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Macht und Glauben in Zentralasien

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Macht und Glauben in Zentralasien

Michael Lüders

/ 16 Minuten zu lesen

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist Zentralasien ein Schauplatz der Weltpolitik. Extreme Armut, politische Instabilität und staatliche Repression haben zum Anwachsen islamistischer Bewegungen beigetragen.

I. Das "große Spiel"

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist Zentralasien ein Schauplatz der Weltpolitik. Da die Region an Afghanistan grenzt, ist sie geopolitisch von größtem Interesse für die Anti-Terror-Koalition, die dort Tausende Soldaten stationiert hat. Extreme Armut, politische Instabilität, Repression und die zügellose Selbstbereicherung der Machthaber sind die Ursachen für den wachsenden Einfluss radikalislamischer Bewegungen, die seit dem Ende der Sowjetunion auch in Zentralasien im Aufwind sind.

Mit Beginn der Angriffe auf Afghanistan am 7. Oktober 2001, die sechs Wochen später zum Sturz der Taliban führten, wurden auch in Zentralasien Militärbasen der Anti-Terror-Koalition eingerichtet, vor allem für die Luftwaffe. Stützpunkte befinden sich in Kirgistan (2 000 Soldaten, überwiegend Amerikaner und Franzosen) und Usbekistan (1 500 Amerikaner, 300 Deutsche), ein kleines Kontingent (150 Franzosen, 30 Amerikaner) ist in Tadschikistan stationiert. Die Bevölkerung begegnet der westlichen Militärpräsenz überwiegend mit Gleichgültigkeit. Politische Analytiker vor Ort befürchten, dass der wachsende amerikanische Einfluss in der Region mittel- und langfristig vor allem mit chinesischen, aber auch mit russischen und iranischen Interessen kollidieren wird. Dabei geht es nicht zuletzt um den Zugriff auf die Bodenschätze, in erster Linie Erdöl und Erdgas. Der Bau neuer, überwiegend amerikanisch finanzierter Pipelines (Baku, Aserbaidschan - Ceyhan, Türkei; geplant ist Turkmenistan - Pakistan über Afghanistan) entscheidet nicht allein über Armut oder Wohlstand der jeweiligen Anrainerstaaten. Gleichzeitig ist er ein politisches Signal, ein Symbol des Machtwechsels. Russlands Einfluss in Zentralasien schwindet, die USA füllen das Vakuum. Sollte Washington seine neue Rolle in der Region auch als Ordnungsmacht wahrnehmen, so wie im Nahen und Mittleren Osten, dürfte der Konflikt mit Peking nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die zentralasiatischen Staaten Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan 1991 unabhängig. Die Folgen waren ein beispielloser wirtschaftlicher Niedergang, ethnische Spannungen, politische Repression und ein Aufschwung radikalislamischer Bewegungen. Alle Staaten Zentralasiens sind präsidiale Diktaturen, die Oppositionskräfte wurden in den ersten zwei Jahren der Unabhängigkeit weitgehend zerschlagen, unabhängige Medien gibt es kaum. Kennzeichnend für die Regierungssysteme sind Vetternwirtschaft und eine endemische Korruption. Die Nomenklatura aus alten sowjetischen Zeiten hat sich an der Macht behauptet, verwendet nunmehr allerdings nationalistische oder islamische Symbole, um sich politisch zu legitimieren.

II. Herrschaftsausübung am Beispiel Usbekistans

Insbesondere der usbekische Präsident Islam Karimov begründet seine repressive Politik mit der Gefahr, die vom radikalen Islam ausgehe. Der radikale Islam in Zentralasien ist jedoch in erster Linie eine Reaktion auf Armut, Unfreiheit und den Mangel an demokratischen, säkularen Alternativen, und er ist Ausdruck einer Identitätssuche. Mit anderen Worten: Der radikale Islam ist die Quittung für das Versagen der autoritären Regime und ihrer zügellosen Selbstbereicherung, wie vor allem die Entwicklung in Usbekistan zeigt.

