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Warum wir nicht mehr älter werden - Essay

Alter und Altern Editorial Warum wir nicht mehr älter werden - Essay Zur Veränderung des Altersbildes in Deutschland Die große Alterswende Zur Bedeutung von Altersstereotypen Alter(n) und Geschlecht: ein Thema mit Zukunft

Warum wir nicht mehr älter werden - Essay

Claudius Seidl

/ 18 Minuten zu lesen

Innerhalb von nur einer Generation hat sich eine Revolution der Lebensläufe ereignet: Die Menschen altern langsamer: Wer heute vierzig wird, ist geistig und körperlich meistens jünger, als es sein Großvater mit dreißig war.

Einleitung

Wir werden, als Gesellschaft, immer jünger, und als Einzelne werden wir nicht mehr älter, wir werden zumindest anders älter, und wir stecken mittendrin in einem Prozess, dessen Ausgang wir noch gar nicht absehen können. So lautet, kurz formuliert, meine These, und meine Geschichte mit diesem Thema begann im Frühjahr 1998, als ich, eines Morgens, die Entdeckung machte, dass die Schauspielerin Sharon Stone am nächsten Tag ihren 40. Geburtstag feiern würde. Ich hatte sie, ein Jahr zuvor, in dem Thriller "Diabolique" gesehen - und das, was ich da gesehen hatte, passte definitiv nicht zu dem Bild, das ich von vierzigjährigen Frauen hatte. Sie schien mindestens zehn Jahre jünger zu sein, und der Filmkritiker, der den Geburtstagsartikel verfasste, konnte das Rätsel nicht restlos lösen.

Im Jahr darauf, 1999, dem Jahr, in dem ich vierzig wurde, kam ein Film in die Kinos, dessen Qualität nicht nur darin bestand, dass er uns beim Älterwerden trösten konnte. Der Film hieß "The Thomas Crown Affair", und erzählte davon, wie ein attraktiver Mann den perfekten Kunstraub plant und wie eine schöne Frau ihn daran hindern will - und im Grunde ging es nur darum, dass die beiden ihren Zweikampf dort fortsetzen, wo ein Unentschieden schon in Ordnung geht, im Bett. Die Hauptrollen spielten Rene Russo und Pierce Brosnan - und was in diesem Film so neu war, das offenbart ein Blick auf die Geburtsdaten dieser Kinohelden. Rene Russo war 45 Jahre alt, Pierce Brosnan war 46, und was das bedeutete, das offenbarte sich, wenn man bedachte, dass dieser Film ein Remake war, eine neue Fassung eines Films aus dem Jahr 1968, in dem Faye Dunaway, damals 27, und Steve McQueen, damals 38, die Hauptrollen gespielt hatten.

Dass das Kino nichts als schöne Lügen verbreite, behaupten gerne dessen Gegner - aber der übliche Kinoeuphemismus ginge ja so, dass die Rolle der begehrenswerten erwachsenen Frau mit einer 30-Jährigen besetzt worden wäre. Dass eine 45-Jährige die Rolle spielte, die für eine 27-Jährige geschrieben worden war, konnte eigentlich nur bedeuten, dass in den einunddreißig Jahren zwischen der ersten und der zweiten Fassung gewaltige Erschütterungen in unserer Altersstruktur stattgefunden haben mussten - auch wenn man natürlich konzedieren muss, dass eine 45-jährige Hollywoodschauspielerin mit anderem Aufwand an ihrer Jugend und Schönheit arbeiten kann als gleichaltrige Rechtsanwältinnen, U-Bahn-Schaffnerinnen oder Journalistinnen. Aber das ist schon insofern kein wirksames Argument, als ja auch 25-jährige Stars meistens attraktiver sind als der 25-jährige Durchschnittsmensch.

