Dossier Frauenbewegung

8.9.2008 | Von:
Dr. Annika Wilmers

Frauenbewegung im Ersten Weltkrieg

Auch die bürgerliche Frauenbewegung besaß aus der Vorkriegszeit intensive Kontakte zu ausländischen Frauenvereinen und war in den beiden internationalen Frauenorganisationen "Internationaler Frauenweltbund" und "Weltbund für Frauenstimmrecht" vertreten. Beide Verbände beschlossen, während der Kriegszeit keine internationalen Treffen abzuhalten.

Kriegsgegnerinnen organisierten einen internationalen Frauenfriedenskongress 1915 in Den Haag.Kriegsgegnerinnen organisierten einen internationalen Frauenfriedenskongress 1915 in Den Haag.Bildnachweis (© AddF)

Einige Frauen, darunter die deutschen Pazifistinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, gaben sich mit dieser Position aber nicht zufrieden und organisierten einen internationalen Frauenfriedenskongress, der im April 1915 in Den Haag tagte und über 1.000 Teilnehmerinnen aus 12 Ländern versammelte – darunter 28 deutsche Frauen. Der Kongress protestierte gegen den Krieg und forderte als Grundlage für eine friedliche Weltordnung Demokratie und Gleichberechtigung. Die Kongressbeschlüsse wurden den europäischen Staatsmännern und dem amerikanischen Präsidenten Wilson persönlich überreicht.

Die internationalen Pazifistinnen gründeten eine eigene Organisation, das Internationale Frauenkomitee für dauernden Frieden (1919 umbenannt in Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit). In Deutschland entstand eine Ländersektion mit mehreren Städtegruppen. Ebenso wie die sozialistischen Kriegsgegnerinnen waren aber auch die bürgerlichen Pazifistinnen in ihren Aktivitäten während der weiteren Kriegszeit durch die Zensur und die Militärbehörden massiv eingeschränkt.

Frauenrechte, Revolution und Kriegsende

Ende 1917, im Zuge allgemeiner gesellschaftlicher und politischer Diskussionen um mehr Demokratisierung in Deutschland, forderte auch der BDF wieder politische Rechte ein, insbesondere das aktive und passive Wahlrecht für Frauen. Durchsetzen ließ sich dieses Anliegen während der Kriegszeit indes nicht. Erst die Revolution im November 1918 schuf eine grundlegend neue Situation für Frauen und brachte ihnen ihre Anerkennung als Staatsbürgerinnen, die künftig ihre Regierungen und Volksvertretung mitbestimmen konnten.

Viele Zeitgenossen – ebenso wie spätere Generationen – deuteten den Krieg als Schrittmacher der Frauenemanzipation. Dieser Gedanke schien nicht nur wegen der nach dem Krieg völlig veränderten rechtlichen Situation der Frau, sondern auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt naheliegend. Denn während der Kriegszeit hatten sich etliche Berufe für Frauen geöffnet und Frauen in vielen Bereichen die eingezogenen Männer ersetzt. Inzwischen lässt sich allerdings nachweisen, dass es für die Frauen keine kriegsbedingten fundamentalen Errungenschaften auf dem Arbeitsmarkt gegeben hat. Die Quote erwerbstätiger Frauen war auch vor 1914 schon kontinuierlich angestiegen. Während des Krieges kam es vor allem zu einer Verschiebung von Arbeitsfeldern. In den kriegsindustriellen Branchen arbeiteten überwiegend Frauen, die bei Kriegsbeginn in "typischen" Frauenberufen tätig gewesen waren, beispielsweise im Dienstmädchensektor oder in der Textilbranche.

Eine aus Sicht der Kriegswirtschaft ausreichende Mobilisierung weiblicher Arbeitskräfte gelang jedoch nicht: Für die meisten Frauen war die Arbeit in der Rüstungsindustrie unter anderem aufgrund der geringen Entlohnung, die zudem mit der staatlichen Kriegsunterstützung verrechnet wurde, und der schlechten Arbeitsbedingungen wenig attraktiv. Die öffentliche Meinung zur Frauenarbeit war indes zu einem Großteil davon geprägt, dass anders als früher seit Kriegsbeginn weibliche Erwerbstätigkeit überall sichtbar wurde, zum Beispiel in den Verkehrsbetrieben, wo Frauen als Schaffnerinnen eingesetzt wurden. Gerade hier arbeiteten Frauen aber häufig als direkte Vertretung für ihre eingezogenen Ehemänner, Väter oder Brüder und gaben den Arbeitsplatz nach Kriegsende wieder ab.