Nach der Unabhängigkeit stellte sich für Präsident Karimov die Frage, wie eine moderne usbekische Identität zu begründen, der Nationalstaat zu legitimieren sei - und mit ihm die eigene Herrschaft. Karimov machte zweierlei. Zum einen "usbekisierte" er die Geschichte Timurs und der Timuriden. Timur-Leng (auch Tamerlan genannt, 1336 - 1405) wurde unweit von Samarkand geboren und baute in mehreren Feldzügen durch Asien und Europa ein Reich auf, das vom Ganges bis zum Mittelmeer reichte. 1370 wurde er zum Emir Transoxaniens ausgerufen. Timur war nach Dschingis Khan der mächtigste (und grausamste) Herrscher Zentralasiens aller Zeiten.

Es dürfte kein Zufall sein, dass Karimov Timur zum Ahnherren Usbekistans machte; wider die Geschichte, denn Timur war kein Usbeke, sondern Mongole. Überdies wurde die Hochkultur der Timuriden, die Blüte islamischer Herrschaft und Kunst in Buchara und Samarkand, im Jahr 1506 von den usbekischen Eroberern zerstört. Aber Timur steht für Macht und Größe, und Karimov sieht sich als dessen legitimer Erbe. Er beansprucht eine usbekische Führungsrolle in Zentralasien, gegen den wirtschaftlich stärkeren Nachbarn Kasachstan, und er behandelt die kleinen Staaten Kirgistan und Tadschikistan mit ihren starken usbekischen Minderheiten wie Vasallen.

Und zum anderen instrumentalisierte Karimov den Islam. 1991, als der vormalige Erste Sekretär der KP Usbekistans als Präsident Usbekistans vereidigt wurde, hielt er den Koran in der einen, die Verfassung in der anderen Hand. Im Jahr darauf machte er eine Pilgerfahrt nach Mekka und empfahl sich der islamischen Welt wie auch der eigenen Bevölkerung als guter Muslim und gläubiger Führer. Die häufig verfallenen Moscheen, Madrasas (Koranschulen) und sakralen Prachtbauten aus dem Spätmittelalter wurden aufwendig restauriert, vor allem in Buchara und Samarkand.

Ungeachtet des staatlichen Kultes mit politischen, kulturellen und religiösen Symbolen aus den Glanzperioden zentralasiatischer Geschichte und ihrer hemmungslosen "Usbekisierung" hat die Regierung in Taschkent ein überaus gespaltenes Verhältnis zum Islam. Im Wesentlichen hat sie die sowjetische Praxis fortgeführt, islamischen Organisationen und Aktivitäten möglichst neutrale Betätigungsfelder zuzuweisen, mit wenig gesellschaftlichem Gewicht. Alles, was mit Religion zu tun hat, wird genauestens kontrolliert, nicht zuletzt mit Hilfe des Muftiyats, der höchsten religiösen Instanz im sunnitischen Islam. Dennoch ist der Einfluss radikaler islamischer Strömungen in Usbekistan ungebrochen. Die Ursachen ergeben sich, wie auch in den Nachbarländern, aus der Wechselwirkung von politischer Repression, Identitätssuche und wirtschaftlichem Niedergang. Kaum war Usbekistan unabhängig, sicherte sich Islam Karimov die Alleinherrschaft. Regierungskritische Parteien, Medien und religiöse Führer wurden systematisch ausgeschaltet und kriminalisiert. Innerhalb von nur zwei Jahren, bis Mitte 1993, hatte Karimov die säkulare Opposition vollständig zerschlagen und sich einen Machtapparat geschaffen, der die autoritären Strukturen der Sowjetzeit nahtlos fortsetzte.

Auf religiöser Ebene erhielt der "inoffizielle" Islam starken Zulauf. Viele Muslime, die eine staatliche Kontrolle ihres Glaubens ablehnten, wandten sich unabhängigen Imamen zu. Das Muftiyat gilt in der Bevölkerung als Sprachrohr des Regimes und genießt wenig Ansehen. Zunehmend kam es zu Spannungen zwischen einfachen Gläubigen und ihren lokalen Imamen einerseits und der offiziellen islamischen Hierarchie andererseits, die eng mit den Sicherheitsdiensten zusammenarbeitet. Bis heute geht der Machtapparat Karimovs mit äußerster Entschlossenheit und Brutalität gegen inoffizielle islamische Organisationen und regierungskritische Imame vor.