Ich hatte bis dahin jene seltsame Differenz für mein Privatproblem gehalten, jenen ungeheuren Unterschied zwischen dem Bild, das ich selbst von einem 40-Jährigen im Kopf hatte, und dem 40-Jährigen, der ich in diesem Sommer war. Ich fühlte mich jünger, neugieriger, aggressiver, und vor allem: Ich glaubte, das Beste noch vor mir zu haben. Und dass das mehr als nur mein kleines Privatproblem war, das machten mir gleichzeitig die harten ökonomischen Fakten klar: Dem jungen Mann, als welcher ich mich fühlte, blieben noch neun Jahre in der so genannten werberelevanten Zielgruppe des Fernsehens - in zehn Jahren würde mir anscheinend niemand mehr irgendein Produkt verkaufen wollen. Und auf dem Arbeitsmarkt galt ich schon jetzt als zu alt - in fünf, spätestens in zehn Jahren würde mir der handelsübliche Personalchef keine Chance mehr geben.

Die Revolution der Lebensläufe

Fast alle, die heute dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alt sind, stellen irgendwann fest, dass sie viel jünger aussehen, sich fühlen und benehmen, als das in den Biografiefahrplänen vorgesehen ist. Diese alten Fahrpläne galten über Jahrhunderte, sie sahen vor, dass Jugend nur der kurze Moment sei zwischen dem Ende der Kindheit und dem Beginn des Erwachsenwerdens, die kurze Phase, in welcher der Mensch schon geschlechtsreif ist und zugleich noch frei von der Verantwortung für sein Leben. Vor knapp vierzig Jahren schrieb Jean Amery in seinem großen, dunklen Essay "Über das Altern", dass man mit fünfundvierzig zu altern beginne.

Wie ungeheuer jugendlich dagegen die Gesellschaft heute ist, das zeigt jeder Blick in die Geschichte - ganz gleich wie groß oder klein der Ausschnitt ist, ob man die Fotoalben der Eltern und Großeltern betrachtet und dabei entdeckt, dass man mit vierzig noch nicht so reif wirkt, wie es der Großvater offenbar schon mit dreißig war; ob man Balzacs "Frau von dreißig Jahren" noch einmal liest und sich überlegt, dass man bei einer heutigen Verfilmung die Rolle wohl mit einer 45-Jährigen besetzen würde; oder ob man sich, im zweihundertsten Todesjahr, an Friedrich Schiller erinnert, der ermattet, erschöpft und stark gealtert von seinen vielen Krankheiten, als 50-Jähriger starb.

Offenbar haben wir, die wir heute erwachsen sind, an einer Revolution der Lebensläufe teilgenommen - und wenn so einer, der heute dreißig, vierzig oder fünfzig ist, zurückblickt auf all die Jahre, in denen er älter wurde und doch jung geblieben ist, dann tut er sich sehr schwer damit zu sagen, ob er Täter, Opfer oder bloß Zeuge dieses Umsturzes war oder womöglich alles zugleich. Dass diese Revolution, die heute noch in vollem Gange ist, von so wenig Lärm begleitet wird, dass man für sie noch keinen Namen kennt, dafür gibt es zwei gute Gründe: Erstens haben sich die Revolutionäre nicht zu großen Massen zusammenrotten müssen; das revolutionäre Subjekt ist jeder Einzelne, der mit dreißig, vierzig, fünfundvierzig beschließt, im "Meer des Möglichen" (wie Kierkegaard das genannt hat) noch ein bißchen herumzuplanschen und den Landgang bis auf weiteres zu verschieben. Dass die anderen ganz genau so handeln, nimmt man zwar wahr; es ist für die eigenen Entscheidungen aber keine notwendige Voraussetzung. Anders als bei jeder Revolution zuvor, welche Sieger und Besiegte, Rebellen und Gestürzte gemeinsam erlebten, ist der Revolutionär bei dieser ganz für sich allein. Und zweitens sieht es ganz so aus, als blieben eigentlich nur noch gute Nachrichten: Alle werden jünger, alle sehen besser aus, allen geht es besser. Dass die Lage nicht ganz so einfach zu beschreiben und auch nicht ganz so rosig ist, das werden wir noch sehen.

