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Das Ende des Kaiserreichs: Militärischer Zusammenbruch und Revolution | Der Erste Weltkrieg | bpb.de

Das Ende des Kaiserreichs: Militärischer Zusammenbruch und Revolution

Wolfgang Kruse

/ 10 Minuten zu lesen

Ende 1918 brach die alte Ordnung in sich zusammen, ihre Vertreter hatten abgewirtschaftet und kapitulierten kampflos. Die revolutionäre Bewegung beendete die Fürstenherrschaft in Deutschland und machte den Weg frei für eine demokratische Republik. Sie blieb allerdings von den vordemokratischen Strukturen des Kaiserreichs ebenso geprägt wie von den Verwerfungen des Krieges.

"Deutsche, denkt daran!" - Historische Karikatur zur Dolchstoßlegende

Es wäre zweifellos viel zu einfach und deterministisch, die Auffassung zu vertreten, dass das in drei Kriegen vom „weißen Revolutionär“ (Lothar Gall) Bismarck gegründete Deutsche Kaiserreich am Ende in Krieg und Revolution untergehen musste. Doch um einen historischen Zufall handelte sich dabei auch nicht. Der Erste Weltkrieg, in dessen Zentrum der deutsche Versuch stand, die Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent zu erobern, führte letztlich zum Untergang eines Kaiserreiches, das den Belastungen des zunehmend totalen, die Anspannung aller gesellschaftlichen Kräfte erfordernden Krieges am Ende nicht gewachsen war. Dahinter standen nicht zuletzt langfristige Ursachen, die in den strukturellen Entwicklungen des neuen, sich dynamisch entwickelnden deutschen Nationalstaats angelegt waren. Im Innern war es dem Kaiserreich seit langen immer schwerer gefallen, die sich zuspitzenden Widersprüche zwischen der hochgradigen Modernität und Dynamik seiner sozioökonomischen Basis auf der einen, den verkrusteten und von traditionellen Eliten hartnäckig verteidigten gesellschaftspolitischen Herrschaftsverhältnissen auf der anderen Seite auszugleichen. Auch vor diesem Hintergrund hatte das Reich nach Außen mit seiner Weltpolitik Herrschaftsansprüche entwickelt, die trotz aller Modernisierungsdynamik doch zunehmend über die eigene wirtschaftliche und gesellschaftliche Basis hinauswiesen. Dies trat vor allem während des Ersten Weltkrieges immer deutlicher zutage und führte letztlich mit der totalen Siegfriedenspolitik der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) zur Aufzehrung der ökonomischen Basis, des sozialen Zusammenhalts und der politischen Legitimität der herrschenden Ordnung. Der militärische und politische Zusammenbruch von 1918 war die Folge dieser Entwicklung, an deren Ende der revolutionäre Übergang von der Monarchie zu einer parlamentarisch-demokratischen Republik stand.

Der militärische Zusammenbruch

Als die OHL am 29. September 1918 die Reichsregierung zur sofortigen Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen aufforderte, kam der nun deutlich werdende militärische Zusammenbruch für Politik und Öffentlichkeit erst einmal höchst überraschend. Das lag auch, aber nicht nur an der Propaganda. Das Deutsche Reich und seine Verbündeten hatten noch zu Jahresbeginn in Brest-Litowsk dem bolschewistischen Russland einen umfassenden Siegfrieden aufgezwungen und im Anschluss mit den Frühjahrsoffensiven auch im Westen die Kriegsgegner an den Rand der Niederlage gebracht. Kein feindlicher Soldat stand auf deutschem Boden, im Gegenteil, deutsche Truppen und ihre Verbündeten kontrollierten weite Territorien Europas. Trotzdem hatte die OHL Recht, als sie in ihrer Lageanalyse zu dem Ergebnis kam, dass die militärische Lage aussichtslos zu werden drohte.