Die anhaltende Repression bewirkte genau das Gegenteil. Der "inoffizielle" Islam wurde nicht zerschlagen, sondern gestärkt - und immer radikaler. Neue Gruppen entstanden und erhielten Zulauf auch von Gläubigen, die zunächst unpolitisch gewesen waren, aber ein Ventil für ihre Unzufriedenheit und wirtschaftliche Misere suchten. Im Februar 1999 wurde in Taschkent ein Anschlag auf Präsident Karimov verübt, für den die Regierung die "Islamische Bewegung Usbekistans" verantwortlich machte. Die Politik der Regierung, die säkulare Opposition ebenso auszuschalten wie gemäßigte islamische Strömungen, hat gewaltbereiten Extremisten maßgeblich den Boden bereitet. Vor allem in ländlichen Gebieten gelten die Sympathien der mehrheitlich konservativen Bevölkerung längst den radikalen Islamisten, nicht etwa demokratischen Bewegungen.

Präsident Karimov ernennt, wie auch seine zentralasiatischen Amtskollegen, sämtliche Minister, Gouverneure, Richter, Staatsanwälte, Bürgermeister etc., wobei alle Ämter käuflich sind. Doch Karimovs Machtansprüche gehen weiter. Er sieht sich als Präsident auf Lebenszeit, und er sucht die vollständige Kontrolle über die Wirtschaft. Karimov hat seit der Unabhängigkeit Wirtschaftsreformen und insbesondere Privatisierungen verworfen, ungeachtet wiederholter schwerer Krisen. So kam es wegen Nahrungsmittelknappheit 1992 in Taschkent zu anhaltenden Unruhen, die vom Militär niedergeschlagen wurden. Im April 2001 schloss der Internationale Währungsfonds (IWF) sein Büro in Taschkent, vor allem wegen der Wechselkurs-Manipulationen. Es gibt drei Wechselkurse, wobei der günstigste für Unternehmen und Geschäftsleute gilt, die der Regierung nahe stehen. Diese kaufen zu subventionierten Preisen Devisen und verkaufen die damit erworbenen Produkte anschließend zu einem deutlich schlechteren Wechselkurs, sofern sie nicht gleich auf dem Schwarzmarkt landen: ein schlichtes System der Selbstbereicherung, das über Nacht Millionäre schafft und die Wirtschaftsleistung des Landes untergräbt, aber politische Loyalitäten sichert. Aus genau diesem Grund, der manipulativen Devisenbewirtschaftung durch das Regime, hat sich der IWF jahrelang geweigert, Usbekistan Kredite zu gewähren.

