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Auslösung und Beginn des Krieges | Der Erste Weltkrieg | bpb.de

Auslösung und Beginn des Krieges

Wolfgang Kruse

/ 13 Minuten zu lesen

Der Kriegsbeginn im August 1914 riss weite Teile der deutschen Bevölkerung mit. Aus dem Gefühl einer existentiellen nationalen Bedrohung erwuchs ein breiter politischer Konsens zur Kriegsunterstützung: die Burgfriedenspolitik. Selbst die zuvor eher internationalistischen Sozialdemokraten unterstützten aus Pflichtpathos jenen Krieg, der als Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gilt.

Mobilmachung 1914: Deutscher Truppentransport. (Bundesarchiv, Bild 146-1994-022-19A) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Beginn des Krieges

Der Kriegsbeginn stand im Zeichen verschiedener Entwicklungen, die in hohem Maße ideologisch aufgeladen waren. Die hohe Emotionalität, Suggestionskraft und Sinnstiftungsdynamik des Kriegsbeginns wirkt teilweise bis heute fort und hat auch die geschichtswissenschaftliche Forschung beeinflusst. Vor allem die Frage nach der Kriegsschuld bzw. nach der Verantwortung für die Auslösung des Krieges hat die Historiker immer wieder beschäftigt, ebenso wie die Bedeutung des „Burgfriedensschlusses“ aller gesellschaftlichen und politischen Kräfte zur „Verteidigung des Vaterlandes“. Auch das „Augusterlebnis“ und der vielbeschworene „Geist von 1914“, d. h. die mit Kriegsbegeisterung und nationalem Enthusiasmus einhergehende Stimmungsentwicklung des Kriegsbeginns, sind bis heute prägende und umstrittene Themen der Geschichtswissenschaft geblieben. Schließlich spielen der als „Schlieffenplan“ bekannte deutsche Aufmarschplan zur schnellen Niederwerfung Frankreichs und die Gründe für sein Scheitern ebenfalls bis heute eine wichtige Rolle in den Arbeiten und Analysen der Historiker.

Die Kriegsauslösung

Alle am Krieg beteiligten Länder betonten von Anfang an in propagandistischer Manier, ihr Vaterland gegen feindliche Aggressionen zu verteidigen. Als nach Kriegsende die Sieger im Versailler Vertrag allein Deutschland und seinen Verbündeten die Kriegsschuld zusprachen und damit nicht zuletzt Reparationspflichten begründeten, riefen „Kriegsschuldlüge“ und „Diktatfrieden“ in Deutschland große Empörung hervor. Auf der politischen Rechten wurde weiterhin die These von der alliierten „Einkreisung“ Deutschlands als Ursache des Krieges beschworen, aber auch gemäßigte Kräfte einschließlich großer Teile der Sozialdemokratie waren höchstens bereit, die „Schlitterthese“ des englischen Kriegspremiers David Lloyd George zu akzeptieren, nach der alle Länder durch die wechselseitigen Bündnisverpflichtungen ohne eigene Absicht in den Krieg „hineingerutscht“ waren.

Erst in der sogenannten Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre wurden diese Vorstellungen grundlegend erschüttert. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer hatte in seinem großen Werk „Griff nach der Weltmacht“ nicht nur aufgezeigt, dass in Deutschland während des Krieges umfassende, die Pläne der Nationalsozialisten in vieler Hinsicht vorwegnehmende Eroberungsprogramme entwickelt worden waren. Aufsehen erregte vielmehr vor allem seine These, die deutsche „Reichsleitung“ (monarchische Spitze einer Beamtenregierung mit Staatssekretären statt parlamentarisch verantwortlichen Ministern), insbesondere auch Reichskanzler Theobald v. Bethmann-Hollweg, habe den Krieg bewusst einkalkuliert und ihn schließlich auch willentlich ausgelöst. Obwohl einflussreiche wissenschaftliche und politische Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland diese These voller Empörung bekämpften, regte die „Fischer-Kontroverse“ einen intensiven Forschungsprozess an, der unsere Kenntnisse über die Grundlagen und Zusammenhänge der Kriegsauslösung enorm erweitert hat. Dabei hat sich für lange Zeit die Auffassung durchgesetzt, dass die Politik des Deutschen Reiches und seines Verbündeten Österreich-Ungarn vor allem in der Julikrise die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkrieges getragen hat.