Auch die Errungenschaft politischer Rechte wird inzwischen weniger als Verdienst für die breite Kriegsunterstützung der Frauen interpretiert, sondern als eine Folge der Revolution und der geänderten Machtverhältnisse in Deutschland gesehen. Die SPD hatte sich bereits 1891 zum Frauenstimmrecht bekannt und konnte diese Forderung nun umsetzen. In dieser Frage lohnt sich ein Blick über die Ländergrenzen: Jenseits der Kriegsfront hatten die Frauenbewegungen ihre Staaten ebenso vehement unterstützt wie der NFD das Deutsche Reich.

In Ländern, in denen es aber nicht zu Revolutionen kam, wurde das Frauenwahlrecht nach dem Krieg nur zögerlich, wie in England, oder gar nicht eingeführt, wie zum Beispiel in Belgien und Frankreich. Letzteres Beispiel zeigt, dass der Krieg die Frauenbewegungen in ihren Bemühungen um Gleichberechtigung sogar zurückwerfen konnte, denn der nach dem Krieg in den europäischen Gesellschaften stark verankerte Wunsch nach einer Rückkehr zu einem gesellschaftlichen Status quo ante begünstigte häufig die konservativen Kräfte.

Deutsche Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung reagierten unterschiedlich auf die Revolution. Feministinnen des radikalen Flügels begrüßten die Demokratisierung, verurteilten aber alle Gewalterscheinungen. Vertreterinnen des BDF fiel der Umgang mit den veränderten politischen Verhältnissen dagegen zunächst schwerer. Sie bekannten sich aber ebenfalls zur Republik und stürzten sich mit viel Elan in die neuen politischen Aufgaben und Herausforderungen der Nachkriegszeit.


68er

Ohne Frauen keine Revolution

Freigabe der Anti-Baby-Pille, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und Abschaffung des Paragraphen 218: Die Forderungen der Neuen Frauenbewegung waren vielfältig. Doch zunächst mussten Frauen innerhalb der Protestbewegung selbst gegen machohaftes Verhalten und männliche Machtstrukturen kämpfen.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild Feminismus

Feminismus

Der Feminismus ist erneut zum Feindbild geworden: Die Gegner halten ihn für einen grundsätzlichen ...

Frauen in Politik und Medien

Frauen in Politik und Medien

Frauen in hohen und höchsten politischen und gesellschaftlichen Ämtern sind keine Besonderheit meh...

Teaser

Familie und Frauen-Rollen

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt" (Art.3). Gleichberechtigung realisiert sich jedoch nicht ...

Verlacht, verboten und gefeiert

Verlacht, verboten und gefeiert - Zur Geschichte des Frauenfußballs

Deutschlands Mädchen- und Frauenfußball boomt. Doch dem Erfolg geht eine dornenreiche Geschichte d...

APuZ_37-38_2011.jpg

Frauen in Europa

"Die" Frauen in Europa gibt es nicht. Sie sind durch das Merkmal Geschlecht verbunden, unterscheiden...

Coverbild Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich

Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich

In der Zeit des deutschen Kaiserreichs gewinnen Frauen an gesellschaftlichem Einfluss. Und das, obwo...

Coverbild Irmina

Irmina

Irmina, eine junge Frau in der NS-Zeit. Barbara Yelin erzählt ihre Geschichte, die sich ungefähr s...

Rebellische Frauen – Women in Battle

Rebellische Frauen – Women in Battle

Fremdbestimmung und Ungleichheit einfach hinnehmen? Für viele Ikonen der Frauenbewegung war das kei...

100 Frauen

100 Frauen

Es war ein langer Weg, bis Frauen sich Rechte und Möglichkeiten erkämpft hatten, die Männern län...

Titelbild Schriftenreihe 10391 "Feminismen – Die deutsche Frauenbewegung in globaler Perspektive".

Feminismen

Unterschiedliche Wege, verwandte Ziele, vergleichbare Erfolge? Historisch gewachsene politische Rahm...

Zum Shop

Online-Angebot

Nigel Coles Sozialkomödie erinnert an den Streik in Dagenham 1968, als erstmals in der britischen Geschichte Frauen für ihre Rechte kämpften. Kinofenster.de bietet passende filmpädagogische Begleitmaterialien für den Schulunterricht.

Mehr lesen auf kinofenster.de