Karimov erkannte allerdings die Chance, die sich ihm durch die Antiterrorkoalition bot. Seit Oktober 2001 stellt Usbekistan sein Territorium für den militärischen Einsatz in Afghanistan zur Verfügung. Als Gegenleistung überzeugte Washington den IWF, sein Büro in Taschkent wieder zu eröffnen und dem Land einen Kredit über zwei Milliarden US-Dollar zu gewähren. Anders als in Kasachstan werden ausländische Investoren in Usbekistan eher geduldet als gefördert. Der wesentliche Grund ist das ausgeprägte Patronagesystem, mit dem Karimov die Machtansprüche und Geldforderungen regionaler Clans und Interessengruppen abwehrt. Es ist maßgeblich dieses Patronagesystem, das substantielle Wirtschaftsreformen verhindert und ausländische Investoren als potentielle Rivalen sieht, sofern sie nicht ihrerseits Geld oder Gunst verteilen und eigene Loyalitäten schaffen. Während bei den zentralasiatischen Nachbarn der jeweilige Familienclan des Präsidenten die Staatsgeschäfte dominiert, ist die Günstlingswirtschaft in Usbekistan komplexer, auch deswegen, weil Karimov in einem Waisenhaus aufgewachsen ist und keine Angehörigen zu versorgen hat. Zu unterscheiden sind horizontale und waagerechte Clanstrukturen, die beide aus sowjetischen Zeiten stammen und "usbekisiert" wurden. Den Einfluss, den früher die Mitglieder des Politbüros hatten, üben heute die Staatsberater aus, deren Anzahl leicht variiert und in der Regel bei zehn liegt. Jedem Staatsberater untersteht ein bestimmter Wirtschaftsbereich, etwa der Außenhandel oder das Bankwesen. Mit ihrer Hilfe kontrolliert der Präsidentenapparat faktisch alle Ressourcen des Landes und sichert sich die Unterstützung einflussreicher familiärer oder regionaler Netzwerke, aus denen die Staatsberater in der Regel stammen. Sie bleiben selten länger als zwei Jahre im Amt und werden dann auf andere Posten abgeschoben, damit sie nicht zu einflussreich werden. Loyalität gegenüber dem Präsidenten ist das alles entscheidende Kriterium, um innerhalb der Hierarchie aufzusteigen. Im Gegenzug nutzen die Verantwortlichen ihre Führungspositionen, um sich selber zu bereichern und ihre Verwandtschaft zu begünstigen. So sind die Manager in staatlichen Unternehmen häufig Angehörige von Karimovs Kadern: Politischer Einfluss und privater Wohlstand ergänzen und bedingen sich. Dieses Patronagesystem setzt sich fort bis zur untersten Stufe der sozialen Pyramide, das gesamte Staatswesen ist ein geschlossener Kreislauf aus Vetternwirtschaft und Selbstbereicherung. Die endemische Korruption stranguliert naturgemäß die Ökonomie, verhindert Ehrgeiz, Initiative und Professionalität. Wer nicht zur Elite gehört, bleibt ohnehin arm und chancenlos.

Auch die regionalen Clans, gleichermaßen personelle und politische Netzwerke, die horizontale Ebene der Macht, bestanden schon zu sowjetischen Zeiten und waren für Moskau ebenso ein Herrschaftsinstrument, wie sie es heute für Karimov sind. Sechs regionale Clans sind für Usbekistan von Bedeutung: drei aus dem Fergana-Tal, jeweils einer aus Buchara, Samarkand und Taschkent. Karimov selbst verdankt dem Netzwerk aus Samarkand seine Karriere. Dennoch ist er bemüht, den Einfluss der Regionen zugunsten des Staates zu verringern, eine nationale Identität zu schaffen. Bislang ohne Erfolg - es fehlt die Zivilgesellschaft, die das Land stabilisieren könnte. Karimov beteiligt die jeweiligen Clans an seinem Herrschaftssystem, gleichzeitig aber fürchtet er sie. Geraten sie außer Kontrolle, wie in den neunziger Jahren in Tadschikistan, drohen auch Usbekistan Krieg und Gewalt.

Mangelnde Transparenz ist ein Kennzeichen usbekischer Politik, nach innen wie nach außen. Im Rahmen der Antiterrorkoalition sind 1 500 amerikanische Soldaten in Usbekistan stationiert, überwiegend auf der Luftwaffenbasis Khanabad. Doch im Gegensatz zu Kirgistan wird ihre Präsenz von offiziellen Stellen in Taschkent nach Möglichkeit verschwiegen oder heruntergespielt. Zu groß ist die Sorge, sie könnte in der Öffentlichkeit auf Ablehnung stoßen oder der Propaganda radikaler Islamisten dienlich sein. Karimovs Kooperation mit Washington zahlt sich aus. Er bezieht amerikanische Wirtschaftshilfe (160 Millionen US-Dollar für 2002), erhält Sicherheitsgarantien und sichert sich grünes Licht für seine Ambitionen, Usbekistan die Führungsrolle in Zentralasien zuzuweisen. Realistisch ist dieser Ehrgeiz nicht. Zwar ist Usbekistan mit 25 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Region und somit der wichtigste Binnenmarkt. Aber in wirtschaftlicher Hinsicht hat Usbekistan den Wettlauf mit Kasachstan spätestens Ende der neunziger Jahre verloren - seither sind die Wachstumszahlen stark rückläufig. Lag das Bruttoinlandsprodukt 1999 bei 701 US-Dollar pro Kopf, so wird es für 2003 nur noch auf 228 US-Dollar geschätzt.

