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Zur Bedeutung von Altersstereotypen

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Zur Bedeutung von Altersstereotypen

Sigrun-Heide Filipp Anne-Kathrin Mayer

/ 14 Minuten zu lesen

Bilder des Alters sind weitgehend negativ getönt und können die Qualität des Umgangs mit alten Menschen beeinträchtigen. Es wird für eine differenzierte Sicht auf das Altern plädiert.

Einleitung

Keine Altersgruppe weist im gesamten Lebensverlauf so große Unterschiede in körperlichen und psychischen Merkmalen zwischen ihren einzelnen Mitgliedern auf wie die Gruppe der "Alten".

Natürlich gibt es eine Reihe von Veränderungen, die den Alterungsprozess aller Menschen kennzeichnen, doch verlaufen diese inter- und intraindividuell - zwischen den einzelnen Menschen sowie innerhalb einer Person in einzelnen Bereichen - höchst unterschiedlich. In der Wissenschaft hat sich vor diesem Hintergrund in den letzten Jahrzehnten zunehmend das Bild vom differenziellen Altern durchgesetzt.

Gegenstand des vorliegenden Beitrages ist die Frage, ob und inwieweit diese Vielfalt von Alternsverläufen sich auch in den alltagspsychologischen ("naiven") Bildern des Alter(n)s widerspiegelt und was daraus für den Umgang mit dem Alter und den alten Menschen folgt.

Denn natürlich hat auch der "Alltagsmensch" Vorstellungen davon, wie der Prozess des Älterwerdens verläuft, wodurch sich das Leben im hohen Alter auszeichnet und wodurch die Gruppe der "älteren Menschen" typischerweise charakterisiert ist. Diese Vorstellungen sind in der Regel mit Bewertungen und Gefühlsreaktionen verbunden, weshalb Altersbilder nicht nur Wissenselemente, sondern immer auch affektiv-evaluative Elemente umfassen, die sich unter anderem in Hoffnungen oder Befürchtungen mit Blick auf das (hohe) Alter äußern.

Will man diese Bilder des Alter(n)s aufspüren, so kann man dies auf verschiedenen Wegen tun: Solche Bilder sind in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens zu finden; beispielsweise in den schönen Künsten, der Literatur, den Medien, der Werbung oder in politischen Redebeiträgen. Beim Nachzeichnen dieser wurde das Augenmerk auch darauf gerichtet, inwieweit "Alter" und "Altsein" im öffentlichen Diskurs überhaupt thematisiert (oder etwa "versteckt") werden. Daneben wurde analysiert, wie häufig "Alter" in einem bestimmten (negativ konnotierten) Zusammenhang (z.B. "Pflegeversicherung") auftaucht oder in welchen Rollen und mittels welcher "typischer" Merkmale ältere Menschen charakterisiert werden. Besonders prägnant offenbaren sich mediale Altersbilder in sprachlichen Etiketten, mittels derer die Gruppe der Älteren abfällig (z.B. als "Kukidents" oder "Grufties") oder neidisch-respektvoll (z.B. "Whoopies": Well-Off Old People) gekennzeichnet wird.

In der psychologischen Forschung wird mit dem Begriff des "Stereotyps" umschrieben, dass es hinsichtlich der Eigenschaften, die Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe vermeintlich kennzeichnen, kulturell weithin geteilte Vorstellungen gibt. Wesentlich dabei ist, dass es sich bei altersstereotypgeleiteten Eigenschaftszuschreibungen um Übergeneralisierungen handelt: Der Zustand "alt" ist danach mehr oder minder automatisch mit bestimmten Eigenschaften (z.B. "vergesslich") verknüpft, und diese werden einem Menschen alleine auf Grund seines Alters - in Absehung seiner individuellen Besonderheiten - zugeschrieben. Dies schließt nicht aus, dass in Stereotypen oft auch das berühmte "Körnchen Wahrheit" steckt, und gerade Vertreterinnen und Vertreter neuerer Forschungsansätze haben sich von einer definitorischen Gleichsetzung von Stereotypisierungen und "falschen" Urteilen distanziert.