Im Folgenden möchte ich, tastend und im Bewusstsein dessen, dass sich nicht alle Widersprüche auflösen lassen, ein paar Arbeitshypothesen zu den Ursachen und den möglichen Wirkungen des Phänomens formulieren. Karl Marx, in Sachen Revolution immer ein guter Stichwortgeber, hat gesagt, dass Revolutionen notwendig werden, wenn eine gesellschaftliche Form nicht mehr auf die Produktionsbedingungen passt.

Zur Jugend verdammt

"Jahrtausende trennen die Erfindung des Feuers von der Entdeckung des Ackerbaus. Zwischen der Erfindung der Schrift und der Druckerpresse entstanden, erblühten und zerfielen ganze Weltreiche. Nur ein paar Jahrhunderte liegen dagegen zwischen der Druckerpresse und der Dampfmaschine", schreibt, um den Rahmen noch ein bißchen weiter zu stecken, der Stanforder Romanist Robert Pogue Harrison in dem wunderbaren Essay "Wie alt sind wir?", in welchem er nach dem Kurswert von Weisheit und Erfahrung fragt - in einer Welt, die sich dem Wandel so hemmungslos hingegeben hat.

Wenn wir der Jugendlichkeit solche Eigenschaften wie Dynamik, Neugier, Flexibilität, Offenheit, Aggressivität zuordnen, und dem Erwachsensein die Erfahrung, die Weisheit, die Verlässlichkeit und Stetigkeit - dann müssen wir uns auch eingestehen, dass der Kurswert der Jugendlichkeit in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren gewaltig gestiegen ist. Und die Notierung der erwachsenen Werte ist gesunken: Mit der Erfahrung von vor zwanzig Jahren werde ich mich weder im Internet zurechtfinden, noch auf die Frage, wie ich mich fürs Alter finanziell sichere, eine passende Antwort finden. Mit Verlässlichkeit und Stetigkeit allein kann ich keine Abteilung mehr führen und meine Kinder nicht auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten.

Wenn wir bestehen wollen in dieser Gegenwart, dann müssen wir unsere jugendliche Eigenschaft, unsere Neugier und Dynamik und Flexibilität beibehalten, auch in einem Alter, in welchem die Jugend eigentlich längst vorüber sein müsste. "Nur extreme Jugendlichkeit kann Anpassung an diese immer dramatischeren Transformationen gewährleisten. Oder besser, nur extreme Jugendlichkeit hat den Hauch einer Chance, sich daran anzupassen", schreibt Harrison. Man könnte es auch so sagen: Wir sind zur Jugendlichkeit verdammt. Wer nur erwachsen ist, der ist verloren.

Die globale Abkühlung

Es gibt Menschen, die machen die populäre Kultur für das verantwortlich, was sie die Infantilisierung der Gesellschaft nennen: Popmusik und Kino, Werbung, Fernsehen und Mode hätten mit ihrer dauernden Feier der Jugend, mit ihrem Abscheu vor allem, was alt und gebrechlich wirkt, Schuld daran, dass so schöne Insignien des Erwachsenseins wie Krawatten und Manieren, Triebverzicht und Diskretion aus der Mode gekommen seien und die westliche Welt immer mehr bevölkert werde von Menschen, deren Jugendwahn sich auch darin zeige, dass sie alles haben und auf nichts verzichten wollten außer auf Verantwortung. Diese Kritiker haben im Prinzip Recht - nur verhält sich die Sache ein wenig komplizierter. Die Kultur ist Medium und Motor der Entwicklung zugleich - und die Speerspitze der Jugendbewegung war Cary Grant, der englische Hollywoodschauspieler, der in seinen späten Dreißigern einfach mit dem Älterwerden aufhörte. Cary Grant blieb jahrzehntelang fast derselbe jugendliche Mann, während seine Filmpartnerinnen irgendwann alterten, und am schlimmsten muss das für Jessie Royce Landis gewesen sein, eine attraktive Schauspielerin aus der zweiten Reihe, die 1955, in Hitchcocks "Über den Dächern von Nizza" Cary Grants Schwiegermutter spielte, und 1959, in "Der unsichtbare Dritte", spielte sie seine Mutter. Ihr Problem bestand darin, dass sie ein Jahr jünger war als Cary Grant. Womöglich hat auch sie sich damals gefragt, wo Cary Grant das Bildnis des Archibald Alexander Leach (wie der Mann mit bürgerlichem Namen hieß) versteckt habe und welche Spuren des Lebens es zeige - dabei war das Geheimnis seiner Jugend doch offenbar. Cary Grant war an Ironie unheilbar erkrankt, er nahm weder sich noch seine Filme jemals ganz ernst, es blieb da immer eine große Distanz zwischen ihm und den Rollen. Kurzum, Cary Grant war schon cool, als das Wort nur in der schwarzen Subkultur verstanden wurde - und seine Coolness war so umfassend, dass sie offenbar nicht nur seinen Kopf und seine Emotionen, sondern auch alle Körperzellen frisch hielt.