"Germania" von Friedrich August von Kaulbach (1914)

Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns kam es um 2014 herum allerdings zu einer Neuauflage der Kontroverse um die Kriegsschuldfrage, ausgelöst vor allem durch das bereits zwei Jahre vorher von dem australischen, in England lehrenden Historiker Christopher Clark veröffentlichte Buch „Die Schlafwandler“. In dieser großen Darstellung über die europäische Politik der unmittelbaren Vorkriegsjahre wurde der Schwerpunkt vor allem auf die Rolle Serbiens, Russlands und Frankreichs gelegt, während die – bereits vielschichtig untersuchte – deutsche Politik eher an den Rand rückte. So entstand der Eindruck, als hätten insbesondere diese drei Länder zum Krieg gedrängt und seinen Beginn gezielt herbeigeführt. Weniger in der Geschichtsforschung als in der deutschen Öffentlichkeit wurden Clarks „Schlafwandler“ oft als Beweis dafür genommen, sich von einer besonderen „deutschen Kriegsschuld“ freizusprechen und mit dieser geschichtspolitischen Begründung eine unbelastete deutsche Interessenpolitik in der Gegenwart zu fordern. Doch wenn Clark auch in eindringlicher Weise erneut aufgezeigt hat, dass alle europäischen Mächte im frühen 20. Jahrhundert aktive imperialistische Machtpolitik betrieben, Krieg als legitimes Mittel betrachtet und ihren Anteil an der Zuspitzung der internationalen Gegensätze gehabt haben: Eine zum Krieg treibende Rolle in der allgemeineren Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, vor allem aber bei der Kriegsauslösung in der Julikrise 1914, ist dem Deutschen Reich weiterhin nicht abzusprechen.

Die feindliche „Einkreisung“, von der man sich in Deutschland vor dem Krieg bedroht sah und mit der die Berechtigung eines „Präventivkrieges“ begründet wurde, stellt sich in beträchtlichem Maße als eine Folge der deutschen Politik selbst dar. Mit ihren unberechenbaren Aggressionen und mit dem Bau einer großen Schlachtflotte hatte sie nicht nur in Frankreich und Russland, sondern auch in England Angst geschürt und einer Verständigung der drei Mächte den Weg bereitet. Noch 1912 hatte die Reichsleitung schließlich einen letzten Versuch der englischen Politik, zu einem Ausgleich mit dem Kaiserreich zu gelangen, ins Leere laufen lassen und sah sich allein auf das Bündnis mit Österreich-Ungarn gestellt, womit die deutsche Politik immer enger in die vielfältigen Balkankrisen hineingezogen wurde. Nach dem Attentat eines serbischen Separatisten auf den habsburgischen Thronfolger und seine Frau am 28. Juni im bosnischen, zur Doppelmonarchie gehörenden Sarajewo drängte die Reichsleitung die verantwortlichen Stellen in Österreich-Ungarn, möglichst schnell mit einem unannehmbaren Ultimatum und einem damit begründeten Krieg gegen Serbien vorzugehen. Und sie stellte dem Bundesgenossen zugleich einen „Blankoscheck“ für ihre militärische Unterstützung im Falle einer allgemeinen Ausweitung des Krieges aus. Die Habsburger Politik brauchte lange, doch am 23. Juli stellte sie Serbien schließlich ein kaum annehmbares Ultimatum und erklärte nur fünf Tage später trotz eines weitreichenden serbischen Entgegenkommens den Krieg. Die nun von deutscher und österreichischer Seite proklamierte Lokalisierung des Konfliktes auf dem Balkan bedeutete, dass Russland seinen Schützling Serbien hätte fallenlassen müssen. Und die englischen Bemühungen um eine gemeinsame Initiative der europäischen Großmächte zur raschen Beendigung des Krieges wurden von deutscher Seite Ende Juli teils zurückgewiesen, teils bewusst verzögert behandelt, weil man erst einmal auf einen schellen österreichischen Sieg über Serbien setzte.