Demgemäß trägt die Tatsache, dass "Alter" (oder "Geschlecht") tatsächlich oft mit bestimmten Eigenschaftsausprägungen einhergeht, dazu bei, dass die in (Alters-)Stereotypen repräsentierten Vorstellungen (scheinbar) immer wieder Bestätigung erfahren und (Alters-)Stereotype somit eine hohe Änderungsresistenz besitzen. Um herauszufinden, wie Menschen den Prozess des Älterwerdens wahrnehmen und bewerten, welche Hoffnungen und Befürchtungen sie mit der Lebensphase "Alter" verknüpfen und welche Eigenschaften typischerweise alten Menschen zugeschrieben werden, hat die psychologische Forschung eine Reihe von Methoden entwickelt. In eindrucksvollen Experimenten konnte zudem nachgewiesen werden, wie sehr Altersstereotype die Art des Umgangs mit alten Menschen beeinflussen und wie sehr diese auch die Eindrucksbildung und Verarbeitung sozialer Informationen steuern. Dass sie damit auch Rückwirkungen auch auf die alten Menschen selbst haben, macht die Brisanz dieses Forschungsthemas aus.

Altersbilder in den Köpfen

Zuallererst lässt sich die Frage aufwerfen, auf welchen Zeitpunkt der Beginn des "Altseins" üblicherweise datiert wird. "Altsein" beginnt - gemäß den Ergebnissen einer Umfrage von Edgar Piel aus dem Jahre 1989 - bei Frauen im Mittel mit 56, bei Männern mit 59 Jahren! Befragt man ältere Menschen selbst, so verschieben sich diese Grenzen: Frank Oswald interviewte hierzu 63- bis 96-jährige Männer. Diese gaben den Beginn des Altseins im Mittel mit 72 Jahren an; gleichzeitig stufte sich keiner der Befragten selbst als "alt" ein. Viele Befunde ergeben, wie weit verbreitet die Vorstellung "Alt sind nur die anderen!" ist. Dies zeigt sich auch darin, dass zwischen dem tatsächlichen und dem "gefühlten" Alter bedeutsame Diskrepanzen bestehen, die sich vom mittleren Erwachsenenalter an fast durchgängig in Unterschätzungen des eigenen Alters zeigen und die umso stärker ausfallen, je älter eine Person ist.

Dabei wird das Altern von Männern und Frauen offenbar mit zweierlei Maß gemessen. Dieser double standard of aging, auf den 1972 schon Simone de Beauvoir hingewiesen hat, kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass Alterszeichen bei einer Frau negativer bewertet werden als bei einem Mann. So wurden beispielsweise graue Haare als deutlich "unattraktiver" eingeschätzt, wenn sie in der Darstellung einer Frau (versus eines Mannes) präsentiert worden waren. Weitere Studien haben gezeigt, dass sich sowohl negative als auch positive Facetten des Altersbildes finden lassen.

Unter den negativen Facetten dominieren Vorstellungen des Alters als einer Phase, die durch körperliche Funktionseinbußen, Krankheit und Gebrechlichkeit charakterisiert ist. Auch werden ältere Menschen als weniger flexibel und wenig lernfähig wahrgenommen ("Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr!"). Gerade geistiger Abbau und Senilität gelten als unvermeidliche Begleiterscheinungen des hohen Alters, und wegen ihrer vermeintlichen Funktionseinbußen wird älteren Menschen zudem die Fähigkeit abgesprochen, bedeutsame berufliche und gesellschaftliche Rollen einnehmen zu können, was sich nicht zuletzt in der geringen Partizipation der über 55-Jährigen am Arbeitsmarkt widerspiegelt. Einen zentralen Stellenwert in Altersbildern nimmt schließlich die Befürchtung ein, an einer Demenz zu erkranken. Dementsprechend lassen sich - nicht nur bei Laien, sondern auch bei Ärzten und Altenpflegekräften - erhebliche Überschätzungen der Auftretenshäufigkeit vermeintlich "typischer" Alterskrankheiten (wie z.B. der Alzheimer-Demenz) nachweisen.

Positive Facetten des Altersbildes beinhalten in erster Linie Merkmale wie Weisheit und Lebenserfahrung, aber auch Zuverlässigkeit, moralische Integrität, Verlässlichkeit, Prinzipientreue und Freundlichkeit. Auch wird älteren Menschen auf Grund ihrer Entbindung von beruflichen und familialen Verpflichtungen ein vergleichsweise hohes Maß an Unabhängigkeit zugeschrieben.

