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Infoaktuell Nr. 40/2023

Geschichtskultur und sich wandelnde Geschichten

Lars Deile

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Das Bedürfnis nach Geschichte ist wechselhaft und Konjunkturen unterzogen. Um den Umgang von Gesellschaften mit ihrer Geschichte zu beschreiben, hat sich der Begriff "Geschichtskultur" etabliert.

Diese Diagnose wird nicht von allen Historikerinnen und Historikern geteilt, aber sie hat doch einiges für sich. In jedem Fall ist es erklärungsbedürftig, dass es Zeiten gibt, die ein großes Bedürfnis nach Geschichte haben, und andere, in denen das weniger der Fall ist. Geschichte ist nicht immer gleich bedeutsam. Das Interesse an ihr unterliegt erheblichen Schwankungen und auch die Formen, Funktionen und die an ihrer Gestaltung beteiligten Menschen wandeln sich. Um auf diesen Wandel hinzuweisen, ihn zu beschreiben und vielleicht auch zu beeinflussen, bietet sich der Begriff der Geschichtskultur in besonderer Weise an.

Der Begriff der Kultur war in den 1990er-Jahren in aller Munde. Es war die Rede unter anderem von Esskultur, Verwaltungskultur, Feierkultur, Unternehmenskultur, Kommunikationskultur. Der Begriff lässt sich an fast jedes andere Nomen anhängen und markiert damit eine bestimmte Dynamik, eine Art und Weise, wie mit etwas umgegangen wird, die Formen, in denen das geschieht, vor allem aber die Veränderung dieser Formen. Eine gewisse Wertschätzung ist ebenfalls damit verbunden, auch wenn die Kulturwissenschaften den älteren, bildungsbürgerlichen Begriff der Hochkultur ablehnen, weil der immer auch die Abwertung anderer Kulturen miteinschließt.

In diesem Zusammenhang kam der Begriff „Kultur“ in die Wissenschaften und löste dort einen cultural turn (kulturelle Wende) aus, also eine Veränderung thematischer und methodischer Ansätze. So wurde auch die Kulturgeschichte (wieder)entdeckt, der es insbesondere um die Erforschung handlungsleitender Wertvorstellungen und die Vermittlungsprozesse zwischen Individuum und Gesellschaft geht.

Auch in der Geschichtsdidaktik schlug sich diese Wende nieder. Wirksam wurde das Konzept vor allem, als Jörn Rüsen 1994 begann, „Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken“ anzustellen. Bis heute sind Rüsens nicht ganz einfach zu durchdringende Überlegungen ein wesentlicher theoretischer Referenzpunkt. Vielleicht hat aber der Geschichtsdidaktiker Hans-Jürgen Pandel noch prägnanter auf den Punkt gebracht, was mit Geschichtskultur gemeint ist, nämlich „die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte umgeht“.