Von der Coolness, wie Cary Grant sie als erster zelebrierte, sind längst sämtliche westlichen Gesellschaften erfasst - und es ist vermutlich kein Zufall, dass der Klimasturz in unserer Kultur zur selben Zeit begann, da die Erdatmosphäre anfing, sich aufzuheizen und die Versorgung der meisten amerikanischen und europäischen Wohnzimmer mit angenehmen Temperaturen gesichert war. Wie heiß es in dieser westlichen Welt einst zugegangen ist, zeigt jeder Blick auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Erregungspotenzial der Menschen so hoch war, dass es uns heute ziemlich peinlich ist, mit Zeugnissen von Kriegs- oder Revolutionsbegeisterung konfrontiert zu werden. Man hockte enger aufeinander, das allein schon sorgte für höhere Reibungswärme, und wer so hitzig lebte, der verbrannte offenbar auch schneller.

Es waren die Hitze im Zweiten Weltkrieg und die beiden höllischen Blitze an seinem Ende, welche die Nachkriegsgesellschaft lehrten, die Kühle zu lieben. Es war der Kapitalismus, der die Entfremdung brachte, es war der Wohlstand, der für Distanz sorgte zwischen den Menschen in ihren immer größer werdenden Wohnungen, es waren die Medien, welche die Reibung der großen Massen überflüssig gemacht haben, weil das Volk sich nicht mehr auf den Straßen, sondern vor den Fernsehern versammelte. Es ist kühl geworden in unserer Kultur, und dass das moralisch ein Problem sei, glauben nur Leute, die das Herz mit einem Ofen verwechseln und ihre Gefühle mit einem Fieber. Cool, das war der Name für die Haltung, mit welcher die Schwarzen in den Ghettos der amerikanischen Städte allen Demütigungen zum Trotz ihre Würde wahrten. Cool war es, die eigene Integrität hinter einem Panzer aus Eis zu bewahren. Cool war der Trompeter Miles Davis, der dem Publikum seine Musik gab und sonst nichts; seine perfekten Anzüge, seine Sonnenbrillen, die geschlossenen Augen, das war die Rüstung, hinter der er sich selbst erhielt. Und uncool war Charlie Parker, der Schöpfer des Bebop, das Genie des Altsaxophons, der Mann, der sich verschwendete und verausgabte und für ein erregendes Solo seine Seele ans Publikum verschleuderte und der, um sich zu erfrischen und ein bißchen abzukühlen, seinem Körper viel zu viel Alkohol und Heroin zumutete. Was aus der Jugend wird, wenn Coolness fehlt, stand im Totenschein von Charlie Parker, der mit 34 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Der Arzt, der den Tod feststellte, hielt ihn für Anfang sechzig.