Die Befundlage verdeutlicht insgesamt, dass Altsein eine soziale Konstruktion darstellt und keiner verbindlichen Definition unterliegt. Altersbilder verändern sich mit dem Alter der Befragten, sie variieren in Abhängigkeit davon, ob das eigene Altern oder das Altern anderer Menschen in den Blick genommen wird und in welchem Kontext das Alter relevant wird. So gilt ein 50-Jähriger in vielen Bereichen der Arbeitswelt bereits als "älterer Arbeitnehmer", während er als "jung" angesehen werden mag, wenn er ein hohes politisches Amt bekleidet, und André Agassi gehört mit seinen 35 Jahren sicher zur Riege der "alten" Sportler. Hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ausgestaltung bietet sich, wie kurz skizziert wurde, zunächst ein durchaus facettenreiches Bild - so, als hätten die Menschen inzwischen das erwähnte wissenschaftliche Bild des "differenziellen Alterns" durchaus verinnerlicht.

In der Tat haben Studien ergeben, dass Menschen - statt "die Alten" als eine soziale Gruppe anzusehen - dazu neigen, verschiedene Subtypen älterer Menschen zu konstruieren und diesen unterschiedliche Eigenschaften zuzuschreiben: wiederum in verallgemeinernder Weise. Dabei wurden über verschiedene Versuche hinweg negative und positive Subtypen ermittelt; sie werden als "Archetypen des Alterns" interpretiert (z.B. elder statesman, liebevolle Großmutter, Griesgram). Dennoch spricht die Mehrzahl der Befunde dafür, dass Altersbilder vorwiegend negativ getönt sind. Dies wird eindrucksvoll durch eine Metaanalyse nahe gelegt, in welcher der aktuelle Forschungsstand zum Altersstereotyp systematisch gesichtet wurde. Älteren Menschen wird weniger Kompetenz und Attraktivität zugeschrieben als jüngeren, sie werden hinsichtlich vieler Dimensionen negativer beurteilt, und auch die Bereitschaft, mit ihnen in Kontakt zu treten, scheint deutlich vermindert. Solche expliziten Urteile unterliegen indes vielfältigen Einflüssen (weil sie u.a. sozial unerwünscht sind und oft gar unterdrückt werden).

In einfallsreichen Experimenten ist es nun gelungen, neben den lange untersuchten expliziten (bewussten) auch implizite (unbewusste) Varianten des Altersstereotyps zu identifizieren und deren Wirkung nachzuweisen. So konnte etwa gezeigt werden, dass die unterschwellige Wahrnehmung des Wortes "alt" automatisch (das heißt unwillentlich) negative Assoziationen hervorruft und in einem Gedächtnisexperiment auch dazu führt, dass negative Informationen besser behalten werden als positive. Es hat sich sogar gezeigt, dass Studenten, nachdem bei ihnen das Altersstereotyp (durch eine bestimmte Priming-Prozedur) unterschwellig aktiviert worden war, anschließend langsamer über den Flur liefen als eine Vergleichsgruppe, bei der dies nicht der Fall war.

Im Gegensatz zu expliziten Urteilen über das Alter, die umso positiver ausfallen, je älter die Befragten sind, lässt sich die automatische Verknüpfung von "alt" und "negativ" auch bei älteren Menschen selbst nachweisen. So zeigten ältere Versuchspersonen beispielsweise schlechtere Leistungen bei verschiedenen Gedächtnistests, wenn bei ihnen zuvor unterschwellig, das heißt, ohne dass sie sich dessen bewusst geworden waren, negative Aspekte des Altersstereotyps aktiviert worden waren. Die Befunde aus diesem Forschungsprogramm legen die Vermutung nahe, dass negative Facetten des Altersstereotyps sich zumindest kurzfristig, möglicherweise aber auch längerfristig ungünstig auf die geistige Leistungsfähigkeit, das Selbstbild und womöglich sogar die Gesundheit älterer Menschen auswirken können.

