Koffer

1.9.2006 | Von:
Stefanie Hertlein
Florin Vadean

Auswirkungen der Rücküberweisungen auf Armut, Einkommensverteilung und Wachstum

Wachstum

Ökonomisches Wachstum, also eine Steigerung des Bruttoinlandproduktes, ist für die Wirtschaftswissenschaft eine Grundvoraussetzung dafür, der Armutsfalle zu entkommen. Entscheidend hierfür ist nicht die Höhe der Rücküberweisungssumme, sondern – wie oben dargelegt – die Verwendung der zusätzlichen Gelder. Wie bereits ausgeführt wirken sich Sparen und Neuinvestitionen wesentlich stärker aus als Konsumausgaben. Nichtsdestotrotz konnten bei Konsumausgaben auch positive Multiplikatoreffekte für die Gesamtwirtschaft verzeichnet werden. Für Mexiko wurde empirisch nachgewiesen, dass jeder Dollar, der durch Rücküberweisungen ins Land kommt, das BIP in der Stadt um 2,69 US$ und auf dem Land um 3,17 US$ steigert.

Andererseits konnte auf Haushaltsebene auch vereinzelt beobachtet werden, dass sich Rücküberweisungen negativ auf das Wachstum auswirken. Beispielsweise erzielten in Kenia Bauern mit zusätzlichen Rücküberweisungseinkommen deutlich schlechtere Felderträge als Bauern ohne finanzielle Zuwendungen aus dem Ausland. Dieses paradoxe Phänomen lässt sich auf eine Verschiebung in der Anreizstruktur zurückführen. Die These des so genannten moral hazard- Problems geht davon aus, dass die Familien keine Motivation mehr haben, selbst produktiv tätig zu sein, sondern ihre Anstrengungen darauf verlagern, Gelder von im Ausland lebenden Angehörigen "anzuwerben". Danach würden Rücküberweisungen zu einem stetig zurückgehenden Wirtschaftswachstum führen. Allerdings ist es zweifelhaft, jenes individuelle Verhalten allen gleichermaßen zuzuschreiben. Empirische Beweisführungen sind in dieser Hinsicht äußerst schwierig.

Zahlungsbilanz

Letztendlich macht sich der extreme Anstieg des Rücküberweisungsvolumens in den nationalen Zahlungsbilanzen unmittelbar bemerkbar. Die monetären Finanzströme füllen nicht nur die privaten Haushaltskassen, sondern führen in den Zahlungsbilanzen auch zu einer Aufstockung der Habenseite. Der Eingang ausländischer Devisen verringert das Bilanzdefizit der Entwicklungsländer und trägt damit zur Konsolidierung der Zahlungsbilanz bei. Rücküberweisungen sind im Vergleich zu anderen Zahlungseingängen aus dem Ausland vorteilhaft, da sie weder Zinsverbindlichkeiten zur Folge haben, noch zurückgezahlt werden müssen.

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Info

Gezielte Emigrationspolitik in den Philippinen

Von vielen Seiten wird häufig gefordert, das Entwicklungspotenzial von Rücküberweisungen durch politische Strategien zu optimieren. Bis jetzt haben nur wenige Staaten offizielle Maßnahmen bezüglich Migration und Rücküberweisungen ergriffen. Die Philippinen sind eines der wenigen Länder, die schon seit Jahrzehnten die Emigration gezielt steuern. Das Overseas Employment Program fördert und regelt bereits seit 1974 die temporäre Arbeitsmigration. Anfänglich wurden im Zuge des Öl-Booms viele Kontraktarbeiter in den Mittleren Osten entsandt, um damit die Arbeitslosigkeit zu reduzieren und den Zufluss ausländischer Devisen zu steigern. Die heutige Begründung für das bestehende Programm stützt sich auf die Bekämpfung irregulärer Migration und Prostitution sowie auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Aufnahmeland. Nach Regierungsangaben hielten sich im Jahr 2004 mehr als 7,3 Mio. Filipinos im Ausland auf. Das entspricht 8% der nationalen Bevölkerung. Die offiziell erfassten Rücküberweisungen belaufen sich auf 5,2% des BIP. Die Hauptzielländer sind nach wie vor Saudi Arabien und Kuwait; private und staatliche Einrichtungen vermitteln die Arbeitsemigranten jedoch auch in andere Staaten weltweit. Seit den 1990er Jahren stärkt die Regierung auf Druck der Bevölkerung und von außen die Rechte und das Sozialwesen für philippinische Arbeitnehmer im Ausland. Es wurden zusätzlich vorbereitende Kurse eingeführt, die über Arbeitsbedingungen und die Rechtslage in den Empfängerländern aufklärt, um die Arbeitsmigranten vor Ausbeutung zu schützen. Um weitere Rücküberweisungsaktivitäten zu fördern, wurde ein spezieller Ausweis mit Bankkonto und integrierter Visa-Karte eingeführt, was eine kostengünstige Überweisung ermöglicht. Die Überweisungsgebühren betragen dabei weniger als 3 US$ und die Wechselkurse sind marktgesteuert.

Die Bewertung der philippinischen Emigrationspolitik ist durchwachsen. Der Steuerung wird Modellcharakter für temporäre Migration attestiert, da sie es im Vergleich zu Maßnahmen anderer Staaten geschafft hat, einen geordneten und geschützten Migrantenstrom hervorzubringen. Trotzdem werden auch kritische Stimmen laut. Diese sehen das Ziel - die Beseitigung irregulärer Auswanderung - nicht erfüllt, sondern machen auf zwei parallel verlaufende Abwanderungsströme aufmerksam. Zusätzlich seien die sozialen Kosten des brain drain erheblich, und auch nach fast drei Jahrzehnten Emigrationspolitik konnte kein nachhaltiger Wandel im Inland herbeigeführt werden.


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