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11.9.2006 | Von:
Matthias Spielkamp

Es waren einmal Zuschauer

Was bedeutet Web2.0?

Der Begriff Web2.0 wurde geprägt von Dale Dougherty und Tim O'Reilly, die auf der Suche nach einer Überschrift waren für eine Konferenz zu neuen technischen Entwicklungen und Geschäftsmodellen im Web. Angelehnt an die aus der Softwarebranche bekannten Versionsnummern (wie Firefox 1.0, 1.5 usw.), sollte Web2.0 Doughertys und O'Reillys Ansicht verdeutlichen, dass im World Wide Web etwas grundlegend Neues passiert, das sich deutlich von dem gedachten Status eines Web1.0 unterscheidet.

In einem viel zitierten Aufsatz fasste O'Reilly, Gründer des in Internetkreisen legendären und äußerst einflussreichen O'Reilly-Fachbuchverlags, einige Konzepte zusammen, die diese Unterschiede verdeutlichen sollen.[1] Zum einen ist das die Entwicklung zum "Web als Plattform", womit gemeint ist, dass nicht mehr Anwendungen auf dem eigenen Computer die Hauptrolle spielen, wie etwa eine Textverarbeitung oder eine Tabellenkalkulation. Alle diese Funktionen können von Web-basierten Diensten übernommen werden. Dadurch sind die Websites zunehmend nicht mehr einfach nur statische Informationsspeicher, wie etwa telefonbuch.de oder auch Spiegel Online, die ihren Nutzern bestimmte Inhalte zum Abruf anbieten - also hier Telefonnummern oder Artikel.

Zum anderen können Web-Angebote auf Dienste anderer Websites und Entwickler zugreifen. O'Reilly nennt das "innovation in assembly", also "Neuheiten durch Verbindungen". So ist Google Maps eine der erfolgreichsten Entwicklungen der jüngeren Web-Geschichte. Google Maps stellt Landkarten und Satellitenaufnahmen vieler Länder der Erde zur Verfügung, die Website-Entwickler in ihre eigenen Projekte einbauen können, etwa indem sie lokalisierte Suchfunktionen anbieten. Der Bilderdienst Flickr wiederum bietet Nutzern nicht nur Platz, um Fotos auf seinen Servern abzuspeichern und anderen zeigen zu können, sondern erlaubt es auch, dass Betreiber von Weblogs und anderen Websites bestimmte Bilder durch ein Zusatzprogramm in ihre Seiten einbinden können. Auf diese Art entstehen zahlreiche neue Kombinationsangebote, wie etwa Plazes.com, das - von Nutzern bei Flickr abgelegte - Fotos mit Google Maps und anderen Informationen verbindet, um den Ort zu beschreiben, an dem sich angemeldete Nutzer gerade aufhalten oder den sie besonders mögen. Diese Kombination, die von Plazes.com zusammengestellt wird, können Interessierte wiederum in ihr eigenes Weblog einfügen.

Wie man an dieser Beschreibung leicht erkennen kann, können nur überdurchschnittlich erfahrene Netz-Nutzer diese Angebote voll ausschöpfen, indem sie sie etwa in eigene Webseiten einbinden. Doch in den meisten Fällen gibt es abgestufte Möglichkeiten, die Dienste zu verwenden. So können auch unerfahrene Web-Surfer profitieren, weil andere Anwender Informationen zur Verfügung gestellt haben, die für alle nützlich sind - und seien es Fotos vom Lieblings-Biergarten.

Das verweist auf einen anderen Bestandteil dessen, was O'Reilly als Web2.0 fasst: die Netzeffekte, die durch eine "architecture of participation", also eine Mitmach-Architektur, entstehen. Das beste Beispiel dafür ist die Wikipedia-Enzyklopädie (No Titel ), die in nur fünf Jahren aus dem Nichts heraus größer geworden ist als Encyclopædia Britannica und Brockhaus zusammen. Die Wikipedia zeichnet aus, dass alle Beiträge von Nutzern erstellt wurden und jederzeit von ihnen geändert und weiter geschrieben werden können. Dieses offene System kam so gut an, dass innerhalb weniger Monate nach Beginn des Projekts bereits Tausende Beiträge zur Verfügung standen. Das wiederum war Anreiz genug für neue Nutzer, kein konkurrierendes System zu etablieren, sondern beim bestehenden mitzumachen, da der Nutzen dann für alle steigt. Selbstverständlich gibt es derzeit noch mehr Beispiele von Netzeffekten, die nicht darauf beruhen, dass Nutzer beim Aufbau partizipieren können, als solche, bei denen das der Fall ist - so ist etwa das Telefonsystem das klassische Beispiel eines Netzeffekts: je mehr Teilnehmer, desto nützlicher für alle. Die Behauptung O'Reillys und anderer Ideengeber des Web2.0 ist jedoch, dass es einen zusätzlichen Nutzungsanreiz darstellt, wenn man einen Dienst auch selber beeinflussen kann, und dadurch der Netzeffekt verstärkt wird.