Auswirkungen von Altersstereotypen

Was bedeutet dies für das Verhalten jüngerer Menschen und ihren Umgang mit älteren Menschen, und was resultiert daraus für dieälteren Menschen selbst? Schon Robert Butler hatte 1980 postuliert, dass ein negatives Altersstereotyp in altersdiskriminierendes Verhalten ("ageism") münde, indem älteren Menschen bestimmte Ansprüche nicht zugestanden würden. Die geringe Erwerbsbeteiligung der über 55-Jährigen in unserem Land mag zweifellos auch als Ausdruck einer solchen Haltung verstanden werden. Und doch weisen Altersstereotype Besonderheiten auf, die sie mit anderen Stereotypen (z.B. gegenüber ethnischen Gruppen) nicht teilen: So wird zum einen die Neigung, sich von "den Alten" in feindseliger Weise abgrenzen zu wollen, schon dadurch gemindert, dass jeder selbst einmal dieser Gruppe angehören wird und zumindest innerhalb von Familien vielfältige Kontakte zwischen den Altersgruppen bestehen. Zum anderen dominieren in Altersstereotypen Kompetenzdefizite und Hilfebedürftigkeit älterer Menschen, weshalb sich viele Verhaltensweisen jüngerer Interaktionspartner auch als Ausdruck ihres Bemühens deuten lassen, diesen vermeintlichen Defiziten Älterer gerecht werden zu wollen.

Dies lässt sich besonders gut am Beispiel des Dialogs zwischen Alt und Jung illustrieren, wie er unter anderem in dem "Teufelskreis-Modell" abgebildet wurde. Diesem Modell zufolge werden bei der Begegnung mit einer (unbekannten) älteren Person Altersstereotype aktiviert und dieser Person werden nicht nur mangelnde Kompetenzen, sondern auch bestimmte Bedürfnisse in der Gesprächssituation zugeschrieben. Daraus folgt, dass die (jüngere) Gesprächspartnerin ihr sprachliches Verhalten so verändert, dass es dem vermeintlichen Kompetenzniveau und den Bedürfnissen des älteren Gegenüber entspricht. In der Tat hat man bestimmte Varianten im sprachlichen und nichtsprachlichen Verhalten gegenüber älteren Menschen beobachten können, und zwar sowohl in experimentellen Versuchsanordnungen als auch in alltäglichen Pflegesituationen. Die entsprechenden sprachlichen Modifikationen, die sich als so genannte "Sprechmuster" darstellten, betreffen die Wortwahl (z.B. einfache, gebräuchliche Wörter) und die Grammatik (z.B. kürzere, einfachere Sätze) wie auch die Gesprächsthemen (z.B. übertrieben persönliche Fragen). Modifikationen im nichtsprachlichen Bereich zeigten sich in der Stimmqualität (z.B. hohe Lautstärke), in Mimik und Gestik (z.B. "aufgesetztes" Lächeln, Verschränken der Arme) sowie in der Regulation von Blickkontakt (z.B. Ausweichen), räumlicher Distanz (z.B. auffallend große oder geringe Distanz) und von Körperkontakt (z.B. Schulterklopfen).

Diese Formen eines als "überangepasst" bezeichneten Interaktionsverhaltens sollen nun dem Teufelskreis-Modell zufolge das Selbstwertgefühl älterer Menschen beeinträchtigen, was sich in verschiedenen Experimenten auch nachweisen ließ. In diesen Experimenten sollten Studierende einer älteren (versus gleichaltrigen) Person eine Route zwischen zwei Orten so beschreiben, dass diese Person die Wegstrecke auf einer Landkarte korrekt einzeichnen konnte. Es zeigte sich, dass die Studierenden ihre Beschreibungen über mehrere Versuchsdurchgänge hinweg (und zwar unabhängig vom Alter ihres Gegenübers) immer stärker vereinfachten. Je deutlicher diese Vereinfachungen schließlich ausgefallen waren, desto stärker neigten nun die älteren (nicht aber die jüngeren) Gesprächspartner dazu, am Ende des Versuchs ihre Fähigkeit, sich mit dem Gegenüber zu verständigen, grundsätzlich in Frage zu stellen.

