Dossierbild Geschichte und Erinnerung

7.10.2008 | Von:
Helga Hirsch

Kollektive Erinnerung im Wandel

Gelungene oder erzwungene Integration?

Mitte der achtziger Jahre mehrten sich Stimmen in der sozialhistorischen Migrationsforschung, die den Integrationsprozess der Vertriebenen nicht mehr uneingeschränkt positiv beurteilten.[35] Zu schnell hatten die bedrückenden Erfahrungen ins Private oder in die abgeschlossenen Kreise von Vertriebenenverbänden gedrängt werden müssen; zu schmerzhaft war die Zurückweisung durch eine Öffentlichkeit, die nicht mit Leidensgeschichten jener bedrängt werden wollte, die persönlich am härtesten für die NS-Verbrechen zu bezahlen hatten. Die traumatischen Erlebnisse vieler Flüchtlinge und Vertriebenen sind bis heute nicht verarbeitet.[36] Das Schweigen drückte weniger eine gelungene als eine erzwungene Integration aus: Man schwieg, um nicht als "Fremder" in Distanz zu den Einheimischen zu geraten; man schwieg auch, weil man nicht mehr an die Vergangenheit denken wollte, tauchten da doch Schuldgefühle auf, weil man die Heimat und die Gräber der Eltern "im Stich gelassen" hatte. Auch Schamgefühle spielten eine Rolle, weil man in den Anfangsjahren in der neuen Heimat so abhängig und hilfsbedürftig war. Dem Stolz von Politikern - "Wir haben sie integriert!" - entsprach der Stolz der Betroffenen: "Wir haben es geschafft!"

In den ersten Jahren war das Anderssein der Flüchtlingskinder nicht zu übersehen gewesen. Die "Langeoog-Studie" - so benannt, weil sie von 1946 bis 1950 insgesamt 12 500 Kinder (die Hälfte von ihnen aus vertriebenen Familien) untersuchte, die zu Erholungskuren auf die Insel geschickt wurden - stellte für 1946 fest: Das Untergewicht von Vertriebenenkindern betrug bis zu 20 Prozent, das Längenwachstum blieb deutlich hinter der Norm zurück, Eiweißmangel führte zu Haltungsschäden, falsche Ernährung zu schlechten Zähnen, Rachitis und erhöhter Anfälligkeit für infektiöse Krankheiten wie Tuberkulose. Nicht alle verfügten über Seife, ihre Haut war oft schmutzig, verkrustet, welk, die Kinder wirkten alt. Sie zeigten einen Mangel an Selbstvertrauen, waren misstrauisch, ernst, schweigsam und litten an mangelnder Konzentrationsfähigkeit, an Schlafstörungen, Alpträumen, Bettnässen, Sprachstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen - all jene Symptome, die man heute als Posttraumatisches Belastungssyndrom bzw. post-traumatic stress disorder (PTSD) bezeichnet.[37]

Die "Langeoog-Studie" zeigte, dass die Kinder ab 1949 weniger von den Eindrücken der Vergangenheit erzählten, bei einigen trat sogar Erinnerungsverweigerung auf. Stattdessen drehten sich ihre Erzählungen um die Gegenwart, vor allem um aktuelle Mangelsituationen.[38] Die Kinder waren nun vor allem mit Assimilierungsprozessen beschäftigt, um einer Ausgrenzung zu entgehen: Sie lernten den bayerischen Dialekt, um für ihren schlesischen nicht mehr als "Saupreiß" beschimpft zu werden; sie legten die Tracht der Ungarndeutschen ab, um in Hessen nicht mehr als "Zigeuner" verachtet zu werden; sie hörten auf, die alte Heimat zu erwähnen, und konzentrierten sich aufs Lernen und Arbeiten. Das Land befand sich im Rausch des Wirtschaftswunders. "In ihm wurden Produktivität, Modernität, Jugend, wirtschaftliche Integration und innenpolitische Stabilität zur Obsession", schreibt der amerikanische Historiker Tony Judt.[39]

Die Kinder, denen die Funktion des Bindeglieds zwischen Flüchtlingen und Einheimischen zugewiesen wurde, gerieten in einen inneren Spagat. Die Schule und die neue Heimat setzten sie unter starken Anpassungsdruck, und auch die Eltern wollten mit ihren Kindern beweisen, dass "wir aus dem Osten so gut sind wie die Einheimischen". Aber die Eltern empfanden die Aufgabe des alten Dialekts oder die Übernahme neuer Sitten auch als Verrat. So pendelten die Kinder zwischen zwei Welten, zwei sich ausschließenden Anforderungen, denen sie nicht gleichzeitig genügen konnten. Innerlich fühlten sie sich oft zerrieben, erfüllten sie äußerlich auch alle Erwartungen.

