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Zwei Welten?

Zwei Welten? Ein "Versöhnungsdialog" über das Jahr 1989 in der DDR

von: Holger Kulick,

Am 9. November 2022 kam es in der Berliner Kapelle der Versöhnung zu einem ungewöhnlichen Zeitzeugen-Gespräch vor Schülern und Schülerinnen einer Berliner Schule, organisiert von der bpb aus Anlass ihres 70.Geburtstags. Am 33. Jahrestag des Mauerfalls diskutierten dort der langjährige SED-Funktionär und Vorsitzende der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Eberhard Aurich (76), und der Pfarrer der Ev. Versöhnungskirche, Thomas Jeutner (62). Beide Lebensläufe können unterschiedlicher nicht sein.

Inhalt

Eberhard Aurich war mehrere Jahre verantwortlich für die Ideologisierung der Jugend in der DDR. Er wäre im Revolutions-Herbst 1989 gerne zu einem Gesellschafts-„Reformer“ geworden, entwarf überfällige Strategiepapiere für das Politbüro der allmächtig regierenden SED, beugte sich dann aber immer wieder abwartend dem Parteidruck innerhalb der ausgeprägten SED-Hierarchie. Er reflektiert und schreibt jedoch seitdem vergleichsweise selbstkritisch darüber, warum er zu lange schwieg. Siehe auch sein Beitrag im Deutschlandarchiv: "Es war ein Tanz auf dem Vulkan": https://www.bpb.de/515045 .

Aurichs Gesprächspartner, der in der Kapelle der Versöhnung dessen Sichtweisen hinterfragte, war der evangelische Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, Thomas Jeutner (62), der aus Prenzlau stammt und als Jugendlicher die Mitgliedschaft in der FDJ folgenreich ablehnte. Nach der Schulzeit in Potsdam lernte er Fernmeldemechaniker, verweigerte den Wehrdienst in der NVA und wurde Bausoldat. Nach kurzer Zeit als Student in Wismar wurde er aus politischen Gründen der Hochschule verwiesen. Auf dem Sprachenkonvikt der Evangelischen Kirche in Berlin studierte er Theologie und wurde Pfarrer, sein Bruder verließ derweil frustriert die DDR. Thomas Jeutner predigt seit acht Jahren in der Kapelle der Versöhnung, sie ist ein Bestandteil der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße.

Moderator des 90-minütigen "Versöhnungsdialogs" war der ehemalige Fernsehjournalist Holger Kulick aus der Redaktion Deutschlandarchiv der bpb, ebenfalls beteiligten sich aus dem Publikum SchülerInnen eines Geschichtsleistungskurses der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum an dem Zeitzeugengespräch. "Zwei Welten – zwei Blasen?", kommentierte Pfarrer Jeutner am Ende, "aber 33 Jahre nach dem Mauersturz ein überfälliger Dialog, dem in dieser Kontroversität gerne auch an diesem kirchlichen Ort weitere folgen sollten“. Auch Aurich, der inzwischen ganz mit dem Sozialismus gebrochen hat und keiner Partei mehr angehört, zeigte sich zu weiteren Diskussionen und Schulbesuchen als Zeitzeuge bereit. Im Selbstverlag hat er 2019 ein Buch über seine politische Vergangenheit geschrieben: "Zusammenbruch" - Erinnerungen - Dokumente - Einsichten (Berlin, 2019).

Mehr Informationen

  • Kamera & Schnitt: Oleg Stepanov

  • Produktion: 9.11.2022

  • hrsg. von: Redaktion www.deutschlandarchiv.de der bpb

Lizenzhinweise

© Redaktion www.deutschlandarchiv.de der bpb 2022