Der deutsche Angriff im Westen (© Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)

Mit einem solchen Ausgang wäre man auf deutscher und österreichischer Seite durchaus zufrieden gewesen. Doch um die von dem Kanzler-Berater Kurt Riezler entworfene – und nach ihm von vielen deutschen Historikern beschworene – „Politik des kalkulierten Risikos“, nur hart am Rand des großen Krieges, die nur durch Fehler der anderen Mächte zum großen Krieg geführt habe, handelte es sich dabei nicht. Denn, dass Russland die militärische Niederwerfung seines Schützlings Serbien wohl nicht einfach hinnehmen würde, war den Verantwortlichen in Deutschland durchaus bewusst. Als Russland am 30. Juli mobil machte, reagierte das Deutsche Reich sofort mit scharf formulierten Ultimaten zur Einstellung dieser Maßnahmen an Russland sowie zur Erklärung der Neutralität in einem deutsch-russischen Krieg an Frankreich, auf deren Nichtbeantwortung am 1. bzw. am 3. August Kriegserklärungen an die Entente-Mächte folgten. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung für den Kriegsbeginn in Berlin de facto längst gefallen. Denn als hier am 1. August die Mobilmachung verkündet wurde, trat der militärische Automatismus des Schlieffenplans in Gang, der einen möglichst schnellen Angriff auf Frankreich unter Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs vorsah. Diese Neutralitätsverletzungen boten Großbritannien schließlich den Vorwand, dem Deutschen Reich seinerseits den Krieg zu erklären.

Das Scheitern des Schlieffenplans

Mit dem vom früheren Generalstabschef Alfred v. Schlieffen entwickelten Kriegsplan hatte die deutsche Militärführung versucht, das Problem eines Zweifrontenkrieges gegen Russland und Frankreich sowie eines daraus hervorgehenden Abnutzungskrieges zu lösen, in dem das Reich langfristig zu unterliegen drohte. Da die Mobilmachung im technologisch rückständigen Zarenreich erwartungsgemäß viel länger dauern würde, sah der Plan vor, zuerst einmal den Großteil der deutschen Streitkräfte gegen Frankreich zu führen und hier eine schnelle Kriegsentscheidung zu erzwingen. Die französischen Truppen sollten durch eine riesige Umfassungsbewegung durch Belgien und Nordfrankreich hindurch und um Paris herum eingekesselt und vernichtend geschlagen werden. Anschließend hätte man sich dann nach Osten wenden und gemeinsam mit Österreich-Ungarn Russland militärisch besiegen können. In der Erwartung eines solchen Sieges entwarf die Reichsleitung in ihrem sog. Septemberprogramm entschieden offensive Kriegsziele. Doch es kam anders.

Da Russland schneller mobilisierte als erwartet und Österreich seine Streitmacht vor allem gegen Serbien richtete, konnten russische Truppen weit nach Ostpreußen und Galizien eindringen. Die deutsche Heeresleitung sah sich deshalb genötigt, zwei Armeekorps von der Westfront abzuziehen und nach Osten zu transportieren. Der durch belgischen Widerstand und das schnelle Eingreifen britischer Berufssoldaten teilweise schon verzögerte deutsche Vormarsch im Westen, bei dem es zu erheblichen Gewaltakten wie der Niederbrennung der Bibliothek von Löwen und Greueltaten gegen die belgische Bevölkerung kam, musste deshalb verändert werden. Statt der geplanten, großräumigen Umfassung von Paris marschierte die am weitesten vorgerückte Heeresgruppe von Norden nun direkt auf die französische Hauptstadt zu. Doch an der Marne wurde sie gestoppt und musste sich in Verteidigungsstellungen zurückziehen. Nun begann der sogenannte Wettlauf zum Meer, in dem beide Seiten sich erfolglos zu umfassen versuchten. Daraus entstand eine bald mit Stacheldrahtverhauen und Schützengräben gesicherte Frontlinie, die durch Nordfrankreich und Teile Belgiens bis an die Nordseeküste reichte, nach Süden bis an die Schweizer Grenze ausgebaut wurde und bis 1918 cum grano salis ohne entscheidende Frontverschiebungen bestehen blieb.

