Um gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zu demonstrieren, knien Spieler des Footballteams der Woodrow Wilson High School in Camden während der Nationalhymne

16.3.2018 | Von:
Christopher Vials

White Supremacy. Geschichte und Politik des Weißseins in den USA

Gesetze zur rechtlichen Gleichstellung

Formale, de jure geltende Staatsbürgerrechte gründen sich in den Vereinigten Staaten heute nicht mehr auf das Weißsein. Innenpolitischer und von außen ausgeübter politischer Druck sorgten dafür, dass das Land Mitte des 20. Jahrhunderts von der unverhohlenen white supremacy abrückte. Der stärkste innenpolitische Druck ging von der Bürgerrechtsbewegung (1930er bis 1960er Jahre) aus, die wie keine andere zuvor das Thema der white supremacy ins Zentrum der politischen Debatte rückte. Obendrein zwang die globale, antikoloniale Entwicklung in Afrika, Asien und Lateinamerika während des Kalten Kriegs US-amerikanische Entscheidungsträger dazu, Eindruck bei jüngst entkolonialisierten Nationen zu machen und im eigenen Land mit einer "racial reform" auf die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung einzugehen.[10]

Diese Dynamik führte 1965 zur Verabschiedung des Immigration and Nationality Act, der zeitgleich mit dem Civil Rights Act von 1964 und dem Voting Rights Act von 1965 verabschiedet wurde. Gemeinsam beendeten diese Gesetze weitgehend die de jure bestehende white supremacy in den Vereinigten Staaten. Der Civil Rights Act setzte der Rassentrennung und der sogenannten Jim-Crow-Ära[11] im Süden ein Ende und stellte erstmals in der US-Geschichte die Diskriminierung aufgrund von Rassenzugehörigkeit oder Geschlecht am Arbeitsplatz, auf dem Wohnungsmarkt, im Erziehungswesen und im öffentlichen Raum unter Strafe. Der Immigration Act von 1965 war das Einwanderungspolitik-Pendant zum Civil Rights Act. Zwar strich der McCarran-Walter Act von 1952 den Begriff "freie weiße Personen" aus dem US-Einwanderungsgesetz, bewirkte jedoch kaum eine Veränderung in der demografischen Zusammensetzung des Landes, da frühere, auf Quoten basierende Einschränkungen einer Einwanderung aus Ländern außerhalb Nordeuropas in Kraft blieben. Das Gesetz von 1965 hingegen behielt zwar die Praxis der Quoten mit einer Obergrenze von 170.000 Einreisebewilligungen bei, strich jedoch Rassenzugehörigkeit und nationale Herkunft als Grundlage für den positiven Bescheid für Visa-Antragsteller.

Im Laufe der Zeit führte dieses Gesetz zu einer substanziellen demografischen Veränderung – Europäer machen heute einen wesentlich kleineren Anteil der Einwanderer und Neubürger in den USA aus. Stammten 1960 noch 84 Prozent der Einwanderer aus Europa oder Kanada, so liegt dieser Anteil heute nur noch bei knapp 14 Prozent, und Lateinamerikaner und Asiaten stellen mittlerweile die größte Bevölkerungsgruppe der im Ausland geborenen Einwanderer. Stand 2016 geht die US-amerikanische Statistikbehörde davon aus, dass 61 Prozent der Bevölkerung nicht-lateinamerikanische Weiße sind; 1960 waren es noch 85 Prozent gewesen.[12]

Mochte das Ende der de jure bestehenden white supremacy auch einen enormen Schritt in die richtige Richtung bedeuten, so war damit die white supremacy als solche dennoch nicht beendet. Rassismus und Rassentrennung existieren de facto weiterhin. Besuchern der Vereinigten Staaten fällt rasch auf, dass Weiße und people of color dazu neigen, sich in je eigenen Stadtteilen niederzulassen, auch wenn derartige Separierungen nicht gesetzlich vorgeschrieben sind.

Die offenkundigste Fortdauer der white supremacy ist jedoch ökonomischer Natur: 2017 stellte eine viel beachtete Studie eine enorme und weiter wachsende Kluft zwischen dem Wohlstand Weißer und dem Nichtweißer fest. Sie brachte ans Licht, dass der Wohlstand in weißen Haushalten mit mittlerem Einkommen achtmal so hoch ist wie der Wohlstand schwarzer Haushalte und zehnmal so hoch wie der von Latino-Haushalten der gleichen Einkommensgruppe.[13] In der unteren Hälfte von Einkommensbeziehern weisen asiatische Haushalte die Hälfte des Wohlstands ihrer weißen Pendants auf. Darüber hinaus sank zwischen 1983 und 2013 der Wohlstand in schwarzen und Latino-Haushalten mit mittlerem Einkommen um 75 beziehungsweise 50 Prozent, während der von Weißen in der gleichen Einkommensgruppe um 14 Prozent stieg.[14] Die materielle Basis für white supremacy ist damit gegeben, und allzu häufig fungiert die Rassenzugehörigkeit immer noch als sozialer Marker.

Fußnoten

10.
Siehe Mary Dudziak, Cold War Civil Rights. Race and the Image of American Democracy, Princeton 2000.
11.
Der Begriff "Jim Crow" stand im 19. Jahrhundert für das Stereotyp des faulen, unterdurchschnittlich intelligenten Schwarzen. In der Jim-Crow-Ära war die Segregation in den US-amerikanischen Südstaaten durch Gesetze festgelegt. Siehe hierzu auch den Beitrag von Michael Hochgeschwender in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
12.
Siehe Gustavo Lopez/Jynnah Radford, Facts on U.S. Immigrants, 2015, 3.5.2017, http://www.pewhispanic.org/2017/05/03/facts-on-u-s-immigrants«; United States Census Bureau, Quick Facts: 2016, o.D., http://www.census.gov/quickfacts/fact/table/US/PST045216«.
13.
"Wohlstand" steht in diesem Fall für kumuliertes Vermögen, dessen wertvollster Bestandteil für die meisten US-amerikanischen Familien ein Haus ist, das als solches eine entscheidende Grundlage wirtschaftlicher Sicherheit darstellt.
14.
Vgl. Institute for Policy Studies and Prosperity Now, The Road to Zero Wealth: How the Racial Wealth Divide is Hollowing Out America’s Middle Class, Washington D.C. 2017.
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