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28.12.2010 | Von:
Axel Honneth

Verwilderungen. Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert

Verwilderung

Unter sozialen Konflikten soll an dieser Stelle mehr verstanden werden als Auseinandersetzungen, die sich innerhalb der politischen Öffentlichkeit in Form von thematisch fokussierten Debatten und Kontroversen abspielen. In solchen Streitigkeiten mag sich zwar widerspiegeln, was die Gesellschaftsmitglieder moralisch bewegt und aufbringt, aber eine sichere Auskunft über die tatsächlichen Kampfplätze und Frontlinien liefern sie aufgrund ihrer vielfältigen Beschränkungen nur selten. Soziale Konflikte entstehen vielmehr dort, wo Menschen glauben, in Ansprüchen benachteiligt oder beschnitten zu werden, die sie im Lichte von allgemein akzeptierten Prinzipien für gerechtfertigt halten. Auf der Grundlage ihrer eigenen normativen Prinzipien kann so in der Gesellschaft eine soziale Dynamik entfacht werden, die auf die Verwirklichung eines in ihr selbst angelegten Potenzials auf moralischen Fortschritt drängt. In Anlehnung an Hegel können wir hier von "Kämpfen um Anerkennung" sprechen. Ihr Spektrum reicht von Mikrokonfrontationen im Alltag, in denen eine Person gegenüber einer anderen auf uneingelöste Ansprüche in ihrer wechselseitig verpflichtenden Sozialbeziehung besteht, bis hin zum militanten Aufbegehren ganzer Kollektive, die sich um Rechte betrogen fühlen, welche ihnen aufgrund implizit geltender Normen zustehen müssten. Das Gemeinsame an diesen verschiedenen Formen des sozialen Konflikts ist jeweils der Ausgang von einer moralischen Empörung, die aus der Erfahrung stammt, nicht in der Weise anerkannt zu werden, wie es die institutionell verankerten Prinzipien nach eigener Auffassung gerechtfertigt erscheinen lassen. Daher vollzieht sich der Kampf um Anerkennung gewöhnlich in Form von Auseinandersetzungen um die Interpretation und Durchsetzung eines historisch noch uneingelösten Anerkennungsversprechens. Nicht beliebige Ansprüche werden geltend gemacht, nicht irgendwelche Forderungen nach Anerkennung erhoben, sondern nur solche, die im Lichte gemeinsam geteilter Überzeugungen und Normen als intersubjektiv begründungsfähig gelten können.

Von einer Situation, in der eine "Grundversorgung" größter Teile der Bevölkerung mit institutionell vermittelter Anerkennung aus den Quellen persönlicher Fürsorge, rechtlicher Bestätigung und leistungsbezogener Achtung als gesichert angesehen werden könnte, hat sich die spätkapitalistische Gesellschaft denkbar weit entfernt: Ein wachsender Kreis von Personen hat als "Unterklasse", bestehend aus Unterbeschäftigten, Schulabbrechern und "illegalen" Ausländern, überhaupt keinen Zugang zum Rechtssystem oder zur Wirtschaftssphäre, im schlimmsten Fall sind beide Anerkennungssphären gleichzeitig verschlossen. Eine andere, ebenfalls wachsende Gruppe von Gesellschaftsmitgliedern, bestehend vor allem aus prekarisiert Beschäftigten und alleinerziehenden Müttern, verfügt zwar über Teilnahmechancen an allen drei Sphären der Anerkennung, kann aber aus dieser Teilnahme kaum mehr irgendeine stabile Form von Selbstachtung beziehen, weil die Beschäftigungsverhältnisse zu durchlöchert und fragmentiert, die Familienverhältnisse zu zerrüttet oder beziehungsarm sind. Nur ein dritter, immer geringer werdender Kreis von Personen kann unbeschränkt an den Teilsystemen der Familie, des Rechts und der Wirtschaft partizipieren, ohne die dadurch erhaltene Anerkennung allerdings noch als eine Einbeziehung in die Gesellschaft zu verstehen, weil die entsprechenden Statusmittel verstärkt zur Befestigung von gegen die anderen Gruppen gerichteten Barrieren genutzt werden.[12] Aber trotz dieser tiefgreifenden Veränderungen, durch welche die etablierten Sphären wechselseitiger Anerkennung an ihren Rändern extrem porös geworden sind und immer mehr Menschen von gesellschaftlich begründeter Selbstachtung ausschließen, blieb die moralische Empörung bislang weitgehend aus. Für einen Anstieg öffentlichen Aufruhrs gibt es nur wenige Anzeichen. Der Kampf um Anerkennung scheint sich eher in das Innere der Subjekte verlagert zu haben, sei es in Form von gestiegenen Versagensängsten, sei es in Formen von kalter, ohnmächtiger Wut. Was also ist inmitten all dieses beklemmenden, nur an der publizistischen Oberfläche gelegentlich unterbrochenen Schweigens aus den Konflikten um soziale Selbstachtung geworden, welche Formen hat der Kampf um Anerkennung inzwischen angenommen?

Fußnoten

12.
Zu dieser Dreiteilung zwischen "Gewinnern", "Verlierern" und "Nicht-Teilnahmeberechtigten" vgl. den vorzüglichen Aufsatz von Claus Offe, Moderne "Barbarei": Der Naturzustand im Kleinformat?, in: Max Miller/Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Modernität und Barbarei. Soziologische Zeitdiagnose am Ende des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1996, S. 258-289.