Altern als Zivilisationskrankheit

Um zu verstehen, warum wir so langsam und so anders altern, müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, warum wir überhaupt altern. "Warum altern wir?" fragt der amerikanische Evolutionsbiologe Shane Greenup, und seine erste Antwort ist die: "Die Menschen haben sich das Altern und die Unvermeidlichkeit des Todes in der Vergangenheit damit erklärt, dass es ,nur natürlich` sei; dass es der ,Spezies nütze` oder dass der ,Weg freigemacht` werden müsse für die nächste Generation. Wenn man sich die Tatsachen ein bißchen genauer ansieht, wird schnell klar, dass solche Erklärungen schlicht falsch sind. In einer natürlichen Umgebung sterben die Organismen, weil sie gefressen werden, sie sterben an Unfällen, Hunger, Krankheit und Ähnlichem, lange bevor das Alter eine Rolle spielt. Altern, als generelles Prinzip, ist ohne Bedeutung in der Natur." Wir altern also, erstens, weil wir nicht gefressen werden, weil wir genug zu essen haben, um zu überleben, weil kein Krieg und keine Seuche uns dahinrafft. Dass unsere Körper, zweitens, dabei verschleißen, liegt daran, dass wir sie eben gebrauchen. Alle Biologen sind sich einig darüber, dass das, was wir unter Altern verstehen, ein Nebeneffekt des Stoffwechsels ist. Mediziner und Biologen könnten jetzt ausführlich sprechen über freie Radikale, Telomere und die Frage, wann Zellen sich nicht mehr reproduzieren. Und Biologen könnten ebenfalls ausführlich referieren, mit welchen Experimenten sie in den vergangenen siebzig Jahren oft erfolgreich versucht haben, das Leben von Mäusen, Ratten, Rhesusaffen zu verlängern.

Der Versuch, Jugend und Leben zu verlängern, ist bei uns Menschen gelungen, jedenfalls bei den Bewohnern des Westens - und insofern genügt es vielleicht, die Ergebnisse zu referieren. Es kann, erstens, als absolut sicher gelten, dass jene Bewohner des Westens, die nach dem Zweiten Weltkrieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit geboren wurden, ihr ganzes Leben lang mit Nähr- und Mineralstoffen und Vitaminen so gut versorgt worden, wie es vorangegangene Generationen sich nicht einmal vorstellen konnten. Und diese Nährstoffe sind es, welche den Alterungsprozess der Zellen zwar nicht stoppen, aber doch gewaltig hemmen können. Man könnte es auch so herum formulieren: Das frühe Altern unserer Vorfahren war die Anomalie - eine Mangelerscheinung, welche durch unausgewogene Ernährung, unzureichende Versorgung mit Vitaminen und zu harte körperliche Arbeit hervorgerufen wurden. Erst jetzt können unsere Körper ihr ganzes Potenzial ausschöpfen.

Und zweitens hilft noch einmal der Verweis auf den ewig kränkelnden Friedrich Schiller, wenn wir verstehen wollen, welcher Jungbrunnen unsere Arztpraxen und Apotheken sind. Wer, vor zweihundert Jahren, an seinen Krankheiten nicht starb, der ging zumindest erschöpft und beschädigt daraus hervor; schon eine Grippe bedeutete enormen Verschleiß; von schwereren Krankheiten erholte sich mancher sein ganzes Leben nicht mehr - und auch wenn wir heute an Zivilisationskrankheiten heftig zu leiden glauben, sollten wir uns doch bewusst machen, dass die Neurodermitis des einen und die Rückenschmerzen des anderen uns nicht halb so heftig altern lassen, wie das schon eine simple Grippe bei unseren Vorfahren bewirkte.

