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Zwischen berechtigtem Anliegen und bedenklicher Symbolpolitik

Zwischen berechtigtem Anliegen und bedenklicher Symbolpolitik

Helga Kotthoff

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Seit rund 40 Jahren beschäftigt uns im deutschsprachigen Raum die Debatte um den Zusammenhang von Genus und Personenreferenz. Traditionell galt in der Sprachwissenschaft dazu eine Ansicht, die der Linguist Theodor Lewandowski unter der Rubrik "Genus" so formulierte: "Grammatisches Geschlecht; grammatische Kategorie, Merkmal von Substantiv, Artikel, Adjektiv, Pronomen, das sich im Allgemeinen von seiner Bindung an das natürliche Geschlecht fast ganz gelöst hat." Dies gelte uneingeschränkt auch für Personenreferenz. Vor allem Luise Pusch stieß mit ihrem viel beachteten Buch "Das Deutsche als Männersprache" jedoch eine Debatte darüber an: "Seit Mitte der siebziger Jahre erlebt mann mit wachsendem Befremden, wie frau die deutsche Sprache instandbesetzt. Früher fand sie keinen Raum in dieser Herrberge, genannt ‚Muttersprache‘ (ausgerechnet). Inzwischen jedoch hat frau sich eingerichtet und mit der Sanierung begonnen. Die Regeln der Grammatik, morsches Gebälk, werden feminisiert und dadurch humanisiert."

In der Sprach- und Kognitionspsychologie haben zahlreiche Experimentalstudien zur Wirkung von geschlechterübergreifend gemeinten Maskulina jedoch differenziertere Befunde zutage gefördert, als dass es "keinen Raum" für Frauen gebe. Elke Heise ließ beispielsweise 150 Versuchspersonen Fortsetzungen von Geschichten produzieren, deren Personennennungen mal als "Vegetarier" vorkamen, mal als "Vegetarier/innen" und mal als "VegetarierInnen". Zudem enthielten die Texte "neutrale" Nennungen wie "Kinder" und "Angestellte". Sowohl die geschlechterübergreifenden Maskulina (im Artikel als "generisch" bezeichnet) als auch die neutralen Substantive führten zu viel mehr männlichen Realisierungen in den Folgetexten. Dies deutet darauf hin, dass die Dominanz männlicher Personenvorstellungen auch tief in einer kulturellen Bilderwelt jenseits von Sprache verankert sein muss. Ausgewogen waren die Nennungen von Frauen und Männern bei den Schrägstrichschreibungen, während bei den Binnenmajuskeln mehr Frauen genannt wurden. Umgekehrt schließt vor allem ein geschlechterübergreifendes Maskulinum im Plural weibliche Nennungen nicht aus, es verringert sie aber je nach Kontext mehr oder weniger deutlich.

Das Spektrum der gendersensiblen Formulierungen reicht von der Substantivierung von Präsenspartizipien (Studierende), über Beidnennungen (Studentinnen und Studenten) bis hin zu Kurzschreibungen mit verschiedenen Zeichen an der Morphemgrenze (Student:innen, Student_innen, Student*innen und andere mehr). Im Mündlichen gehört ein morphologischer Femininplural mit ins Bild, der mit einem Glottisschlag gesprochen wird: BäckerInnen wird also "Bäcker-innen" ausgesprochen. Des Weiteren finden sich Feminisierungen lexikalischer Maskulina (Gästin, Vorständin) – und zu all diesem ein breiter Unterweisungsdiskurs durch entsprechende Leitfäden von Städten, Hochschulen und Firmen. Der Sprachwandel des Genderns wird auf diese Weise immer stärker institutionell gelenkt.

Die stark im Pro und Contra geführte Debatte ließe sich dadurch entschärfen, dass das generelle Anliegen, in Texten etwas dafür zu tun, dass nicht überwiegend männliche Personen vor unser inneres Auge treten, anerkannt wird – wohlgemerkt: in Texten, nicht in Einzelsätzen. Wenn man dabei auch Praktikabilitätsgesichtspunkte ernst nimmt, kann eine Studie von Jutta Rothmund und Brigitte Scheele als Anregung dienen: Die Psychologinnen gehören zu den wenigen, die ihre Proband(inn)en längere Texte haben lesen lassen. Ihre Studie zeigt, dass es je nach Kontext und Gegenstand gar nicht nötig ist, einen ganzen Text konsequent durchzugendern, wenn man grundsätzlich um geschlechtersymmetrische Repräsentation bemüht ist.

