Fahnenschwenker vor dem Brandenburger Tor am 17. Juni 1953.

17.5.2013 | Von:
Christoph Kleßmann

Gedenken und Erinnern

Sechs Dimensionen will ich hier zum Abschluss kurz skizzieren.
  1. Die langfristigen Ursachen waren: eine oktroyierte Diktatur, die partielle Sowjetisierung der DDR, vor allem die krisenhafte Verschärfung der Wirtschaftslage, nachdem die SED auf der 2. Parteikonferenz 1952 den forcierten Aufbau des Sozialismus beschlossen hatte und die Kollektivierung der Landwirtschaft begann. Ferner rückte die SED dem Mittelstand steuerpolitisch noch schärfer zu Leibe als zuvor, betrieb und musste betreiben eine so nicht eingeplante kostspielige Aufrüstung, weitete schließlich den Terror im Zeichen des "verschärften Klassenkampfes" aus, beschleunigte damit die Massenflucht nach Westen und schuf so insgesamt eine Krisensituation, die sich im Frühjahr 1953 zuspitzte.
  2. Die Normerhöhung, die zum Auslöser des Aufstandes werden sollte, war rein ökonomisch argumentiert. Der von der Sowjetunion erzwungene "Neue Kurs" als sichtbarer und spürbarer Ausdruck einer Veränderung und Lockerung des Drucks betraf dann aber ausgerechnet die "führende Klasse" nicht, weil die Normerhöhung bestehen blieb, was geradezu provozierend wirken musste. Ihre Rücknahme am Nachmittag des 16. Juni konnte die Eigendynamik einer Aufstandsbewegung nicht mehr aufhalten. Unstrittig ist, dass der 17. Juni als Arbeiteraufstand begann, obwohl es schon seit dem Frühjahr eine Reihe von kleineren Arbeitsniederlegungen gegeben hatte. Die Schwerpunkte und Höhepunkte der Aufstandsaktionen lagen in den Groß- und Mittelstädten, die Zentren der deutschen Arbeiterbewegung gewesen waren. An diesem frühen historiographischen Befund hat sich nach meinem Eindruck nichts Wesentliches geändert. Strittig und wegen regionaler und betrieblicher Besonderheiten auch schwer zu generalisieren, dürfte die Frage der Beteiligung von Partei- und Gewerkschaftsfunktionären an den Aktionen sein. Die umfangreichen späten "Säuberungen" in den Apparaten belegen jedenfalls, dass die Wirkungen der Streiks und Demonstrationen bis in die Funktionärskreise hinein reichten.
  3. Zu Recht wird auf Grund neuerer Untersuchungen betont, dass die Landbevölkerung und die Mittelschichten stärker am Aufstand beteiligt waren als früher angenommen. Damit verändert sich das Gesamturteil jedoch nur sehr begrenzt. Denn Auslöser und Hauptträger des Geschehens waren zweifellos Arbeiter. Nicht zuletzt die hohen Zahlen der Verurteilten belegen das. Die jetzt genauer fassbare breitere soziale Basis rechtfertigt aber ohne Zweifel die Charakterisierung als Volksaufstand.
  4. Einer der Kernpunkte der Debatten um den 17. Juni ist die eindeutige Identifizierung der Ziele und Forderungen. Neuere Arbeiten betonen viel stärker als früher - und greifen insofern wieder auf die ersten zeitgenössischen zurück - die politischen Forderungen der Aufständischen - also Ablösung Ulbrichts, freie Wahlen, Wiedervereinigung. Ich habe große Zweifel, ob Historiker hier jemals zu eindeutigen Ergebnissen kommen können. Denn dass damals Wiedervereinigung noch überall zu den selbstverständlichen Zielen gehörte, ist richtig und im Grunde trivial. Wie stark jedoch soziale oder politische Ziele für die Aufständischen im Vordergrund standen und wieweit die DDR-Bevölkerung mehrheitlich in ihrer politischen Orientierung eher zu Adenauer oder zur SPD-Opposition neigte, scheint mir völlig offen. Dass zunächst soziale Forderungen im Vordergrund standen, aber schnell mit politischen verbunden wurden, ist ebenfalls unstrittig. Ob sich daraus die Kennzeichnung des Aufstands als "gescheiterte Revolution" ableiten lässt, scheint mir gleichwohl zweifelhaft.[16]
  5. Im offiziösen Bild der SED spielte der Westen eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitung und Durchführung des Aufstandes. Das ist eindeutig falsch. Seitdem der Rechtfertigungsdruck des Kalten Krieges weggefallen ist, lässt sich aber nüchterner und auch auf breiterer Quellenbasis erfassen, welchen Einfluss "der Westen", d.h. die Geheimdienste, die Ostbüros oder auch die Bundesregierung spielten. Dass sie alle eine Rolle spielten, ist kaum überraschend, weil das in den Hoch-Zeiten des Kalten Krieges zum selbstverständlichen Arsenal der Auseinandersetzung gehörte. Natürlich haben Mitarbeiter des Ostbüros der SPD eine wichtige aktive Rolle im Aufstandsverlauf gespielt, ebenso wie sie in den ganzen 50er Jahren verbotenes Informationsmaterial gegen die SED-Propaganda zu verteilen versucht haben. Der Aufstand selber ist jedoch eine spontane, ungesteuerte und deshalb auch in seinen Formen oft chaotisch erscheinende Bewegung gewesen.
  6. Eine letzte, besonders schwierig zu beantwortende Frage: Welche langfristigen Wirkungen hat der 17. Juni gehabt? Die internen Quellen belegen, dass sowohl in den Betrieben wie bei den Sicherheitsorganen dieses Thema als traumatische Erfahrung lange Zeit präsent blieb. Auch die bange Frage Erich Mielkes vor Stasi-Offizieren im August 1989 wird in neueren Publikationen oft zu Recht als Beleg für das lang anhaltende Schockerlebnis zitiert: "Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?" Die gesamte Sozialpolitik der SED ist ohne den Hintergrund des Aufstandes nicht zu verstehen. Gleichwohl bleibt es schwer, den Stellenwert des Aufstandes für jüngere Generationen in der DDR zu bestimmen. Die Befunde aus der oral history sind eher diffus. Ich bin deshalb auch zurückhaltend gegenüber Konstruktionen, die allzu selbstsicher den Herbst 1989 in eine Kontinuitätslinie mit dem Juni 1953 stellen.

