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26.5.2002 | Von:
Werner Reutter

Organisierte Interessen in Deutschland

Entwicklungstendenzen, Strukturveränderungen und Zukunftsperspektiven

Warum werden hierzulande Rolle und Bedeutung organisierter Interessen kontrovers diskutiert? Zumeist sind Verallgemeinerungen nur bedingt möglich, da die Interessengruppenforschung sehr unübersichtlich ist.

Einleitung

Organisierter Interessenvertretung werden nicht selten vorwiegend negative Wirkungen zugeschrieben. Verbände würden notwendige Veränderungen blockieren, weil ihre Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen und die damit verknüpfte Kompromissbildung allenfalls marginale Veränderungen erlaubten und notwendige Strukturreformen ausschlössen. Gleichzeitig unterminiere Verbandsmacht das politische Gleichheitsversprechen liberaler Demokratie, das in dem Postulat one man one vote einen wirkungsmächtigen Ausdruck gefunden hat. Organisationsmacht von Verbänden und Interessengruppen beruhe dagegen auf Handlungsmacht und gesellschaftlichen Ressourcen, die ungleich verteilt seien und dieses Postulat tendenziell in Frage stellten. Schließlich fehle verbandlicher Einflussnahme auch ein Verfahren, das, ähnlich wie Wahlen, zu einer grundsätzlichen Legitimation ihrer Entscheidungsträger und ihrer Politik führen könnte [1] . Nicht wenige forderten daher eine gesetzliche Grundlage, um den politischen Einfluss von Verbänden zu beschränken und deren binnenorganisatorische Strukturen zu "demokratisieren". Wie Parteien sollten Verbände "konstitutionalisiert" werden [2] .


Mit diesem - hier nur wenig zugespitzten - Negativbild übermächtiger, undemokratischer und gemeinwohlgefährdender Verbände kontrastiert die ebenso pointierte Auffassung, dass Interessenorganisationen Träger und Initiatoren des politischen und sozialen Wandels sind und Legitimationsdefizite territorialer, parlamentarischer Repräsentation ausgleichen könnten. Interessenorganisationen erbringen danach wichtige Integrations-, Vermittlungs- und Steuerungsleistungen für das politische System [3] . Sie verfügen über ein eigenständiges Legitimationspotenzial, können zur Akzeptanz und Durchsetzung allgemeinverbindlicher Entscheidungen beitragen und sind die sozialen Orte, in denen das zivilgesellschaftliche "soziale Kapital" angesiedelt ist und reproduziert wird, das für Bestand und Funktionsfähigkeit von liberal-demokratischen Systemen als unerlässlich gilt [4] .

Zurückzuführen sind diese ebenso konträren wie verbreiteten Einschätzungen unter anderem darauf, dass häufig Teile für das Ganze genommen werden. Beispielsweise stehen in der korporatismustheoretisch inspirierten Interessengruppenforschung zumeist gesellschaftliche Großorganisationen im Vordergrund [5] . Allerdings bilden gesellschaftliche Großorganisationen nur einen Ausschnitt der bundesdeutschen Interessenlandschaft und sind schon deshalb nicht repräsentativ für das System organisierter Interessen, weil sie groß und einflussmächtig sind. Häufig werden auch besonders markante Einflussnahmen auf politische Entscheidungsprozesse herangezogen, um daraus allgemeine Thesen vom "Gewerkschafts-", "Unternehmer-" oder schlicht "Verbändestaat" abzuleiten [6] .

Das mag - wie Ulrich von Alemann nicht zu Unrecht kritisiert - auf "mangelndes Methodenbewusstsein" von Teilen der Interessengruppenforschung und deren Hang zu "theoriegesättigten Dachkonstruktionen" verweisen [7] . Es macht aber auch deutlich, dass die Forschung über Interessengruppen, über den Dritten Sektor oder über zivilgesellschaftliche Vereinigungen eine unübersichtliche Untersuchungslandschaft mit differenzierten Themenfeldern zu bearbeiten hat, was Verallgemeinerungen nur bedingt und unter Vorbehalt erlaubt. Dies ist zu berücksichtigen, wenn im Weiteren versucht wird, einen Überblick über organisierte Interessen in der Bundesrepublik Deutschland zu geben [8] . Zuerst wird dafür die häufig vernachlässigte zivilgesellschaftliche Bedeutung organisierter Interessen und Vereinigungen skizziert. Auf dieser Grundlage werden aktuelle binnenorganisatorische Entwicklungslinien von Interessenorganisationen sowie grundlegende Aspekte der Beziehung zwischen Verbänden und Staat diskutiert.