Eine psychologische Studie kam 1964 zu dem Ergebnis, dass der körperliche Entwicklungsstand der Flüchtlingskinder durch die Versorgungsengpässe während und nach der Flucht "vermutlich nicht dauerhaft" beeinträchtigt worden sei. Krankhafte Befunde seien seltener als bei einheimischen Altersgenossen, schulische Leistungen sogar besser, und mögliche frühkindliche traumatische Erlebnisse hätten zu keiner Beeinträchtigung geführt.[40] Diese Diagnose entsprach der damals gängigen psychologischen Lehrmeinung, dass Menschen in Extremsituationen sehr stark belastbar seien und der Organismus praktisch unbegrenzte Ausgleichsmöglichkeiten besitze. Kinder verfügten danach über eine außerordentliche Elastizität, konnten schnell vergessen und sogar von Bombenangriffen und dem Anblick von Toten in ihrer Seele wenig tangiert werden, solange sie bei der Mutter seien. Einige vermuteten in der Tatsache, dass Kinder scheinbar so gut mit den Ereignissen zurechtkämen, sogar eine Spätfolge der NS-Erziehung, die das Ideal "harter" Maskulinität gepredigt hatte.[41]

Diese Auffassungen über die Belastbarkeit von Menschen wurden erst durch die Erfahrungen bei der Behandlung von Holocaust-Überlebenden ab Ende der fünfziger Jahre in Zweifel gezogen. 1961 schrieb Walter Ritter von Baeyer, ehemals beratender Psychiater der Wehrmacht und von 1955 bis 1972 Leiter der Universitätsnervenklinik in Heidelberg: "Der alte Erfahrungssatz - der Kern der bis dato herrschenden Lehre -, dass der Mensch unglaublich viel verträgt, ohne dauernden Schaden an seiner Seele zu nehmen, gilt hier nicht mehr. Davor dürfen wir nicht länger die Augen verschließen."[42] Seit den achtziger Jahren ist PTSD als Krankheitsbild beschrieben: Jemand muss in Lebensgefahr gewesen sein, unter wiederkehrenden Erinnerungsfetzen, unwillkürlichem Wiedererleben, Symptomen eines erregten Zustands wie Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Alpträumen etc. leiden und ein Verhalten entwickeln, das ihn Situationen vermeiden lässt, die an das Trauma auslösende Ereignis gedanklich oder emotional erinnern könnten. Derartige Symptome zeigen sich sogar noch Jahrzehnte nach dem auslösenden Ereignis. So wiesen etwa ein Drittel der norwegischen und niederländischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs noch 45 Jahre nach Kriegsende eine partielle PTSD auf.[43] Bei alternden Opfern des Holocaust ergab sich in den achtziger Jahren sogar eine PTSD-Beeinträchtigung von 57 Prozent.

Das Psychologische Institut in Hamburg hat 1999 erstmals eine Untersuchung unter 270 Vertriebenen durchgeführt, davon 205 Frauen. Diese waren bei der Flucht zwischen neun und 21 Jahre alt (diebefragten Männer zwischen sieben und 15). 82 Prozent hatten gehungert, 70 Prozent waren durch Beschuss und Bombardierung in Todesnähe geraten, mehr als die Hälfte der Frauen war vergewaltigt worden. Am schrecklichsten wurden Vergewaltigungen, Hinrichtungen, der Anblick von verstümmelten Toten und der Tod von Familienangehörigen erlebt. Noch zur Zeit der Befragung litten 62 Prozent unter traumabezogenen Symptomen; bei 4,8 Prozent wurde ein voll ausgeprägtes, bei 25 Prozent ein partielles PTSD festgestellt.[44]