Schlieffenplan von 1905. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Paul von Hindenburg, Oberbefehlshaber der 8. Armee: Dankerlass nach der Schlacht von Tannenberg

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Der Schlieffenplan war damit gescheitert, doch die militärische Position der Mittelmächte stellte sich zum Jahreswechsel 1914/15 trotz des englischen Kriegseintritts nicht aussichtslos dar. Denn nachdem die neue Heeresleitung im Osten unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff in den Schlachten bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russischen Invasoren vertrieben hatten und weit auf russisches Gebiet vorgerückt war, standen deutsche Truppen sowohl im Osten als auch im Westen weit auf feindlichem Territorium. Die oft vertretene Auffassung, der Krieg sei für die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn mit dem Scheitern des Schlieffenplans bereits verloren gewesen, ist so angesichts einer strategisch durchaus nicht schlechten, große Teile Europas kontrollierenden Lage kaum haltbar. Zwar zeichnete sich der drohende Abschluss vom Weltmarkt schon früh ab. Doch bereits im August 1914 wurde auf Initiative des Industriellen Walter Rathenau die Kriegsrohstoffabteilung im Preußischen Kriegsministerium gegründet, die den Grundstein für den Aufbau einer organisierten Kriegswirtschaft legte. Es brauchte immerhin noch vier Jahre und den Kriegseintritt der USA, um den Krieg militärisch zugunsten der Alliierten zu entscheiden.

Der Burgfriedensschluss

Innenpolitisch stand der Kriegsbeginn im Zeichen des Burgfriedensschlusses, d. h. der Integration aller relevanten politischen Kräfte in eine nationale Einheitsfront. Alle politischen und sozialen Konflikte wurden vertagt, um erst einmal mit gemeinsamen Anstrengungen den Krieg zu gewinnen. Diese Entwicklung war keineswegs selbstverständlich, insbesondere nicht für die Sozialdemokratie, die bisher betont kriegsgegnerische, fundamentaloppositionelle und internationalistische Positionen bezogen hatte, während sie von den herrschenden Kräften umgekehrt als „vaterlandslos“ und „reichsfeindlich“ denunziert und aus der Nation ausgegrenzt worden war. Beim offiziellen Burgfriedensschluss anlässlich der Eröffnung des Reichstages im Berliner Stadtschloss am 4. August 1914, wo die bürgerlichen Parteiführer dem Kaiser bei einer feudalstaatlich anmutenden Zeremonie in die Hand gelobten, mit ihm „durch dick und dünn, durch Not und Tod“ zu gehen, waren die bislang monarchiekritischen sozialdemokratischen Abgeordneten dementsprechend gar nicht anwesend. Als sie anschließend jedoch trotzdem im Reichstag einstimmig, auch mit Beteiligung des prominenten, der Parteidisziplin folgenden Kriegsgegners Karl Liebknecht die Kriegskredite bewilligten (nur 14 Abgeordnete hatten zuvor in der Fraktion gegen die Kreditbewilligung gestimmt, zwei weniger prominente SPD-Abgeordnete, Fritz Kunert und Josef Simon, verließen vor der Abstimmung unauffällig das Reichstagsplenum), kannte der Jubel kaum Grenzen. Der Krieg schien sich mit den Worten der konservativen Täglichen Rundschau als ein „Zauberkünstler und Wundertäter“ zu erweisen, der sogar das „größte aller Wunder“ vollbracht und die Sozialdemokraten nach langen Jahren der inneren Auseinandersetzungen „an die Seite ihrer deutschen Brüder“ gezwungen habe.