Überdies besteht eine große Kluft zwischen den Großmachtphantasien Karimovs und der Fragilität des politischen Systems in Usbekistan. Alle zentralasiatischen Staaten sind präsidiale Diktaturen. Aber in Kasachstan würde ein Machtverlust des dortigen Nazarbajev-Clans nicht zwangsläufig zu einem Zusammenbruch des politischen Systems führen. Andere Oligarchen stünden bereit, ein entstehendes Vakuum sofort zu füllen. Die staatlichen Strukturen würden insgesamt weiterbestehen, ohne in Anarchie und Chaos abzugleiten. Karimov dagegen ist der oberste Repräsentant rivalisierender Patronage-Netzwerke, die ungeachtet ihrer kriminellen Machenschaften über großen regionalen Einfluss verfügen. Sollte die "Integrationsfigur" Karimov ausfallen (der 1938 Geborene ist schwer herzkrank), gibt es keinen politischen Mechanismus, der die Nachfolge friedlich regeln könnte. Die Gefahr eines Bürgerkrieges oder anhaltender innenpolitischer Gewalt ist daher in Usbekistan nicht zu unterschätzen. Sollten sich radikale Islamisten im Fergana-Tal mit regionalen Clans verbünden, steht ihnen der Weg zu Macht und Einfluss offen.

III. Der radikale Islam im Aufwind?

Das Fergana-Tal ist das historische, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Zentrum Zentralasiens. Es liegt dort, wo der Süden Kirgistans, der Osten Usbekistans und der Norden Tadschikistans zusammentreffen. Hier leben 20 Prozent der Gesamtbevölkerung, zehn Millionen Menschen, auf insgesamt fünf Prozent der Gesamtfläche. Gleichzeitig gibt es im Fergana-Tal die stärkste grenzüberschreitende ethnische Mischung aller GUS-Staaten, wobei die usbekischen Minderheiten in Kirgistan und Tadschikistan sowie die tadschikische Minderheit in Usbekistan von entscheidender Bedeutung sind.

Die gewalttätigste islamische Bewegung Zentralasiens war bis vor kurzem die "Islamische Bewegung Usbekistans" (IMU). Im Sommer 1999 und 2000 fielen mehrere Dutzend ihrer Kämpfer von Afghanistan über Tadschikistan in den Süden Kirgistans ein, in die entlegene Region Batken. Dort nahmen sie Geiseln, darunter japanische Bergsteiger, erpressten von der Regierung in Bischkek Lösegeld in Höhe von einer Million Dollar und erklärten in einem Interview mit der BBC, sie würden den Guerillakrieg in das Fergana-Tal und nach Usbekistan tragen, um Präsident Islam Karimov zu stürzen.

Gründer und Kopf der IMU war der 1969 geborene Dschuma Namangani aus der im usbekischen Teil des Fergana-Tales gelegenen Stadt Namangan. Ende der achtziger Jahre diente er als Fallschirmjäger der sowjetischen Armee in Afghanistan. Dort wuchs seine große Achtung vor den Mudschahidin, gegen die er zunächst kämpfte. Später beteiligte sich Namangani, der als charismatische Führungsfigur galt, auf Seiten der islamischen Opposition am Bürgerkrieg in Tadschikistan (1992 - 1997). Zur selben Zeit erwarb er das Vertrauen religiöser Extremisten in Saudi-Arabien und Pakistan und verbündete sich mit den Taliban. Auf Anregung von Osama bin Laden gründete Namangani 1998 in Kabul die "Islamische Bewegung Usbekistans", die zu ihrer Hochzeit über 3000 Kämpfer verfügte, überwiegend Usbeken aus dem Fergana-Tal, die vor der Repression Karimovs nach Afghanistan geflüchtet waren. Die engen Kontakte zwischen der IMU und Al-Qa'ida veranlassten Präsident George W. Bush, die Bewegung nach dem 11. September 2001 als eine "Besorgnis erregende Terrororganisation" zu bezeichnen. Im Verlauf der amerikanischen Luftangriffe auf Afghanistan erlitten die Verbände der IMU, die auf Seiten der Taliban kämpften, schwere Verluste. Im November 2001 soll Namangani in der Region Mazar-i-Scharif getötet worden sein. Dem zweiten Mann und Chefideologen der Bewegung, Tohir Yuldasch, ist dagegen angeblich die Flucht nach Pakistan gelungen.

