Ein Finger vor schwarzem Hintergrund klickt auf das blaue Logo einer Social-Media-App.

28.5.2019 | Von:
Erik Meyer

Presseschau vom 28.5.

Manipulation durch Meinungsmache?

Bernd Oswald hat sich für den Bayrischen Rundfunk mit einem Akteur auseinandergesetzt, der in den sozialen Medien aktuell einen Wahlbetrugsvorwurf erhoben hat: "Im Zentrum dieser Aktivitäten steht die Wahlbeobachter-Kampagne des Vereins 'Ein Prozent', der der 'Identitären Bewegung' nahesteht. Der Verein will den Eindruck erwecken, dass Wahlbetrug in Deutschland ein weit verbreitetes Problem sei. Für systematischen Wahlbetrug gibt es Deutschland aber keinen Beleg."

BR24
Zweifelhafte Wahlbeobachtung für die AfD

Die Europawahl lief noch nicht mal eine Stunde, da verbreitete sich ein Facebook-Post: "AfD-Stimmen mussten weg: Urne geöffnet". Die Rede war von einer angeblichen Wahlmanipulation in Welden bei Augsburg. Die Urne sei nicht ordnungsgemäß versiegelt gewesen, ein Wahlhelfer habe den Stimmzettel einen Wählers entfernt, der angekündigt hatte, die AfD wählen zu wollen.


Das Netzwerk FactCheckEU, das 19 Initiativen aus 13 Ländern umfasst, zieht ein Fazit des Monitorings irreführender Online-Inhalte während des Wahlkampfs: "A significant part of the disinformation we tackled as FactcheckEU was related to immigration and Muslim Europeans, which is also nothing new. However, without trying too much to predict the future, we can expect another theme to become more prevalent in the years to come: climate and climate activists."

FactCheckEU
FCEU-Newsletter Nr. 7 - Gute und schlechte Nachrichten nach dem Wahlwochenende

Es ist fertig! Die Wahlen sind beendet! Sprechen wir über die Kampagne auf der Seite der Fehlinformationen.


Der Standard berichtet über eine Studie, in der automatisierte Kommunikation analysiert wurde: "Social Bots, die menschliche Präsenz nur vortäuschen, lassen sich in diesem Zusammenhang mittels eigener von Forschern entwickelten Programme mittlerweile gut identifizieren. Stiegen diese in größere Online-Diskussionen ein, versuchten sie oftmals die dort vorherrschende Stimmungslage mit emotional anders gepolten Beiträgen zu drehen. Auch gab es Versuche, Diskussionen mit polarisierenden, aber thematisch gar nicht dazupassenden Tweets zu kapern, indem etwa Pro-Trump-Beiträge in Umgebungen auftauchten, wo es um Thanksgiving ging."

derStandard.at
Social Bots lassen sich im Twitter-Dialog nicht entlarven

Dem Phänomen, dass in Online-Diskussionen zunehmend automatisierte Programme - sogenannte Social Bots - mitmischen, haben sich Wiener Forscher in einer Studie angenommen. Ihr Ergebnis: Vor allem in der Direktkommunikation mit Twitter-Usern schwingen sich die Bots derart gut auf die Stimmung im Dialog ein, dass sie nicht mehr als Programme erkannt werden, heißt es am Montag in einer Aussendung.


Susanne Hoffmann beschäftigt sich beim Deutschlandfunk mit dem Browser-Plugin NewsGuard, das für Nutzer Nachrichtenseiten im Netz bewertet: "Philipp Müller, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Mannheim, kritisiert, dass kaum eine Differenzierung zwischen den Verlagshäusern stattfindet. 'Bei der Bild-Zeitung steht zum Beispiel als positiver Aspekt, dass eine klare Unterscheidung zwischen Meinung und Nachricht stattfindet. Das würde der Journalismusforscher gerade bei Bild.de nicht unbedingt so sehen.'"

Deutschlandfunk
"Newsguard" - Warnschilder gegen gefälschte Nachrichten

"Hier sieht man, dass faz.net einen Wert von 100 hat. Die erfüllen alle Kriterien. Und PI-News hat einen Score von 17,5. Faz.net hat deswegen ein grünes Label und PI-News hat ein rotes", sagt Stephan Mündges. Der Journalist sitzt vor seinem Computer und scrollt durch die Labels, die er geschrieben hat.


Auch deutsche Medien beschäftigen sich nun mit einem manipulierten Video, das die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses zeigt. Anne Hemmes kommentiert beim Bayrischen Rundfunk: "Dass ausgerechnet dieses Video viral geht, zeigt, dass trotz der Diskussionen um die Gefahr von sogenannten Deep Fakes, schon sehr simple Mittel ausreichen, um mit gefälschten Videos zu verwirren und damit die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. Denn auch wenn beide Veränderungen in dem Video nicht sehr aufwendig sind, ist doch auf den ersten Blick nicht sofort zu erkennen, dass das Video manipuliert wurde - insbesondere dann nicht, wenn man den Original-Clip nicht vorliegen hat."

