Fahnenschwenker vor dem Brandenburger Tor am 17. Juni 1953.

17.5.2013 | Von:
Christoph Kleßmann

Gedenken und Erinnern

Das alles ist prinzipiell Zeitgenossen aus dem Westen (und vermutlich großenteils auch aus dem Osten) nicht unbekannt und von Edgar Wolfrum in seiner sehr aufschlussreichen Analyse der Geschichtspolitik der Bundrepublik detailliert aufgearbeitet worden. Auch die Reden im Bundestag gehören zentral dazu. Die Deutung des Aufstandes spiegelt hier zu einem Gutteil nicht nur veränderte Stimmungslagen, sondern auch den Wandel der Deutschlandpolitik. Das lässt sich hier im Einzelnen nicht wiedergeben. Auf einige markante Reden und Veranstaltungen im Zeitverlauf will ich jedoch etwas genauer eingehen. 

Die erste Gedenkrede des Abgeordneten Franz Böhm im Bundestag 1954 beschrieb den Aufstand im Detail und identifizierte zwei Phasen. Er begann für den Redner als Arbeiteraufstand gegen die Normerhöhung und entwickelte sich dann schnell zu einer Volkserhebung mit politischen Forderungen nach freien Wahlen und damit indirekt nach Wiedervereinigung. Das ist in der Grundstruktur eine präzise Charakterisierung, die bis heute Gültigkeit hat. In den folgenden Jahren lässt sich eine zunehmende geschichtspolitische "Aufladung" der Reden feststellen. So meinte Gerhard Ritter, Repräsentant der protestantisch-nationalkonservativen Historiographie: "Die deutsche Vaterlandsliebe ist unteilbar wie das deutsche Vaterland selbst. Die Geschichte eines Jahrtausends, die uns zu einer Nation zusammengehämmert hat, lässt sich nicht mit Federstrichen der Diplomaten, wie es von Teheran bis Potsdam versucht wurde, einfach hinwegwischen."[8] Von einem gelernten Historiker hätte man zumindest den diskreten Hinweis erwarten dürfen, dass diese Nation über viele Jahrhunderte hinweg in einer Vielzahl von Staaten lebte. Traditionslinien zum Vermächtnis des 20. Juli 1944 zu ziehen, gehörte ebenfalls zu den beliebten Denkfiguren. Die Basis dafür bot das Totalitarismuskonzept: in beiden Fällen richtete sich der Aufstand gegen eine totalitäre Diktatur. Auf dieser Abstraktionshöhe funktionierte der Vergleich, ansonsten verband beide Ereignisse wenig. Allen Reden dieser Zeit war das Bemühen gemeinsam, die Bedeutung des Aufstandes ins Bewusstsein zu heben und etwas gegen Gleichgültigkeit und Vergessen zu tun.[9] Der Aufstand und die Erinnerung daran delegitimierte aus der Sicht der westdeutschen Gesellschaft das SED-Herrschaftssystem und trug damit zugleich zur Legitimation der Bundesrepublik bei. 

Eine interessante neue Nuance brachte der Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann [10] 1965 ein, als bereits die Diskussionen um "Wandel durch Annäherung", eine neues Verhältnis zu Osteuropa und auch zur Anerkennung der DDR in der westdeutschen und internationalen Öffentlichkeit intensiver wurden. Der Gedenktag des 17. Juni und die Erörterung der deutschen Einheit verloren bei Erdmann die Fixierung auf ein nationales Problem, die deutsche Frage wurde stärker als europäisches Problem reflektiert. Stellt man diese Überlegungen in den breiteren Kontext der öffentlichen Debatten und der strategischen Veränderungen der Bonner Politik, so zeigen sich in der zweiten Hälfte der 60er Jahre signifikante Verschiebungen. Die heftig umstrittene Ost-Denkschrift der EKD von 1965 und Peter Benders "Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR" (1968) [11] sind zwei exemplarische Stimmen aus diesem Konzert. Kurt Georg Kiesinger nahm als Kanzler der Großen Koalition diesen Faden auf und sprach in der vorläufig letzten Gedenkstunde des Bundestags 1967 erstmals von der "kritischen Größenordnung" eines wiedervereinigten Deutschlands. Denn es sei "zu groß, um in der Balance der Kräfte keine Rolle zu spielen, und zu klein, um die Kräfte um sich herum selbst im Gleichgewicht zu halten."[12]