Ältere scheinen also im Gegensatz zu jüngeren Menschen eher geneigt zu sein, Probleme im Verlauf eines Gespräches auf eigene Defizite und Inkompetenz zurückzuführen. Dies mag zur Folge haben, dass sie sich aus sozialen Kontakten eher zurückziehen und sich damit auch der Gelegenheit berauben, ihre kommunikativen Fähigkeiten durch Übung zu erhalten. Auf diese Weise kann es zu einer Beschleunigung des körperlichen und geistigen Alterungsprozesses kommen, was in künftigen Begegnungen von anderen wiederum als Alterszeichen wahrgenommen und mit stereotypgeleitetem Verhalten beantwortet wird. Allerdings gilt es einschränkend hinzuzufügen, dass diese im Teufelskreis-Modell beschriebenen Prozesse in der Tat an die Aktivierung eines negativen Altersstereotyps gebunden sind. Denn in der Begegnung mit kompetent erscheinenden (oder im Experiment als "kompetent" eingeführten) älteren Gesprächspartnern konnte die beschriebene sprachliche und nichtsprachliche "Überanpassung" nicht nachgewiesen werden.

Ein ähnlicher Teufelskreis wurde in Beobachtungsstudien identifiziert, die Unterstützungsleistungen für ältere Menschen im Pflegekontext zum Gegenstand hatten und in denen zwei charakteristische Muster des Umgangs mit älteren Menschen ermittelt wurden.

Zum einen handelt es sich um das "Abhängigkeit-Unterstützen-Muster". Es ist dadurch gekennzeichnet, dass die Pflegekräfte bei alltäglichen Verrichtungen auch dann unterstützend eingreifen, wenn die älteren Menschen eigentlich gar keine Hilfe benötigen.

Zum anderen zeigte sich das "Unabhängigkeit-Ignorieren-Muster". Danach erhalten jene älteren Menschen, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit zeigen respektive keine Hilfe in Anspruch nehmen, weder Aufmerksamkeit noch Anerkennung; ihr selbstständiges Verhalten wird gelegentlich sogar noch unterbunden. Auf diese Weise wird - den lernpsychologischen Gesetzmäßigkeiten folgend - unselbstständiges Verhalten aufgebaut und selbstständiges Verhalten verlernt (oder unterdrückt), so dass letztlich die Abhängigkeit älterer Menschen von ihrer sozialen Umwelt verfestigt oder gar erst erzeugt wird. Auch wenn die Rahmenbedingungen in Pflegeeinrichtungen (z.B. das enge Zeitkorsett, welches ein schnelles Eingreifen der Pflegekräfte nahe legt) nicht selten ein solches Interaktionsverhalten begünstigen, so scheinen diese Verhaltensweisen doch auch eng an ein negatives Altersbild der Pflegekräfte gebunden zu sein: Je mehr Hilfebedürftigkeit sie älteren Menschen im Allgemeinen zuschrieben, desto häufiger verhielten sie sich im pflegerischen Alltag übermäßig unterstützend, ohne die individuellen Kompetenzen und die Selbstständigkeit der älteren Menschen angemessen zu berücksichtigen.

Die Befunde sprechen somit in der Zusammenschau dafür, dass negativ getönte Altersstereotypisierungen bestimmte Formen des Umgangs mit älteren Menschen befördern, die sich abträglich auf deren Selbstwertgefühl und Alltagskompetenz auswirken können und auf diesem Wege das negative Altersstereotyp verfestigen. Indes sind ältere Menschen natürlich nicht notwendigerweise passive Opfer in diesem Geschehen. Sie können ihrerseits zu einer Durchbrechung dieses Teufelskreises beitragen, indem sie ein "überangepasstes" Gesprächsverhalten als unangemessen und Hilfestelllung als unerbeten zurückweisen. Bislang fehlt es jedoch noch an Erkenntnissen darüber, wann und welchen älteren Menschen es gelingt, sich gegen stereotypgeleitetes Verhalten zu wehren, und auf welchem Wege sie die Spirale aus erfahrener Unterstützung, Bevormundung und Abhängigkeit durchbrechen können.

Schlussfolgerungen

Die Altersforschung hat eindrucksvoll gezeigt, wie viele Gesichter das Alter besitzt. Und dennoch scheint das Altersbild in den Köpfen der Menschen - auch wenn es facettenreich sein mag - letztlich negativ getönt, und es wirkt sich auf den Umgang zwischen Jung und Alt außerhalb der Familienbeziehungen nachteilig aus. Umso mehr würde man sich wünschen, dass die Erkenntnisse der Altersforschung weit stärker in das öffentliche Bewusstsein dringen, als dies bislang der Fall ist. Indes können wir vielleicht sogar einen zaghaften Wandel feststellen. So wurde unlängst in zwei deutschen Studien gezeigt, dass das Alter in der Werbung wie auch in Fernsehserien zwar noch immer kaum präsent ist. Aber wenn ältere Menschen gezeigt werden, scheinen negative Aspekte des Alters wie Krankheit und Gebrechlichkeit im Vergleich zu früher heute weniger dominant; vielmehr werden ältere Menschen nun mit Blick auf ihre soziale Integration und ihre finanziellen Ressourcen sogar überzogen positiv porträtiert.

