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22.5.2002 | Von:
Rainer Gries
Silke Satjukow

Von Menschen und Übermenschen

Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden"

IV. Die Attraktivität des Ähnlichen

Mehr noch als in bürgerlichen Gesellschaften wählten die Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates Helden aus, die ihnen und ihrem Leben nahe waren. Dies hört sich mit dem Blick auf die Kosmoshelden zunächst unwahrscheinlich an, doch schaut man auf deren Biographien, Alltagszeugnisse und Auftritte, bestätigen auch sie die These der Ähnlichkeit.

Bei der Ähnlichkeitsthese geht es um die Frage, wie sich Individuen subjektiv der eigenen Fähigkeiten und der Gültigkeit ihrer eigenen Vorstellungen über die Beschaffenheit der Umwelt versichern. Dies geschieht, so die Annahme, indem das Individuum seine Ansichten mit denen anderer Personen vergleicht. Vergleichsprozesse sind allerdings nur dann sinnvoll, "wenn Vergleichspersonen verfügbar sind, die uns in Meinungen oder Fähigkeiten ähneln". [12] Dabei geht es hier nicht allein um Ähnlichkeit auf der zur Beurteilung anstehenden spezifischen Einstellungs- und Fähigkeitsdimension, sondern um eine globalere Ähnlichkeit. Neben der Wahl von Vergleichspersonen hat Ähnlichkeit noch eine zweite wichtige Funktion: Ihre Bedeutung ist auch für das Vorbildlernen belegt. Schon "ganz äußerliche Ähnlichkeiten (wie gleicher Name und gleiche Vorlieben) fördern die Neigung des Kindes, sich mit einem Erwachsenen zu identifizieren, d. h. dessen Verhalten nachzuahmen". [13] Gleiches gilt auch für das Anerkennen von Vorbildern durch Erwachsene. Neben diesen differenzierten Ähnlichkeitsmerkmalen sind zudem Faktoren wie Alter und Bildung, Geschlecht und Generationenzugehörigkeit sowie der jeweilige ideologische Standort bei der Auswahl von Vorbild-Helden bedeutsam.

Adolf Hennecke entstammte einer einfachen Bergarbeiterfamilie. Er sprach, so wird immer wieder bezeugt, die Sprache der Kumpel, saß mit ihnen bei Skat und Bier zusammen. Er stand für den ganz normalen Mann der Nachkriegszeit. Selbst als er bereits zum bekanntesten Arbeitshelden der DDR avanciert war und in Berlin lebte, war er darum bemüht, sich bescheiden zu geben und seinen Kontakt zum "einfachen" Arbeiter weitestgehend aufrechtzuerhalten. Juri Gagarin wuchs in einer Bauernfamilie auf und musste sich alles hart erarbeiten, wie jedermann aus seinem Bestseller-Roman "Mein Flug ins All" erfuhr. Ob Arbeiter-, ob Sport-, ob Kosmosheld - ihnen allen wurde nicht nur regelmäßig das adelnde Wort "Arbeiter" beigestellt, vielmehr war ihnen "das Arbeiterliche" [14] in Habitus und Gestus von Kindesbeinen an eingeschrieben. Sie - die vormals Unterprivilegierten - entdeckten sich nun als anerkennenswerte, respektable Persönlichkeiten. Ihnen ähnlich zu sein und sie für eigenes Handeln und Streben als Vorbild zu erklären schien demzufolge einem Großteil der Bürgerinnen und Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates DDR vorstellbar zu sein.

Fußnoten

12.
Wolfgang Stroebe, Soziale Vergleichsprozesse, in: Dieter Frey/ Siegfried Greif (Hrsg.), Sozialpsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen, München - Weinheim 1987², S. 330.
13.
Heinz Heckhausen, Die Interaktion der Sozialisationsvariablen in der Genese des Leistungsmotivs, in: Carl-Friedrich Graumann (Hrsg.), Sozialpsychologie, München - Weinheim 1972, S. 990.
14.
Im Sinne von Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 200.