatten. Die Umweltbewegung veränderte eher die Qualität der Diskussion. Störfälle waren unangenehm, aber sie waren eben nicht mehr nur ein technisches Problem, wenn sie in Holger Strohms Bestseller "Friedlich in die Katastrophe" (1973) standen.[14] So war der Super-GAU als technische Möglichkeit längst Allgemeingut, bevor er am 26. April 1986 in Tschernobyl Wirklichkeit wurde.

Die Atomkraft wurde zum Gegenstand der längsten Protestkampagne in der bundesdeutschen Geschichte. Seit Fukushima kann man wohl endgültig von einem deutschen Mythos sprechen. Den Atomausstieg hätte es ohne den langen Atem der Aktiven gewiss nicht gegeben. Da könnte man geneigt sein, die Bewegung zu verklären. Handelt es sich nicht um ein Musterbeispiel dafür, wie Demokratie funktionieren sollte? Bürgerinnen und Bürger informieren sich über Probleme, gehen auf die Straße und organisieren sich, und am Ende haben sie sogar Erfolg. Besser wird es in offenen Gesellschaften nicht. Tatsächlich hat der Soziologe Andreas Pettenkofer die Antiatomkraftdemonstrationen der 1970er und 1980er Jahre als ein quasireligiöses Erlebnis analysiert.[15] Das funktioniert allerdings nur mit dem Abstand eines Vierteljahrhunderts. Für die Zeitgenossen war es ein Kampf, der Nerven kostete: an Bauzäunen, unter Polizeihubschraubern im Tiefflug, in jahrelangen Verfahren vor Verwaltungsgerichten. Die Einheit der Bewegung war mehr Mythos als Realität, und die internen Konflikte gingen einigen so sehr an die Nieren, dass sie sich nie mehr davon erholten.[16]

… und Profitmargen

Dass es einen Niedergang der Atomkraft wohl auch ohne Massendemonstrationen gegeben hätte, zeigt ein Blick in die USA, wo die Gegenmacht der Zivilgesellschaft nie eine vergleichbare Vehemenz gewann. Atomkraftwerke in der heute üblichen Größenordnung von über 1000 Megawatt waren bei amerikanischen Energiekonzernen vor allem populär, als es sie noch gar nicht gab. In nur zwei Jahren, 1966 und 1967, bestellten die Stromversorger 51 Atomreaktoren.[17] Explosionsartig ansteigende Kosten und immer neue Verzögerungen ließen den Enthusiasmus jedoch bald schwinden, hinzu kam das Risiko, einen Reaktor wegen eines Unfalls vorzeitig abschreiben zu müssen – ein Schicksal, das in der Bundesrepublik zum Beispiel die Kernkraftwerke Lingen und Gundremmingen A ereilte. 1984 ging der Energiekonzern Cincinnati Gas & Electric gar so weit, ein zu 97 Prozent fertiggestelltes Atomkraftwerk auf Kohle umzurüsten.[18] Brasilien unterzeichnete 1975 einen Vertrag mit der Bundesrepublik über den Bau von acht Atomkraftwerken, begann jedoch nur bei zweien mit den Bauarbeiten und nahm das erste schließlich nach vielen Verzögerungen 2000 in Betrieb. Das zweite soll 2018 ans Netz gehen.[19] Man braucht offenkundig keine empörten Bürger, um mit nuklearen Visionen ein Fiasko zu erleben. Es genügen die nüchternen Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie.

Das schmälert jedoch nicht die Verdienste der bundesdeutschen Antiatomkraftbewegung. Es steht außer Frage, dass ohne den heftigen Protest mehr Kernkraftwerke gebaut worden wären und dass diese deutlich störanfälliger gewesen wären. Mit dem Protest eröffnete sich zudem ein Diskursfeld, das es zuvor nicht gegeben hatte: Energiepolitik wurde zu einem Thema des demokratischen Dialogs. Nur darf all dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der nukleare Komplex auch seine selbstgemachten Probleme hatte. Nach Fukushima liegen Dolchstoßlegenden geradezu in der Luft: Atomkraft als physikalisch bestechendes Prinzip, das nur leider an der hysterischen Reaktion auf die Ereignisse in Japan gescheitert ist. Aber Atomkraft ist mehr als angewandte Physik

Abschiedsszenen

Das Ende war schon abzusehen, als Bundeskanzlerin Angela Merkel vor Fukushima die kurzlebige Laufzeitverlängerung durchdrückte. Da ging es nur noch um eine "Brückentechnologie" – eine jämmerliche Schrumpfversion der Utopien, die die Atomkraft einstmals auf den Weg gebracht hatten. Als Umweltministerin hatte sich Merkel in den 1990er Jahren noch begeistert für die Atomkraft ins Zeug gelegt.[20] Aber wo die Physikerin ein bestechendes Prinzip erkannte, sahen andere politische Kosten und Pfadabhängigkeiten. Selbst als die neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung händeringend nach Investoren suchten, mochte dort niemand ein Reaktorprojekt anschieben.