Zwar hatten die schnell aufeinander folgenden deutschen Offensiven im Frühjahr und Frühsommer 1918 territoriale Gewinne gebracht, wie sie seit dem Ende des Bewegungskrieges 1914 nicht mehr möglich gewesen waren. Doch ein entscheidender Durchbruch hatte nicht erzielt werden können, vor allem auch, weil es nur unzulänglichen Nachschub gab. Und als die nun immer mehr durch US-Streitkräfte verstärkten, deutlich besser versorgten und ausgerüsteten alliierten Truppen im Sommer zum Gegenangriff übergingen, hatten ihnen die völlig erschöpften deutschen Soldaten nicht mehr viel entgegenzusetzen. Am 8. August, der mit den Worten von General Ludendorff als „schwarzer Tag des deutschen Heeres“ in die Kriegsgeschichte eingegangen ist, gelang den Alliierten bei Amiens ein entscheidender Durchbruch durch die deutsche Frontlinie, der nur durch großangelegt Rückzugsbewegungen aufgefangen werden konnte. Zugleich begann die Front sich aufzulösen. Da sie am Ende ihrer Kräfte angelangt waren und nun auch den Glauben an einen Sieg vollends verloren, kam es zu einer Art „verdecktem Militärstreik“ (Wilhelm Deist) der deutschen Soldaten: Viele weigerten sich nun, die Schützengräben zum Kampf zu verlassen, ganze Truppenteile ließen sich freiwillig gefangen nehmen; etwa eine ¾ Million Soldaten begab sich selbständig auf den Weg nach Hause, und es begannen sich, wie zuvor bereits im Osten, nun auch im Westen erste Soldatenräte zu bilden. Nur noch ein „Spinnwebennetz von Kämpfern“ hielt schließlich nach dem Urteil des Majors im Generalstab Ludwig Beck die Front zusammen.

Hinzu kam der sich immer deutlicher abzeichnende Zusammenbruch der Verbündeten. Im September wurde auf dem Balkan sowohl die bulgarische als auch die türkische Front auf breiter Front durchbrochen. Bulgarien ersuchte bereits um einen Waffenstillstand. Auch Österreich-Ungarn unterbreitete der Entente am 14. September ein Friedensangebot und drängte Deutschland zum Waffenstillstand, den die neue Reichsleitung schließlich auf weiteres Drängen der OHL am 4. Oktober offiziell der Entente vorschlug. Die Friedensverhandlungen sollten auf der Basis des 14-Punkte-Programms erfolgen, in dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson im Januar 1918 seine Forderungen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, der Freiheit des Welthandels und der Gründung eines Völkerbundes niedergelegt hatte. Doch so einfach, wie sich Regierung und OHL das vorstellten, gestaltete sich die Beendigung des Krieges nicht. Denn die alliierten Siegermächte forderten erst einmal weitreichende Zugeständnisse und waren vor allem nicht bereit, mit den Vertretern der alten preußisch-deutschen Militärmonarchie über die Bedingungen eines Waffenstillstands zu verhandeln. Ihre Forderungen auf territoriale Verzichtserklärungen und demokratische Neuordnung wurden auf deutscher Seite dagegen als bedingungslose Kapitulation abgelehnt und riefen Überlegungen zu einer Fortsetzung des Krieges hervor.

Die Oktoberreformen

Am 3. Oktober war immerhin bereits eine neue Regierung unter dem als liberal geltenden Reichskanzler Max von Baden gebildet worden, der nun auch Vertreter der Mehrheitsparteien des Reichstages unter Einschluss der Mehrheitssozialdemokratie angehörten. Diese Regierungsneubildung war von den Mehrheitsparteien im Reichstag politisch vorbereitet worden, sie stellte zugleich aber auch eine Forderung der OHL dar, die unbedingt einen Waffenstillstand benötigte, den Forderungen der Alliierten entgegenkommen wollte und zugleich mit den Worten Ludendorffs den „linksstehenden Parteien das Odium dieses Friedensschlusses“ anlasten und so die Dolchstoßlegende vorbereiten wollte. Die Ende Oktober schließlich vom Reichstag verabschiedeten Verfassungsreformen brachten formalrechtlich den Übergang von der konstitutionellen zur parlamentarischen Monarchie. Doch wie die politischen Machtverhältnis genau gestaltet sein sollten, vor allem in welchem Verhältnis die Volksvertretung und der weiter an der Staatsspitze stehende Kaiser tatsächlich zueinander treten würden, war noch unklar. Die Klassenwahlrechte in den Einzelstaaten galten weiter, von einem Frauenwahlrecht war weiterhin nicht die Rede, Belagerungszustand und Militärherrschaft blieben erst einmal bestehen, der Krieg fand kein Ende. Phantasien von einem eventuell doch notwendigen „Endkampf auf Leben und Tod“ (Max v. Baden) waren unter den Führungseliten weit verbreitet, und mit der Flucht Wilhelm II. am 29. Oktober ins militärische Hauptquartier, „sozusagen zurück zum Kern des preußischen Militärstaats“ (Hans-Ulrich Wehler), schien sich auch innenpolitisch ein Gegenschlag vorzubereiten. Doch dazu kam es nicht. Die unübersichtliche politische Szenerie wurde Anfang November auf eine ganz neue Grundlage gestellt, als Deutschland von einer Revolution erfasst wurde und damit erst die Voraussetzungen für einen definitiven Bruch mit der alten Ordnung und für einen grundlegenden Neuanfang geschaffen wurden.

