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Europa

Das Jahr 2016: Ein Rückblick Globale Flüchtlingskrise hält weiter an Diskussion um kriminelle Geflüchtete Europa Literatur

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Anna Flack Vera Hanewinkel Viktoria Latz

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2016 haben rund eine Million Menschen einen Antrag auf Asyl in der EU gestellt. Debatten um migrationspolitische Fragen und die immer wieder diskutierte Ungleichverteilung von Asylbewerbern zeigen die Gräben innerhalb und zwischen den Mitgliedstaaten in der Union auf und unterstreichen das Erfordernis einer gemeinsamen EU-Asylpolitik.

Flüchtlingslager in Griechenland. Neben Italien ist es eines der Hauptersteinreiseländer von Bootsflüchtlingen. (© picture-alliance, ZUMA Press)

Von Januar bis September 2016 stellten rund Externer Link: 950.000 Menschen einen Asylerstantrag in der Europäischen Union (2015: rund Externer Link: 1,26 Millionen Erstanträge). Nach Angaben der Externer Link: europäischen Statistikbehörde Eurostat war die Bundesrepublik sowohl in Bezug auf die absolute Zahl aufgenommener Asylbewerber als auch auf ihre Relation zur Bevölkerungsgröße das EU-weite Hauptaufnahmeland. Gemessen an der Einwohnerzahl nahmen auch Griechenland und Malta viele Asylanträge entgegen, besonders wenige dagegen die Slowakei, Portugal und Rumänien. Somit ist die bereits Interner Link: 2015 diskutierte Ungleichverteilung von Asylbewerbern in der Europäischen Union nach wie vor stark ausgeprägt und unterstreicht das Erfordernis einer faireren europäischen Asylpolitik. Bis Juli erarbeitete die EU-Kommission mehrere Externer Link: Vorschläge für die Reform des Interner Link: Gemeinsamen Europäischen Asylsystems, darunter die Einführung eines EU-weit vereinheitlichten Verfahrens zur Beurteilung von Anträgen auf internationalen Schutz und eine Harmonisierung der mit dem jeweiligen Schutzstatus zugesprochenen Rechte. Die Externer Link: Pläne sehen auch eine Anpassung des Interner Link: Dublin-Systems vor, das regelt, welcher Mitgliedstaat für die Bearbeitung eines Asylantrags zuständig ist. So soll zukünftig in Zeiten hoher Fluchtzuwanderung ein Korrekturmechanismus greifen, über den Asylbewerber aus Mitgliedstaaten, die sehr viele Asylanträge erhalten, auf andere Mitgliedstaaten umverteilt werden. Mitgliedstaaten, die an diesem Umverteilungsmechanismus nicht teilnehmen wollen, sollen 250.000 Euro pro Asylbewerber an den Mitgliedstaat zahlen, der stattdessen die Bearbeitung des Asylantrags übernimmt. Entsprechende Gesetzesreformen sind bis Ende 2016 allerdings nicht von EU-Parlament und Ministerrat beschlossen worden. Stattdessen setzen die EU-Staaten auf eine stärkere Überwachung der EU-Außengrenzen. Sie einigten sich im Oktober auf einen Externer Link: Ausbau der Grenzschutzagentur Interner Link: Frontex zu einer Grenz- und Küstenschutzagentur mit deutlich mehr Kompetenzen und einer Reserve von bis zu 1.500 Grenzschützern, die innerhalb von wenigen Tagen zum Einsatz an den EU-Außengrenzen bereit stehen. Frontex Externer Link: unterstützt die Mitgliedstaaten nun auch bei der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber. Abschiebungen sollen durch ein Externer Link: einheitliches europäisches Reisedokument erleichtert werden, das als Ersatzdokument dient, wenn keine gültigen Reisedokumente vorliegen. Die Anerkennung dieses Ersatzdokuments soll in Rücknahmeabkommen mit den Herkunftsländern festgeschrieben werden. Derartige Abkommen sollen nicht nur die schnellere Rückführung abgelehnter Asylbewerber ermöglichen, sondern auch die irreguläre Einreise nach Europa verhindern.

Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei

Im Interner Link: März trat ein – durchaus umstrittenes – Flüchtlingsabkommen mit der Türkei in Kraft. Darin verpflichtet sich die Interner Link: Türkei, Schutzsuchende, die über ihr Territorium irregulär nach Griechenland eingereist sind, zurückzunehmen. Im Gegenzug nimmt die EU für jeden von der Türkei zurückgenommenen Geflüchteten einen anerkannten syrischen Flüchtling aus der Türkei auf und zwar bis zu einer Obergrenze von 72.000. Zudem stellte die EU die Einführung der Visafreiheit für türkische Staatsangehörige in Aussicht. Diese ist an Externer Link: 72 Kriterien gebunden, die die Türkei allerdings bis Ende 2016 nicht erfüllte. Insbesondere eine von der EU angemahnte Reform der türkischen Anti-Terrorgesetze sorgte im Laufe des Jahres für Spannungen zwischen der Türkei und der EU. Zudem beschloss das EU-Parlament, die Beitrittsverhandlungen Externer Link: einzufrieren. Grund sind die besorgniserregenden innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei. Nachdem Mitte Juli Teile des türkischen Militärs versucht hatten, durch einen Interner Link: Putsch die türkische Regierung zu stürzen, waren in der Türkei mehr als 40.000 Menschen festgenommen worden. Weitere Externer Link: rund 100.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes wurden entlassen, tausende Firmen geschlossen. Ihnen allen wurde vorgeworfen, mit der Interner Link: Gülen-Bewegung in Verbindung zu stehen, die die türkische Regierung für den Putsch-Versuch Externer Link: verantwortlich macht. Menschenrechtsorganisationen werfen der Externer Link: Türkei massive Menschenrechtsverletzungen vor, die sich unter anderem in der zunehmenden Unterdrückung der freien Meinungsäußerung durch die Verfolgung und Festnahme von Journalisten zeigten. Die Organisation Reporter ohne Grenzen sieht die Türkei im Hinblick auf die Pressefreiheit auf Externer Link: Platz 151 von 180 untersuchten Ländern. Besorgniserregend ist auch die Situation im Südosten des Landes, wo türkische Sicherheitskräfte gegen Verbündete der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vorgehen. Wegen der – für viele Beobachter Externer Link: viel zu zaghaft geäußerten – Kritik der EU an Ankara drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan 2016 mehrfach damit, das Flüchtlingsabkommen platzen zu lassen, wodurch die Zahl der in der EU ankommenden Schutzsuchenden wieder deutlich ansteigen könnte.

Zum Abkommen mit der Türkei hat die EU bislang aber keine Alternative entwickelt. Einen verbindlichen Verteilungsschlüssel zur gerechteren Verteilung der Asylsuchenden auf die EU-Mitgliedstaaten lehnt die Mehrheit der Mitgliedstaaten weiterhin ab. Zudem mangelt es an Unterstützung für die Staaten an den EU-Außengrenzen, über die die meisten Schutzsuchenden in die EU einreisen. Nach dem Beschluss des Rats der Europäischen Innenminister von September 2015 sollen bis Mitte 2017 160.000 Flüchtlinge aus Griechenland und Italien in andere EU-Staaten umgesiedelt werden. Tatsächlich wurde davon bis Ende 2016 lediglich Externer Link: 8.741 Personen umverteilt. Das griechische Asylsystem könnte zudem ab März 2017 weiter unter Druck geraten. Die EU-Kommission sieht vor, dass ab diesem Zeitpunkt Asylbewerber aus anderen EU-Staaten Externer Link: wieder nach Griechenland abgeschoben werden dürfen, sofern sie über Griechenland in die EU eingereist sind. Überstellungen nach Griechenland im Rahmen der Interner Link: Dublin-Regeln waren 2011 wegen Mängeln im griechischen Asylsystem eingestellt worden. Ob bestehende Probleme wie die angemessene Unterbringung von Asylbewerbern, der mangelnde Zugang zu einem schnellen Asylverfahren sowie zu rechtlichem Beistand dann gelöst sein werden, bleibt offen. Externer Link: Kritiker mahnen zumindest, dass Griechenland noch nicht für Rückführungen bereit sei. Neben Italien ist es eines der Hauptersteinreiseländer von Bootsflüchtlingen.

