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5.9.2003 | Von:
Sabine Riedel

Der Islam als Faktor in der internationalen Politik

II. Politischer Islam, islamischerFundamentalismus, Islamismus

Eine wichtige Bemerkung muss vorangestellt werden: Zahlreiche Autoren verwenden die genannten Begriffe, ohne dem Leser zu erklären, was sie darunter genau verstehen. Dies fällt beim Ausdruck "politischer Islam" besonders ins Auge. Zu welchen anderen Begriffen setzt er sich ins Verhältnis oder grenzt er sich ab? Etwa zu einem "unpolitischen Islam"? In diesem Fall hätten wir den Grad des zielgerichteten und handlungsorientierten Auftretens als Bestimmungskriterium ausgewählt.

1. Politischer Islam

Setzen wir voraus, dass sich der "politische Islam" durch den hohen Grad an politischer Aktivität definiert und sich somit als Gegenpol zur passiven Masse der Gläubigen des Islam versteht, so bleibt dennoch die Frage unbeantwortet, welche Akteure ihn eigentlich vertreten. Den Islam als Religionsgemeinschaft können aber nur die islamischen Geistlichen repräsentieren, zu denen je nach Glaubensrichtung Imame (ima'm - Vorbeter), Mullahs (mulla'h - Gelehrter), islamische Wissenschaftler ('ulama') und islamische Rechtsgelehrte (fuqaha') gehören. Doch wenn derzeit von "Führern des politischen Islam" z.B. in der Türkei gesprochen wird,[10] ist ausschließlich die Rede von Vertretern politischer Bewegungen, die ihre Programme nach religiösen Werten ausgerichtet haben. Damit wird jedoch die Unterscheidung zwischen politischen und religiösen Akteuren aufgegeben und stillschweigend die These akzeptiert, es gebe im Islam keine Trennung von Kirche und Staat.

Die genuine Frage der Politikwissenschaft, wie sich Herrschaft legitimiert und wie sich in dem betreffenden Staat speziell das Verhältnis zwischen Religion und Politik institutionell gestaltet, lässt sich mit dem Begriff des "politischen Islam" nicht sinnvoll bearbeiten. Denn mit der Annahme einer "islamischen Verknüpfung von Glaube und Staat" erübrigt sich die Analyse einer möglichen gegenseitigen Instrumentalisierung. Die Unterscheidung zwischen der religiös legitimierten Herrschaft eines weltlichen Führers und der weltlich legitimierten Herrschaft eines Klerus, d.h. eines theokratischen Systems, wäre demnach nur eine formale und ohne weiteren Erkenntnisgewinn.

2. Islamischer Fundamentalismus

Im Gegensatz zum Begriff des "politischen Islam" setzen die beiden anderen Begriffe, der "islamische Fundamentalismus" sowie der "Islamismus", voraus, dass es in der islamischen Welt sehr wohl eine Säkularisierung und damit einen Modernisierungsprozess gegeben hat. Andernfalls könnten wir heute nicht von einem islamischen Fundamentalismus sprechen bzw. von islamischen Bewegungen, die ihre religiösen Grundlagen in Gefahr sehen und zu den Ursprüngen ihrer Religion zurückfinden wollen.

Doch zu welchem Fundament ihrer Religionslehre können Muslime überhaupt zurückkehren? Was bedeutet der Fundamentalismus im Islam? Über diese Frage haben sich die Muslime von Anfang an, also schon kurz nach dem Tod des Religionsstifters Mohammed Mitte des 7. Jahrhunderts, zerstritten. Die Muslime spalteten sich nämlich bei der Frage um dessen geistige und politische Nachfolge, d.h. um die Besetzung des Kalifats, in Sunniten und Siiten. Der Titel Kalif (hali'fa) bedeutet soviel wie "Nachfolger" (Mohammeds) und "Stellvertreter" (Gottes) und kennzeichnete sowohl den weltlichen Herrscher wie auch den "Fürst der Gläubigen" (ami'r al mu'mini'n) und Vorbeter des Freitagsgebets (ima'm).[11]