Nach Angaben des US-Nachrichtenmagazins Newsweek hat die pakistanische Luftwaffe im November 2001 hunderte Kämpfer aus den Reihen der Taliban, von Al-Qa'ida, der IMU und tschetschenischer Rebellen von Konduz, im Norden Afghanistans, nach Pakistan evakuiert. Glaubwürdigen Quellen in Peschawar zufolge wurden sie anschließend von der pakistanischen Armee entlang der umstrittenen Grenze im Kaschmir eingesetzt, wo sie Anschläge auf indische Militärs und Zivilisten verüben. Die Reste der "Islamischen Bewegung Usbekistans" sollen sich in das schwer zugängliche und von der Regierung kaum zu kontrollierende Karategin-Tal in Tadschikistan zurückgezogen haben. Viele Kämpfer haben dort während des Bürgerkrieges einheimische Frauen geheiratet und warten die weitere Entwicklung erst einmal ab. Ihre Zahl wird von ausländischen Hilfsorganisationen in Tadschikistan auf 1 500 geschätzt.

Gegenwärtig ist die Hizb ut-tahrir al-islami (Partei der islamischen Befreiung, meist nur Hizb ut-tahrir [HT] genannt) die einflussreichste und erfolgreichste islamische Bewegung in Zentralasien. Politisch gesehen ist sie ein Phänomen. Es gibt kaum eine islamisch-fundamentalistische Bewegung, über die so wenig bekannt wäre. Gegründet wurde sie 1953 in Jordanien als Abspaltung der Muslimbruderschaft. In der islamischen Welt ist die HT überall verboten und bestand über Jahrzehnte offenbar nur als loses Netzwerk Gleichgesinnter. Eine breitere Basis vermochte sie lediglich in Syrien aufzubauen, wo sie nach der brutalen Niederschlagung eines islamistischen Aufstandes in Hama 1982 das entstandene organisatorische Vakuum teilweise füllte, sowie in Zentralasien, im Fergana-Tal, wo sie seit Mitte der neunziger Jahre aktiv ist, unterstützt vor allem von Usbeken.

Die Zentrale der HT befindet sich in London, wo sie ihre Anhänger unter den jungen Muslimen der zweiten Einwanderergeneration rekrutiert. Ihr Führer ist offenbar Scheich Zaloom, ein Palästinenser, der früher an der Al-Azhar-Universität in Kairo lehrte. Auch in Deutschland war die HT bis zu ihrem Verbot durch das Bundesinnenministerium aktiv. Mit Sitz in Duisburg organisierte sie Veranstaltungen an Moscheen und Universitäten, vertrieb Hochglanz-Zeitschriften auf Deutsch und Arabisch sowie das türkische Magazin Hilafet (Kalifat). Über den Aufbau, die finanziellen Ressourcen und die Zahl ihrer Anhänger gibt es keine verlässlichen Angaben. Die International Crisis Group im kirgisischen Osch geht von "mehreren tausend Mitgliedern" in Zentralasien aus. Ein Blick auf die Website (Externer Link: No Titel offenbart die antiwestliche, antisemitische und antischiitische Ausrichtung der Partei. Wie die meisten islamistischen Bewegungen vertritt sie das utopische Ideal eines islamischen Staates, in dem Ungerechtigkeit und Armut mit Hilfe der Scharia beseitigt würden. Die Partei fordert die Errichtung eines Kalifats, zunächst im Fergana-Tal, später in der gesamten islamischen Welt. Im Gegensatz zu anderen extremistische Bewegungen wie Al-Qa'ida lehnt die HT Gewalt und Terror zur Durchsetzung ihrer Ziele ab. Sie glaubt, die Unterstützung der Bevölkerung durch Propaganda- und Überzeugungsarbeit zu gewinnen. Eines Tages würden sich ihre Anhänger dann in friedlichen Demonstrationen erheben und die Regierungen Zentralasiens stürzen.

