Koffer

1.9.2006 | Von:
Stefanie Hertlein
Florin Vadean

Daten und Trends

Top 10 Empfängerländer von Rücküberweisungen 2004 (nominal)Top 10 Empfängerländer von Rücküberweisungen 2004 (nominal) Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Zweitens haben einige kleine Industrieländer, wie z.B. Luxemburg und die Schweiz, Arbeitsmärkte, die sich auch auf die Nachbarländer erstrecken: Ein großer Teil der Arbeitskräfte besteht aus Pendlern, die in einem Nachbarstaat ansässig sind. Demzufolge melden diese Länder hohe Ausflüsse von Erwerbseinkommen. Um diesen "grenzüberschreitenden Pendlereffekt" zu korrigieren, werden hier für diese zwei Länder die Erwerbseinkommen bei der Schätzung der Rücküberweisungsflüsse nicht berücksichtigt.

Top 10 Empfängerländer von Rücküberweisungen 2004 (als Anteil vom BIP); Letzte zugängliche Daten: für Haiti von 2003, für Tonga von 2002 und für die Palästinensischen Gebiete von 2001.Top 10 Empfängerländer von Rücküberweisungen 2004 (als Anteil vom BIP); Letzte zugängliche Daten: für Haiti von 2003, für Tonga von 2002 und für die Palästinensischen Gebiete von 2001. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Letztendlich stimmt die Höhe der gesamten weltweiten Rücküberweisungszuflüsse mit der Höhe der gesamten Ausflüsse nicht überein. Der oberen Definition folgend betrugen im Jahr 2004 die gesamten weltweiten Rücküberweisungsausflüsse nur 225.1 Mrd. US$, währenddessen die gesamten weltweiten Rücküberweisungszuflüsse 278.6 Mrd. US$ ausmachten. Diese Unstimmigkeit beruht auf der Tatsache, dass Empfänger- und Quellländer von Rücküberweisungen dieselben Geldtransfers unter verschiedenen Kategorien bilanzieren (z.B. als Ausfluss von Direktinvestitionen in dem Quellland, aber als Zufluss von Heimatüberweisungen der Arbeitsmigranten im Empfängerland).

Alle Zahlen zu den Rücküberweisungen von Migranten, inklusive der Zahlen aus diesem Kurzdossier, müssen deswegen mit Vorsicht interpretiert werden.

Wohin fließen die Gelder?

Nominal waren im Jahr 2004 China (21,4 Mrd. US$), Indien (20,1 Mrd. US$) und Mexiko (15,2 Mrd. US$) die Spitzenreiter beim Erhalt von Rücküberweisungen. Aber auch die Philippinen konnten mit ihren weltweit verstreuten Arbeitsmigranten einen zweistelligen Milliardenbetrag (10,0 Mrd. US$) verzeichnen (vgl. hierzu auch Box 2). Indien und China besitzen nicht zuletzt wegen ihrer Bevölkerungsstärke weltweit große Diasporagemeinden, wohingegen sich beispielsweise die Emigration aus Mexiko hauptsächlich auf die USA konzentriert. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) fallen prozentual die Zuwendungen von Migranten in kleineren oder einkommensschwachen Volkswirtschaften deutlich stärker ins Gewicht.

Insgesamt belaufen sich die Rücküberweisungen auf 2,2% des BIP aller Entwicklungsländer. Die Republik Moldau, das ärmste Land Europas, ist bezogen auf das BIP das Land mit den höchsten Rücküberweisungszuflüssen (29,0%). Jedoch gehen Schätzungen davon aus, dass unter Einbeziehung informeller Kanäle und Sachgüter die Höhe der Rücküberweisungen doppelt so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt ist. Aufgrund der prekären wirtschaftlichen und politischen Lage des Landes arbeiten weite Bevölkerungsteile im Ausland.[11] Tonga, ein kleiner Archipelstaat im Süd-Pazifik, befindet sich auf Rang zwei. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt im Ausland und 28,7% des BIP besteht aus Rücküberweisungen.[12] Hinsichtlich Rücküberweisungen als Anteil des BIP liegen Lesotho (26,1%) und die Palästinensischen Gebiete (23,7%) an dritter bzw. vierter Stelle weltweit. Beim relativen Ranking muss beachtet werden, dass die Reihenfolge nicht nur durch Rücküberweisungen bestimmt wird, sondern dass auch die gegenwärtige wirtschaftliche Situation im Empfängerland, reflektiert durch das BIP, ausschlaggebend ist.

