Frauen und Männer gehen eine Treppe hoch

2.12.2009 | Von:
Reinhard Mohr

Moderieren ist alles: Frauen im Politik-Talk

Feminisierung und Triumph des Infotainments

Heute dürfen Frauen nicht nur über alles mitreden, nein: Sie leiten und dirigieren inzwischen die wichtigsten politischen Talkshows im deutschen Fernsehen, während im Gegenzug vor allem Männer wie Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner und Markus Lanz für den bunten Softtalk zwischen Boris Becker und Gräfin Gloria zu Thurn und Taxis zuständig sind. Es ist also viel komplizierter als früher, manchmal auch verwirrend und ziemlich unübersichtlich.

Wurde 1973, immerhin fünf Jahre nach der Revolte von 1968 und kurz vor Erscheinen von Alice Schwarzers "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen", noch als Sensation gefeiert, dass eine Frau - Carmen Thomas - erstmals das "Aktuelle Sportstudio" des ZDF moderierte, auch wenn sie mit "Schalke 05" einen legendären Fauxpas landete (so nannte sie versehentlich den Fußballverein Schalke 04), so ist es anno 2009 völlig selbstverständlich, dass mit Anne Will, Maybrit Illner und Sandra Maischberger gleich drei Frauen an vorderster Front fürs große politische Theater zuständig sind. Daneben stehen noch Marietta Slomka, Caren Miosga, Bettina Schausten, Susanne Holst, Petra Gerster und einige andere in der ersten Reihe der politischen Fernsehmoderation. Den entscheidenden Durchbruch freilich hatte Sabine Christiansen errungen, die 1998 als erste Frau in die Fußstapfen von Männern wie Werner Höfer, Johannes Gross, Günter Gaus, Erich Böhme, Claus-Hinrich Casdorff und Hanns Joachim Friedrichs trat, nachdem sie schon jahrelang das Gesicht der ARD-"Tagesthemen" gewesen war.

Ist es schon keineswegs übertrieben, von einer Feminisierung des Fernsehens insgesamt zu sprechen, so kann man mit Fug und Recht eine deutliche Verweiblichung der televisionären Politik-Vermittlung konstatieren. Wer sich hier und da noch einmal einen Blick ins Fernseharchiv gönnt und - schwarzweiß oder in Farbe - all die rasiermesserscharf gescheitelten Herrenköpfe betrachtet, die schon ästhetisch und körpersprachlich jenseits allen Zweifels verkündeten, dass Politik Männersache sei, der staunt doch immer wieder, wie heutzutage Anne Will im frechen Minirock oder Maybrit Illner im weißen Hosenanzug ihre Fragen an Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten richten, als hätte es Friedrich Nowottny und Ernst-Dieter Lueg nie gegeben.

Jenseits der Frage, was damit womöglich besser und was schlechter geworden sei als früher, fällt ein struktureller Unterschied zu den "guten" alten Zeiten ins Auge: Der politische Streit, soweit er im Fernsehen stattfindet, hat sich, vor allem als Folge der Privatisierung und Kommerzialisierung der Massenmedien seit den frühen 1990er Jahren, sehr weitgehend als Teil des Unterhaltungsprogramms etabliert. Auch wenn es bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF samt ihren Programmablegern gern bestritten wird: Selbst die Präsentation von "Deutschlandtrend" und "Politbarometer", eigentlich eine Angelegenheit für Politik-affine Freunde der Statistik, liefert eher die emotionalen Ingredienzien von Sport, Spiel, Spannung als die seriöse Grundlage einer Debatte über die richtige Politik der Zukunft. So avanciert etwa der sagenhafte Aufstieg von Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg fast schon zur bunten Society-Story, während der atemberaubende Abstieg der SPD einem süffigen Melodram ähnelt, das man mit wohliger Gänsehaut konsumiert.

Auch jenseits einer populären Kultur- und Medienkritik ist unabweisbar, dass sich das Infotainment als medialer Megatrend flächendeckend durchgesetzt hat: Information ist zum Entertainment geworden - auch optisch, wie zuletzt das neue, virtuell-digitale Nachrichtenstudio des ZDF offenbart hat. Personalisierung und Skandalisierung sind die Eckpfeiler der politischen Berichterstattung - fast so wie im originären Reich der Unterhaltung, wo es um Dieter Bohlen, Shakira und Paris Hiltons Unterwäsche geht. Hätte Frank-Walter Steinmeier, Ex-Kanzlerkandidat der SPD, auch nur die Hälfte des Glamours von Schauspieler Til Schweiger, wäre er umstandslos zum deutschen Obama ausgerufen worden.

In diesem Umfeld, zu dem auch die ungeheure Informationsbeschleunigung durch das Internet und seine millionenfachen Blog-Blasen gehören, haben die politischen Talkshows eine ganz andere Funktion als der "Internationale Frühschoppen". Wurde damals eine kleine, allenfalls nach Hunderttausenden zählende Elite mit Information und Meinung aus erster Hand versorgt, so geht es bei dem abendlichen Talkshow-Publikum, das bis zu sechs Millionen Zuschauer umfasst, um eine Mischung aus psychosozialer Selbstvergewisserung der Gesellschaft und einer mentalen Zerstreuung, die am Ende Beruhigung und Entspannung auslösen soll. Unabdingbar ist dabei allerdings eine Erregungskurve, die mit einer hysterischen Alarmmeldung beginnt, zum Schluss aber wieder in einen fast therapeutischen Konsens mündet.

