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Koffer

1.8.2007 | Von:
James Stewart
Darlene Clark
Paul F. Clark

Gründe für Migration von medizinischen Fachkräften

Arbeitsmigration wird hervorgerufen durch das Zusammenspiel bestimmter wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, politischer und gesetzlicher Faktoren. An dieser Stelle sollen kurz die Gründe angesprochen werden, die Menschen dazu veranlassen zu migrieren.
Angestellte eines Krankenhauses in Nairobi bei der Durchführung eines DNA-Tests.Angestellte eines Krankenhauses in Nairobi bei der Durchführung eines DNA-Tests. (© picture-alliance/AP)

Oftmals werden so genannte push- bzw. pull-Faktoren unterschieden, also Faktoren, die entweder anstoßende Wirkung auf der Angebotsseite oder eben anziehende Effekte auf der Nachfrageseite haben [1]. Mit der Zeit werden Migrationsbewegungen von Netzwerken getragen, die potentielle Migranten mit Informationen über Berufsaussichten im Bestimmungsland versorgen und nach der Einwanderung Hilfe bei der beruflichen und sozialen Eingliederung anbieten [2].

push-Faktoren

Zu den push-Faktoren gehören Probleme und Bedingungen, die zur Unzufriedenheit von medizinischen Fachkräften mit ihrer Arbeit bzw. Berufslaufbahn in ihren Heimatländern beitragen, wie etwa schlechte Bezahlung, ungünstige Arbeits- und Lebensverhältnisse oder beschränkte Karrieremöglichkeiten. Diese Faktoren mögen auch in einigen der Industrieländer gegeben sein, wirken sich jedoch insbesondere in den Entwicklungsländern in dramatischer Weise aus und veranlassen Ärzte und Pflegekräfte dazu auszuwandern.

pull-Faktoren

Demgegenüber resultieren pull-Faktoren aus den Arbeits- und Lebensbedingungen im Zielland, die ausländische Arbeitskräfte zur Zuwanderung bewegen. Solche Faktoren können auch für Migrationsbewegungen zwischen den entwickelten Industriestaaten verantwortlich sein. Einen wesentlich höheren Anreiz üben sie jedoch auf Menschen in Entwicklungsländern aus. Zieht man die tatsächlichen Lebenshaltungskosten in Betracht, so sind beispielsweise die Gehälter von Pflegekräften in Ländern wie Kanada und Australien rund doppelt so hoch wie in Südafrika, 14 mal höher als in Ghana und sogar 25 mal höher als in Sambia [3].

Hinsichtlich der materiellen Arbeitsbedingungen ist es jedoch wahrscheinlich, dass Arbeitgeber die Qualifikationen und Arbeitserfahrungen von ausländischen Arbeitskräften als sehr landesspezifisch betrachten und deshalb eine umfassende Fortbildung verlangen. Ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern könnte daher zunächst nur eine Art "Ausbildungsgehalt" gezahlt werden, das unterhalb der ansonsten für entsprechende Qualifikationen und Arbeitserfahrung üblichen Lohngruppe liegt. Die begrenzte Verhandlungsmacht von ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dürfte zudem dazu führen, dass ihnen eine größere finanzielle Eigenbeteiligung an den Fortbildungskosten aufgebürdet wird als einheimischen Arbeitskräften. Bisherige Erkenntnisse deuten darauf hin, dass dies in den meisten Industrieländern, in denen eine größere Zahl ausländischer Pflegekräfte und Ärzte arbeitet, der Fall ist [4].

Trotz der gegenüber einheimischen Arbeitskräften eventuell niedrigeren Löhne gibt es für Fachkräfte im Gesundheitswesen immer noch starke Anreize in ein anderes Land zu gehen. Medizinische Fachkräfte, die in Industrieländer einwandern, empfinden Einkommen, Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse als Verbesserung, ebenso wie die Chancen auf persönliche und berufliche Entwicklungen, die in ihren Heimatländern nicht möglich gewesen wären [5].

Historische Beziehungen

Einzelpersonen bzw. Arbeitgeber sind nicht immer die Hauptverantwortlichen für die Herausbildung bestimmter Migrationsmuster. Durch zwischenstaatliche Beziehungen werden die freie Entfaltung des Arbeitsmarktes und die Gestaltung von einzelnen Verträgen deutlich gesteuert. Viele Kritiker der gegenwärtigen Migrationstrends sehen darin nichts anderes als einen weiteren Ausdruck neokolonialer Ausbeutung. Diese Kritik unterstreicht, dass die Abwanderung von medizinischen Fachkräften oftmals den Interessen ehemaliger Kolonialmächte dient und dass Abkommen in der Regel von Eliten in den ehemaligen Kolonien getroffen werden, die von den Konsequenzen ihrer Entscheidungen weitestgehend unberührt bleiben. In der Tat sind diese Eliten in Ländern mit öffentlicher und privater Gesundheitsfürsorge in der Lage, das öffentliche System, das durch entsprechende Abkommen geschwächt wird, konsequent zu meiden [6].

In einigen Fällen sind ehemalige Kolonialmächte aktiv daran beteiligt, Ausbildungsstandards in den Nachfolgestaaten der früheren Kolonien zu formulieren; die Art der Ausbildung kann so an die Bedürfnisse im Zielland angepasst werden. Die Arbeitskräfte aus den früheren Kolonien verfügen nach ihrer Einwanderung jedoch über wenig Macht bei der Verhandlung von Löhnen und Arbeitsbedingungen. Dies führt zu niedrigerer Bezahlung und ungünstigeren Arbeitsbedingungen gegenüber einheimischen Arbeitskräften. Zuweilen sehen ausländische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich gezwungen, eine Stelle anzunehmen, die vom Niveau her eine oder mehrere Stufen unterhalb ihrer Position im Heimatland liegt (wenn beispielsweise ein ausgebildeter Krankenpfleger als Pflegehelfer arbeitet oder eine Ärztin eine Pflegekraft ersetzt).

Von den auswandernden medizinischen Fachkräften der Entwicklungsländer gehen die meisten in das Land, das ihr Heimatland früher als Kolonialmacht beherrscht hat. Ausländische Pflegekräfte und Ärzte im Vereinigten Königreich, die nicht von den Philippinen stammen, kommen zumeist aus Teilen des früheren britischen Imperiums. Auch in Portugal stammt eine Vielzahl der ausländischen Pflegekräfte und Ärzte aus ehemaligen portugiesischen Kolonien, etwa aus Angola, Mosambik und Kap Verde. Die Philippinen, eine ehemalige US-amerikanische Kolonie, stellt die meisten ausländischen Pflegekräfte in den USA.

Fußnoten

1.
Siehe Mejia, Pizurki und Royston (1979); Kline (2003).
2.
Siehe Martin (2003a, 2003b).
3.
Siehe Brown (2003).
4.
Siehe Forcier, Simoens and Giuffrida (2004).
5.
Siehe Buchan and Dovlo (2004).
6.
Siehe Clark and Clark (2004).

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