Fußnoten

1.
Ich danke Peter Rütters für Hinweise und Kritik. 1 Vgl. zum Beispiel Heinz Theisen, Korporatismus und Konfliktkultur als Ursachen der "Deutschen Krankheit", in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B-29-30/98, S. 9 ff.; Theodor Eschenburg, Herrschaft der Verbände? Stuttgart 1963²; Claus Offe, Politische Herrschaft und Klassenstrukturen. Zur Analyse spätkapitalistischer Gesellschaften, in: Gisela Kress/Dieter Senghaas (Hrsg.), Politikwissenschaft - Eine Einführung in ihre Probleme, Frankfurt/Main 1969, S. 155 ff.
2.
Vgl. Dieter Grimm, Verbände, in: Ernst Benda/Werner Maihofer/Hans-Jochen Vogel (Hrsg.), Handbuch des Verfassungsrechts der Bundesrepublik Deutschland, Teil 1, Berlin - New York 1995², S. 665 ff.
3.
Vgl. Wolfgang Streeck, Vielfalt und Interdependenz. Überlegungen zur Rolle von intermediären Organisationen in sich ändernden Umwelten, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 39 (1987) 3, S. 471 ff.; Gerhard Lehmbruch, Interorganisatorische Verflechtungen im Neokorporatismus, in: Jürgen W. Falter/Christian Fenner/Michael Th. Greven (Hrsg.), Politische Willensbildung und Interessenvermittlung, Opladen 1984, S. 467 ff.; Martin Sebaldt, Organisierter Pluralismus. Kräftefeld, Selbstverständnis und politische Arbeit deutscher Interessengruppen, Opladen 1997, S. 381 ff.
4.
Der Begriff "soziales Kapital" wird mit Robert Putnam verstanden als Potenzial sozialer Organisationen, die Vertrauen, Normen und Netzwerke ausbilden und damit die Leistungsfähigkeit von Gesellschaften verbessern sowie gemeinsames Handeln erleichtern können, Robert Putnam, Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy, Princeton 1993, S. 167.
5.
Vgl. Philippe C. Schmitter, Interest Intermediation and Regime Governability in Contemporary Western Europe and North America, in: Suzanne Berger (Hrsg.), Organizing Interests in Western Europe. Pluralism, Corporatism and the Transformation of Politics, Cambridge u. a. 1981, S. 62 ff.; Werner Reutter, Korporatismustheorien. Kritik, Vergleich, Perspektiven, Frankfurt/Main 1991, S. 185 ff.
6.
Vgl. zusammenfassend Rolf G. Heinze: Verbändepolitik und "Neokorporatismus". Zur politischen Soziologie organisierter Interessen, Opladen 1982, S. 64 ff.; T. Eschenburg (Anm. 1).
7.
Ulrich von Alemann, Organisierte Interessen in der Bundesrepublik. Reflexionen zu ihrer politikwissenschaftlichen Rezeption und politischen Perzeption, in: Ralf Kleinfeld/Wolfgang Luthardt (Hrsg.), Westliche Demokratien und Interessenvermittlung. Zur aktuellen Entwicklung nationaler Parteien- und Verbändesysteme, Marburg 1993, S. 161.
8.
Hinzu kommt, dass wichtige Befunde nicht ohne weiteres auf die neuen Bundesländer zu übertragen sind. Vgl. Claus Offe/Susanne Fuchs, A Decline of Social Capital? The German Case, unveröffentlichtes Manuskript, Humboldt-Universität zu Berlin 1998, S. 34 ff.