Doch ist Web2.0 tatsächlich mehr als ein Marketing-Hype, eine Vereinfachung, die Publikum und Investoren vorgaukeln soll, hier passiert etwas wirklich Neues, nur weil ein anderes Etikett draufklebt? Oder ist es, wie der Programmierer und Essayist Paul Graham es ausdrückt, nur ein Scheinbegriff, der zwar mit einigem Recht zur Abgrenzung verwendet werden kann, davon abgesehen aber nichts anderes bedeutet, als Dinge so zu tun, wie sie eigentlich schon immer hätten getan werden sollen - "und es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man dafür einen eigenen Begriff hat?"[2]

Die Idee hinter dieser Kritik ist viel älter als das Web2.0; sie geht zurück auf den Beginn des Internets selbst - in dem Sinn, dass das Netz von seinen Erfindern von vornherein als ein Werkzeug der Zusammenarbeit gesehen wurde, so dass Ausdrücke wie "Participatory Net" (partizipatives Netz) oder "Writable Web" (schreibbares Web) ein Pleonasmus sind wie der weiße Schimmel. Der erste Webbrowser, von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web, selbst entwickelt, war nicht nur ein Programm zum Anschauen von Webseiten, sondern auch zum Schreiben und Bearbeiten. In den Diskussionsforen des Usenet, das lange vor der grafischen Oberfläche des World Wide Web Millionen von Nutzern einen Ort des Austauschs bot, hatte jeder Teilnehmer das gleiche Recht zu lesen wie zu schreiben. Und die ersten Abenteuerreisen des Internets, die in die virtuellen Räume so genannter MUDs (Multi-User-Dungeons) führten, wären nicht möglich gewesen, wenn nicht alle Besucher die Welten erst erschaffen hätten, in denen sie sich dann tummeln konnten.[3]

Mit der Kommerzialisierung des Internets, vor allem des World Wide Webs mit seinen immer aufwändiger programmierten Websites, die in erster Linie dazu gedacht sind, Geld zu verdienen, waren diese Möglichkeiten der Teilhabe zwar nie gestoppt, aber doch gebremst und verschüttet. Surfer, die erst im Jahr 2000 oder später den Weg ins Netz fanden, konnten nur mit viel eigener Recherche einen Eindruck davon bekommen, dass das Internet großartige Möglichkeiten der Zwei-Wege-Kommunikation bietet. Verstellt wurden (und werden) sie von den gigantischen Schaufenstern der Amazons und eBays dieser Welt mit ihrer immer wieder hervorgehobenen, aber nur vermeintlich vorhandenen "Interaktivität", die sich meist darauf beschränkt, Produktempfehlungen abzugeben oder Text B statt Text A zu lesen.

Damit soll keinem Naturalismus das Wort geredet werden, der von einer wie auch immer gearteten "Natur des Internets" ausgeht, zu der zurückgefunden werden könnte oder sollte. Ohnehin kann ein Netz mit mehr als einer Milliarde Nutzern, wie es heute existiert, nicht mehr nach den Regeln funktionieren, die seine Entwickler in den sechziger Jahren wahrscheinlich im Kopf hatten - als sie eine Kommunikations-Infrastruktur schufen, von der sie vielleicht hofften, dass sie im Idealfall einmal an allen Universitäten der USA zur Verfügung stehen würde.

Das spricht aber keineswegs dagegen zu versuchen, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die ein Kommunikationsnetz bietet, dessen hervorstechende Eigenschaft es ist, dezentral angelegt zu sein. Die bi-direktionale "viele-zu-vielen"-Kommunikation, die das Internet ermöglicht, transzendiert die Idee des Rundfunks und seiner uni-direktionalen "einer-zu-vielen"-Kommunikation so weit und so grundlegend, dass man mit gutem Grund von etwas nie dagewesenem sprechen kann. Oft genug ist in diesem Zusammenhang Bertolt Brecht zitiert worden, der bereits vor mehr als 80 Jahren schrieb: "Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen."[4]

Nur konnte der Rundfunk genau das nicht leisten - zumindest nicht in dem Ausmaß und in der Qualität, wie es dem Internet als Kommunikationsmedium möglich ist. Darum ist die Aufforderung, zurückzukehren zum "writable web", zur "architecture of participation", viel mehr als die Vision einiger hippiesker Weltverbesserer. Sie ist eher die Aufforderung, das Medium so zu nutzen, wie es Hans Magnus Enzensberger sich bereits 1970 hellsichtig erträumt hatte: "Hinweise zur Überwindung dieses Zustandes könnten netzartige Kommunikationsmodelle liefern, die auf dem Prinzip der Wechselwirkung aufgebaut sind: eine Massenzeitung, die von ihren Lesern geschrieben und verteilt wird, ein Videonetz politisch arbeitender Gruppen usw." Welcher Zustand sollte überwunden werden? Der, in dem "das entscheidende politische Moment" der elektronischen Medien unterdrückt wird, so Enzensberger: "ihre mobilisierende Kraft"[5]. Dass das Internet dieser Überwindung tatsächlich einen Schritt näher gekommen ist, als es der Rundfunk je gekonnt hätte, kann man am Phänomen der Weblogs beobachten, die als ein Teil des Web2.0 angesehen werden können.

Fußnoten

1.
Vgl. Tim O'Reilly, What is Web 2.0, http://www.oreillynet.com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-web-20.html (5. 8. 2006).
2.
Paul Graham, Web 2.0, http://www.paulgraham. com/web20.html (5. 8. 2006).
3.
Für eine detaillierte Analyse vgl. Sherry Turkle, Who Am We?, in: Wired, (1996) 4, http://www.wired.com/wired/archive/4.01/turkle.html (5. 8. 2006).
4.
Bertolt Brecht, Der Rundfunk als Kommunikationsapparat, in: ders., Schriften zur Literatur und Kunst, Bd. 1, Frankfurt/M. 1967, S. 134.
5.
Hans Magnus Enzensberger, Baukasten zu einer Theorie der Medien, in: Kursbuch, 20 (1980), S. 159 - 186.