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1.8.2007 | Von:
James Stewart
Darlene Clark
Paul F. Clark

Politikempfehlungen

Jeder Vorschlag zur Regulierung steht vor dem Dilemma, die Rechte und Bedürfnisse der beteiligten Hauptakteure in Einklang zu bringen. Die meisten Beobachter der Globalisierung sind sich einig, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit zur Verbesserung von beruflichen und persönlichen Perspektiven ein Menschenrecht ist.

Herkunftsländer

Jeder Vorschlag zur Regulierung steht grundsätzlich vor dem Dilemma, die Rechte und Bedürfnisse der beteiligten Hauptakteure – Fachkräfte im Gesundheitswesen, Industriestaaten sowie Entwicklungsländer – miteinander in Einklang zu bringen. Die meisten Beobachter der Globalisierung sind sich einig, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit zur Verbesserung von beruflichen und persönlichen Perspektiven ein grundlegendes Menschenrecht ist. Dieses Recht zu verleugnen kann für Herkunftsländer keine dauerhafte Strategie sein, adäquat mit dem Abwanderungsproblem umzugehen. Unfaire Handelsbedingungen und die Altlasten des Kolonialismus haben jedoch Voraussetzungen geschaffen, in denen eine freie Entfaltung des Arbeitsmarktes verheerende Auswirkungen für die medizinische Versorgung in Entwicklungsländern hätte. Es muss dringend sichergestellt werden, dass medizinische Ausbildungscurricula sich vorrangig auf einheimische und nicht auf ausländische Probleme der Gesundheitsversorgung konzentrieren [1].

Verbesserungen bei der Bezahlung, den Arbeitsbedingungen und den Karriereaussichten würden mit großer Sicherheit den Emigrationsanreiz abschwächen. Einige Staaten erproben weniger kostspielige Anreize, indem sie für bessere Unterbringung sorgen, Anfahrten der Angestellten zur Arbeit finanziell unterstützen und billige Kredite für den Autokauf bereitstellen. Da jedoch viele der ärmsten Länder nicht die Mittel haben, um solche Verbesserungen zu finanzieren, überlegen einige Entwicklungsländer, internationale Entwicklungsfonds für Lohnpakete für die medizinischen Fachkräfte einzusetzen – eine Option, über die diese Länder bislang nicht verfügten [2]. Eine Koalition aus Regierungen und Vertretern von Interessenverbänden der Pflegekräfte in der Karibik ist bereits einen Schritt weiter gegangen und hat ein umfassendes Programm erstellt (Managed Migration Program). Es soll angesichts der erheblichen Abwanderung von professionellen Pflegekräften eine qualitativ hochwertige Gesundheitsvorsorge für die Menschen in der Karibik gewährleisten [3]. Entwickelt und unterzeichnet wurde das Programm von hochrangigen Regierungsvertretern, die für den Krankenpflegebereich zuständig sind, sowie von den Vorständen der meisten Pflegeberufsverbände in der Karibik. Im Programm werden Strategien entwickelt, um die Auswirkungen der Abwanderung im Gesundheitssektor in der Region abzumildern; es konzentriert sich auf verschiedene Bereiche, darunter Arbeitsbedingungen, Anwerbung, Laufzeit und Ausbildung. Ein neueres Abkommen zwischen mehreren Regierungen dieser Region erlaubt Pflegekräften größere Freizügigkeit. Eine Initiative, die innerhalb des neuen Abkommens entstanden ist, ist eine Maßnahme auf St. Kitts. Hier sollen Pflegekräfte für eine Tätigkeit in den USA ausgebildet werden, wobei die USA für die Ausbildungskosten aufkommen. Ein anderes innovatives Projekt erlaubt es examinierten Pflegekräften aus Jamaika, zwei Wochen im Monat in Miami zu arbeiten und den Rest des Monats in Jamaika [4].

Auch die Herkunftsstaaten könnten intervenieren, indem sie durch Steuern oder Zölle auf entsprechende Transaktionen die Kosten für die Anwerbung von Pflegekräften und Ärzten aus Entwicklungsländern erhöhen. Mit den daraus resultierenden Einnahmen könnte auch ein Teil der Ausbildungskosten gedeckt werden [5]. Leider ist die Umsetzung solcher Maßnahmen in mehrerlei Hinsicht problematisch und bis heute hat kein Staat diesen Schritt unternommen. Immerhin ist die Idee eines Fonds, aus dem die Ausbildung von medizinischem Personal in solchen Entwicklungsländern finanziert werden könnte, die von Abwanderung negativ betroffen sind, in der Vollversammlung der WHO auf einige Unterstützung gestoßen. Dieser Fonds würde von Industriestaaten als Ausgleich für die verlorenen Ausbildungsinvestitionen auf Seiten der Entwicklungsländer finanziert werden [6].

Eine andere Strategie, die einige Entwicklungsländer seit kurzem verfolgen, verpflichtet Absolventen von medizinischen Ausbildungsprogrammen dazu, eine bestimmte Zeit im Ausbildungsland zu arbeiten – als eine Art "Teilrückzahlung" der öffentlich geförderten Ausbildung. Die Implementierung und Durchsetzung solcher Maßnahmen hat sich jedoch als schwierig erwiesen [7]. Sofern jemand beschließt, auszuwandern und damit den Kostenerstattungsvertrag zu kündigen, könnte von öffentlichen Behörden des Herkunftslandes vernünftigerweise eine "Ausreisegebühr" eingefordert werden. Damit stellt sich aber auch die Frage, ob eine solche Gebühr von der jeweiligen Person oder vom zukünftigen Arbeitgeber zu zahlen wäre, was wiederum von der jeweiligen Verhandlungsmacht des Arbeitnehmers bzw. des Arbeitgebers abhängig ist.

Angesichts der Tatsache, dass sich bislang keine etablierten und effektiven politischen Konzepte herausgebildet haben, wohl aber ein Konsens darüber im Entstehen begriffen ist, dass die gegenwärtigen Globalisierungstrends im Gesundheitssektor den Interessen der Entwicklungsländer zuwiderlaufen, haben einige Beobachter diese Länder aufgerufen, sich dem derzeitigen System der Abwanderung und Anwerbung entgegenzustellen. Zum Beispiel hat die Menschenrechtsorganisation Physicians for Human Rights (PHR) afrikanischen Staaten empfohlen, Bestrebungen der Welthandelsorganisation WTO entgegenzutreten, Dienstleistungen im Gesundheitswesen zu liberalisieren [8].

Fußnoten

1.
Siehe PHR (2004).
2.
Siehe Brown (2003).
3.
Siehe RNB (2004): 1.
4.
Siehe Salmon et. al. (2007).
5.
Siehe Jordan, B. (2001): "Nurses face emigration tax." Sunday Times-Johannesburg. 9. September.
6.
Siehe Dugger, C. (2004): "Africa needs a million more health care workers, report says." The New York Times. 26. November, S. A27.
7.
Siehe Buchan, Parkin and Sochalski (2003).
8.
Siehe PHR (2004).

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