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Vom Gender-Kampfplatz zum Sprachspielraum

Vom Gender-Kampfplatz zum Sprachspielraum

Anne Wizorek

/ 6 Minuten zu lesen

Gendern. Allein das Wort ist schon anstrengend. Das liegt zunächst daran, dass der englische Begriff gender, von dem es sich ableitet, bereits seit Jahrzehnten als Kofferwort benutzt wird. Darin wird alles verpackt, was lächerlich, absurd oder sogar bedrohlich ist. Vor allem von konservativer und rechter Seite wird der Gender-Begriff auf diese Weise mit Zerrbildern und Lügen aufgeladen und damit von seiner tatsächlichen Bedeutung entfernt. Gender Mainstreaming wird dann zum Beispiel als "Gender-Wahnsinn" verunglimpft oder die Geschlechterforschung als "Gender-Ideologie" zum übermächtigen Feindbild aufgebaut. Dabei steht Gender für das soziale, das gelebte und das gefühlte Geschlecht. Kurz gesagt, ist Gender das Geschlecht, was sich in unserem Kopf abspielt – und nicht das, was wir in unserer Unterhose haben. Für alle Menschen ohne Fachwissen ist es aufgrund der anhaltenden Begriffsverzerrung aber längst weniger nachvollziehbar geworden, was die Diskussion über Gender soll.

Geht es wiederum ums Gendern und darum, wie Geschlecht in der Sprache Ausdruck findet, wird der Koffer an Verfälschungen bereits mitgeschleppt. Als Anglizismus verdeckt er außerdem, worum es konkret geht, nämlich die geschlechtliche Vielfalt unserer Wirklichkeit auch sprachlich besser abzubilden. Unsere Welt besteht nun einmal nicht nur aus Männern, warum sollten wir sie also ausschließlich in männlicher Form denken? Wie wir sprechen und schreiben, drückt immer auch unsere eigene Vorstellungswelt aus und hat wiederum einen Einfluss darauf, was wir uns eigentlich vorstellen. Hier besteht eine Wechselwirkung, denn: Sprache schafft Wirklichkeit – und Wirklichkeit schafft Sprache.

Persönlich bevorzuge ich die Bezeichnung "geschlechtergerechte Sprache", statt "Gendern" zu verwenden. Genauer gesagt, benutze ich mittlerweile den Begriff "geschlechtergerechtere Sprache". Damit lässt sich nicht nur der Gender-Koffer ablegen, sondern es wird klarer, dass Sprache ohnehin nie hundertprozentig gerecht sein kann. Sie kann sich aber annähern und unserer Wirklichkeit dabei gerechter werden, als sie es bisher mit dem generischen Maskulinum war.

Das sogenannte generische Maskulinum – also so zu schreiben und zu sprechen, dass immer nur die männlichen Bezeichnungen wie Schüler, Lehrer, Autor etc. verwendet werden – das ist, entgegen der allgemeinen Annahme, auch eine Form des Genderns. In der Regel ist das generische Maskulinum bloß die Variante des Genderns, die wir als erste gelernt haben und die uns damit am längsten geläufig ist. Wenn etwas zur Norm wird, ist diese gleichzeitig allgegenwärtig und in ihrer Normalität dennoch unsichtbar. Statt Sprache dann als unseren eigenen Handlungsspielraum wahrzunehmen, "haben [wir] das Gefühl, eine bereits vorhandene Sprache lediglich zu benutzen". Beim generischen Maskulinum führt es dazu, nicht groß zu hinterfragen, dass Männer jahrtausendelang über gesellschaftliche Strukturen und Konventionen bestimmten und sich das auch auf unsere Sprache auswirkte. Stattdessen soll das generische Maskulinum sogar als "neutral" verkauft werden, obwohl es unsere Sprache eindeutig männlich prägt. Neben Männern gibt es nun mal auch Frauen und Menschen anderer Geschlechter. Das ist so, seit es Menschen gibt, und damit keineswegs neu oder gar irgendein "Trend". Auch das Bundesverfassungsgericht hat 2017 mit seinem Urteil zum dritten Geschlechtseintrag diese Realität endlich anerkannt.

Die Forderungen nach einer geschlechtergerechteren Sprache weisen darauf hin, wie insbesondere Frauen und nicht-binäre Menschen heutzutage immer noch ausgeschlossen und diskriminiert werden. Über Sprache wird Macht ausgeübt, und es muss reflektiert werden, wie das auch in Bezug auf Geschlechter geschieht. Mit Hilfe von Sprache drücken wir jeden Tag aus, was wir denken, was wir wollen, wer wir sind. Sie ist unser wichtigstes Werkzeug und unzertrennlich mit unserer Identität verknüpft. Gerade mit zunehmendem Alter fällt es uns eher schwer, uns neuen sprachlichen Vorschlägen zu öffnen, da wir uns so auch in unserer Identität angegriffen fühlen. Diese Abwehrhaltung gilt es zu hinterfragen. Wo kommt sie her? Und warum halte ich Sprache für wichtig genug, um damit Männer anzusprechen, aber sträube mich gegen die Sichtbarkeit anderer Geschlechter?

