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1.8.2007 | Von:
James Stewart
Darlene Clark
Paul F. Clark

Die Situation im Gesundheitssektor

Auch wenn es schwierig ist, Engpässe genau einzuschätzen, deuten Quellen darauf hin, dass diese in den meisten Regionen der Welt vorzufinden sind und ihre Ausmaße zunehmen werden. Im Bereich des Krankenpflegepersonals besteht derzeit in fast allen europäischen Ländern ein Mangel.

Pfleger und Patient vor einem Londoner Krankenhaus.Pfleger und Patient vor einem Londoner Krankenhaus. (© picture-alliance/dpa)

Weltweite Engpässe

Auch wenn es schwierig ist, gegenwärtige und zukünftige Engpässe genau einzuschätzen, deuten verschiedene Quellen darauf hin, dass diese in den meisten Regionen der Welt vorzufinden sind und ihre Ausmaße weiter zunehmen werden. Im Bereich des Krankenpflegepersonals besteht derzeit in fast allen europäischen Ländern ein Mangel [1]. Im Vereinigten Königreich fehlten beispielsweise im Jahr 2001 57.000 Pflegerinnen und Pfleger im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) [2]. Der Berufsverband des Pflegepersonals in Kanada (Canadian Nurses' Association) rechnet für das Jahr 2011 mit einem ungedeckten Bedarf an 78.000 Pflegekräften [3]. In Australien zeigen entsprechende Daten aus dem Jahr 2006, dass 40 % der offenen Stellen im Pflegebereich nicht besetzt werden konnten [4]. In den Entwicklungsregionen Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und der Karibik ist die Situation noch angespannter. So gut wie alle Entwicklungsländer leiden unter einer anhaltenden Unterversorgung mit Krankenpflegekräften. 2003 berichtete die Panamerikanische Gesundheitsorganisation, dass in der Karibik 35 % der Arbeitsstellen im Pflegebereich nicht besetzt waren. Auf den Philippinen gab es im Jahr 2004 30.000 unbesetzte Stellen [5]. 2003 meldete Malawi, dass gerade einmal 28 % der Pflegestellen besetzt waren und in Südafrika fehlten im selben Jahr 32.000 ausgebildete Pflegekräfte [6]. Für Staaten südlich der Sahara deutet der günstigste Schätzwert auf einen Mangel an 600.000 examinierten Krankenpflegerinnen und -pflegern hin [7]. Die Gründe für diese Unterversorgung sind in den weniger wohlhabenden Staaten andere als in den reicheren Ländern. Entwicklungsländern fehlen grundsätzlich die Möglichkeiten, eine angemessene Zahl von Pflegekräften auszubilden. Es gibt weniger Ausbildungsprogramme und weniger qualifizierte Lehrkräfte. Zudem machen es die sehr niedrige Bezahlung und die extrem unbefriedigenden Arbeitsbedingungen schwer, Pflegepersonal anzuwerben und zu halten. Unhygienische Bedingungen, fehlende Medikamente, unzureichende Versorgung und Ausstattung, ungünstige Versorgungschlüssel bei Patienten pro Pflegekraft, der Mangel an Ärzten sowie das Auftreten von Epidemien wie HIV/AIDS und anderen ernsthaften Erkrankungen tragen dazu bei, dass der Krankenpflegeberuf in vielen Entwicklungsländern unvorstellbar belastend ist [8].

In einigen der reichsten Länder der Welt machen ausländische Mediziner mittlerweile einen wesentlichen Teil der ärztlichen Belegschaft aus. Über 34 % der praktizierenden Ärzte in Neuseeland kommen aus Übersee, im Vereinigten Königreich sind es 30,4 % des Berufsstandes. Andere Industrieländer zeigen einen ähnlich hohen Anteil ausländischer Ärzte, darunter die USA mit 26,4 % [9] und, gemäß einer neueren Erhebung, Norwegen mit etwas mehr als 16 % [10].

In einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2006 [11] wurden der weltweite Bestand an medizinischen Fachkräften und damit verbundene Versorgungsengpässe erfasst sowie der prozentuale Zuwachs an Fachkräften berechnet, der nötig wäre, um in den jeweiligen WHO-Regionen den Mangel zu beheben. Die Tabelle ist diesem Bericht entnommen.

 
Geschätzter kritischer Mangel an Ärzten, Pflegekräften und Hebammen (nach WHO-Region)
 
WHO-RegionAnzahl der StaatenFachkräftemangel innerhalb der Staaten
Gesamt Staaten mit Mangel an med. FachkräftenGesamtbestand an med. FachkräftenGeschätzter Mangel an med. Fachkräften Erforderlicher Anstieg in Prozent
Afrika4636590.198817.992139
Nord- und Südamerika35593.60337.88640
Südostasien1162.332.0541.164.00150
Europa520k. A.k. A.k. A.
Östlicher Mittelmeerraum217312.613306.03198
Westpazifischer Raum27327.26032.560119
Insgesamt192573.355.7282.358.47070
Quelle: Weltgesundheitsorganisation - WHO (2006)

