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14.11.2019 | Von:
Dyala Hamzah

Wer sind die Araber?

Die Araber, die arabische Welt und die Welt des Islams

Arabisch zu sein bedeutet eigentlich nur, sich als Araberin oder Araber zu fühlen und Arabisch zu sprechen. Kompliziert wird es allerdings, wenn abwertende Traumbilder von Terroristen, Haremsdamen oder Antidemokraten die Realität verdecken.

"Mit »Araber« meine ich jeden, der sich dort, wo er lebt, als solcher identifiziert – in seiner Geschichte, seiner Erinnerung, wo immer er lebt, stirbt und überlebt und was immer seine geografische, religiöse, ethnische oder nationale Herkunft sein mag."
Abdelkébir Khatibi (1938–2009)


Diese Definition des Araber-Seins des großen marokkanischen Literaturkritikers Abdelkébir Khatibi beruht nicht auf ethnischen, religiösen, geografischen oder nationalen, sondern auf kulturellen, linguistischen und historischen Kriterien und auf den Erfahrungen der betroffenen Personen. Sie steht damit in einem starken Kontrast zu dem, was der Mainstream heute unter »Araber« versteht. Das Wort »Araber« löst ein spezifisches Set von Bildern aus, abwertend und fantasievoll. Weil grausame Schlagzeilen fast alltäglich geworden sind, verdrängt die Porträtierung der Araber als Barbaren auch die fest verwurzelten orientalistischen Stereotype. In friedvollen Zeiten existiert der Araber und die Araberin in einem unverfänglichen, aber exotischen Schwebezustand, in einer modernen Version von »Tausendundeiner Nacht«, in der er oder sie die Karawanserei gegen das Einkaufszentrum getauscht hat, Zelt oder Palast gegen Wolkenkratzer, aber provinzlerisch an der Kufiya der Beduinen oder dem islamischen Kopftuch festhält. In Zeiten der Krise – seit über 100 Jahren ein fast permanenter Zustand – scheint »der Araber« nur in Erscheinung zu treten, wenn er die Öl- und Gasvorkommen beansprucht, die die Welt als Allgemeingut betrachtet.

Die Entmenschlichung des Arabers funktioniert entweder als reine Abstraktion oder als Bedrohung – ist jedoch nicht neu. Sie entstand nicht über Nacht mit dem Vormarsch des »Islamischen Staates« oder den Angriffen vom 11. September 2001, sondern ist ein Erbe des europäischen Kolonialismus. Die Niederschlagung des »wütenden Arabers« beschränkte sich nie einfach auf physische Unterdrückung, sondern umfasste auch dessen symbolische Vernichtung. Der Araber sollte nur als wohlwollendes Subjekt, das sich seine Rückständigkeit selbst zuschrieb und duldete, erhalten bleiben, als politisch unmündiges Wesen, das sich den Bedürfnissen der Weltwirtschaft fügt, sei es unter direkter europäischer Vormundschaft oder unter der Herrschaft einheimischer Autokraten.

Vor allem die westliche Welt behandelte die Araber nicht als gleichberechtigte Bürger der Welt. Erstens wurde ausgeblendet, dass viele Araber die ihnen zugedachte Rolle an der Peripherie der Weltgesellschaft ablehnten, politische und gesellschaftliche Diskurse in der arabischen Welt wurden im Westen oft schlicht nicht wahrgenommen. Zweitens wurde die Vielfalt der Lebensentwürfe nicht anerkannt, die zwischen nomadischen Viehhaltern, reichen und gebildeten urbanen Bürgern, bescheidenen Hausfrauen und der unverblümten Parlamentarierin existieren. Aus diesen Gründen konnte nie erklärt werden, wie arabische Gesellschaften solche Brutstätten des Terrorismus hervorbringen konnten – seien es die Flugzeugentführer von einst oder ihre jüngsten Wiedergeburten: die Massenhenker, Kopfjäger und Vergewaltiger im Namen des Dschihad. Zweitens blendet das Bild des »bösen Arabers« aus, dass diese extreme Gewalt zuallererst die Araber selbst trifft.

Wo ist die Arabische Welt?