In der Debatte ums Gendern wird gerne vorgeschoben, dass es doch weitaus wichtigere Baustellen zu beseitigen gebe, um zur gewünschten Geschlechtergerechtigkeit zu gelangen. Den Gender Pay Gap abzuschaffen, sei dringender, als das Gendersternchen in Schrift und Wort zu etablieren, weil dieses gar keine direkte Geschlechtergerechtigkeit auslösen könne. Das ist allerdings ein Strohmann-Argument, schließlich wird nirgends behauptet, dass geschlechtergerechtere Sprache wie ein Zauberspruch direkt ins feministische Paradies führt. Auch die Einführung des Frauenwahlrechts vor gut hundert Jahren hat uns nicht automatisch in den Zustand einer geschlechtergerechten Gesellschaft versetzt, ebenso wenig die Wahl der ersten Bundeskanzlerin 2005. Zusammengenommen bringen uns all diese Schritte aber immer weiter, um eine Gesellschaft möglicher zu machen, in der niemand mehr aufgrund des Geschlechts diskriminiert wird.

Geschlechtergerechtere Sprache anzuwenden, ist also kein Allheilmittel, sondern vielmehr ein Baustein im Gesamtbild. Dabei dürfen wir bestehende Probleme nicht gegeneinander ausspielen, sondern können uns genauso gegen die schlechte Bezahlung in sozialen Berufen einsetzen wie gegen sexualisierte Gewalt, Altersarmut oder eben diskriminierende Sprache. Zumal diese Probleme mit dem Blick aufs große Ganze alle miteinander verwoben sind und deshalb die symbolische Ebene ebenso angegangen werden muss wie die praktische. "Jede unkonventionelle Sprachänderung schafft eine Grundlage für eine veränderte Vorstellung. Daher verfügt sie auch über das Potenzial eines großen sozialen Wandels", bringt es Lann Hornscheidt, Professorens für Gender Studies und Sprachhandeln, auf den Punkt.

Während es bei den einen darum geht, den Blick auf unsere Gesellschaft zu erweitern und das Bewusstsein für Diskriminierungen zu schärfen, dürfen wir nicht unterschätzen, dass die Zerrbilder und Lügen von anderen mit Absicht verbreitet werden. Die Debatte ums Gendern ist so anstrengend, weil es nicht um den bloßen Austausch von Argumenten auf einer abstrakten Metaebene geht. Hier wird ein Kulturkampf vom rechten politischen Lager geführt, der reale Konsequenzen hat, vor allem für Menschen marginalisierter Geschlechter. Die Brutalität der Angriffe gegen Gendersternchen, Unterstrich & Co. zeigt immerhin auch, wie weit wir schon gekommen sind. Der Backlash ist auch Teil des Erfolgs. Noch vor zehn Jahren waren geschlechtergerechtere Schreibweisen viel weniger verbreitet. Heute finden sie sich immer öfter auf den Webseiten und Social-Media-Kanälen großer Medienhäuser. Leider sind ebenso viele Medienhäuser besessen davon, Pro-und-Contra-Diskussionen zum Thema Gendern zu führen, die selten einen Mehrwert haben, da sie in ihrer Zuspitzung so starr und binär bleiben wie unsere momentane Geschlechterhierarchie. Dabei darf die ablehnende Seite sogar Vergleiche mit der DDR oder dem Nazi-Regime ziehen. Währenddessen muss die befürwortende Seite sachlich und ruhig bleiben, um überhaupt gehört zu werden.

Die realen Geschlechter- und Machtverhältnisse werden so verzerrt und mitunter sogar als "Terror der Minderheiten" völlig umgekehrt. Die Anti-Gender(n)-Rhetorik spielt dabei eine zentrale Rolle, rechte Ideologie im gesamten politischen Spektrum der Gesellschaft anschlussfähig zu machen und allgemein zum Angriff auf Geschlechtergerechtigkeit zu blasen. Das lässt sich nicht nur allein daran beobachten, wie zum Beispiel AfD-Mitglieder rund um den Gender-Begriff förmlich verbale Kriegsführung betreiben.

Die Frage ist also: Überlassen wir das Feld jenen, die Sprache in ein reines Waffenarsenal umschmieden? Oder nehmen wir Sprache als lebendige wie politische Handlungsform an? Wollen wir weiter diskriminierende oder verletzende Sprache verwenden? Oder wollen wir etwas daran ändern und gemeinsam überlegen, wie das am besten möglich ist? Und: Finden wir dabei vielleicht auch endlich den Spaß an all dem wieder und die sprichwörtlichen Spielräume, die uns unsere Sprache bietet?

Fussnoten

Fußnoten

  1. Lann Hornscheidt, Sprachgewalt. Erkennen und sprachhandelnd verändern, Berlin 2018, S. 5.

  2. Vgl. Bundesverfassungsgericht, Leitsätze zum Beschluss des Ersten Senats vom 10. Oktober 2017, 1 BvR 2019/16.

  3. Hornscheidt (Anm. 1), S. 6. Hornscheidt versteht sich als genderfrei und nutzt daher die Pronominaform -ens.

  4. Vgl. Franziska Schutzbach, Die Rhetorik der Rechten. Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick, Zürich 2018.

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