Das Altern selbst ist ja eine Zivilisationserscheinung. Im Naturzustand starb der homo sapiens, bevor er die Chance zu altern hatte. Dass aber schon die Cro-Magnon-Menschen vor 50 000 Jahren ein Alter von sechzig erreichen konnten, was nichts anderes hieß, als dass sie das Ende ihrer Fruchtbarkeit überlebten, was bei anderen Tieren die Ausnahme ist - das lag daran, dass in der komplexer gewordenen menschlichen Gesellschaft das Alter eine der wertvollsten Ressourcen war. Der alte Mensch ersetzte in einer Kultur, die weder die Schrift noch andere Speichermedien kannte, ganze Bibliotheken und Archive. Die Jungen zogen los, jagten Tiere und sammelten Nahrung. Die Alten, die zu schwach waren für die Jagd, sammelten Wissen, bewahrten es auf und gaben es rechtzeitig weiter. Wenn wir heute hören, eine Überschwemmung sei die schlimmste seit fünfzig Jahren gewesen, packt uns vielleicht ein gewisser Schauder. In einer schriftlosen Gesellschaft war das Wissen der Alten, die vor fünfzig Jahren die Überschwemmung überstanden hatten, überlebenswichtig. Insofern ergibt nicht nur die verlängerte Lebensspanne einen evolutionären Sinn. Auch die Vergreisung, der Verfall der Körper hatte produktive Wirkungen: Wären die Menschen im Alter stark, schnell und potent geblieben, hätten sie sich ja weiterhin mit dem Jagen, Sammeln und der Fortpflanzung beschäftigt. Nur ihre Schwäche lieferte ihnen die Entschuldigung dafür, dass sie müßig herumsaßen, einander von den alten Zeiten erzählten, die neuen Zeiten kommentierten und so das Wissen ihres Clans oder Stammes immer wieder auf den neuesten Stand brachten.

Dass wir noch immer Geschöpfe der Cro-Magnon-Zeit sind, offenbart sich in jeder Umfrage, in welcher es darum geht, wie alt die Menschen sich fühlen. Seit Jahren erklärt eine große Mehrheit der Befragten, sie fühlten sich fünf bis fünfzehn Jahre jünger, als es ihrem wahren Alter angemessen sei. Sie haben noch die alten Lebensbaupläne im Kopf. Ein jeder hält sich selber für die Ausnahme einer Regel, die aus der Zeit der Steinwerkzeuge und Höhlenmalereien kommt. Und womöglich geht die Zeit des Cro-Magnon-Menschen erst jetzt, mit uns, zu Ende. Es ist nicht nur die Tatsache, dass unsere Archive und Bibliotheken so gut gefüllt sind; dass wir also über die Vergangenheit eher zu viel als zu wenig wissen, was die Cro-Magnon-Variante des Alterns so obsolet gemacht hat. Es ist auch der ungeheure Luxus, der darin besteht, dass keiner, der sich dem Sammeln und der Weitergabe von Wissen widmen will, sich dafür erst mit Gebrechlichkeit rechtfertigen muss. Und unsere kompliziertesten Probleme sind vor allem deshalb so kompliziert, weil sie neu und unerwartet sind und mit den Methoden von vor fünfzig Jahren nicht gelöst werden können. Es wäre also unvernünftig, wenn der Mensch seine lange und immer länger werdende Lebensspanne noch genau so gliederte wie sein Urahn, der, müde geworden vom Kampf gegen die Neandertaler, von der Jagd auf Bisons und dem Zeugen vieler Kinder, sich bald nach dem fünfundvierzigsten Geburtstag in seine Höhle verkroch, sich am Lagerfeuer wärmte und nach einem schönen Stück gebratenen Büffels seinen Kindern und Enkeln die Welt erklärte. Es ist vernünftig, dass wir, geistig und körperlich, mindestens zwanzig Jahre jünger sind als er. Das Alter war eine Erfindung der Cro-Magnon-Zeit, und womöglich hat sie sich längst überholt.

Was zu tun ist

In der Grafik, die man früher die Alterspyramide nannte, weil es mehr Kleinkinder als Teenager gab, mehr Teenager als Erwachsene, mehr Erwachsene als Greise, in dieser Grafik hatten im Jahr 2000 die Jahrgänge 1955 bis 1970 die dicksten Balken. Im Jahr 2000 waren die 30- bis 45-Jährigen in Deutschland die größte Gruppe der Bevölkerung - ein Zustand, der schon einen Hauch von Vergreisung spüren ließ, weil die 15- bis 25-Jährigen, jene Gruppe also, die man gewöhnlich die Jugend nennt, in der Minderheit war.

