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30.10.2009 | Von:
Sibylle Tönnies

Die "Neuen Kriege" und der alte Hobbes

"Neue Kriege" oder alte Scharmützel?

Seit einigen Jahren steht der Begriff "Neue Kriege" im Mittelpunkt der weltpolitischen Diskussion. Den Anstoß dafür gab die englische Politikwissenschaftlerin Mary Kaldor, die im Jahre 1999 unter dem Titel "New and old wars" eine eindringliche Darstellung der zunehmend nicht-staatlich geführten gewaltsamen Konflikte vorlegte. Ihnen liege der "Zusammenbruch der Legitimität und in der Folge der Kollaps des Gewaltmonopols" zugrunde,[1] schrieb sie und zog daraus die Konsequenz, dass die Nationen nicht mehr in der Lage seien, die Sicherheit ihrer Bürger zu garantieren; eine kosmopolitische Instanz müsse diese Aufgabe übernehmen. Sie forderte einen globalen Gesellschaftsvertrag, wie ihn Thomas Hobbes seinerzeit für die einzelnen Nationen konzipiert habe: die ganze Welt müsse in den status civilis eintreten und eine zentral regierte " Cosmopolis" gründen.[2] In kürzester Zeit wurde das Wort "Neue Kriege" aufgegriffen; ein neuer Topos entstand, von dem weitgehende Folgerungen abgeleitet wurden.

Was ist so neu an den "Neuen Kriegen"? Befand sich nicht Rom tausend Jahre lang in der "asymmetrischen" Auseinandersetzung mit nicht-staatlich organisierten Aufständen? Und waren nicht marodierende Banden und selbsternannte Warlords verantwortlich für seine Zersplitterung und schließlich seinen Untergang? Hatten Asterix und Obelix denn gar keine historischen Vorbilder?

Herfried Münkler, der den Topos "Neue Kriege" von Kaldor übernommen und ihm im Jahre 2002 ein eigenes Buch gewidmet hat,[3] kann viele Belege dafür nennen, dass die sogenannten "Neuen Kriege" ein uraltes Phänomen sind. Er beschreibt nicht nur die Scharmützel des Dreißigjährigen Krieges, sondern auch viele andere "asymmetrische" Auseinandersetzungen. In seinem Buch "Imperien"[4] sind die Kämpfe des Römischen Reiches sein zentrales Thema. Wenn man es nicht schon von der Schule her wüsste: Bei Münkler kann man lernen, dass die "Neuen Kriege" eigentlich die "Alten Kriege" sind; demgegenüber sind die zentral befehligten, Staat gegen Staat geführten Kriege das (relativ) Neue, denn sie wurden erst durch den Westfälischen Frieden 1648 zur Regel. Allerdings bewegt diese Erkenntnis Münkler nicht dazu, von dem Topos "Neue Kriege" abzugehen.

Warum ist dieser Topos so erfolgreich? Warum verwenden ihn auch diejenigen, denen bewusst ist, wie alt die "Neuen Kriege" sind?

Fußnoten

1.
Mary Kaldor, Neue und alte Kriege, Frankfurt/M. 2007, S. 66.
2.
Dies., Cosmopolitanism and Organised Violence, in: Matthew Evangelista (ed.), Peace Studies, Abingdon 2005, S. 329.
3.
Vgl. Herfried Münkler, Die Neuen Kriege, Reinbek 2002.
4.
Vgl. ders., Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005; siehe auch Mary Kaldor, Human Security, Cambridge 2007, S. 4.

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