Koffer

1.5.2010 | Von:
Susanne Worb

Fazit

Das Feld der Integrationsberichterstattung ist momentan sehr vielfältig und heterogen. Darin spiegelt sich zum einen die historisch gewachsene Zersplitterung der Verantwortlichkeiten im Bereich der Integrationspolitik auf kommunaler, Länder- und Bundesebene wider, zum anderen zeigen sich hier aber auch unterschiedliche Bedarfslagen.

Das Feld der Integrationsberichterstattung in Deutschland ist momentan sehr vielfältig und heterogen. Darin spiegelt sich zum einen die historisch gewachsene Zersplitterung der Verantwortlichkeiten im Bereich der Integrationspolitik auf kommunaler, Länder- und Bundesebene wider, zum anderen zeigen sich hier aber auch unterschiedliche Bedarfslagen, auf die mit den Monitorings reagiert wird. So kann zum Beispiel eine Kommune starkes Interesse an sozialräumlichen Fragestellungen (Segregation, Stadtentwicklung) haben und diesen in der Berichterstattung breiten Raum einräumen, da auch einschlägige lokale Daten vorhanden sind. Auf der Ebene des jeweiligen Bundeslandes hingegen spielen diese Themen möglicherweise keine Rolle, weil die unmittelbare politische Brisanz oder entsprechende Daten fehlen.

Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, inwieweit sich die verschiedenen föderalen Ebenen in Deutschland zukünftig auf gemeinsame Standards und Indikatoren der Integrationsmessung einigen können. Trotz der Differenzen bezüglich der Datenlage und der politischen Interessen bei der Gestaltung von Monitoringsystemen gibt es deutliche Bestrebungen zu einer Vernetzung der Akteure untereinander. Insbesondere auf Länder- und Bundesebene stellt sich zudem die Frage der internationalen Anschlussfähigkeit. In der Einleitung dieses Kurzdossiers wurde bereits auf die aktuellen Entwicklungen auf europäischer Ebene eingegangen – hier gestaltet sich die Entwicklung und Umsetzung gemeinsamer Indikatorensysteme allerdings noch weitaus schwieriger, da verschiedene nationale Traditionen der Datenerhebung aufeinandertreffen. Zudem sind die Institutionen, die die Integration von Zuwanderern maßgeblich bestimmen – wie das Bildungs- und Ausbildungssystem –, zum Teil fundamental unterschiedlich konstruiert [1].

Häufig wird erwartet, dass ein Monitoring direkte Aufschlüsse darüber geben kann, ob die gewählte Integrationspolitik erfolgreich ist. Eine Koppelung des Integrationsmonitorings mit einer Wirkungsmessung politischer Maßnahmen ist jedoch als problematisch anzusehen. Es ist zwar nahe liegend, dass politische Akteure zunächst einmal daran interessiert sind, welche Resultate von ihnen finanzierte Integrationsfördermaßnahmen erbringen. Jedoch hat schon das erste EU-Handbuch zur Integration darauf hingewiesen, dass "Ergebnisindikatoren nicht unbedingt eine Antwort auf die Frage [liefern], ob und inwieweit politische Maßnahmen tatsächlich Einfluss auf die Integration von Zuwanderern haben. Es mag sein, dass Zuwanderern unabhängig von oder sogar trotz der staatlichen Politik die Integration gelingt" [2]. Dies kann an einem Beispiel verdeutlicht werden: Steigt die Erwerbsbeteiligung von Migranten in einem bestimmten Zeitraum, so kann dies das Resultat einer allgemeinen konjunkturellen Erholung und damit einhergehender Verbesserungen am Arbeitsmarkt sein (was sich dann auch in der Vergleichsgruppe der Nicht-Migranten zeigen müsste). Ebenso kann es sich auchum den Erfolg eines arbeitsmarktpolitischen Programms speziell für Migranten handeln. Integrationsmonitoring kann in diesem Fall eine Verbesserung feststellen, aber keine Aussagen zu den dahinter liegenden Ursachen und ihrem relativen Gewicht treffen. Die Frage, was konkrete Integrationsmaßnahmen bewirken, gehört ins Feld der Evaluation und erfordert entsprechende Forschungsdesigns, die auf die jeweils zu untersuchende Maßnahme zugeschnitten sind [3].

Eine wichtige Frage bei der Gestaltung von Monitorings ist die Differenzierung der Messgruppen nach Herkunftsländern oder -regionen. Im Kern betrifft dieser Punkt in Deutschland vor allem die türkischstämmigen Migranten, denen besonders häufig schlechte Integrationsresultate bescheinigt werden. Die Frage ist letztlich, für was "Herkunft", also eine bestimmte Staatsangehörigkeit oder ein bestimmter Migrationshintergrund, eigentlich steht: Für je eigene Migrationsgeschichten und Sozialstrukturen von Gruppen? Für unterschiedliche Rechtspositionen, die Integrationschancen mitbestimmen? Für (schwer fassbare) kulturelle Unterschiede, etwa hinsichtlich der Wertschätzung von Bildung?

Alle diese Antworten sind ein Stück weit richtig, ohne die Realität vollständig abzubilden. "Herkunft" ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Faktoren, die Integration beeinflussen. Wenn allerdings auf entsprechende Differenzierungen ganz verzichtet wird, gehen sehr viele Informationen verloren. Ein Integrationsmonitoring verliert stark an Aussagekraft, wenn es sich nur auf heterogene Großgruppen wie "Ausländer" oder "Personen mit Migrationshintergrund" bezieht. Um dies zu vermeiden, wäre es sinnvoll, Aussagen mindestens über die wichtigsten Herkunftsgruppen zu treffen und dies mit der Analyse von soziodemografischen Faktoren, Milieu- und/oder sozialen Schichtzugehörigkeiten zu kombinieren (vgl. den Ansatz des SINUS-Instituts [4]). Eine solche "ausgewogene Verschränkung von Aussagen über Herkunftsgruppen und Sozialmilieus" [5], wie vom Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Integration und Migration gefordert, ist allerdings in der Praxis schwierig zu realisieren und würde neue Wege in der Datenerhebung und -analyse erfordern.

Resümierend kann damit festgestellt werden, dass Integrationsmonitoring als neuer Zweig der Sozialberichterstattung in Deutschland noch am Anfang seiner Entwicklung steht. Vielfältige Probleme müssen noch gelöst werden, aber auch viele Potenziale schlummern in diesem Arbeitsfeld. Integrationsmonitoring ist kein "Vermessungswahn" gegenüber Migranten, wie dies der Erziehungswissenschaftler Franz Hamburger [6] polemisch formuliert hat, sondern kann, in sinnvoller Weise durchgeführt, Stand und Entwicklung von Integrationsprozessen abbilden und helfen, informierte integrationspolitische Entscheidungen zu treffen. Dabei muss allerdings – und dieser Kritikpunkt von Hamburger und anderen [7] ist zutreffend – noch stärker als bisher die Aufnahmegesellschaft berücksichtigt werden, um Integration nicht nur einseitig als Anpassungsleistung von Migranten zu erfassen.

Fußnoten

1.
Heckmann (2001).
2.
Niessen/Schibel (2005: 57).
3.
Filsinger (2008).
4.
Wippermann/Flaig (2009).
5.
Sachverständigenrat (2009: 2).
6.
Hamburger (2009).
7.
Kunz (2009), Sachverständigenrat (2009).

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