Die tiefste Zäsur in der Geschichte der Gedenkrede ist vielleicht das spektakuläre Jahr 1968. Erstmals gab es keine Gedenkstunde im Bundestag. Kiesinger beschränkte sich auf eine Rundfunk- und Fernsehansprache. Im Jahr darauf debattierte das Parlament den ersten "Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland", der seitdem zu einer festen Institution wurde. Gleichzeitig schien sich aber von der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums die linke Studentenbewegung für den Aufstand am 17. Juni zu interessieren. So strömten in Berlin parallel zur traditionellen Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus Berliner Studenten zu einer Veranstaltung, auf der Rudi Dutschke zum Thema diskutierte. Die Ereignisse am 17. Juni wurden als Exempel für gewaltfreien Widerstand gegen Missbrauch von Herrschaft interpretiert, und mit dem passiven Widerstand gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag erhielten solche Deutungen ihre systemübergreifende Aktualität. Im Bundestag fand erst 1978 zum 25. Jahrestag des Aufstandes wieder eine offizielle Gedenkstunde statt. 1982 führte die christlich-liberale Regierung die Bundestagsfeiern wieder ein. Sie hatten freilich noch mehr damit zu kämpfen, dass eine kritische Öffentlichkeit die ritualisierte Erinnerung als unpassend und überholt empfand. 

Ich habe selbst 1986 in Bielefeld diese Erfahrung gemacht, als mich der Stadtrat bat, die Rede zur traditionellen städtischen Veranstaltung zu halten. Ich habe das getan und trotz einer durchaus distanzierten Haltung auch nicht für die Abschaffung des Feiertags plädiert, sondern für "Normalisierung" als langfristig angelegte Politik im Verhältnis zur DDR, weil Wiedervereinigung für mich eine Chimäre war, obwohl ich mit einer selbstverständlichen gesamtdeutschen Identifikation aufgewachsen bin. Zu diesem Irrtum bekenne ich mich gern, zumal mich die nachträgliche Rechthaberei derer, die angeblich stets in Treue fest zur Widervereinigung standen, immer abgestoßen hat. Ein anderer Aspekt ist mir wichtiger. Mir schien nicht zuletzt unter einem vergleichenden Blick nach Polen oder auch in andere Länder, in denen man stolz auf bestimmte Traditionsstränge ist, die Erinnerung an den Aufstand in der DDR trotz seines sperrigen Charakters keineswegs obsolet. Ein Selbstzitat dazu: "Jenseits der Suche nach einer problematisch gewordenen gesamtdeutschen Identität gehört er vor allem in die Reihe von Aufstands- und Freiheitsbewegungen, an denen die deutsche Geschichte nicht eben reich ist."[13]

Auf ein Beispiel im Bundestag ist noch ausdrücklich hinzuweisen, weil sowohl der Zeitpunkt wie der Redner viel über die damalige Situation aussagen: Erhard Epplers Bundestagsrede von 1989. Als Vertreter des linken Flügels und Vater des angefeindeten SPD-SED-Ideologie-Papiers von 1987 war Eppler als Redner zunächst auf Skepsis gestoßen. Seine Rede, die ohne Zweifel zu den großen Bundestagsreden gehört, brachte ihm dann aber ungewöhnlich breiten Applaus ein. Eppler wollte die deutsche Frage nicht europäisch auflösen, konstatierte ein lebendiges Zusammengehörigkeitsgefühl in beiden Staaten, plädierte gegen eine restaurative Wiedervereinigung und für etwas Neues. Das könne, müsse aber nicht ein deutscher Nationalstaat sein. Seine schneidende Kritik an der orthodoxen SED-Führung ohne politische Perspektiven verband er mit dem Appell zum Nachdenken darüber, "was in Deutschland geschehen soll, wenn der Eiserne Vorhang rascher als erwartet durchrostet."[14] Hier zeigte sich eine wache Sensibilität für Veränderungen der politischen Großwetterlage, die nur wenige Zeitgenossen für möglich hielten. Manfred Stolpe hielt dann 1990 die letzte Rede zu diesem Anlass. Mit der Verlagerung des Nationalfeiertags vom 17. Juni auf den 3. Oktober war die Debatte um den Stellenwert des Aufstandes keineswegs beendet, aber von den bis dato oft peinlichen Zwängen eines politischen Rituals entlastet. 