Im Jahr 2025 wird die Grafik eher einem Baum gleichen, mit breitem Stamm zwar, aber einer noch breiteren Krone. Die 55- bis 70-Jährigen werden die Mehrheit sein, die 15- bis 25-Jährigen eine noch kleinere Minderheit, und im Jahr 2050 wird es mehr Frauen in ihren achtziger als Frauen in ihren dreißiger Jahren geben.

Solche Prognosen unterscheiden sich von den Vorhersagen der Klima- oder Wirtschaftsforscher vor allem dadurch, dass all die heute noch unbekannten oder übersehenen Faktoren, welche das ganze Zukunftsbild stören könnten, in den Rechnungen der Demografen kaum denkbar sind. Wenn nicht ein großer Krieg oder eine Seuche die Population der Europäer drastisch reduziert, dann wird es genau so kommen. Denn die 20-Jährigen, die im Jahr 2025 fehlen werden, müssten jetzt schon auf der Welt sein. Und die 80-Jährigen, von denen es im Jahr 2050 so viele geben wird, sind seit 1970 unter uns.

All das ist richtig, logisch und plausibel - und wenn jetzt der Moment gekommen ist, an dem ich einen Einspruch formulieren möchte, dann liegt das nicht daran, dass es in diesem Modell einen Denkfehler gäbe. Es liegt daran, dass bei der Recherche etwas übersehen oder zumindest nicht ernst genug genommen worden ist. Die apokalyptische Vision von der vergreisenden Gesellschaft setzt, mehr oder weniger selbstverständlich, voraus, dass wir noch immer nach den Kalendern aus der Cro-Magnon-Zeit leben, dass unsere Biografie-Baupläne dieselben wie in den vergangenen Jahrhunderten sind, kurz: dass es die Revolution der Lebensläufe nicht gegeben hat.

Dabei wäre schon die deutsche Bevölkerungsstatistik des Jahres 2000, wenn man sie mit dem Personal des Jahres 1900 besetzte, ein einziger Schrecken: die meisten Menschen über dreißig, die wenigsten unter zwanzig, kaum Kinder und Teenager - vor hundert Jahren wäre eine solche Gesellschaft nur als müde und verbrauchte, traurige und unbewegliche Versammlung älterer Menschen denkbar gewesen. Auch im Jahr 2025 werden die Jahrgänge 1955 bis 1970 die Mehrheit stellen; sie werden dann fünfundfünfzig bis siebzig Jahre alt sein - und nach all dem, was uns bis jetzt über diese Menschen bekannt ist, wissen wir auch, dass mit Überraschungen noch zu rechnen ist. Wer heute zum Beispiel fünfundvierzig ist, hat sich vor zwanzig Jahren bestimmt nicht vorstellen können, dass er sich heute so jung fühlen würde. Und gleichzeitig ist da immer die Furcht, dass es demnächst vorbei sein könnte mit dem schönen Leben. Wer vor zwanzig Jahren zwanzig war, formte das Bild seiner Zukunft nach dem Modell der 40-Jährigen, die er damals kannte, und wundert sich heute, dass er noch immer nicht so alt geworden ist. Wer in zwanzig Jahren sechzig sein wird, orientiert sich am Modell der 60-Jährigen, die er jetzt kennt. Ob er dann tatsächlich so alt sein wird, das wissen wir in zwanzig Jahren. Fast alles spricht dagegen.

Prognosen auf die Zukunft der vergreisenden Gesellschaft sind unsicher; wir wissen nicht, wie schnell oder langsam wir vergreisen werden, aber wenn wir hoffen, dass es langsam und ganz anders gehen werde, dann haben wir dafür jedenfalls gute Gründe. Und so werden, während das Durchschnittsalter der westlichen Gesellschaften stetig steigt, jene aber, die dieses Durchschnittsalter haben, immer jünger. Zu behaupten, das eine hinge mit dem anderen zusammen; zu glauben, unsere Verjüngung wäre die Abwehrreaktion auf unsere Vergreisung - das allerdings wäre Metaphysik und funktionierte nur unter der Bedingung, dass wir uns einen Gott oder Weltgeist denken, der nichts anderes zu tun hat, als an den Rädchen unserer Lebensuhren zu drehen.