Ob "Anne Will" am Sonntag-, "Maischberger" am Dienstag- oder "Maybrit Illner" am Donnerstagabend - genau dies war das Ablaufschema der Polittalks während der einjährigen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, in der sich die alarmistischen Themenformulierungen von "Abgrund", "Zusammenbruch" und "Untergang" gegenseitig den Rang abzulaufen versuchten. Kein negativer Superlativ war so stark, dass er nicht noch hätte überboten werden können: "Banken in Staatshand - Kapitalismus am Ende?" hieß es da oder "Krise ohne Ende - Jobs und Wohlstand in Gefahr". Fast schon dadaistische Gaga-Qualität hatte ein Talkshow-Titel von Sandra Maischberger im November 2008. Das Thema der Sendung lautete: "Marx hatte Recht! Gebt uns den Sozialismus zurück!"

Zuweilen bewährte sich jedoch die weiblich geführte Krisen-Talkshow tatsächlich als "Kraftwerk der Gefühle", frei nach Alexander Kluges Diktum über das Wesen der Oper, in dem sich letztlich ein kathartischer Prozess vollzieht: Die teils selbstinszenierte Aufregung wurde in einem Wellen- und Wechselbad aus Dramatisierung und Entdramatisierung gleichsam aufgelöst, ohne dass dazu eine grundstürzend neue Erkenntnis oder auch nur ein noch nicht gehörtes, originelles Argument nötig gewesen wäre.

Das Geheimnis dieser oft zu Recht kritisierten Rede-Shows mit den ewig gleichen Protagonisten ist ihre Funktion als virtuelles Kaminfeuer einer Gesellschaft, die sich immer mehr in verschiedene Schichten, Interessengruppen, Milieus und Netzwerke ausdifferenziert. Gerade unter dem Schock der so plötzlich ausgebrochenen Finanzkrise versammelten sich viele Zuschauer, die im wahren Leben nicht viel miteinander zu tun hätten, vor dem Bildschirm, um die Identifizierungsangebote eines kollektiv betroffenen Wir anzunehmen. Wenn auf gierige Investmentbanker und unverantwortliche Bankberater geschimpft wurde, fanden sich alle wieder, und sei es nur in der Bestätigung von Ängsten und Befürchtungen, Wut und Empörung.

Anne Wills weißes "Betroffenensofa" - man stelle sich ein derart feminines Möbelstück in Werner Höfers weinselig paffender Herrenrunde vor! - repräsentiert symbolhaft die neue Funktion der Talkshows: Sie sind Mess- und Auffangstationen des sozialen Grundrauschens, Seismographen des gesellschaftlichen Selbstgesprächs und Sprachrohr diffuser Stimmungen. Mehr denn je erscheint hier der Bürger vor allem als bedauernswertes Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse - als unzufriedener Verbraucher oder Kunde, der von der Regierung und ihren (nicht gehaltenen) Versprechungen schwer enttäuscht ist. Vor allem deshalb - und weil es nebenher noch der Einschaltquote in einer alternden Gesellschaft förderlich ist - dominieren die Themenkomplexe Rente, Pflege und Gesundheit gegenüber globalpolitischen Fragen wie Krieg und Frieden in Afghanistan oder Sinn und Unsinn staatlicher Entwicklungshilfe in der "Dritten Welt".

Der auf seine Republik stolze Citoyen, der flammende Reden ans Volk halten würde, ist eine aussterbende Gattung - ebenso wie der räsonierende Intellektuelle, der im tiefsten Innern darauf brennt, endlich einmal wieder selbst politisch aktiv werden zu können. Eine subtile Entkernung des Politischen ist also unverkennbar, zumal markante und streitlustige Persönlichkeiten jenseits des üblichen Showgehabes immer seltener werden. Auch deshalb herrscht in den Talkshows so oft ein pubertärer, zuweilen gar infantil quäkender Jammerton, in dessen Vorstellungswelt immer alle anderen - im Zweifel "die Gesellschaft" oder "die Globalisierung" - schuld am vermeintlichen Elend sind, nur man selbst nicht.

Um dieses emotional belastende Klima gegenseitiger Beschuldigungen rhapsodisch aufzulockern, erfinden die Talk-Redaktionen immer neue Gags und Gimmicks. Längst etabliert ist der berüchtigte "Einspieler", in dem in 30 oder 60 Sekunden noch mal erklärt wird, worum es eigentlich geht. Gerne werden auch "Experten" als sidekicks eingeladen, hier und da ein frohsinniger "Comedian" oder ein ehemaliger Fußball- oder Tennisstar; dazu gibt es Chats, interaktive Youtube-Zuspielungen und die allseits beliebten Straßenumfragen. Am Ende wird stets die entscheidende Botschaft ausgesandt: Wir tun was gegen die Krise, wir kümmern uns. So sehr man sonst die politische Klasse kritisiert, ja verachtet - in Gefahr und höchster Not geht es um den psychosozialen Zusammenhalt. Auf diese Weise wird die Talkshow zum gesellschaftlichen Integrations-Anker in unruhiger See. Das Motto der virtuellen Gesprächstherapie: Gut, dass man wenigstens mal wieder drüber gesprochen hat - bis zum nächsten Mal.

Zugleich passt sich die Talkshow perfekt ins restliche Programmschema ein. Der berüchtigte audience-flow etwa, das dringend erwünschte Dranbleiben der Zuschauer, funktioniert reibungslos: Nach "Maybrit Illner" am Donnerstagabend war man stets reif für Johannes B. Kerner - und ist es nun für Markus Lanz, dieses allerletzte Abklingbecken für Körper, Geist und Seele. Danach folgt nur noch die Bettruhe.


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