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20.8.2018 | Von:
Joachim Jauer

Menschen, die 1968 prägte

Der Dissident mit dem Hirtenstab - Eine Begegnung mit dem Prager Weihbischof Václav Malý

"Die Menge ist versammelt und ruft Freiheit, etwas Neues kommt," erinnert sich Weihbischof Malý, "Also versuchte ich den Menschen zu zeigen: Das ist ein Geschenk von Gott, der vergibt. Das ist nicht nur Folge der veränderten politischen Lage in der Welt, damals Gorbatschow, der Papst Wojtyla, die polnische Solidarnosc, die haben Verdienste auch für unsere Freiheit. Deshalb ich in dem Moment den Mut gehabt, das Vater Unser zu beten". Und ergänzt: "Man hat mich dafür kritisiert, manche waren schockiert, aber ich würde das wieder machen, also ich bereue das nicht." Nach der Revolution schlug Václav Malý das Angebot des neuen Staatspräsidenten Havel aus, ein Ministeramt in der demokratischen Regierung zu übernehmen. Malý wurde endlich Pfarrer einer Prager Großstadt-Gemeinde, doch schon wenige Jahre später, Anfang 1997, wurde er zum Bischof geweiht. Ernannt hatte ihn Papst Johannes Paul II, der den Kommunismus wie Malý "auf der eigenen Haut erlebt" hatte, so der Prager Kardinal Miloslav Vlk, Malýs damaliger Chef.

Heute bekennt sich in der Tschechischen Republik nur eine Minderheit der Bevölkerung, jeder fünfte Tscheche, zu einer Religionsgemeinschaft, auch ein Ergebnis von vierzig Jahren atheistischer Propaganda durch die Kommunistische Partei. Heute bezeichnen sich 78 Prozent der Bevölkerung als konfessionslos oder machen keine Angaben zu einer Religion. Das trifft auch die katholische Kirche. Nur jeder zehnte Tscheche nennt sich bei Umfragen römisch-katholisch. Auch mit dieser geringen Zahl bleibt die katholische Kirche noch größte Religionsgemeinschaft Tschechiens. Im böhmischen Landesteil rings um Prag ist die Entchristlichung am weitesten vorangeschritten, viele Kirchen stehen dort leer. Im südlichen Mähren sind dagegen – laut KNA - noch Reste einer katholischen Volkskirche erkennbar. Zwei oder drei, manchmal fünf.

Bischof Malý sagt: "Wir sind weniger geworden. Wir sind vor allem eine städtische Kirche, keine Volkskirche mehr und keine Nationalkirche. Die kirchlichen Zentren liegen in den Städten, nicht auf dem Lande. Aber es gibt eine neue Generation von Konvertiten. In jeder größeren Pfarrgemeinde werden jedes Jahr zu Ostern einige Konvertiten getauft, zwei oder drei, manchmal fünf". Das ist seine Hoffnung für die Zukunft. "Dabei müssen wir vor allem eine dienende Kirche sein, also eine Kirche für alle, die etwas Geistliches suchen. Doch viele, die auf der Suche sind, identifizieren sich nicht mit der christlichen Lehre. Aber auch um diese Menschen muss sich die Kirche kümmern. Wir müssen sie ertragen".

Eine Generation von Sklaven

Daniel Herman, Ex-Priester und ehemals Sprecher der tschechischen Bischofskonferenz ist zurzeit christlich-demokratischer Kulturminister in Prag. Er erklärte in einem ARD-Interview die Seelenlage der Tschechen heute mit einem biblischen Vergleich: Aus Ägypten sei nach dem Exodus der Juden vor 3000 Jahren eine Generation von Sklaven hervorgegangen. Nach der Reise durch die Wüste sei es nach 40 Jahren zu einem Generationswechsel gekommen und in das Land Kanaan sei dann eine neue Generation frei denkender Leute eingezogen. Also: Eine Rekonstruktion der Ökonomie oder der Fassaden sei nicht so kompliziert. Aber eine Rekonstruktion der Herzen, der Mentalität, das ist nach Ansicht von Minister Herman ein Prozess, der länger als nur eine Generation dauert.

Demokratie, die stolpert

Der Autor Joachim Jauer beschreibt in seinem Buch "Urbi et Gorbi" ausführlich die Rolle der Kirchen in den Staaten OsteuropasBuchcover "Urbi et Gorbi" von Joachim Jauer
"Es herrschte eine Naivität nach der Samtenen Revolution, nach der Wende", sagt Bischof Malý. " Alles wird gut gehen, wir werden sehr bald reich sein und die Demokratie ist etwas Selbstverständliches". Doch Demokratie bedeute Lernen, sie sei keine fertige Sache. Nach Malýs Meinung stolpert die Demokratie in Tschechien bis heute. Die Zahl der Euroskeptiker ist unter Politikern und Bürgern Tschechiens groß.

Malý aber besteht darauf, dass die Europäische Union ein Projekt für die Sicherheit und die Demokratie auch seines Landes ist. Mit seiner Forderung nach "einem offenen Herzen für Migranten", steht er gegen die verbreitete öffentliche Meinung. "Wenn unsere Politiker sagen, wir verteidigen unseren Staat und deshalb wollen wir praktisch keinen Flüchtling", dann nennt das der Bischof "eine Schande".

Regelmäßig besucht Malý, der an der Spitze der tschechischen Kommission von "Justitia et Pax" - Gerechtigkeit und Frieden - steht, Länder, in denen die Menschenrechte nicht respektiert werden, zuletzt Süd-Sudan und Sudan, Uganda und Indien. "Damals habe ich aus dem Westen selbst viel Hilfe und Solidarität erhalten. Heute gebe ich das zurück. Ich fühle mich verpflichtet, diese schikanierten und leidenden Menschen zu besuchen und sie zu ermutigen: Bitte, haltet aus! Ich bin kein Retter, nur ein ganz normaler tschechischer Bürger, der unterdrückt wurde und der weiß, was Kampf für Menschenrechte bedeutet. Ich besuche nicht nur Kirchen, sondern auch die Familien der politischen Gefangenen."

Der Dissident mit dem Hirtenstab wählte den Wahlspruch "POKOR A PRAVDA", "Demut und Wahrheit". Er ist auch heute mit vielen seiner Überzeugungen ein einsamer Mahner. Aber das hat er ja früh gelernt.

Zu weiteren Texten & Dokumenten aus dem bpb-Dossier Prag 1968


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