In dem repressiven Klima aller zentralasiatischen Staaten reichen solche fast esoterisch anmutenden Visionen aus, um mit äußerster Härte und Brutalität verfolgt zu werden, besonders in Usbekistan. Nach Angaben der Unabhängigen Menschenrechtsorganisation Usbekistans gibt es dort etwa 7 000 politische Gefangene, von denen 5 000 der HT angehören. In Tadschikistan werden HT-Aktivisten in der Regel zu acht bis zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, wegen "regierungsfeindlicher Aktivitäten". Lediglich in Kirgistan ist der Umgang "liberaler", hier liegen die Urteile bei zwei bis vier Jahren Gefängnis oder Geldstrafen. Der Grund für die vergleichsweise Zurückhaltung ist die Sorge der Behörden, zuviel Druck könne die ethnischen Spannungen zwischen Usbeken und Kirgisen verschärfen. Organisiert ist die HT in der Form einer hierarchischen Pyramide mit mehreren Kommandoebenen. Wer in welcher Position welche Funktion ausübt, wissen nur die Spitzenfunktionäre und möglicherweise die Geheimdienste. Den Sockel der Pyramide bilden lokale Zellen, Da'ira oder Halka genannt, mit jeweils fünf bis sechs Mitgliedern. Jede Zelle hat einen Decknamen, und nur ihre Anführer kennen die Verantwortlichen der nächsthöheren Kommandoebene. Neue Mitglieder müssen die Veröffentlichungen der Partei studieren und sich mit Politik, Religion, Geschichte und Geographie der Region befassen. Nach etwa zwei Monaten Ausbildung gründen die Adepten jeweils eine neue Zelle. Frauen und Männer sind in getrennten Zellen organisiert. Die Rekrutierung neuer Mitglieder erfolgt in erster Linie über Freunde, die eigene Familie und Verwandte. Die überwiegende Mehrzahl der Aktivisten ist 17 bis 25 Jahre alt, stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hat nur eine geringe Schulbildung. Das Potential der HT ist theoretisch unerschöpflich: 80 Prozent der Bevölkerung in Tadschikistan und 65 Prozent in Kirgistan sowie Usbekistan leben unterhalb der Armutsgrenze. Ob die Bewegung aus innerer Überzeugung oder eher aus taktischen Erwägungen ihre Friedfertigkeit betont, ist gegenwärtig nicht zu beurteilen. Wie in allen anderen islamistischen Gruppen auch sind die Führungskader im Gegensatz zum Fußvolk häufig Studenten oder Hochschulabsolventen mit einer technischen oder naturwissenschaftlichen Ausbildung.

Generell sind islamistische Bewegungen eine radikale Antwort auf Modernisierungsdefizite der islamischen Welt, namentlich den blockierten Wandel von einer ländlich geprägten Feudalgesellschaft zu einer pluralistischen, demokratisch verfassten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Doch nirgendwo erscheint der radikale Islam kulturell so fehl am Platz wie in Zentralasien. 70 Jahre Sowjetunion und staatlich verordneter Atheismus haben die Mentalitäten geprägt und die Säkularisierung der Gesellschaft weiter vorangetrieben als in irgendeiner anderen Region der islamischen Welt, mit Ausnahme vielleicht der Türkei.