Während die Siiten das Amt des Kalifen als erblich betrachteten und meinten, dieses Amt müsse an den nächsten engsten Verwandten des Religionsstifters übergehen, genügte es den Sunniten, dass jemand aus dem Stamm des Propheten zu dessen Nachfolger bestimmt wird. Wichtig war ihnen vor allem die so genannte Sunna des Propheten, d.h. die Überlieferung von dessen Lebensweise. Anhand verschiedener Berichte (hadi'th) und Belegketten (isna'd) wurde sie rekonstruiert und zum Vorbild des Muslimseins bestimmt. Darüber hinaus diente die Sunna zur Weiterentwicklung des islamischen Rechts, die unter abbasidischer Herrschaft ab Mitte des 8. Jahrhunderts allmählich in die Hand islamischer Wissenschaftler ('ulama') übergegangen war und verschiedene Rechtsschulen begründete. Wenn heute islamische Fundamentalisten des sunnitischen Islam zu den ursprünglichen Quellen ihres Glaubens zurückfinden wollen, so stehen sie vor einem Problem: Sie verkennen, dass die Sari'a kein unveränderbares Recht darstellt. Vielmehr ist die Sari'a eine über Jahrhunderte gewachsene Sammlung, Systematisierung und Interpretation des islamischen Rechts und damit letztlich ein von Menschenhand gefertigter und entwickelter Rechtskorpus.

3. Islamismus

Wie sieht der islamische Fundamentalismus dagegen unter den Siiten aus, die das Kalifat als erblich ansahen und darauf bestanden, dass dieses Amt einem Nachkommen 'Ali's übertragen werden müsse? So bezeichnet der Name Siiten bis heute die Anhängerschaft, d.h. die "Partei", 'Ali's - eines der ersten vier Kalifen. Wie erwähnt haben diese die Sunna des Propheten von Anfang an als Rechtsquelle abgelehnt. Für sie wäre es ein einfaches, sich auf den Koran als einzige Quelle zu beschränken und die gesamte Rechtsentwicklung der klassischen Periode abzulehnen. Doch im iitischen Islam gibt es eine Besonderheit, die für unsere Begriffsbestimmung entscheidend ist. Unter den iiten konnten nämlich islamische Rechtsschulen überleben, die von der sunnitischen Tradition rasch verdrängt oder marginalisiert worden waren. Dazu gehören u.a. solche Schulen, die sich bei der Auslegung der Quellen auch rationaler Argumente bedienten. Als Methoden der Wahrheitsfindung im islamischen Recht sind z.B. zu nennen die Analalogie, der Konsens unter den Gelehrten, der Vergleich und die Anstrengung bei der Exegese ('ig'tiha'd). Diese Elemente haben sich bis heute nicht nur im sunnitischen, sondern vor allem im s'iitischen Islam erhalten.

Im Unterschied zum sunnitischen Fundamentalismus sind also die iranischen Mullahs nicht auf eine buchstabengetreue Auslegung mittelalterlicher Rechtsquellen aus der sari'a angewiesen, sondern in der Lage, die s'iitische Lehre für eine flexible Interpretation des Islam zu nutzen. Ihre Lehrgebäude können sie sogar mit einer modernen Ideologie verbinden und damit den Griff nach der weltlichen Macht in Form einer Theokratie legitimieren. Begünstigt wurde eine solche Entwicklung durch eine weitere Besonderheit des siitischen Islam: Im Gegensatz zum sunnitischen Islam entstand im Verlauf des 16. Jahrhundert allmählich eine Hierarchie unter der islamischen Geistlichkeit, d.h. ein iitischer Klerus. Je nach Position konnte nun ein islamischer Gelehrter einen geringeren oder auch einen größeren Einfluss auf die Auslegung der iitischen Lehre haben.[12] Aus diesem Grund schlägt der Islamwissenschaftler Heinz Halm vor, im Falle des Iran nicht von einem islamischen Fundamentalismus, sondern vom Islamismus zu sprechen.[13]

Ein Begriff sollte noch kurz erklärt werden, nämlich der "g'ihad" - d.h. der Heilige Krieg. Er geht zurück auf eine wichtige Methode der islamischen Rechtsfindung, nämlich auf die Anstrengung bei der Exegese ('ig'tiha'd) der islamischen Rechtsquellen, und bedeutete ursprünglich "das Sich-Bemühen-um-Gott". Von diesem Wortstamm leitet sich die Bezeichnung "mug'a'hidi'n" ab, d.h. die "Gotteskrieger". Danach haben sich in der Moderne nicht nur religiöse Bewegungen, sondern auch säkulare Widerstandsorganisationen benannt.


Fußnoten

10.
Vgl. Günter Seufert, Neue pro-islamische Parteien in der Türkei, Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, März 2002, S. 6 (www.swp-berlin.org).
11.
Vgl. Ralf Elger (Hrsg.), Kleines Islam-Lexikon. Geschichte. Alltag. Kultur, München 2001 3 , hier S. 154; vgl. ebenso: Gerhard Endreß, Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte, München 1997 3 , hier S. 44f.
12.
Vgl. Heinz Halm, Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution, München 1994, S. 120f.
13.
Vgl. ders., Islam und Islamismus. Eine notwendige Begriffsklärung, in: Evangelische Kommentare (Evkomm), (1995) 3, S. 147 - 149.