Doch sei auch hier vor naivem Optimismus gewarnt, denn positive Stereotypisierungen stellen gleichermaßen unzulässige Verallgemeinerungen dar, die allzu häufig durch die Realität widerlegt werden. Und ein übermäßig "rosiges" Bild des Alters kann gleichermaßen negative Auswirkungen zeitigen, indem es ältere Menschen mit einem übermäßigen Erwartungsdruck konfrontiert und sie ihrer Individualität und Einzigartigkeit beraubt. Zudem gilt es, kritisch zu fragen, ob die sich andeutenden Verschiebungen im medialen Altersbild tatsächlich auf eine ausgewogenere Sicht des Alter(n)s schließen lassen oder ob sie nicht eher als Ausdruck einer "Anti-Aging-Ideologie" gedeutet werden müssen, welche die Augen vor der Tatsache verschließt, dass das Altern - trotz aller Möglichkeiten, den Verlauf des Alternsprozesses durch eigenes Handeln zu optimieren und Defizite zu kompensieren - auch mit unabwendbaren Verlusten verbunden ist.

Es spricht daher nichts dafür, das negative Altersstereotyp in unseren Köpfen durch ein ausschließlich positives ersetzen zu wollen. Stattdessen gilt es, der beobachtbaren Vielfalt von Alternsverläufen und den großen Unterschieden zwischen den Menschen im Alter Rechnung zu tragen - auch dadurch, dass Kontakte zwischen Jung und Alt außerhalb der Familien gefördert und gepflegt werden und dass Wissen über Alter und Altern frühzeitig in den schulischen und außerschulischen Lehrplänen verankert wird, um die Verfestigung eines einseitigen und übergeneralisierten Altersbildes zu verhindern. Zudem wollen alte Menschen - wie Menschen jeden Alters - als Individuen und nicht als Repräsentanten der Gruppe der "Alten" wahrgenommen werden. Daher muss die Förderung sozialer Kompetenzen (insbesondere die Fähigkeit zur Empathie und Perspektivenübernahme), welche einem behutsamen Umgang der Menschen untereinander und einer individualisierenden Wahrnehmung ihres jeweiligen Gegenübers dienlich sind, zu einem zentralen Bildungsziel werden. Dazu gehört auch, dass Menschen lernen, in der Begegnung mit dem Alter (und im Umgang mit dem eigenen Älterwerden) sich der eigenen Stereotype stets aufs Neue bewusst zu werden, sie zu hinterfragen und an der Wirklichkeit zu überprüfen. Nur wenn dies gelingt, können wir den vielen Gesichtern des Alterns angemessen begegnen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Sigrun-Heide Filipp/Anne-Kathrin Mayer, Bilder des Alters. Altersstereotype und die Beziehungen zwischen den Generationen, Stuttgart 1999.

  2. Vgl. Carey S. Ryan/Bernadette Park/Charles M. Judd, Assessing stereotype accuracy: Implications for understanding the stereotyping process, in: C. Neil Macrae/Charles Stangor/Miles Hewstone (Hrsg.), Stereotypes and stereotyping, New York 1996.

  3. Vgl. Edgar Piel, "Ältere" oder "Alte" sind relative Begriffe, in: Planung und Analyse, 16 (1989) 2, S. 52 - 54.

  4. Vgl. Frank Oswald, Das persönliche Altersbild älterer Menschen, in: Zeitschrift für Gerontologie, 24 (1991) 5, S. 276 - 284.

  5. Vgl. Sigrun-Heide Filipp/Dieter Ferring, Zur Alters- und Bereichsspezifität subjektiven Alterserlebens, in: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 21 (1989) 4, S. 279 - 293.