Der alteingesessene, traditionelle Islam, dem die große Mehrzahl der Muslime Zentralasiens anhängt, ist überwiegend eine volkstümliche Religion. Die Verehrung lokaler Heiliger spielt darin eine wichtige Rolle, ebenso die Bewahrung überlieferter Sitten und Gebräuche, die Meditation und das Gebet. Allenthalben finden sich Heiligengräber, zu denen gläubige Menschen pilgern, um Gesundheit, Nachwuchs oder ein besseres Leben zu erbitten. Solche regionalen Pilgerfahrten finden häufig am Wochenende statt und sind Familienausflüge mit Picknicks und Festen, sehr farbig und lebensfroh. Nur dort, wo bis zur Zwangsansiedlung unter Stalin eine nomadische oder halbnomadische Lebensweise vorherrschend war, im Norden Kirgistans und in Kasachstan, ist der Einfluss des Islams auf die Alltagskultur stets gering geblieben.

Nach dem Ende der Sowjetunion wurde Zentralasien von einem islamischen Aufschwung erfasst, wuchs das religiöse Bedürfnis. Gab es in Kirgistan 1989 erst 15 Moscheen, so sind es heute etwa 2 500. Einen ähnlichen Boom erlebten auch die Nachbarstaaten. Das hat zunächst einmal wenig mit Politik zu tun. Vielmehr geht es um Identität und Emotionen, um ein Ventil für den schweren Alltag. Überall fehlen qualifizierte Religionslehrer, die Regierungen kommen mit der Ausbildung von vertrauenswürdigen Imamen nicht hinterher. Die Lücke füllen dann radikale Kräfte. Die Gefahr einer "islamischen Revolution" ist gleichwohl gering. Denn der traditionelle Islam, dem die große Mehrheit der Bevölkerung anhängt, ist ein mythisch-mystischer Volksglaube, tolerant, meditativ und friedlich. Außerhalb des Fergana-Tales und Teilen Tadschikistans ist der radikale Islam bislang wenig erfolgreich. Ihm fehlt die soziale Basis jenseits von Armut, wie sie etwa im Iran die Schicht der Basarhändler darstellt. Ethnische Spannungen und nationale Gegensätze erschweren überdies den Aufbau einer überregionalen islamischen Bewegung. Und schließlich gibt es in den konservativen zentralasiatischen Gesellschaften ein hohes Maß an fatalistischer Autoritätsgläubigkeit, die regierungsfeindlichen Gruppierungen nicht eben in die Hände spielt.

Die politische Instabilität Zentralasiens ist daher nicht in erster Linie auf einen "islamischen Faktor" zurückzuführen. Entscheidend ist vielmehr die mangelnde Legitimation der Regime, die sie mit polizeistaatlichen Maßnahmen auszugleichen suchen, sowie ihr Unvermögen, den Niedergang der Ökonomie aufzuhalten und ein Minimum an Verteilungsgerechtigkeit zu gewährleisten. Auch die Einbindung Zentralasiens in den Antiterrorkampf dürfte mittel- und langfristig die Instabilität der Region befördern. Wer Diktatoren zu Bündnispartnern macht, ohne Forderungen an sie zu richten, sie im Gegenteil mit Milliardenbeträgen subventioniert, verhindert politische Reformen und stärkt indirekt den radikalen Islam. Das wachsende militärische und wirtschaftliche Engagement Washingtons, vor allem im Erdöl- und Erdgassektor, wird in China, aber auch in Russland und Iran als Bedrohung gesehen und das "große Spiel" um Macht und Einfluss in Afghanistan verstärkt in Richtung Zentralasien verlagern.

Dr. phil., geb. 1959; langjähriger Nahost-Redakteur der Wochenzeitung Die Zeit; seit 2002 Politikberater der Friedrich-Ebert-Stiftung, Publizist und Autor.
Anschrift: Friedrich-Ebert-Stiftung, Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin.
E-Mail: E-Mail Link: Michael.Lueders@fes.de

Zahlreiche Veröffentlichungen zu Fragen des Islam; zuletzt erschienen: Tee im Garten Timurs. Die Krisengebiete nach dem Irak-Krieg, Hamburg 2003.