Umso intensiver begann die historische Erforschung, die zwar nicht zu einer völligen Neubewertung führte, aber doch deutliche Verschiebungen mit sich brachte. Damit bin ich bei meinem vierten und letzten Punkt. 

Nimmt man die Historiographie als Indikator für Geschichtsbilder nach der deutschen Vereinigung, so gibt es zwar - bis auf wenige Ausnahmen - mittlerweile eine breite Konsenszone in der Beurteilung der Ursachen, Abläufe und Wirkungen des Aufstandes. Dennoch sind unterschiedliche Akzentsetzungen deutlich erkennbar. In den ersten Jahren nach 1990 schien die begriffliche Charakterisierung als "Arbeiteraufstand" oder "Volksaufstand" die Hauptkontroverse zu sein. Dahinter stand mehr als nur ein Streit um Begriffe. Denn die jetzt viel genauer als früher zu belegende Beteiligung der ländlichen Bevölkerung, aber auch der städtischen Mittelschichten bis hin zur Intelligenz legte es nahe, die politische Stoßrichtung gegen das Gesamtsystem viel stärker zu betonen als die sozialen Ursachen des Protests der Arbeiterschaft im Vorfeld des eigentlichen Aufstandtages. Gleichwohl ist die plakative Alternative Arbeiter- oder Volksaufstand falsch. Denn ohne Frage bildeten die Aktionen der Arbeiter den Auslöser, ohne den vermutlich eine DDR-weite Erhebung gar nicht stattgefunden hätte. Andererseits steckte das Potential zu einem Volksaufstand mit politischen Zielen sehr frühzeitig in der Gesamtbewegung, konnte sich aber angesichts der Intervention sowjetischer Panzer kaum noch entfalten. Trotzdem blieben massive Auseinandersetzungen vor allem in den Betrieben, aber auch auf dem Lande weit über den Tag der Niederschlagung des Aufstandes hinaus charakteristisch für die Gesamtlage. 

Die in den 1950er Jahren kaum reflektierte Redeweise vom "Volksaufstand" ist von der westdeutschen Zeitgeschichtsforschung insofern differenziert worden, dass die tragende Rolle der Arbeiter schärfer herausgearbeitet wurde. Auch ohne Archivzugang wurde aus veröffentlichten Quellen empirisch genau belegt, dass es auch nach dem Ende des Aufstandes noch bis in den Juli hinein zu harten Konflikten in den Betrieben kam, wenn die "Entlarvung der Provokateure" oder soziale Forderungen der Belegschaften auf der Tagesordnung standen. Einen guten Einblick in den weit entwickelten westdeutschen Forschungsstand vermittelt der 1982 von Ilse Spittmann und Karl Wilhelm Fricke herausgegebene Band "17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR"[15]. Der Band kann als Basis dienen, wenn man danach fragt, unter welchen systematischen Gesichtspunkten sich der 17. Juni in die deutsche Nachkriegsgeschichte einordnen lässt und welche neuen Akzente unser gegenwärtiges Bild vom 17. Juni bestimmen. Alte und neue Forschungsergebnisse gehen dabei ineinander über und viele neue Untersuchungen erweitern und differenzieren lediglich Erkenntnisse und Urteile, die auch ohne Archivquellen möglich waren. 

Fußnoten

8.
Gerhard Ritter, Text der Rede in: Das Parlament vom 22. Juni 1955, S. 10.
9.
Alexander Gallus, Der 17. Juni im Deutschen Bundestag von 1954-1990, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 43 (1993) B 25, S. 13-15.
10.
Karl Dietrich Erdmann, Text der Rede in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 104 vom 19. Juni 1965, S. 837.
11.
Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.), Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn: eine evangelische Denkschrift, Hannover 1965; Peter Bender, Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR, Berlin 1968.
12.
Gallus, Der 17. Juni im Bundestag, S. 18.
13.
Christoph Kleßmann, Der Arbeiteraufstand im Juni 1953. Seine Geschichten und seine Legenden. Vortrag anlässlich der Gedenkveranstaltung des Rates des Stadt Bielefeld am 17. Juni 1986 im Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses, Bielefeld 1986, S. 12.
14.
Gallus, Der 17. Juni im Bundestag, S. 21.
15.
Ilse Spittmann/ Karl-Wilhelm Fricke (Hg.), 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR, Köln 1982.

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