Statt sich also vermehrt Schreib- und Sprechpraktiken zu bedienen, die wenig irritieren und doch zu gendersymmetrischen Assoziationen führen, beobachten wir ein Hochschrauben von Symbolpolitiken. Verschiedene Gruppierungen innerhalb der Pro-Gendern-Fraktion grenzen sich beispielsweise darüber voneinander ab, welche Zeichen vor dem Femininsuffix gesetzt werden sollen. In den Ende September 2021 beschlossenen Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Sprache der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an den wissenschaftlichen Hochschulen Baden-Württembergs wird verkündet, insbesondere Asterisk, Unterstrich und Doppelpunkt würden geschlechtliche Vielfalt ausdrücken. Damit wird eine Setzung vorgenommen.

Der Doppelpunkt gewinnt derzeit vor allem an Hochschulen und in Museen an Terrain. In der feministischen Zeitschrift "Missy Magazine" wird hingegen entschieden gegen diese Schreibungsvariante geschrieben, weil sie zu wenig irritiere: "Sternchen und Unterstrich sind konzipiert worden, um zu einem Nachdenken über die binäre Vergeschlechtlichung der deutschen Sprache anzuregen. Bei Sternchen und Unterstrich geht es nicht um bloße Repräsentation, sondern um eine aktive Störung der Sprech-, Schreib- und Sehgewohnheiten. Der Doppelpunkt sieht für Sehende aus wie ein kleines i, sticht weniger hervor, kommt somit weniger radikal daher und stört sehende cis Menschen vermutlich viel weniger als Sternchen oder Unterstrich." Hier wird eine Sprachpolitik aktiver Störung favorisiert. Sprachwandel setzt aber auf Ususbildung und kann mit permanenter Störung gar nicht bewirkt werden. Es kommt somit der Verdacht auf, dass den FreundInnen der laufenden Irritation gar nicht primär an einem machbaren Sprachwandel in Richtung symmetrischer Vorstellungen von Personen verschiedener Geschlechter liegt.

Ebenso zeugen verschiedene Aussagen von Unterstützern und Betreiberinnen des Genderns davon, dass es ihnen mehr um eine allgemein-progressive Haltungsanzeige geht als um eine Sichtbarmachung von Frauen und anderen nichtmännlichen Personen. So etwa auch im Falle der ehemaligen Fernsehmoderatorin Petra Gerster, die "Geschichte, Herkunft, Ethnie, Hautfarbe und Geschlecht – kurz (…) Identität" anzuzeigen meint.

Im Leitfaden zu geschlechtergerechter Sprache der Stadt Freiburg heißt es sehr ähnlich im Vorwort des Bürgermeisters Martin Horn: "Der Gender-Gap soll die Grenzen der binären Kategorisierung in der Sprache auflösen und bindet neben der geschlechtlichen Identität und der sexuellen Orientierung weitere soziale Dimensionen mit ein, u.a. Alter, eine mögliche Behinderung, kulturelle Herkunft, Religion oder Weltanschauung." Solche Verlautbarungen sind schlichtweg Unsinn. Personenreferenzen wie "Freiburger", "Schwimmerin", "Verkäufer" oder "Chirurgin" enthalten bestenfalls über die sie umgebenden Texte Informationen dazu, dass die Person eine spezifische Herkunft oder Religion hat. Welche Anzeige soll denn der Asterisk auf welche Weise in Richtung Alter bewirken? Soll ich mir Lehrer_innen älter vorstellen als Lehrer/innen? Welcher Religion hängt der Schwimmer* an?

Gerster und die Freiburger Gleichstellungsstelle wollen kundtun, dass diejenigen, die diese Zeichen verwenden, einer Gruppe angehören, die sich über all dies Gedanken macht. Sprache kommuniziert ja immer irgendwie auch Zugehörigkeit. Wer etwa jugendsprachlich spricht, betreibt das Anzeigen von doing youth, auch wenn sie oder er die Jugend lange hinter sich hat. Die Progressivitätsanzeige der Sternchen-, Unterstrich- und Doppelpunkt-Nutzung beansprucht zusätzlich moralische Überlegenheit. Praktiken des Moralisierens so stark in mündliche und schriftliche Ausdrucksweisen einzuschreiben, dient einer Verschärfung des Pro- und Contra-Diskurses. Ein gelassener Umgang mit je nach Kontext mehr oder weniger Gendern sieht anders aus.

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ist emeritierte Professorin für Germanistische Linguistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.