Transit Mittelmeer

Waren 2015 Externer Link: 851.319 Geflüchtete über das Mittelmeer nach Griechenland gekommen, so verringerte sich ihre Zahl 2016 laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR auf Externer Link: 173.561 Personen. Wie in den Jahren 2011 bis 2014 war erneut Italien das Hauptersteinreiseland für Schutzsuchende in der EU. Hier wurden Externer Link: 181.436 Migranten registriert, die über das Mittelmeer nach Europa gekommen waren.

Die sogenannte Zentrale Mittelmeerroute wurde damit 2016 wieder der meist frequentierte Fluchtweg nach Europa. Dabei erreichen aber längst nicht alle Bootsflüchtlinge das europäische Festland. Nach Externer Link: Angaben der Internationalen Organisation für Migration kamen Externer Link: 5.079 Menschen bei der Überfahrt über das Mittelmeer ums Leben bzw. werden seither vermisst – deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Das Mittelmeer bleibt damit seinem Ruf gerecht, der "gefährlichste Grenzübergang der Welt" zu sein.

Die Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer machen deutlich, dass der Versuch der irregulären Einreise häufig die einzige Möglichkeit für Menschen auf der Flucht darstellt, um nach Europa zu gelangen, wo sie sich Schutz erhoffen. Auch wenn Externer Link: legale Zugänge zum Flüchtlingsschutz immer wieder von Menschenrechts- und Flüchtlingshilfsorganisationen gefordert werden, bleiben sie weiterhin die Ausnahme. Zwar hat die EU-Kommission im Juli Externer Link: Pläne für ein gemeinsames europäisches Resettlement-Programm vorgelegt. Mit ähnlichen Vorstößen konnte sie sich in der Vergangenheit allerdings nicht durchsetzen.

Ausblick

Debatten um migrationspolitische Fragen zeigen die Gräben innerhalb und zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union auf. Sie zählen zu den zentralen Herausforderungen, auf die die Staatengemeinschaft Antworten finden muss. in den Bevölkerungen der einzelnen Länder, die sich in Debatten um Zuwanderung niederschlagen, können ein enormes Mobilisierungspotenzial entfalten. Der im Juni 2016 in einem Referendum beschlossene Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit: Interner Link: Der Brexit und die britische Sonderrolle in der EU) hat dies eindrücklich deutlich gemacht. Eines der zentralen Versprechen der Brexit-Befürworter war die deutliche Begrenzung der Zuwanderung ins Vereinigte Königreich. Auch andere Entwicklungen wie die Wahlerfolge der rechtspopulistischen Interner Link: Alternative für Deutschland (AfD) bei zahlreichen Landtagswahlen in Deutschland, das Erstarken der rechtsextremen Partei Interner Link: Front National in Frankreich oder die Wahl des umstrittenen Unternehmers Interner Link: Donald Trump zum neuen Präsidenten der USA zeigen, welchen Zulaufs sich rechtspopulistische und nationalkonservative politische Kräfte global erfreuen. Die 2017 anstehende Parlamentswahl in den Niederlanden im März, die Präsidentschaftswahl in Frankreich im April und die Bundestagswahl in Deutschland im September werden zeigen, inwieweit es diesen Kräften gelingt, die Gesellschaften weiter zu spalten.

Weitere Inhalte

Anna Flack ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück und Redakteurin bei focus Migration. E-Mail Link: anna.flack@uni-osnabrueck.de

Vera Hanewinkel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück und Redakteurin bei focus Migration.
E-Mail Link: vera.hanewinkel@uni-osnabrueck.de

Viktoria Latz ist studentische Hilfskraft in der Redaktion von focus Migration am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.
E-Mail Link: vlatz@uni-osnabrueck.de