Dossierbild Geschichte und Erinnerung

12.11.2008 | Von:
Wolfgang Benz

Zur Debatte: Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Politische Debatten um das Zentrum

Die Auseinandersetzungen wurden rasch zum Parteienstreit. Die SPD distanzierte sich überwiegend von dem Projekt. Die CDU nahm dagegen die Forderung des Vertriebenenverbands nach einem Erinnerungs- und Dokumentationszentrum in ihr Programm zur Bundestagswahl 2005 auf und musste dann in der Großen Koalition mit der SPD einen Kompromiss finden, der im Frühjahr 2008 erzielt wurde: Ein "sichtbares Zeichen" soll errichtet werden, die inhaltliche Gestaltung und die Deutungshoheit sollen aber nicht der Interessengruppe BdV überlassen, vielmehr in gesamtgesellschaftlichem Konsens wahrgenommen und verantwortet werden.

Dem Gesetzentwurf des Kulturstaatsministers waren diplomatische Anstrengungen vorausgegangen, mit denen Misstrauen und Verstimmung in Prag und Warschau gedämpft wurden, die sich nach den unsensiblen Kampagnen zur Durchsetzung des Projekts "Zentrum gegen Vertreibungen" in hohem Maße ausgebreitet hatten. Insbesondere in Polen hatte die Propaganda, mit der die Pläne des BdV forciert wurde, Ängste ausgelöst und Ressentiments belebt, die auf offizieller politischer Ebene von der Kaczynski-Regierung ebenso wie von polnischen Medien in oft beleidigender Diktion offensiv vorgetragen wurden.

In einer Rede am "Tag der Heimat" am 6. September 2008 machte Erika Steinbach deutlich, dass sie die Aufgaben des vom Bund der Vertriebenen getragenen "Zentrums gegen Vertreibungen" durch die Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" aber nicht für erledigt hält. Sie kündigte als neue Aktivität ihres Zentrums eine Ausstellung an, die 2009 in der Vertretung Bayerns in Berlin gezeigt werden soll; sie wird die Kultur- und Siedlungsgeschichte der Deutschen außerhalb des Deutschen Reiches zum Thema haben.

Bei gleicher Gelegenheit propagierte die Präsidentin vom Bund der Vertriebenen auch ein Geschichtsbild, in dem die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa als genozidale Intention erscheint. Die Heimatvertriebenen als Opfer eines Völkermords (d. h. systematisch geplanter und ins Werk gesetzter Vernichtung) würde sie – unter Widerspruch sachverständiger Historiker allerdings – an die Seite der Überlebenden des Holocaust rücken. Ein solches politisches Kalkül vermuten nicht nur nationalkonservative polnische Medien. Das Geschichtsverständnis, das zugrunde liegt, ist ein weiteres gutes Argument für die neue Institution unter Verantwortung des zentralen deutschen Geschichtsmuseums, also in öffentlicher und professioneller Trägerschaft, geleitet vom Streben nach Aufklärung und fundamentiert durch historische Forschung.

Das künftige "sichtbare Zeichen"

Das "sichtbare Zeichen" der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" wird in zwei Stockwerken des Deutschlandhauses in Berlin nahe dem Anhalter Bahnhof (und nicht weit vom Denkmal für die ermordeten Juden Europas) errichtet. Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Umbau (29 Millionen EURO sind veranschlagt) vollzogen ist. Streit könnte es davor um die Besetzung der Gremien geben. Dem Stiftungsrat werden Vertreter der Bundesregierung, des Bundestags und gesellschaftlicher Gruppen angehören, drei Sitze sind für den Bund der Vertriebenen vorgesehen. Wenn dessen Präsidentin ihrem Selbstbewusstsein den Vorrang vor der gebotenen diplomatischen Zurückhaltung gibt, wird sich wieder Kritik erheben. Wladyslaw Bartoszewski, polnischer Historiker, Freund der Deutschen und von Amts wegen als Staatssekretär beim Premierminister in Warschau für Fragen der deutsch-polnischen Nachbarschaft zuständig, äußerte die Befürchtung, dass Frau Steinbach in einem Gremium der neuen Stiftung die alten polnischen Ängste vor deutschem Revisionismus und die daraus resultierenden Ressentiments in Polen abermals entfachen würde. Damit wäre der Stiftungszweck "Versöhnung" in Frage gestellt und die Absicht, die Ausstellung und Dokumentationsstätte als "Ort des Dialogs" zu installieren, gefährdet.


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