Demonstration unter den Linden am 9. November 1918: Truppenteile schließen sich den Streikenden an. Im Hintergund die Alte Bibliothek und das Palais Kaiser Wilhelms. (© picture-alliance/akg)

Die Revolution

Die revolutionäre Bewegung vor allem der Arbeiter und Soldaten, die Anfang November 1918 die Fürstenherrschaft in Deutschland hinwegfegte und einen sofortigen Waffenstillstand erzwang, nahm ihren Anfang unter den Matrosen der Hochseeflotte. Schon 1917 war es hier zu Meutereien mit politischer Aufladung gekommen, die mit harten Repressalien – u. a. wurden fünf Matrosen zum Tode verurteilt und zwei von ihnen (Max Reichpietsch und Albin Köbis) schließlich hingerichtet – niedergeschlagen worden waren. Als die Seekriegsleitung am 29. Oktober die in Kiel liegenden Großkampfschiffe zu einem letzten großen Gefecht auslaufen lassen wollte, weigerten sich die Matrosen, verbündeten sich mit der Arbeiterschaft der Küstenstädte und bildeten hier wie bald auch in anderen Städten spontan Arbeiter- und Soldatenräte, die zum Träger der Revolution wurden. Die Räte wollten anfangs vor allem die sofortige Beendigung des Krieges, die Abschaffung der militärischen Hierarchie und die Aufhebung des Belagerungszustandes erzwingen. Doch schon bald gingen ihre politischen Forderungen weit darüber hinaus und zielten auf den Sturz der Monarchie. Am 7. November wurde der König von Bayern durch eine von dem USPD-Politiker Kurt Eisner angeführte Volksbewegung zur Abdankung gezwungen, die Fürsten der deutschen Bundesstaaten folgten innerhalb weniger Tage. Am 9. November erreichte die revolutionäre Bewegung auch die Reichshauptstadt Berlin. Die USPD-Führung und die Bewegung der Revolutionären Obleute, von der bereits der Januarstreik 1918 organisiert worden war, hatten den Umsturz eigentlich für den 11. November geplant, doch bereits zwei Tage vorher schuf ein weitgehend unorganisierter Aufstand der Massen neue Tatsachen. Der Kaiser floh ins Exil nach Holland, und alle zwischenzeitlich erwogenen Pläne, die deutsche Monarchie durch persönliche Abdankungen und Übergangslösungen zu retten, erwiesen sich endgültig als Chimären.

Reichskanzler Max von Baden übergab sein Amt ohne förmliche Berechtigung dem Mehrheitssozialdemokraten Friedrich Ebert, dessen Parteigenosse Philipp Scheidemann proklamierte am Reichstag die Republik, gefolgt vom Spartakisten Karl Liebknecht, der am Schloss die sozialistische Republik ausrief. Die Regierungsgewalt übernahm nun der „Rat der Volksbeauftragten“, der unter der gemeinsamen Führung der beiden Parteivorsitzenden Friedrich Ebert und Hugo Haase paritätisch von SPD und USPD gebildet und von der Rätebewegung als Revolutionsregierung bestätigt wurde.

