APUZ Dossier Bild

26.11.2007 | Von:
Günther R. Mittler

Neue Museen - neue Geschichte?

Fazit

Der Blick auf die in Deutschland betriebene Erinnerungspolitik, wie sie sich anhand der dargestellten Beispiele der jüngeren Vergangenheit präsentiert, erweckt tatsächlich den Eindruck, als würde mit der musealen Vermittlung von Geschichte einer bewussten "invention of tradition" Vorschub geleistet. Die Initiativen seitens der Politik auf diesem Gebiet - von der Gründung des Deutschen Historischen Museums über das Haus der Geschichte bis hin zu den Gedenkstätten- und Museumskonzeptionen der Gegenwart - legen den Schluss nahe, historische Ausstellungen dienten dem Staat zum Aufbau, zur Verbreitung und Konservierung bestimmter nationaler Geschichtsbilder, stünden mit der beabsichtigten Konstruktion nationaler Identität im Dienste der Aufrechterhaltung einer "imagined communitiy".

Auch wenn es heute schwierig erscheint, nationale Mythen im historischen Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern und der von der Politik an historische Ausstellungen gestellte Auftrag zur Herstellung einer nationalen Identität angesichts der Existenz von "Identitätsbündeln" als kaum realisierbar angesehen werden muss,[35] so haben sich doch bestimmte Basiserzählungen wie der Unrechtscharakter der beiden deutschen Diktaturen als Grundlage der gesellschaftlichen, vergangenheitsbezogenen Selbstverständigung der Deutschen etabliert. In geschichtspolitischen Diskursen beeinflussen unterschiedliche gesellschaftliche Akteure die inhaltliche Ausformung und Umgestaltung dieser Basiserzählungen.[36] Zweifellos präsentieren sich hierbei die politischen Handlungsträger als Weichensteller und Impulsgeber staatlicher Erinnerungspolitik, doch die eigentlichen Ausformungen der Erinnerungskultur spiegeln sich in den mentalen Prägungen und konkurrierenden Deutungen der rezipierenden Öffentlichkeit wider.

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Engagement der Zivilgesellschaft, die mit eigenen Ausstellungen oft ein Gegengewicht zu den staatlich geförderten Geschichtsbildern liefert und alternative Erinnerungsmuster im kulturellen Gedächtnis wach zu halten vermag. Die Zivilgesellschaft, aber auch der plurale Charakter von Wissenschaft und Medien, die als wachsame Beobachter der Erinnerungspolitik in Erscheinung treten, wirken regulierend auf die Absichten staatlicher Akteure. Eine vom Staat angeordnete museale Verbreitung bestimmter, neuer Geschichtsbilder, ein staatlich erlassener Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur, wird sich in der pluralistischen Gesellschaft immer mit anderen, konträren Deutungsmustern messen lassen müssen.

Anstatt "von oben herab" verordnet, findet ein Wandel in der Geschichtsdeutung vielmehr durch einen Generationenwechsel innerhalb der deutenden Gruppen statt. Die Nutzung der neuen Museen als Manipulationsmittel zur Herstellung einer gewünschten nationalen Identität scheint im 21. Jahrhundert wenig aussichtsreich - wenn sie es überhaupt je gewesen ist. Die Initiatoren und Fürsprecher einer musealen Vermittlung von Geschichte müssen sich die Frage gefallen lassen, ob historische Ausstellungen heute überhaupt noch ein zeitgemäßes und damit auch wirksames Instrument zur Schaffung und Erhaltung nationaler Identität sind - und ob entsprechende Geschichtsbilder inzwischen nicht eher von anderen Medien transportiert werden; Medien, die weitaus deutungsmächtiger zu sein scheinen. Museen stehen hier in direkter Konkurrenz nicht nur zu den Quoten bringenden Histotainment-Produktionen der TV-Anstalten sowie aufwendig inszenierten Kino- und Fernsehfilmen, sondern auch zu den unzähligen Internet-Angeboten.

Hinsichtlich einer möglichst breiten Rezeption von Geschichtsbildern droht das historische Museum als ein Relikt des 19. und 20. Jahrhunderts im Vergleich mit den neuen Massenmedien ins Hintertreffen zu geraten. Tatsächlich wird sich zeigen müssen, inwieweit historische Ausstellungen den menschlichen Wahrnehmungsbedürfnissen im 21. Jahrhundert, einer lebendigen Inszenierung von Geschichte, gerecht werden können - ohne dabei zum bloßen multimedialen Erlebnispark der Vergangenheit zu mutieren.

Fußnoten

35.
Vgl. Karl-Ernst Jeismann, Dimensionen nationalgeschichtlichen Bewußtseins, in: Werner Weidenfeld (Hrsg.), Geschichtsbewußtsein der Deutschen, Köln 1987, S. 35 - 51, hier: S. 47.
36.
Vgl. E. Wolfrum (Anm. 8), S. 269.