In den 1950er und 1960er Jahren hatte es berühmte Physiker gegeben, die öffentlich für die Atomkraft eintraten. Die komplizierte und risikoreiche Atomtechnologie brauchte in besonderem Maße vertrauenswürdige Gesichter. Aber nach und nach waren die charismatischen Figuren aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden, und in den 1980er Jahren war der sichtbarste Vorkämpfer der Atomkraft Franz Josef Strauß. Dieser verkörperte eher Entschlossenheit als wissenschaftliches Renommee. Als Jugendliche am Baugelände der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf einen ökumenischen Kreuzweg organisierten, erklärte er die Atomkraft in einem Brief an den bayerischen Klerus zum religiösen Gebot: "Ein gläubiger und verantwortungsbewußter Christ kann mit guten Gründen der Überzeugung sein, daß auch ein Kraftwerk ein Teil des göttlichen Auftrags ist."[21] Strauß war ein Gläubiger; der Chef des Energiekonzerns VEBA, Rudolf von Bennigsen-Foerder, dagegen war ein Unternehmer. Ein halbes Jahr nach dem Tod von Strauß machte er einen Vertrag mit der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague, der VEBA Milliarden sparte, und beerdigte Wackersdorf. Seit den 1970er Jahren lebt der nukleare Komplex in allen westlichen Ländern vor allem von dem in Beton gegossenen Erbe. Atomkraftwerke sind teuer im Bau, billig im Betrieb und teuer im Abriss. Der Atomlobby ging es deshalb vor allem darum, die Investitionen vergangener Jahrzehnte nach Möglichkeit auszureizen. Im 21. Jahrhundert bedeutete das vor allem möglichst lange Restlaufzeiten – ein Thema, das international noch längst nicht ausgestanden ist. Darüber hinaus zeigen die Stromversorger in keinem westlichen Land Appetit auf ein neues Atomprogramm, zumal die im Bau befindlichen Kernkraftwerke im finnischen Olkiluoto und im französischen Flamanville vor allem durch Verzögerungen und steigende Kosten von sich reden machen. Nach 75 Jahren Nuklearentwicklung gibt es weltweit kein einziges Atomkraftwerk, das am freien Markt eine Chance hätte.[22]

Wenn man einmal über die Grenzen der Bundesrepublik hinausschaut, ist die Mission der Antiatomkraftbewegung noch längst nicht erfüllt. Es geht um das Lernen aus Erfahrung, und das gehört zum Besten, was die Umweltbewegung zu bieten hat. Und es geht um neue Herausforderungen. Bei den Laufzeiten für Großkraftwerke bewegen wir uns weltweit in Bereiche, für die Erfahrungswerte fehlen. Alternde Anlagen werden störanfälliger, und manche Dinge wie etwa einen Druckbehälter kann man ohnehin nicht austauschen. Außerdem gibt es inzwischen eine neue Generation von Nuklearexperten, die nicht durch die Risikodebatten der 1970er und 1980er Jahre gegangen sind, die bei allen weltanschaulichen Zerwürfnissen doch auch ein Antrieb waren, in Sicherheitsfragen auf Zack zu sein. Im Vergleich mit den Anfangsjahren ist zwar unverkennbar, dass Kernkraftwerke sicherer geworden sind, aber das ist keine Einbahnstraße. Die Zahl der schweren Unfälle in US-amerikanischen Atomkraftwerken sank zwischen 1988 und 1997 von 0,32 je Reaktor und Jahr auf 0,04. Aber 2001 lag sie wieder bei 0,213.[23]

Und dann gibt es noch die Altlasten, bei denen Geschichtsklitterung eine profitable Sache sein kann. Zum Beispiel, wenn es darum geht, die Verantwortung für die Endlagerung von sich zu weisen: Der Vorstandsvorsitzende von E.ON, Johannes Teyssen, erklärte im Herbst 2015 gegenüber dem "Handelsblatt", Strauß habe als Atomminister "die Energiekonzerne beauftragt, Atomkraftwerke zu bauen. Und Helmut Schmidt hat das während der Ölkrise noch einmal getan."[24] Tatsächlich waren die Energieversorger damals am längeren Hebel, und eine Anordnung konnte es schon aus rechtlichen Gründen nicht geben. Als Student der Geschichtswissenschaft würde man mit solchen Behauptungen durchs Examen rasseln. Das Urteil der Politik steht noch aus.

Fußnoten

14.
Vgl. Holger Strohm, Friedlich in die Katastrophe, Frankfurt/M. 198210.
15.
Vgl. Andreas Pettenkofer, Die Entstehung der grünen Politik, Frankfurt/M. 2014.
16.
Wolfgang Sternstein, "Atomkraft – nein danke!" Der lange Weg zum Ausstieg, Frankfurt/M. 2013, S. 106.
17.
Vgl. Martin V. Melosi, Atomic Age America, Boston 2013, S. 223.
18.
Vgl. Allan M. Winkler, Life under a Cloud: American Anxiety About the Atom, Urbana 1999, S. 163.
19.
Vgl. World Nuclear Association, Nuclear Power in Brazil, Oktober 2015, http://www.world-nuclear.org/info/Country-Profiles/Countries-A-F/Brazil/« (25.2.2016).
20.
Vgl. Hans-Peter Schwarz, Helmut Kohl, München 2012, S. 768.
21.
Der Bayerische Ministerpräsident an den Kreisdekan im Kirchenkreis Nürnberg, 27.3.1986, S. 4, Archiv des Bundes Naturschutz in Bayern, Akte "WAA Pol Parteien".
22.
Instruktiv ist in dieser Hinsicht der Blick auf die vermeintliche Privatisierung der britischen Atomkraftwerke. Vgl. Dieter Helm, Energy, the State, and the Market: British Energy Policy since 1979, Oxford 2008, S. 186–203.
23.
Vgl. Charles Perrow, The Next Catastrophe, Princeton 2007, S. 142.
24.
"Niemand darf sich in die Büsche werfen", 10.9.2015, http://www.handelsblatt.com/12306432.html« (3.3.2016).
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Informationen zur politischen Bildung (Heft 319)

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