Philipp Scheidemann, Ausrufung der Republik, 9.11.1918

Philipp Scheidemann, Ausrufung der Republik, 9.11.1918

Inhalt

Die alte Ordnung brach in sich zusammen, ihre Vertreter hatten abgewirtschaftet und kapitulierten kampflos. Auch die immer wieder ventilierten Pläne, die Frontsoldaten gegen die Revolution ins Feld zu führen, erwiesen sich angesichts der Auflösungstendenzen in der Armee als Illusionen. Die revolutionäre Bewegung der Arbeiter- und Soldatenräte, zu der bald auch Volks-, Bürger- und Bauernräte hinzutraten, beendete die Fürstenherrschaft in Deutschland und etablierte eine demokratische Republik, von der die Volkssouveränität proklamiert, alle Klassenwahlrechte abgeschafft und auch das Frauenwahlrecht eingeführt wurde.

In Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur der Bundesrepublik herrschte lange die von den Gegensätzen und Ideologien des Kalten Krieges geprägte Vorstellung vor, dass es nach dem Novemberumsturz im weiteren Revolutionsverlauf um die Alternative zwischen einer bolschewistischen Diktatur auf der einen, einer konservativ-demokratisch geprägten Republik auf der anderen Seite gegangen sei, die durch die Niederschlagung der revolutionäre Rätebewegung durchgesetzt werden musste. Die seit den 1960er Jahren beginnende Erforschung der Rätebewegung zeichnete demgegenüber ein anderes Bild. Ihre Bestrebungen gingen über die formale Demokratisierung zwar weit hinaus, doch zielten sie keineswegs auf eine Neuordnung nach bolschewistischem Vorbild, wie sie zu Anfang nur von kleinen Minderheiten angestrebt wurde. Die große Mehrheit der Räte war sozialdemokratisch orientiert und wollte keine dauerhafte Räteherrschaft, schon gar keine Rätediktatur verwirklichen, sondern eine parlamentarische Demokratie auf neuer, gesellschaftlich fundierter Grundlage. Sie verstanden sich, wie in der konkreten Praxis, aber auch in den Beschlüssen auf dem zentralen Reichsrätekongress vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin deutlich wurde, als Organe des revolutionären Übergangs. Sie verbanden damit aber auch weiterreichende Bestrebungen zu einer grundlegenden Demokratisierung von Verwaltung, Militär, Justiz und Wirtschaft sowie einer Sozialisierung von Schlüsselindustrien.

Diese über eine verfassungspolitische Demokratisierung hinausreichenden revolutionären Ziele konnten überwiegend nicht umgesetzt werden, auch weil die im Zuge der Burgfriedenspolitik längst in das überkommene politische System eingebundene Führung der Mehrheitssozialdemokratie die von ihr politisch nicht angestrebte Revolution angesichts der vielfältigen Unsicherheiten der Übergangszeit schon mit dem Novemberumsturz beendet sehen wollte und die revolutionär eröffneten Handlungsspielräume für eine weitergehende Demokratisierung und Sozialisierung der Gesellschaft nicht nutzte. Wie groß diese Handlungsspielräume allerdings waren, ist in der Geschichtswissenschaft weiterhin umstritten, zumal auch die programmatisch für sie eintretende USPD keine klare Linie entwickeln konnte und ihre Volksbeauftragten schon Weihnachten 1918 nach ersten Militäreinsätzen gegen die Rätebewegung aus der Revolutionsregierung ausschieden. Die Ausgestaltung der politischen Neuordnung wurde von der an der Staatsspitze dominierenden, mit der Obersten Heeresleitung als Ordnungsgarant kooperierenden SPD-Führung dagegen auf die am 19. Januar 1919 gewählte Nationalversammlung vertagt, wo sie schließlich in Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Mittelparteien der „Weimarer Koalition“, die auch angesichts des schwachen Abschneidens der USPD notwendig wurde, viele ihrer eigenen politischen Reformziele nicht mehr durchsetzen konnte. Aber auch die Gewerkschaften verfolgten in der Revolution von Anfang an mehrheitlich keine revolutionär antikapitalistische Politik, als sie am 9. November 1918 ihre im Krieg begonnene Kooperation mit den Arbeitgebern durch die Bildung einer gemeinsamen Zentralarbeitsgemeinschaft auf eine neue Grundlage stellten (Stinnes-Legien-Abkommen).