Top 10 Rücküberweisungsquellländer 2004Top 10 Rücküberweisungsquellländer 2004 Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Dem gegenüber stehen die Staaten, von denen Rücküberweisungen aus gesendet werden; bei ihnen handelt es sich in erster Linie um Industrienationen.[13] Hierbei liegen die USA, aus denen 43,5 Mrd. US$ an Rücküberweisungen im Jahr 2005 gesendet wurden, weit an der Spitze. Die Zuwanderer in den Vereinigten Staaten kommen vornehmlich aus Mexiko, Indien, anderen südasiatischen Staaten und der Karibik. Bei den europäischen Sendestaaten von Rücküberweisungen liegen die Einwanderungsländer Deutschland (14,6 Mrd. US$), das Vereinigte Königreich (12,3 Mrd. US$), Frankreich (10,6 Mrd. US$), Italien (7,4 Mrd. US$), die Schweiz (7,3 Mrd. US$) und Belgien (5,5 Mrd. US$) an der Spitze.

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Info

Kollektive Rücküberweisungen

Die individuelle Unterstützung der eigenen Familie im Herkunftsland stellt heute nicht mehr die einzige Form von Rücküberweisungsflüssen dar: Vermehrt treten monetäre Ströme in den Vordergrund, die von Migrantenverbänden aus den Gastländern in ihre Heimatgemeinden fließen. Dadurch, dass die Vernetzung der international verstreuten Diasporagemeinden und ihre bestehende Identifikation mit der Heimat intensiviert werden, nimmt die Förderung gemeinsamer Finanzierungskonzepte stetig zu. Alleine in Frankreich konnten im Jahr 2000 bereits 1.000 Immigranten-Vereinigungen gezählt werden. Diese finanzieren durch Rücküberweisungen unter anderem den Infrastrukturausbau in Senegal, Mali und Mauretanien. Sie finanzieren aber auch Prestigeprojekte wie den Bau von Moscheen. Demnach profitieren nicht nur einzelne Haushalte von Rücküberweisungsgeldern, sondern auch Gemeinden bzw. die Öffentlichkeit.

Aber auch hier besteht die Gefahr, dass die externen Geldzuflüsse neue Abhängigkeiten entstehen lassen, da der Entwicklung keine endogenen Mechanismen zugrunde liegen. Zudem werden viele Projekte nach ihrer Umsetzung nicht nachhaltig weiterverfolgt und verlaufen somit möglicherweise im Sande.

Aus diesen Anfangsfehlern entwickelte sich in der mexikanischen Provinz Zacatecas die staatlich geleitete Initiative Tres por uno ("Drei für Einen"). Sie versucht, die Rücküberweisungsgelder in produktive Vorhaben zu kanalisieren. Die Regierungen des Staates, des Landes und der Gemeinde geben zu jedem Dollar, der in Gemeinschaftsprojekte von Migrantenverbänden fließt, jeweils einen Dollar aus den eigenen Kassen dazu. Der große Vorteil dieser Initiative liegt nicht nur in der Mischfinanzierung, sondern auch in der verstärkten Zusammenarbeit zwischen Migrantenvereinigungen (sog. hometown associations) im Ausland, den lokalen Gemeinden und der Regierung. Die 1986 ins Leben gerufene Kooperation stellte von Anfang an das Zusammenwirken auf sozialer und politischer Ebene in den Vordergrund. Synergieeffekte und Lernprozesse, die aus dem Zusammentreffen der Interessengruppen entstehen, sind ihr eigentlicher Gewinn. Denn auch diese Initiative konnte trotz der Umsetzung von Baumaßnahmen für die Allgemeinheit noch keinen Anstoß für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum geben.

Fußnoten

11.
Laut moldauischen Sicherheitsbehörden halten sich geschätzte 600.000 bis eine Million moldauische Staatsbürger (fast 25% der Bevölkerung von ca. 4,4 Millionen) im Ausland auf (Siehe Jandl 2003).
12.
Siehe auch Small und Dixon (2004).
13.
Abweichend zu den Entwicklungsländern wurden hier nur Erwerbseinkommen und Heimatüberweisungen der Gastarbeiter addiert. Sonstige private Übertragungen finden keine Anrechnung, da die Zentralbanken der Industrienationen in der Regel andere Finanzströme bilanzieren.

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