Koffer

1.9.2006 | Von:
Stefanie Hertlein
Florin Vadean

Auswirkungen der Rücküberweisungen auf Armut, Einkommensverteilung und Wachstum

Im Gegensatz zu der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit und zu den ausländischen Direktinvestitionen haben Rücküberweisungen in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen und repräsentieren heute eine wichtige Einnahmequelle unzähliger Haushalte in Entwicklungsländern.
Mexikanische Wanderarbeiterin in Kalifornien.Mexikanische Wanderarbeiterin in Kalifornien. (© picture alliance / landov)

Stellen die finanziellen Unterstützungen durch Migranten nun eine Etappe zur Lösung der Armutsproblematik in den Entwicklungsländern dar? Oder manövrieren sie die Länder in eine neue Abhängigkeit?

Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wie sich Rücküberweisungen auf Armutsbekämpfung, Einkommensverteilung, Ausgabeverhalten, Bildung und Gesundheit, Investitionen und Wachstum sowie auf die nationalen Zahlungsbilanzen in Entwicklungsländern auswirken. Dies liegt zum einen an der mangelhaften Datensituation, zum anderen aber auch an unterschiedlichen Forschungsmethoden.

Armutsbekämpfung

Kurzfristig kann der Einfluss von Rücküberweisungen auf das individuelle Haushaltseinkommen der Adressaten positiv bewertet werden. Der große Vorteil der Rücküberweisungen liegt darin, dass sie direkt an Einzelne und Familien ausgezahlt werden. Sie fließen nicht wie die staatliche Entwicklungshilfe und ausländische Direktinvestitionen an den Staat, an Unternehmen oder andere Organisationen, sondern erhöhen direkt das verfügbare Haushaltseinkommen. Somit dienen sie in der Regel zielgerichtet der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse der Empfängerfamilien. Es sei an dieser Stelle mit Nachdruck daran erinnert, dass es keinen direkten Vergleich geben kann zwischen Rücküberweisungen und den eben genannten Geldquellen: Bei Rücküberweisungen handelt es sich um privates Kapital, und es obliegt somit ausschließlich den einzelnen Migranten und ihren Familien, darüber zu entscheiden, wie die Gelder eingesetzt werden.

Das Amt für Bevölkerung in Mexiko (CONAPO) schätzt, dass die im Jahr 2004 empfangenen Rücküberweisungen 1,4 Millionen mexikanischen Haushalten zugute kamen. Diese finanziellen Zuflüsse repräsentieren im Durchschnitt 47% des gewöhnlichen Familieneinkommens der Begünstigten. Auch auf den Philippinen besteht ein Konsens darüber, dass Haushalte, die Rücküberweisungen erhalten, finanziell besser gestellt sind, da sie ein durchschnittliches monatliches Einkommen erzielen, welches 45% über dem Mindestlohn liegt. Neben der direkten Verbesserung der Einkommenssituation bieten Rücküberweisungen den Begünstigten auch gewisse Sicherheiten. Während insbesondere ausländische Direktinvestitionen starken Schwankungen unterliegen, stellen Rücküberweisungen seit den 1990er Jahren einen stabilen, stetig ansteigenden Finanzzufluss in die Entwicklungsländer (vgl. Diagramm 1) dar. Vor allem ihre Stabilität in konjunkturellen Talsohlen macht sie für die Empfänger äußerst wichtig. Häufig wird sogar ein antizyklischer Anstieg festgestellt, d.h. Migranten im Ausland erhöhen den Umfang der Unterstützung für ihre Familien in ökonomischen Krisenzeiten. Dieses Verhalten rettete beispielsweise die philippinische Volkswirtschaft während der Finanzkrise in Asien. Eine Rezession konnte lediglich durch die steigenden Rücküberweisungsströme verhindert werden, die den Binnenkonsum stützten und über die Einbrüche in den Exportzahlen hinweghalfen. In El Salvador nutzte die Regierung dieses Verhalten und appellierte während des verheerenden Hurrikans "Mitch" im Jahr 1999 an ihre in den USA lebenden Staatsbürger, die Unterstützungen für ihre Familien zu erhöhen.

Die unmittelbare Aufstockung des verfügbaren Familieneinommens stellt demnach vor allem für Haushalte im unteren und mittleren Einkommenssegment eine maßgebliche Stütze dar. Neben der Verbesserung des Lebensstandards verringern Rücküberweisungen zusätzlich die Verwundbarkeit bei Naturkatastrophen oder in ökonomischen Krisensituationen.

Einkommensverteilung

Der Vergleich verschiedener Fallstudien lässt keine einheitlichen Wirkungsmuster auf Einkommensverteilung erkennen oder weist sogar gegensätzliche Ergebnisse auf. Diese Differenzen können u.a. in den traditionellen Migrationsmustern begründet liegen. In aller Regel sind es die Angehörigen mittlerer Einkommensschichten, die als erste in andere Staaten übersiedeln, da nur sie die hohen Kosten der Migration aufwenden können. Sobald sich Migrationsnetzwerke gebildet haben, sind die Auslagen für die Ausreise wesentlich geringer; was auch ärmeren Personengruppen die Emigration ermöglicht. Es wird vermutet, dass Rücküberweisungen mit diesem Migrationsverhalten einhergehen und deshalb kurzfristig eine bestehende Einkommensungleichverteilung verschärfen, die sich langfristig allerdings ausgleicht. Am Anfang erhöhen die Rücküberweisungen von Migranten aus den mittleren Einkommensschichten das Haushaltseinkommen ihrer Familien, was diese Familien kurzfristig besser stellt, bevor auch ärmere Haushalte durch die Migration eines Familienmitglieds wieder aufholen können.


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