  6. Vgl. Simone de Beauvoir, Das Alter, Reinbek 1972.

  7. Vgl. Mary B. Harris, Growing old gracefully: Age concealment and gender, in: Journals of Gerontology, 49 (1994) 4, S. P 149 - P 158.

  8. Vgl. Erdman B. Palmore, Ageism. Negative and positive, New York 1990.

  9. Vgl. Lisa Dieckmann/Steven H. Zarit/Judy M. Zarit/Margaret Gatz, The Alzheimer's disease knowledge test, in: Gerontologist, 28 (1988) 3, S. 402 - 407.

  10. Vgl. Mary Lee Hummert/Teri A. Garstka/Jaye L. Shaner/Sharon Strahm, Judgements about stereotypes of the elderly: Attitudes, age associations, and typicality ratings of young, middle-aged, and elderly adults, in: Research on Aging, 17 (1995) 2, S. 168 - 189.

  11. Vgl. Mary E. Kite/Gary D. Stockdale/Bernard E. Whitley/Blair T. Johnson, Attitudes toward younger and older adults: an updated meta-analytic review, in: Journal of Social Issues, 61 (2005) 2, S. 241 - 266.

  12. Vgl. John A. Bargh/Mark Chen/Lara Burrows, Direct effects of trait construct and stereotype activation on action, in: Journal of Personality and Social Psychology, 71 (1996) 2, S. 230 - 244..

  13. Vgl. Becca Levy, Improving memory in old age through implicit self-stereotyping, in: Journal of Personality and Social Psychology, 71 (1996) 6, S. 1092 - 1107.

  14. Vgl. Robert N. Butler, Ageism: A foreword, in: Journal of Social Issues, 36 (1980) 2, S. 8 - 11.

  15. Vgl. Ellen B. Ryan/Howard Giles/Giampiero Bartolucci/Karen Henwood, Psycholinguistic and social psychological components of communication by and with the elderly, in: Language and Communication, 6 (1986) 1 - 2, S. 1 - 24.

  16. Zum Überblick vgl. Anne-Kathrin Mayer, Alt und Jung im Dialog, Weinheim 2002.

  17. Vgl. Susan Kemper/Meghan Othick/Hope Gerhing/Julia Gubarchuk/Catherine Billington, The effects of practicing speech accommodations to older adults, in: Applied Psycholinguistics, 19 (1998) 2, S. 175 - 192.

  18. Vgl. Mary Lee Hummert/J. Shaner, Patronizing speech to the elderly: Relationship to stereotyping, in: Communication Studies, 45 (1994), S. 145 - 158.

  19. Vgl. Margret M. Baltes/Hans-Werner Wahl, Patterns of communication in old age: The dependency-support and independency-ignore script, in: Health Communication, 8 (1996) 3, S. 217 - 231.

  20. Vgl. Eva F. Kahana/H. Asuman Kiyak, Attitudes and behavior of staff in facility for the aged, in: Research on Aging, 6 (1984) 2, S. 395 - 416.

  21. Vgl. Paul B. Baltes, The many faces of human ageing: Toward a psychological culture of old age, in: Psychological Medicine, 21 (1991), S. 837 - 854.

  22. Vgl. Eva-Marie Kessler/Katrin Rakoczy/Ursula M. Staudinger, The portrayal of older people in prime time television series: the match with gerontological evidence, in: Ageing & Society, 24 (2004) 4, S. 531 - 552; Una M. Röhr-Sendlmeier/Sarah Ueing, Das Altersbild in der Anzeigenwerbung im zeitlichen Wandel, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 37 (2004) 1, S.56-62.

  23. Vgl. Paul B. Baltes/Margret M. Baltes, Optimierung durch Selektion und Kompensation. Ein psychologisches Modell erfolgreichen Alterns, in: Zeitschrift für Pädagogik, 35 (1989) 1, S. 85 - 105.

Dr. phil., geb. 1943; Professorin der Psychologie an der Universität Trier, Fachbereich I-Psychologie, D-54286 Trier.
E-Mail: E-Mail Link: filipp@uni-trier.de
Internet: Externer Link: www.psychologie.uni-trier.de

Dr. rer. nat., geb. 1967; Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich I-Psychologie der Universität Trier, D-54286 Trier.
E-Mail: E-Mail Link: mayera@uni-trier.de
Internet: Externer Link: www.psychologie.uni-trier.de