Tatsächlich wurde die Bewilligung der Kriegskredite zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Sozialdemokratie. Noch in der letzten Juliwoche hatte sie überall im Reich große Antikriegsproteste mit einer Massenbeteiligung von etwa einer ¾ Million Menschen organisiert und so die Ängste der bürgerlichen Öffentlichkeit vor ihrem Widerstand gegen den Krieg noch einmal bestärkt. Doch in den Zusammenhängen des Kriegsbeginns schienen die oppositionellen Positionen der Sozialdemokratie ihre Überzeugungskraft zu verlieren: Zu einem offenen Kampf gegen den Krieg war man nicht bereit und stand so der in den Krieg führenden Entwicklung ohnmächtig gegenüber, zumal auch die Sozialistische Internationale ihre Machtlosigkeit erkannte und zu verfallen begann. Trotzdem schienen auch bei fortgesetzter politischer Opposition gegen den Krieg Verfolgung und Illegalität zu drohen, während die Unterstützung der nationalen Kriegspolitik umgekehrt den Nachweis nationaler Loyalität sowie damit verbundene nationale Integrationsperspektiven und politische Reformhoffnungen zu eröffnen schien. Die so entstehende, nur aus einem zuvor durchlaufenen Prozess der „negativen Integration“ erklärbare, burgfriedlich-integrative Perspektive der Sozialdemokratie wurde noch dadurch bestärkt, dass die Reichsleitung, deren kriegstreiberische Politik die Parteipresse noch vor wenigen Tagen angeprangert hatte, sich nun ebenfalls um eine nationale Versöhnung mit der Arbeiterbewegung bemühte und, wie der Kaiser öffentlich erklärte, „keine Parteien mehr“, sondern nur noch „deutsche Brüder“ kennen wollte. Als Angreifer und Hauptkriegsgegner wurde darüber hinaus nun das zaristische Russland in den Mittelpunkt gerückt, das den Sozialdemokraten traditionell als „Hort der Reaktion“ in Europa galt.

In einer hektischen, von aufgepeitschten Stimmungen geprägten Situation entschieden sich Parteiführung und Reichstagsfraktion der SPD, ähnlich wie zuvor bereits die Gewerkschaften, schließlich mit großer Mehrheit für die Bewilligung der Kriegskredite. Um einen „Verrat“ ging es dabei nicht, wohl aber um den Beginn einer „Neuorientierung“ der Sozialdemokratie. Die Erklärung, mit der Hugo Haase, der noch in der Reichstagsfraktion gegen die Kreditbewilligung gestimmt hatte, nun als Partei- und Fraktionsvorsitzender diesen Schritt im Reichstag begründete, war frei von Chauvinismus und beschwor einen möglichst schnellen Friedensschluss. Doch konnte dies nur oberflächlich verdecken, dass die Partei mit zentralen Grundpositionen brach, angesichts des Krieges ihre fundamentaloppositionelle Haltung aufgab und damit auch die Hoffnung auf eine dauerhafte nationale Integration verband.

Kriegsbegeisterung? Die Stimmungsentwicklung bei Kriegsbeginn

Der sozialdemokratische Burgfriedensschluss ist oft mit einer kriegsbegeisterten Massenstimmung begründet worden, der sich die Partei nicht habe widersetzen können; mehr noch, selbst die Entscheidung der Reichsleitung für den Krieg hat man auf einen vermeintlich demokratischen Massendruck zurückgeführt, der in einer umfassenden Kriegsbegeisterung seinen unabweisbaren Ausdruck gefunden habe. All dies ist historisch so nicht haltbar. Zwar erfasste die deutsche Bevölkerung, wie in anderen Ländern auch, eine dynamische Stimmungsentwicklung, in der Kriegsbegeisterung und Nationalismus eine wesentliche Rolle spielten. Das ideologisch geprägte und lange unhinterfragte Bild indes, die Massenstimmung im Juli/August 1914 sei in erster Linie oder gar ausschließlich von nationalistischer Kriegsbegeisterung geprägt worden, ist von der neueren Forschung seit langem nachhaltig widerlegt und relativiert worden. Zweifellos gab es kriegsbegeisterte Massen, die auf den Straßen der Großstädte die Mobilmachung bejubelten und zum Krieg drängten; und nach Kriegsbeginn wurde der Burgfrieden in der Öffentlichkeit sogar als das „große Augusterlebnis des deutschen Volkes“ gefeiert. Es handelte sich jedoch weniger um eine Begeisterung für den Krieg an sich als vielmehr für die Ergebnisse, die der Kriegsbeginn mit der Überwindung lange beklagter Verwerfungen und Probleme bewirkt zu haben schien: In ihrem Mittelpunkt standen die nun im Massenerlebnis und im Burgfriedensschluss scheinbar verwirklichte und als Erlösung gefeierte nationale Einheit und Erneuerung des deutschen Volkes.