Schlussfolgerungen

Was daraus folgt, ist eigentlich klar: Der Graben zwischen den Lebensbauplänen der Cro-Magnon-Menschen und der Lebenswirklichkeit heute muss ganz dringend zugeschüttet werden. Wie schwierig das ist, das zeigt, hier zum letzten Mal, ein Blick in meinen eigenen Kopf: Da finde ich das Bild des 50-jährigen Mannes, und dieser Mann ist erfahren, gesetzt, ruhig und vielleicht sogar ein wenig bedächtig; er weiß, dass weit mehr als die Hälfte des Lebens hinter ihm liegt. Und alles, was einmal seine Jugend war, ist seit unendlich langer Zeit vorbei. Kurzum: Dieser Mann hat nichts mit dem Mann zu tun, der ich, der 46-Jährige, in vier Jahren vermutlich sein werde.

Diese Bilder, das ist das Entscheidende, sind nicht einfach Klischees, welche man ohne großen Aufwand ins Reich der Irrelevanz verbannen könnte. Nein, die Fahrpläne des Cro-Magnon-Menschen bestimmen das Handeln der Institutionen und die Entscheidungen der Personalchefs - sie begegnen uns im Werbefernsehen und in den Bilanzen der Rentenversicherer - beherrschen immer noch die Köpfe all jener, die in unserer Gesellschaft die Uhren stellen und die Baupläne fürs Leben entwerfen. Das Schlimme dabei ist, dass diese Bilder so dominant in den eigenen Köpfen sind, dass sie selbst von unseren Spiegelbildern nicht zerstört werden können. Ich schaue in den Spiegel und sehe einen 40-Jährigen, der unendlich viel jünger ist als das Klischeebild vom 40-Jährigen. Aber wenn ich mein Leben mit fünfundsechzig plane, dann plane ich es gemäß der Cro-Magnon-Bilder im Kopf. Ich sehe etwa den 51-jährigen Personalchef, der einen 49-Jährigen nicht mehr einstellt, weil er glaubt, sein eigenes jugendliches Selbstgefühl sei die Ausnahme.

Wir müssen die Steinzeitbilder in unseren Köpfen zerstören. Für den Einzelnen ist das eine seelische, für die Gesellschaft aber auch eine ökonomische Notwendigkeit. Wir fürchten uns vor dem Altern und der Vergreisung - und zugleich verschmähen wir ungeheure Ressourcen an Jugendlichkeit, indem wir so tun, als hätten die 40-, 50-, 60-Jährigen noch die Lebensrhythmen der Steinzeit.

Es ist nicht leicht, weil wir uns mittendrin befinden in dem Verjüngungsprozess, und wie bei jedem Prozess ist auch hier der Ausgang offen. Die Konsequenzen sind gleichermaßen großartig wie banal. Denn das, was wir, wenn wir morgens in der U-Bahn sitzen oder abends noch ein Bier aufmachen, zu Recht als unser absolut unspektakuläres Leben empfinden, das ist zugleich etwas, für das es in der ganzen Weltgeschichte keine Präzedenzfälle gibt. Es ist ja, einerseits, keine besondere Leistung, man braucht weder Mut noch Originalität dafür, fünfunddreißig oder fünfundvierzig Jahre jung zu sein und auch heute Morgen wieder nicht erwachsen zu werden. Andererseits bewegt sich jeder von uns auf absolut unbekanntem Terrain. Er ist ein Pionier der Lebensläufe, er tastet sich langsam und vielleicht ein bißchen unsicher vorwärts, er arbeitet, ob er das will oder nicht, an einem neuen Biografie-Modell, an einer neuen Definition dessen, was es in Zukunft heißen wird, dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre alt oder jung zu sein. Und dabei ist nur eines ganz sicher: Bloß weil wir zur Jugend geradezu verdammt sind, erübrigt sich noch lange nicht die Notwendigkeit, erwachsen zu werden.

geb. 1959; Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
E-Mail: E-Mail Link: c.seidl@faz.de