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20.4.2018 | Von:
Rosalind Gill

Die Widersprüche verstehen. (Anti-)Feminismus, Postfeminismus, Neoliberalismus

Postfeminismus definieren

Eine der Herausforderungen bei der Untersuchung von Postfeminismus liegt darin, dass der Begriff sehr unterschiedlich verwendet wird – und häufig undefiniert bleibt. Seit der ersten Erwähnung in den 1980er Jahren existieren drei grundlegende Perspektiven.

Im Rahmen der ersten Perspektive wurde Postfeminismus zuweilen als eine neue theoretische Wende innerhalb des Feminismus verstanden, nämlich als epistemologischer Bruch, der von "der Überschneidung des Feminismus mit anderen antifundamentalistischen Bewegungen herrührte, etwa der Postmoderne, dem Poststrukturalismus und dem Postkolonialismus".[3] Die Vorsilbe "Post" stand in diesem Sinne für Veränderung und Wandel und zudem für eine kritische Auseinandersetzung mit früheren oder anderen Formen des Feminismus. Vor allem stellte sie eine Herausforderung für die "dominante und kolonialisierende Stimme" des "hegemonialen" anglo-amerikanischen Feminismus dar;[4] ihr Aufkommen resultiert teilweise aus der Kritik seitens schwarzer Feministinnen beziehungsweise von Feministinnen aus Ländern des Globalen Südens, die das Recht weißer Frauen aus dem Globalen Norden hinterfragten, im Namen aller Frauen zu sprechen.[5]

Daneben und im Einklang damit stand die von Postmoderne und Poststrukturalismus gestellte kritische Aufgabe, zu hinterfragen, inwiefern sich feministische Theorie auf Metaerzählungen und totalisierende Konzepte (etwa "Patriarchat") stützte. Der Soziologin Anna Yeatman zufolge bedeutet Postfeminismus bei einer Verwendung des Begriffs in diesem Sinne das "Erwachsenwerden" des Feminismus: imstande zu sein, Unterschiede zu tolerieren und über seine Verortung in Bezug auf andere intellektuelle und politische Bewegungen zu reflektieren.[6] An sich spricht dies für die Annahme, dass es sich um eine theoretische Orientierung oder Perspektive handelt. In der Praxis ist es jedoch schwer, Schriften zu finden, die den Begriff tatsächlich auf diese Weise operationalisieren. Nur wenige Wissenschaftlerinnen bezeichnen sich selbst in diesem Sinne als "Postfeministinnen", wie sie sich womöglich als postkoloniale oder poststrukturalistische Wissenschaftlerinnen bezeichnen würden.

Vertreterinnen einer zweiten These betrachteten Postfeminismus als eine historische Schwerpunktverlagerung innerhalb des Feminismus beziehungsweise als Teil seines kontinuierlichen Wandels. Eine solche Sichtweise stützt sich auf den Ansatz, Feminismus zu periodisieren – für gewöhnlich mittels Jahrzehnten oder Wellen; Postfeminismus gilt als eine Phase nach dem Höhepunkt der zweiten Welle des Feminismus. Insofern liegt hier ein Fokus auf einem Generationenwechsel, tritt der Postfeminismus doch gegen einen "älteren" Feminismus an und bietet sich als "mädchenhafte", "sexy" Form des Feminismus und mit Sicherheit als ein "Update" an.[7] Postfeminismus in diesem Sinne stellte die Vorstellung infrage, der einzig "wahre" Feminismus sei jener der zweiten Welle;[8] stattdessen wurde der Feminismus als dynamisch und in einem Prozess permanenter Veränderung begriffen, angetrieben von neuen Ideen und neuen Generationen von Feministinnen – bei denen Postfeminismus schlichtweg die neuste Version ist.

Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe,[9] war es zwar nützlich, Veränderung zu begrüßen und offen für neue feministische Ideen zu sein, doch lag die Schwierigkeit darin zu bestimmen, was den Kerninhalt von Postfeminismus ausmachen könnte, wenn es denn überhaupt einen gab, und sich daher damit zu befassen, wie dieser sich analytisch und politisch abgrenzen lässt. Muss jedes feministische Engagement und jede feministische Idee späteren Datums als die zweite Welle – mithin alles von Mitte der 1980er Jahre an – automatisch als zwingend "postfeministisch" betrachtet werden? Und falls ja, was trägt der Begriff zu unserem Verständnis bei, insbesondere was die – manchmal radikal – unterschiedlichen Ideen und Ziele angeht, die zu einem beliebigen Zeitpunkt verbreitet werden können? Darüber hinaus fällt das Fehlen eines Versuchs auf, Anspruch auf eine postfeministische Identität zu erheben – insbesondere im Gegensatz zu der bereitwilligen Übernahme von Positionen der dritten oder vierten feministischen Welle.[10]