Doch insgesamt war die Stimmungsentwicklung bei Kriegsbeginn zuerst einmal von sehr gegensätzlichen Ausdrucksformen geprägt, die von den massenhaften sozialdemokratischen Antikriegsprotesten in der letzten Juliwoche bis zu den anfangs vergleichsweise kleinen Prokriegsdemonstrationen reichten. Zwischen diesen Polen war die Massenstimmung von einer wachsenden Unsicherheit, Anspannung und Erregung der Bevölkerung geprägt, die in vielfältigen Erscheinungsformen zum Ausdruck kam und sich schließlich in einer teils begeisterten, teils von Hass erfüllten, oft aber vor allem ernüchterten Akzeptanz des Krieges verdichteten. „Die Spannung löste sich“, berichtete etwa der sozialdemokratische „Vorwärts“ über die Stimmung in Berlin nach der Verkündigung der Mobilmachung: „Wenn auch der Beifall der Kriegslüsternen stark hervortrat, so konnte dem aufmerksamen Beobachter doch nicht entgehen, wie vielen mit der Bekanntmachung der letzte Strohhalm ihrer Hoffnungen entglitt und tiefernste Sorge aufs Antlitz trat.“

Auch nachdem die sozialdemokratischen Antikriegsproteste am 31. Juli angesichts der Verhängung des Belagerungszustandes abgebrochen worden waren, finden sich nur wenige Beispiele für nationalistische Kriegsbegeisterung in der Arbeiterschaft. Die SPD-Zeitungen berichteten vielmehr von Verzweiflung und Tränen beim Abschied der Einberufenen, bald auch von der wachsenden sozialen Not, die breite Bevölkerungsschichten kaum in Begeisterung versetzen konnte. Ähnliche Berichte liegen auch über die Stimmung auf dem Lande vor. Offene Begeisterung dagegen herrschte vor allem in den großstädtischen Zentren, wo die Kriegserklärungen verkündet, die Truppen verabschiedet und erste Siegesmeldungen bejubelt wurden. Ihr Träger war allem Anschein nach insbesondere das Bürgertum: Nicht, wie es immer wieder hieß, Millionen junge Männer, aber viele Studenten und Oberschüler meldeten sich in Massen freiwillig, es herrschte teilweise eine karnevaleske Übergangsstimmung, viele, insbesondere Bildungsbürger schrieben begeisterte Gedichte und Aufrufe, in denen der Kriegsbeginn als nationale Erneuerung und Wiedergeburt gefeiert wurde. „Das deutsche Wesen ist uns erschienen“, jubelte der deutsch-österreichische Dichter Hermann Bahr. Zugleich kam es aber auch zu Erscheinungsformen von Chaos und Panik, die sich vor allem in Hamsterkäufen, einem Ansturm auf die Banken und nicht zuletzt einer hysterischen Angst vor feindlichen Spionen äußerten. Hinzu kam ein aggressiver Chauvinismus. Hassphantasien auf die Kriegsgegner wurden laut und „Gott strafe England!“, diese von Ernst Lissauers berühmten, bei Kriegsbeginn entstandenen Gedicht „Haßgesang gegen England“ inspirierte Parole wurde für viele in Armee und Öffentlichkeit zu einer Art „deutschem Gruß“. Fremd aussehende oder sich der nationalen Hochstimmung verweigernde Menschen wurden in aller Öffentlichkeit beschimpft und verfolgt, fremdsprachige Geschäfts- oder Warennamen geändert. Andere Menschen dagegen blieben distanziert, manche verfielen in tiefe Verzweiflung, und oft standen widersprüchliche Emotionen auch in einer Person unverbunden nebeneinander.

Insgesamt kann festgehalte werden, dass der Kriegsbeginn von einer vielschichtigen Stimmungsentwicklung geprägt war, in der Äußerungen von Begeisterung, Verunsicherung, Ablehnung und Verzweiflung sich teilweise schroff gegenüberstanden, teilweise aber auch miteinander verbunden. Im Ergebnis setzte sich eine zwar keineswegs durchgehend kriegsbegeisterte, schließlich aber doch entschlossene, den Krieg akzeptierende Stimmung durch. Noch aber ging die öffentliche Meinung dabei von einem kurzen Krieg aus, der bis Jahresende siegreich entschieden werden könnte. Nur langsam trat ins Bewusstsein, dass man erst am Anfang eines mehrjährigen industriellen Abnutzungskrieges stand, der die ganze Welt ergreifen und die gesellschaftspolitische Ordnung nicht nur in Deutschland grundlegend verändern sollte.

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