BR24
Facebook will Fake-Video von Nancy Pelosi nicht löschen

Der CNN-Moderator hakt nach und betont, das Facebook im Nachrichtengeschäft sei, und damit gehe eine Verantwortung einher. Bickert meint daraufhin: "Wir sind nicht im Nachrichtengeschäft, wir sind im Social-Media-Geschäft." Ähnlich äußerte sich Facebook gegenüber der "Washington Post". Auf Nachfrage der Zeitung am Freitag teilte der Konzern mit, dass unabhängige Faktenchecker das Video als "falsch" eingestuft hätten.


In der Süddeutschen Zeitung problematisiert Simon Hurtz, dass Facebook die Verbreitung des Videos nicht unterbindet: "Facebooks Verhalten steht im Gegensatz zu dem von Youtube: Bereits am Donnerstag entfernte die Plattform alle Versionen des Videos. Die Fälschungen verletzten eindeutig Youtubes Richtlinien, welche Inhalte hochgeladen werden dürften, sagte ein Sprecher."

Süddeutsche.de
Warum sich Facebook weigert, ein manipuliertes Video zu löschen

Ein manipuliertes Video der US-Politikerin Nancy Pelosi verbreitet sich auf Facebook. Die Aufnahme wurde absichtlich verlangsamt, sodass die Demokratin betrunken wirkt. Facebook will die offensichtliche Manipulation nicht löschen: Nutzer, so sagt es ein Sprecher der Plattform, sollten selbst entscheiden, wem oder was sie glauben. Welchen Einfluss gezielte Desinformationskampagnen auf die Europawahl hatten, ist unklar.


Im US-Online-Magazin VentureBeat nimmt Chris O'Brien problematische Profile auf der Plattform in den Blick und beruft sich dabei auf die Aussagen einer Monitoring-Initiative zu aktuellen Fällen in Europa: "Avaaz campaign director Christoph Schott said bad actors’ tactics have evolved, as they now play a long game when it comes to manipulating Facebook’s platform. For instance, he said many of these groups started several years ago under innocuous names and focused on mundane subjects. At some point, the groups would change names and become funnels for right-wing content targeting people who hadn’t necessarily signed up for such topics."

VentureBeat
Facebook still can't control the far-right political propaganda monster it built

News about Facebook in the week leading up to the European Union Parliamentary elections reinforced the image of a company unable to control a platform that has been hijacked by right-wing extremists. In the U.S., pundits, politicians, and journalists were shocked - shocked! - that Facebook refused to remove a doctored video of House Speaker Nancy Pelosi.


Ein Mitarbeiter der Stiftung Neue Verantwortung verweist auf die Übersicht einer britischen Denkfabrik, die eine breite Behandlung des Themas "Desinformation" plausibilisiert:

#Disinformation is more than #FakeNews, as this helpful chart from @Demos
 study shows: Deception not only caused by false content, but also concealed sources/agendas, emotional manipulation, ...
Solutions can only be found if analysis of disinformation goes beyond fake newsTweet von Julian Jaursch (© Screenshot: twitter.com)



Dazu passt ein Tweet zum Vortrag der US-Expertin Renee DiResta bei der EU DisinfoLab Annual Conference, die dieser Tage in Brüssel stattfindet und diverse Aspekte digitaler Desinformation adressiert.

@noUpside
 argues that it’s a bad idea to measure disinformation campaigns purely in terms of votes. 
Better to look at broader shifts in opinion.
In my mind, the real danger is the acceleration of deeper trends: loss of trust and polarisation. 
#DisInfo2019Tweet von Rowan Emslie (© Screenshot: twitter.com)



Neben digitaler Desinformation rückt mit der Diskussion um das Engagement von Youtubern vor der Europawahl in Deutschland schließlich die Dimension der politischen Artikulation in algorithmischen Öffentlichkeiten in den Fokus. Die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer reklamiert Regulierungsbedarf wie diesem Zitat bei Tagesschau.de zu entnehmen ist: "'Und die Frage stellt sich schon mit Blick auf das Thema Meinungsmache, was sind eigentlich Regeln aus dem analogen Bereich und welche Regeln gelten eigentlich für den digitalen Bereich, ja oder nein.' Dies sei eine fundamentale Frage, 'über die wir uns unterhalten werden, und zwar nicht wir in der CDU, mit der CDU, sondern, ich bin mir ganz sicher, in der gesamten medienpolitischen und auch demokratietheoretischen Diskussion der nächsten Zeit wird das eine Rolle spielen.'"

tagesschau.de
Kramp-Karrenbauer will Online-"Meinungsmache" regulieren

Das YouTube-Video "Die Zerstörung der CDU" wurde millionenfach geklickt. Nun regt CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer eine Debatte an, ob Äußerungen im Internet vor Wahlen reguliert werden sollten. Die Kritik kam prompt.


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