Diese Entwicklungen führten im weiteren Verlauf der Revolution umgekehrt zu einer Radikalisierung von Teilen der Rätebewegung, die ihren ersten großen Ausdruck im sog. Spartakusaufstand Anfang Januar 1919 fand. Tatsächlich handelte es sich dabei um einen weitgehend spontan entstandenen Ausdruck der Unzufriedenheit großer Teile der sozialistischen Berliner Revolutionsbewegung, die massenhaft gegen die Absetzung des USPD-Polizeipräsidenten Emil Eichhorn protestierten und angesichts der überwältigenden Massenunterstützung spontan eine Revolutionsregierung mit Karl Liebknecht und dem USPD-Führer Georg Ledebour an der Spitze proklamierten. Im Verlauf der blutigen Niederschlagung durch Freikorps und Reichswehreinheiten unter dem Kommando des sozialdemokratischen Volksbeauftragten Gustav Noske wurden die Führer der gerade gegründeten KPD, Liebknecht und Rosa Luxemburg, nach ihrer Festnahme von Soldaten ermordet. Dies war der Auftakt zu einer reichsweiten Reihe von revolutionären Aufständen im Frühjahr 1919 mit den Münchener Räterepubliken als Höhepunkt, die alle nach ähnlichem Muster von Freikorps und Reichswehreinheiten militärisch niedergeschlagen wurden. Anstelle der ursprünglich angestrebten sozialen Demokratie entstand so eine in vieler Hinsicht eher konservativ geprägte Republik.

Brüche, Belastungen und Kontinuitäten

Immerhin hatte die Revolution von 1918 den Weg frei gemacht für die Etablierung einer demokratischen Neuordnung, deren Grundlagen in der am 14. August 1919 verkündeten Weimarer Reichsverfassung festgelegt wurden. Die Weimarer Republik blieb allerdings weiterhin in vieler Hinsicht geprägt von den vordemokratischen Strukturen des Kaiserreiches und den Verwerfungen des Krieges. Sie war entstanden als Kind des Krieges und der Niederlage, und sie blieb tiefgehend davon beeinflusst. Generell war auch die von den Siegermächten in den Pariser Vorortverhandlungen geschaffene Nachkriegsordnung in vieler Hinsicht unzulänglich und schürte die sowieso aufgeheizten nationalen Konflikte vor allem in Mitteleuropa. In Deutschland stärkten die inhaltlich von allen Parteien abgelehnten Diktatbestimmungen des Versailler Vertrages, für deren Annahme sich anfangs nur die USPD aussprach, nicht nur den außenpolitischen Revisionismus. Auch die demokratische Republik wurde in der Kontinuität der Weltkriegsideologie mit ihrer Konfrontation von „westlicher“ Gesellschaft und Zivilisation auf der einen, „deutscher“ Kultur und „Volksgemeinschaft“ auf der anderen Seite, vor allem von der politischen Rechten als von den Siegern aufgezwungene, „undeutsche“ Ordnung abgelehnt. Die Gründer der Republik galten als „Novemberverbrecher“, und aus den Freikorps entwickelten sich rechtsradikale Kampfverbände und Geheimbünde, die den Umsturz proagierten. Auf der politischen Linken dominierte dagegen vielfach Enttäuschung über die als unzulänglich begriffenen Ergebnisse der Revolution. Die sich nun immer deutlicher ausprägende Spaltung in eine sozialdemokratische und eine kommunistische Partei schwächte die Arbeiterbewegung weiter.

Die Anfangsjahre der Republik blieben so von bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen geprägt, in denen die Gewalt des Krieges ihre innenpolitische Fortsetzung fand. Trotzdem gelang es schließlich, die demokratische Ordnung erst einmal zu stabilisieren, und viele der in der Revolution entstandenen Neuerungen und Perspektiven begannen ihre Wirkungen zu entfalten. Jedenfalls war es Mitte der 1920er Jahre, als die Vorstellung von den „goldenen“ 20er Jahren entstand, noch keineswegs ausgemacht, ob sich in Deutschland der demokratische Aufbruch in die Moderne oder seine Gegner würden durchsetzen können.

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