Weit überproportional sind Vertriebene und ihre Kinder auch unter den Patienten von Schmerztherapeuten und Psychoanalytikern zu finden. Zwar gibt es noch keine systematischen Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen chronischen Schmerzen, Beziehungsstörungen, mangelndem Selbstwertgefühl und Schädigungen während Flucht und Vertreibung. Doch einige Analytiker haben erste Schlussfolgerungen gezogen.[45] Kennzeichnend für die meisten Vertriebenen (und viele ihrer Kinder) ist ein Gefühl der Wurzellosigkeit. Sie fühlen sich unruhig, getrieben, unfähig, sich irgendwo langfristig niederzulassen. Sie zeigen tendenziell eine hohe Mobilität, oder aber - gerade umgekehrt - das zwanghafte Bestreben, sich mit dem Bau eines Hauses festzukrallen. Auch im Beruf und in persönlichen Beziehungen zeigt sich, dass Vertriebene sich oft nur unter Vorbehalt einlassen - nach dem Motto: "Ich kann immer jederzeit wieder gehen." Nirgends fühlen sie sich auf Dauer heimisch, und in der Tiefe ihres Herzens bleiben sie fluchtbereit.

Dass diese Phänomene erst in jüngster Zeit ins Bewusstsein rücken, liegt auch daran, dass viele Vertriebenenkinder ins Rentenalter kommen. Plötzlich werden sie sich bewusst, wie weit sie mit einer überzogenen Leistungsorientierung, mit protestantischer Arbeitsethik und Karrieredrang ein brüchiges Selbstwertgefühl zu überdecken versuchten und sich in die Arbeit flüchteten, obwohl ihnen berufliche Erfolge häufig nur bedingte Befriedigung verschafften. Sie haben im Leben oft viel erreicht, fühlen sich aber aufgrund emotionaler Defizite und schwachen Selbstbewusstseins unzufrieden und unausgefüllt. Insofern sind noch die Kinder mit der Hypothek der Eltern belastet. Es trifft eben nicht zu, dass sich das Problem der Flucht durch das Ableben der Erlebnisgeneration von selbst erledigt. Im Unterschied zur Erlebnisgeneration ist die Generation der Kinder nicht mehr dazu erzogen worden, "die Zähne zusammenzubeißen". Das Individuum muss sich nicht immer als stark, hart und als Herr der Situation beweisen. Jemand, der sich sensibel mit seinen beschämenden, demütigenden Erlebnissen auseinandersetzt, erfährt neuerdings sogar eher Wertschätzung als einer, der Probleme hinter einer stoischen Fassade verbirgt.

Fußnoten

35.
Vgl. u.a. P. Lüttinger, Der Mythos der schnellen Integration, in: Zeitschrift für Soziologie, 15 (1986), S. 20 - 36.
36.
Vgl. u.a. H.-W. Rautenberg, Die Wahrnehmung von Flucht und Vertreibung in der deutschen Nachkriegsgeschichte bis heute, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 53/1997, S. 34 - 46.
37.
Vgl. E. Lippelt/ C. Keppel, Deutsche Kinder in den Jahren 1947 bis 1950, in: Schweizerische Zeitschrift für Psychologie und ihre Anwendungen, (1950) 9, S. 212 - 322.
38.
Vgl. Volker Ackermann, Das Schweigen der Flüchtlingskinder, unveröff. Ms., S. 19.
39.
Vgl. Tony Judt, Die Vergangenheit ist ein anderes Land. Politische Mythen im Nachkriegseuropa, in: Transit, (1993) 6, S. 100.
40.
Vgl. Ursula Brandt, Flüchtlingskinder. Eine Untersuchung zu ihrer psychischen Situation, München 1964, S. 80 - 83 und 151 - 154.
41.
Vgl. H. Stutte, Ärztliches Problem des Flüchtlingskindes, in: Unsere Jugend, (1950) 2, S. 214ff.
42.
Zit. nach V. Ackermann (Anm. 38), S. 23.
43.
Zit. nach Frauke Teegen/Verena Meister, Traumatische Erfahrungen deutscher Flüchtlinge am Ende des II. Weltkriegs und heutige Belastungsstörungen, in: Zeitschrift für Gerontopsychologie und -psychiatrie, (2000) 13, S. 112 - 124.
44.
Vgl. ebd., S. 116.
45.
Vgl. u.a. Günter Jerouschek, Vertreibungsschicksale in Psychoanalysen, Vortrag im Mai 2002 in Leipzig; Uwe Langendorf, Heimatvertreibung - das stumme Thema, Vortrag im Oktober 2002 in Berlin.

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