beleuchteter Landschaftspark Duisburg Nord am Abend

Sektion 6 – Wandel der Arbeitswelt

Referentinnen und Referenten der Sektion 6:
Tim Cole, deutsch-amerikanischer Publizist, Kolumnist und Autor
Sabria David, Slow Media Institut
Frank Rieger, Chaos Computer Club
Moderation: Andreas Kolbe, Deutschlandradio


Licht, Schatten und tiefste Dunkelheit



Zu dem Ergebnis, dass verschiedene Berufe in Zukunft zunehmend von Maschinen übernommen werden, kommt die Studie "The future of employment" von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne, die erforschten, welche Tätigkeiten einem hohen sogenannten Computerisierungsrisiko unterliegen und welche eher resistent gegen Digitalisierung sind.

Akt der Befreiung



Moderator Andreas Kolbe, (Deutschlandfunk), Sabria David (Slow Media Institut) und Tim Cole (Kolumnist und Autor)Moderator Andreas Kolbe, (Deutschlandfunk), Sabria David (Slow Media Institut) und Tim Cole (Kolumnist und Autor) (© bpb/Smilla Dankert)
Nach diesem Einstieg von Moderator Andreas Kolbe in die Debatte um den "Wandel der Arbeitswelt" verortete sich Publizist Tim Cole, Autor des Buches "Digitale Aufklärung", als Gegner von Kulturpessimismus was die Verbreitung digitaler Technologien angeht. Den Wandel könne man nicht aufhalten, sondern man müsse lernen, damit zu leben – nicht fremd-, sondern selbstbestimmt. Als einen "Akt der Befreiung" wertet Cole die Möglichkeit, mittels neuer Technologien unabhängig von Ort und Zeit zu arbeiten. Dies setze einerseits ein hohes Maß an Vertrauen von Unternehmerseite voraus, andererseits gelte es, neue Messmodelle für Produktivität zu entwickeln. Die Realität hinkt der Vision von dieser schönen neuen Arbeitswelt hinterher: Vor allem deutsche Unternehmen setzen weiterhin auf Präsenzkultur (für 75 Prozent aller Arbeitnehmer gilt Anwesenheitspflicht) und veraltete Technik (stationär statt mobil). "Lasst die Leute arbeiten, wann und wo sie wollen!", lautet Coles Plädoyer. Auf Ungleichheiten angesprochen, ergänzte er, dass es immer schon Gewinner und Verlierer auf sich verändernden Arbeitsmärkten gegeben habe, den "digitalen Verlierern" seien entsprechend Hilfsangebote zu machen.

Digitaler Arbeitsschutz



Als Gratwanderin zwischen Alarmismus und Apologetik präsentierte sich Sabria David, Mitbegründerin des Slow Media Instituts, das zu den Auswirkungen und Potenzialen des digitalen Wandels forscht und berät. Moralisierende Diskussionen, ob Internet und Digitalisierung nun "gute" oder "böse" Entwicklungen sind, hält sie für überflüssig. David geht es um Mediennutzungskompetenz, um eine neue Kulturtechnik und um die Etablierung eines digitalen Arbeitsschutzes. Unternehmen seien auf halber Strecke stehengeblieben, sie müssten erst lernen, die Medien adäquat einzusetzen und Erwartungen an die Arbeitnehmer zu formulieren. In der digitalen Arbeitswelt, die im Gegensatz zur alten Welt mit festen Arbeitszeiten und Präsenzkultur zur Entgrenzung neige, ist auch eine neue Rolle und Verantwortung der Arbeitnehmer gefragt. Sie müssen sich abgrenzen und entziehen, sie müssen filtern und gewichten. Die Chancen, diese Kompetenzen zu erlangen, sind indes ungleich verteilt. Hier sieht David auch die (politische) Bildung in der Pflicht, solche Kompetenzen aufzubauen und die Experimentierfreude wie auch den verantwortlichen Umgang mit dem technischen Fortschritt zu fördern.

Sabria David im Interview

Gefahr der Dystopie



Maximal zehn Jahre haben Gesellschaft und Politik noch Zeit, um sich zu überlegen, wie sie mit dem Wandel der Arbeitswelt umgehen wollen, mahnte Frank Rieger, Unternehmer und einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs, am Ende seiner Ausführungen. Seine kurze "Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen" zeigte eindrucksvoll, was auf uns noch zukommt. Automatisierung und Digitalisierung schreiten voran, Roboter werden lernfähig und Tätigkeiten mess- und vergleichbar(er). Neue Geschäftsmodelle, wie beispielsweise "Uber", setzen auf "Disruption", sie unterliefen damit, so Rieger, die Regularien einer Gesellschaft durch den Einsatz neuer Technologie, um Effizienzgewinne zu erreichen, die anderswo nicht mehr möglich seien. Diese Entwicklungen könnten auch in einer Dystopie enden, wenn nicht nachgedacht werde, in welcher Welt wir künftig leben wollen. Wie können wir etwa dafür sorgen, dass die Menschen, die durch den digitalen Strukturbruch in Wellen freigesetzt werden, weiter Anteil haben an gesellschaftlichem Wohlstand und technologischem Fortschritt?
Licht, Schatten und tiefste Dunkelheit bot diese Sektion, die leider auf die arbeitssoziologische Perspektive von Klaus Dörre verzichten musste.

von Anne Seibring




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