Diese Daten können zwar ein Ausgangspunkt zur Bestimmung der weltweiten Lage sein, dürften den tatsächlichen globalen Mangel an Fachkräften im Gesundheitswesen jedoch noch unterschätzen. So werden beispielsweise für Europa – im Gegensatz zu anderen Quellen – gegenwärtig keine Engpässe bei Ärzten, Pflegepersonal und Hebammen angezeigt. Ferner legen regionale Studien in zwei US-Bundesstaaten nahe, dass die WHO den Mangel in Nord- und Südamerika zu gering einschätzt [12]. Die Widersprüche zwischen den Schätzungen der WHO und denen anderer Akteure ergeben sich zum Teil aus der Fokussierung der WHO auf "kritische Unterversorgung". Während es in Europa definitiv einen Mangel an hochqualifizierten medizinischen Fachkräften gibt, ist dessen Ausmaß jedoch vergleichsweise gering gegenüber den Lücken, die in Entwicklungsländern zwischen Bedarf und Angebot klaffen.

Migrationsmuster: Zielländer

In einem globalen Arbeitsmarkt für Krankenpflegekräfte sind englischsprachige Länder das beliebteste Ziel. Im Vereinigten Königreich kommen die meisten ausländischen Pflegerinnen und Pfleger von den Philippinen, viele aber auch aus Südafrika, Nigeria und Simbabwe sowie aus Australien, Indien und einer Reihe von karibischen Staaten [13]. Mit Irland wirbt ironischerweise ein Land qualifiziertes Pflegepersonal an, das jahrzehntelang als Auswanderungsland von Pflegekräften galt. Im Jahr 2001 kamen ungefähr zwei Drittel aller neu eingestellten Pflegekräfte in Irland aus dem Ausland, hauptsächlich aus Australien, Indien, von den Philippinen, aus Südafrika und aus dem Vereinigten Königreich [14]. Auch Norwegen hat in letzter Zeit eine erhebliche Anzahl von Pflegekräften aus dem Ausland angeworben. Im US-amerikanischen Gesundheitswesen spielen ausländische Pflegerinnen und Pfleger bereits seit langem eine wichtige Rolle, aber auch hier hat ihre Zahl in den letzten Jahren rapide zugenommen. 1997 waren 5 % der neu eingestellten Pflegekräfte im Ausland ausgebildet worden; im Jahr 2003 war dieser Anteil auf 14 % angestiegen. Nach neuesten Daten sind in den USA rund 100.000 ausländische Pflegekräfte tätig. Auch hier kommen die meisten von den Philippinen, gefolgt von Kanada, Süd-Korea, Indien und dem Vereinigten Königreich [15].

Wenngleich der weltweite Arbeitsmarkt für Ärzte nicht so dynamisch ist wie der für Pflegekräfte, führt der Medizinermangel in den Industriestaaten in den letzten Jahren zunehmend zu Migration von Ärzten. Auch hier sind englischsprachige Länder das häufigste Ziel; jedoch nimmt auch in anderen Ländern die Zahl ausländischer Ärztinnen und Ärzte zu. Von den 10.000 Medizinern, die 2002 im Vereinigten Königreich zugelassen wurden, kam fast die Hälfte aus dem Ausland; 2003 waren es – bei 15.000 Neuzulassungen – sogar mehr als zwei Drittel [16].

Migrationsmuster: Herkunftsländer

Wie oben bereits angedeutet, sind die Philippinen mit über 150.000 im Ausland arbeitenden Pflegerinnen und Pflegern das wichtigste Herkunftsland [17]. Eine Handvoll weiterer Staaten würde gerne eine ähnliche Rolle auf dem globalen Arbeitsmarkt spielen, konnte sich in dieser Hinsicht aber bislang nicht etablieren. Zu diesen Ländern gehören China, Kuba, Indien und einige Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Abwanderung in größerem Ausmaß ist auch für einige Länder südlich der Sahara zu verzeichnen, darunter Südafrika, Simbabwe, Nigeria, Ghana, Sambia und Kenia [18].

Fußnoten

1.
Siehe Gathercole (2003)
2.
Siehe "Sick and tired."(2001): The Times 17. August, S. 22.
3.
Siehe RNABC (2004).
4.
Siehe Dunn, A. (2003): "Nurse shortage brings concern for patient care." The Age. 8. Mai.
5.
Siehe McKenna, M. (2004): "US strains supply of nurses: Poor nations are losing trained professionals to better pay and greater opportunities." Atlanta Journal-Constitution. 14. Juli.
6.
Siehe PHR (2004).
7.
Siehe ICN (2004).
8.
Siehe Padarath et al. (2003).
9.
Siehe Forcier, Simoens und Giuffrida (2004).
10.
Siehe Taraldset (2006).
11.
Siehe WHO (2006).
12.
Siehe Spetz und Dyer (2005); Texas Center for Nursing Workforce Studies (2006).
13.
Siehe Buchan, Jobanputra and Gough (2004).
14.
Siehe Buchan und Sochalski (2004).
15.
Siehe Buchan und Sochalski (2004).
16.
Siehe Buchan, Jobanputra und Gough (2004).
17.
Siehe Lorenzo (2002).
18.
Siehe Carvel, J. (2004): "Nil by mouth." The Guardian. 27 Aug.

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