Eine dritte Verwendung des Begriffs "Postfeminismus" bezieht sich auf Diskurse, die Teil einer antifeministischen Gegenreaktion (Backlash) darstellen. Das Buch der Journalistin Susan Faludi zum Backlash gegen den Feminismus machte die These einer Gegenreaktion populär. Wie Faludi aufzeigt,[11] wird der Feminismus häufig verantwortlich gemacht für die persönlichen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme moderner Frauen. Dabei spielen konstruierte Beschwerden wie "Männermangel" oder "Unfruchtbarkeitswelle" sowie Figuren wie die "unglückliche Jungfer" oder die "verbissene Karrierefrau" eine Rolle.

Der wiederauflebende Sexismus in Medien und Populärkultur nach der zweiten Welle des Feminismus und als Reaktion auf diese ist vielfach analysiert worden;[12] mittlerweile sind eine Reihe unterschiedlicher Begriffe verfügbar: retro sexism, new sexism, enlightened sexism oder auch flexible sexism. Die Kulturwissenschaftlerin Sara Ahmed formuliert es wie folgt: "Unser Sexismus-Archiv ist voll. Unser Archiv ist vollgestopft."[13] Zeitgenössische Feministinnen (etwa die Protagonistinnen der #MeToo- oder #TimesUp-Initiative) dürften Erfahrungen mit Belästigung, Diskriminierung oder Missbrauch nicht als Backlash gegen den Feminismus erlebt haben, sondern schlichtweg als Beispiele für Sexismus als Diskurse und Praktiken, die unsere nachdrückliche Kritik einfordern, und zwar weil sie gegen Frauen gerichtet sind, und nicht, weil sie den Feminismus per se attackieren. Um als antifeministische Gegenreaktionen zu gelten, muss meiner Ansicht nach nachgewiesen werden, dass es sich um spezifische Reaktionen auf den Feminismus handelt. Begriffe wie Backlash und retro sexism dienen dazu, bestimmte politische Projekte und den reaktiven wie auch den reaktionären Charakter zahlreicher zeitgenössischer Darstellungen und Diskurse hervorzuheben. Doch wenn in dieser dritten Perspektive auf den Postfeminismus angenommen wird, dass er mit dem Antifeminismus verschmolzen ist, wird ein entscheidender Aspekt übersehen, nämlich dass feministische und antifeministische Ideen häufig miteinander verwoben sind.[14]

Fußnoten

3.
Ann Brooks, Postfeminisms: Feminism, Cultural Theory and Cultural Forms, London 1997, S. 1.
4.
Lynne Alice, What is Postfeminism? Or, Having it Both Ways, in: Feminism, Postmodernism, Postfeminism: Conference Proceedings, Massey University, New Zealand 1995, S. 11.
5.
Vgl. Chandra Talpade Mohanty, Under Western Eyes: Feminist Scholarship and Colonial Discourses, in: Feminist Review 30/1988, S. 61–88; bell hooks, Yearning: Race, Gender and Cultural Politics, London 1991; Patricia Hill Collins, Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment, London 1991; Heidi Safia Mirza (Hrsg.), Black British Feminism: A Reader, London 1997.
6.
Vgl. Anna Yeatman, Feminism and Power, in: Women’s Studies Journal 1/1994, S. 70–100.
7.
Vgl. Patricia Lewis, Postfeminism, Femininities and Organization Studies: Exploring a New Agenda, in: Organization Studies 12/2015, S. 1845–1866.
8.
Vgl. Joanne Hollows, Feminism, Femininity and Popular Culture, Manchester 2000.
9.
Vgl. Rosalind Gill, Postfeminist Media Culture: Elements of a Sensibility, in: European Journal of Cultural Studies 10/2007, S. 147–166.
10.
Vgl. Stacy Gillis/Gillian Howie/Rebecca Munford (Hrsg.), Third Wave Feminism, New York 20072; Nicola Rivers, Postfeminism(s) and the Arrival of the Fourth Wave, London 2017.
11.
Vgl. Susan Faludi, Backlash: The Undeclared War Against American Women, New York 1991.
12.
Vgl. Imelda Whelehan, Overloaded: Popular Culture and the Future of Feminism, London 2000; Judith Williamson, Sexism with an Alibi, 31.5.2013, http://www.theguardian.com/media/2003/may/31/advertising.comment«; Susan Douglas, Enlightened Sexism: The Seductive Message that Feminism’s Work Is Done, New York 2010.
13.
Sara Ahmed, Introduction: Sexism – A Problem with a Name, in: New Formations 1/2015, S. 5–13, hier S. 13.
14.
Vgl. McRobbie (Anm. 2).
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