Koffer

1.2.2007 | Von:
Jessica Guth

Weitere Einflussfaktoren für die Mobilität von Wissenschaftlern und der Entscheidung für ein Zielland: Mobilitätsauslöser

Die Migrationsliteratur neigt gewöhnlich dazu, die Motivation für Mobilität und die Wahl eines Ziellandes im Sinne von Push- und Pull-Faktoren zu betrachten. Grundlegende Modelle zur Wirtschaftsmigration betonen die Rolle, die Lohnunterschiede für Migration und die Entscheidung für ein bestimmtes Zielland spielen.
Abschlussfeier der Uni BonnAbschlussfeier der Uni Bonn (© picture alliance/JOKER)

Die Forschung weist außerdem auf die Bedeutung von finanzieller Sicherheit und Arbeitsbedingungen hin. Während einige Autoren vielfältige Ursachen berücksichtigen, geht die Migrationsforschung im Allgemeinen jedoch von einer Art Kosten-Nutzen-Analyse auf Seiten der potenziellen Arbeitsmigranten aus. Es wird vermutet, dass "Migration damit beginnt, sich das neue Zielland vorzustellen, mit dem Abwägen der Vorteile und der Kosten weitergeht und mit dem eigentlichen Umzug endet."[1] In der Literatur über Migration von Hochqualifizierten und über Mobilität von Wissenschaftlern im Besonderen werden unter anderem bessere Arbeitsbedingungen, besseres Gehalt und bessere Aussichten für wissenschaftliches Arbeiten als Hauptauslöser genannt. Nur einige wenige Autoren heben dagegen den Einfluss persönlicherer Faktoren hervor.

Während Push- und Pull-Faktoren die Hochqualifizierten-Migration bis zum gewissen Grad lenken dürften, stehen Mobilität und Standortwahl bei Nachwuchswissenschaftlern auch in Zusammenhang mit bestimmten Mobilitätsauslösern, die in der Forschungsliteratur größtenteils vernachlässigt und daher an dieser Stelle näher erläutert werden. Zu Auslösern von Mobilität gehören Impulse, Ereignisse, Personen oder Zusammenhänge, die Mobilität für einen bestimmten Wissenschaftler praktikabel und möglich erscheinen lassen. Mobilitätsauslöser wirken nicht notwendigerweise plan- oder kontrollierbar, sondern in starkem Maß zufällig oder als "glückliche Fügung." Damit soll nicht gesagt werden, dass der Staat keinerlei Einfluss auf die Mobilität von Wissenschaftlern hat. Vielmehr, so wird in der Schlussfolgerung argumentiert, müssten Staaten auch Faktoren jenseits von Arbeitsbedingungen, Gehalt und Gesetzgebung in Erwägung ziehen, wenn es darum geht, die Zuwanderung hochqualifizierter Personen zu erhöhen. Zu den konkreten Auslösern, die hier beschrieben werden, gehören Netzwerke, Austauschprogramme für Studenten, Stipendien sowie Familie und Partnerschaft.

Netzwerke



Es wird behauptet, "dass mit Sicherheit gesagt werden kann, Netzwerke gehören zu den wichtigsten Erklärungsvariablen für Migration."[2] Einige Forscher weisen jedoch darauf hin, dass die Rolle von "ad hoc"-Netzwerken in Bezug auf wissenschaftliche Mobilität bisher heruntergespielt und vielmehr Mobilität durch transnationale Unternehmen und "Organisationskanäle"[3] in den Mittelpunkt gerückt worden sei. Doch werden Wissenschaftler beim Umzug im Allgemeinen wenig von einem Unternehmen unterstützt, daher erfolge die Mobilität von Wissenschaftlern "eher durch Netzwerke, eigene Motivation und auf eigenes Risiko."[4] Aus diesem Grund scheint es notwendig zu sein, die Entstehung und Funktionsweise von "ad hoc"-Netzwerken genauer zu betrachten, um die daraus resultierenden Mobilitätsmuster zu verstehen und zu fördern.

In der Wissenschaft entstehen Netzwerke häufig auf Basis von internationaler Zusammenarbeit. Projektpartner statten Partnerorganisationen kurze Besuche ab oder bleiben für längere Forschungsaufenthalte. Anerkannte Professoren senden jüngere Kollegen aus, damit sie neue Verfahren oder Arbeitsweisen erlernen; im Gegenzug werden erfahrenere Wissenschaftler eingeladen, damit sie ihre Fachkenntnisse zur Verfügung stellen und ihr Wissen weitergeben. Auf diese Weise werden ständig wissenschaftliche Netzwerke gebildet und erweitert. Diese internationale Zusammenarbeit führt oft dazu, dass Wissenschaftler "in einem Umfeld sozialisiert werden, in dem Mobilität einen wichtigen Stellenwert hat,"[5] so dass die allgemeine Mobilitätserwartung wächst. Die Rolle, die Netzwerke für die Mobilität im wissenschaftlichen Bereich spielen, sollte nicht unterschätzt werden, und fast jeder Wissenschaftler nutzt berufliche Kontakte oder größere Netzwerke, um in seiner Arbeit oder Karriere irgendwann voranzukommen. Je eher diese Netzwerke aufgebaut werden können, desto mehr Spielraum haben die Wissenschaftler, Nutzen daraus zu ziehen. Deswegen kann internationale Wissenschaftsförderung, die der Zusammenarbeit zwischen Ländern dient und multinationale Forschungsteams zusammenbringt, ein wirksames Instrument sein, um Netzwerke zu bilden und Mobilität zu fördern.

Fußnoten

1.
Siehe Hadler (2006).
2.
Siehe Arango (2000).
3.
"Organisationskanäle" beziehen sich auf formale Mechanismen, die Mobilität als Transfer zwischen verschiedenen Dienststellen des gleichen Unternehmens etc. ermöglichen sollen. Siehe Arango (2000) und Willliams et al (2004).
4.
Siehe Ackers (2005a).
5.
Siehe Ferro (2006).

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