    1. Unzweifelhaft hat die neueste Historiographie die zentrale Bedeutung des Aufstandes für die gesamte DDR-Geschichte und die relative Vernachlässigung dieses Datums in der westdeutschen Öffentlichkeit und im Geschichtsbewusstsein in den letzten beiden Jahrzehnten des geteilten Deutschlands herausgearbeitet. Die Forschungen und Veranstaltungen im Jahr 2003 haben das weiter bestätigt. Das Gewicht dieses ersten Massenaufstandes im Ostblock gegen das kommunistische Herrschaftssystem wird sich damit erhöhen und in der Reihe der Krisenjahre kommunistischer Diktaturen in Ostmitteleuropa bis 1989 wird die DDR wohl einen prominenteren Platz einnehmen als früher. 

      Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages auf dem Workshop der Bundeszentrale für politische Bildung und des Zentrums für Zeithistorische Forschung: "... zum Beispiel 17. Juni 1953 - Die 50er Jahre - Geschichten aus der Geschichte", Potsdam, 12.-14. Februar 2003. Der gesamte Vortrag ist unter www.17juni53.de abrufbar.

      Weiterführende Literatur:

      Edgar Wolfrum, Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 40-41/2003.

Fußnoten

16.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk/Armin Mitter/Stefan Wolle (Hg.), Der Tag X - 17. Juni 1953: die "Innere Staatsgründung" der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54, Berlin 1995.

17. Juni 1953

Der Aufstand vom 17. Juni war die erste Massenerhebung im Machtbereich der Sowjetunion überhaupt und eines der Schlüsselereignisse, die den Gang der deutsch-deutschen Geschichte bis zur Einheit im Jahr 1990 maßgeblich mitbestimmt haben.

Mehr lesen auf 17juni53.de

DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Überwachungsmonitore
Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen einschüchtern und manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart.

Mehr lesen

Es erwarten Sie ein Fülle von herausragenden und multimedial aufbereiteten Informationen zum Thema.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

ORIGINAL-BU: Eine Ehrenparade der Nationalen Volksarmee leitete die Feierlichkeiten am 7.Oktober ein. Auf der Ehrentribüne in der Karl-Marx-Allee wurden herzlich begrüßt der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, und weitere Mitglieder der Partei- und Staatsführung der DDR sowie der Generalsekretär des ZK der KPdSU und Vorsitzende des Obersten Sowjets der UdSSR, Michail Gorbatschow (7.v.l.), und weitere Repräsentanten aus dem Ausland.
40 Jahre deutsch-deutsche Wirklichkeit

Die Geschichte der DDR

Am 7.10.1949 konstituierte sich nach der BRD der zweite deutsche Staat durch die Inkraftsetzung der "Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik". Wilhelm Bleek analysiert das System Ulbricht bis hin zu Krise und Untergang der SED-Herrschaft.

Mehr lesen

Ausgezeichnet mit Grimme Online Award: Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Videos, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

War die DDR ein Unrechtsstaat? Die Frage wird von Medien, Politikern und Öffentlichkeit häufig diskutiert. Dabei war in der DDR von Rechtsstaatsprinzipien nichts übrig geblieben. Woher also kommt die oft positive Bewertung der DDR?

Mehr lesen