APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Gregor Schöllgen

Zehn Jahre als europäische Großmacht

Eine Bilanz deutscher Außenpolitik seit der Vereinigung

Im Jahrzehnt nach der deutschen Vereinigung hatte gerade die Außenpolitik der Bundesrepublik viele Herausforderungen zu bestehen. Diese erreichten eine bislang nicht gekannte Dimension, da die weltpolitische Lage sich komplett gewandelt hatte.

I. Die Ausgangslage

Zehn Jahre ist es her: Am 3. Oktober 1990 wurde die Vereinigung der beiden deutschen Staaten feierlich vollzogen, und am folgenden Tag fand im Reichstagsgebäude zu Berlin die erste Plenarsitzung eines frei gewählten gesamtdeutschen Parlaments seit 57 Jahren statt. Damals war allerdings den wenigsten bewusst, was sich in der Rückschau auf das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts als unabweisbarer Befund darstellt: Nicht nur gaben die dramatischen Ereignisse der Jahre 1989/90 den Deutschen nach 1871 und 1918 die dritte historische Chance und bescherten ihnen erneut den spätestens seit 1961 für unerreichbar gehaltenen Nationalstaat, vielmehr katapultierten sie die Bundesrepublik gleichsam über Nacht wieder in die Rolle einer kontinentalen Großmacht mit weltpolitischem Gewicht [1] .


Im Unterschied zu vielen ausländischen Beobachtern gingen die meisten Deutschen davon aus, dass sich auch die erweiterte Bundesrepublik künftig als mittlere Macht auf die Mehrung ihres Wohlstandes konzentrieren könne. Dabei wurde die Geschichte des deutschen Nationalstaats übersehen, der von seiner Gründung im Jahre 1871 bis zu seinem Ende ein Dreivierteljahrhundert später eine Großmacht gewesen war.

Schon deshalb bedeutete die Vereinigung der beiden Teilstaaten zwangsläufig etwas anderes als eine Korrektur von Zahlen, Daten und Bilanzen in den Statistiken des Kontinents. Allerdings waren schon diese im Falle des vereinigten Deutschlands beeindruckend genug, und im Übrigen stand die Vereinigung Deutschlands als einziges Ereignis dieser Art gegen den allgemeinen Trend der politischen und territorialen Auflösung in Ost- und Südosteuropa. Vor allem aber besaß die Bundesrepublik, ähnlich wie Japan, das "Potential, mittels Nichtkooperation die Funktionen" des internationalen Systems zu "sabotieren" [2] . Anders als während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das eine Eigenschaft, die jede verantwortlich agierende Großmacht umso stärker in Rechnung zu stellen hatte, je weiter die Globalisierung und Vernetzung aller Lebensbereiche voranschritt und damit die Anfälligkeit des Gesamtsystems zunahm.

Diese Dimensionen der Vereinigung Deutschlands und vor allem ihre vielfältigen Konsequenzen konnte 1989/90 zweifellos kaum jemand vorhersehen, zumal die Bundesrepublik mit dem 3. Oktober 1990 noch keineswegs vollständig souverän war. Vorläufig waren die Rechte und Verantwortlichkeiten der Vier Mächte nur "ausgesetzt". Ihr endgültiges Erlöschen hing vom Inkrafttreten des "Zwei-plus-Vier"-Vertrages ab, und das wiederum setzte dessen Ratifizierung voraus. Die Sowjets machten diesen letzten Schritt von einigen Vereinbarungen über die Modalitäten des Abzuges ihrer Truppen aus Deutschland abhängig, deren erste noch am 13. September 1990, einen Tag nach Unterzeichnung des "Zwei-plus-Vier"-Vertrages und auf den Tag genau 35 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR, in Moskau paraphiert wurde.

Fußnoten

1.
Vgl. zum weltpolitischen Hintergrund Gregor Schöllgen, Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow 1941-1991, München 1996.
2.
In diesem Sinne über die Stellung Japans R. Murata, Die japanische Außenpolitik in den neunziger Jahren, in: Europa-Archiv, 48 (1993), S. 578.