Im Unterschied zu diesen so markanten wie falschen Zuschreibungen verwehrt sich die arabische Welt jeglicher Definition, egal ob geografisch, ethnisch oder kulturell. Als Austragungsort zahlreicher geopolitischer Auseinandersetzungen ab dem 16. Jahrhundert wurde die arabische Welt unterschiedlichen Regionen zugeordnet, die selten alle Gebiete umfassten, in denen Menschen arabisch sprachen und zu denen häufig noch weitere nichtarabische Gebiete zählten. Vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert gehörten große Teile der arabischen Welt zeitweise zum Osmanischen Reich oder waren diesem tributpflichtig. Weite Gebiete des heutigen Saudi-Arabien, der Golfemirate sowie Marokkos waren aber, anderes als etwa der Balkan, nie dem Osmanischen Reich untergeordnet. Im 19. Jahrhundert wurde die arabische Welt Schauplatz des Great Game, eines 100 Jahre alten Wettstreits zwischen Großbritannien und Russland um die Vormacht in Zentralasien. Ein amerikanischer Marinestratege prägte für die Region zwischen »Arabien und Indien « den Begriff »Middle East« und meinte damit die arabische Welt, der bis auf Ägypten der nordafrikanische Teil fehlt, ergänzt um Iran, die Türkei und Afghanistan, manchmal sogar Pakistan. Der deutsche Begriff »Naher Osten« bezeichnet ein Gebiet, dessen geografische Grenzen ebenfalls nicht eindeutig bestimmt sind. Mal bezeichnet er die vorderasiatischen arabischen Staaten sowie Israel, mal werden auch Ägypten, Iran oder sogar die Türkei dazugerechnet. Eine weitere Bezeichnung lautet MENA, »Middle East and North Africa«; sie wird von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds regelmäßig verwendet. Sie umfasst die zuvor genannten Regionen sowie die nordafrikanischen Staaten der arabischen Welt.

Die arabische Welt selbst bezeichnet ihre Regionen als ein Territorium, das zwischen Sonnenaufgang, Al-Maschreq (Orient, Morgenland oder Osten), und Sonnenuntergang, Al-Maghreb (Okzident oder Westen), liegt. Arabische Geografen in der sogenannten Blütezeit des Islams (8. bis 13. Jahrhundert) unterschieden das Gebiet zwischen Atlantischem Ozean und Persischem Golf in die Arabische Halbinsel, Al-Dschazira al-Arabiyya, das Kernland der arabischen Stämme (der heutige Jemen, Saudi-Arabien und die Golfstaaten), wobei Bilad al-Barbar (Somalia) und Ard al-Habascha (Äthiopien) die Grenze am Horn von Afrika markieren; Bilad al-Scham (heute Syrien, Libanon, Jordanien, Israel und Palästina); Bilad al-Rafidayn (der Irak, wörtlich Mesopotamien); Misr oder Ard al-Kinana (Ägypten) und Bilad al-Sudan (ein Gebiet, das wesentlich größer als Nord- und Südsudan ist, weil es sich im Norden mit Ägypten und Libyen überschneidet); Al-Ifriqiyya (das heutige Tunesien, der Osten Algeriens und der Westen Libyens); Al-Maghrib al-Aqsa oder Marrakisch (Marokko und Teile Mauretaniens) und schließlich Al-Andalus (die Iberische Halbinsel zur Zeit der muslimischen Eroberung). Einige der Begriffe sind bis heute in der arabischen Welt üblich, andere werden seit einigen Jahren wieder aufgegriffen – mit Vorliebe von Islamisten –, etwa um geografische Ansprüche deutlich zu machen.

Kein Monolith: ethnisch, politisch oder religiös

Was ist nun vor diesem Hintergrund »die arabische Welt«, und wer sind »die Araber«? Um Geschichte und Geografie klarer zu fassen sowie dem Streit der Namen und Bilder zu entgehen, kann es helfen, auf umgekehrte Weise vorzugehen: indem wir zuerst klären, was die arabische Welt nicht ist. Ethnisch gesehen ist die arabische Welt alles andere als homogen. Diejenigen, die heute in ihr leben und sich selbst als Araber identifizieren, sind beileibe nicht alle Nachkommen der semitischarabischen Stämme, die im 7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung unter dem Banner des Islams die Reiche der Sassaniden und der Byzantiner eroberten. Sie sind vielmehr das Resultat von Jahrhunderten der Durchmischung von Eroberern, Migranten, Entwurzelten und Vertriebenen – an einem Berührungspunkt von drei Kontinenten.

Die rund 360 Millionen Einwohner, die heute die arabische Welt bevölkern, schließen darüber hinaus nichtarabische Ethnien und Gemeinschaften ein, deren Muttersprache Arabisch ist oder auch nicht. Zu ihnen gehören: iranische Sprachgruppen wie die Kurden im Irak, in Syrien, Iran und in der Türkei sowie die Adscham in Bahrain, Kuwait und dem Irak, turksprachige Gruppen wie die Turkmenen des Irak und Syriens, nichtarabische semitische Sprachgruppen wie Juden, Berber, Assyrer im Irak und in Syrien, Kopten in Ägypten sowie die Armenier in Syrien, dem Libanon, Palästina, Jordanien. Auch die nichtarabischen ethnischen Gemeinschaften können stark unterteilt sein – so gehören zu den Kurden Schiiten, Sunniten, Juden, Christen und Zoroastrier ebenso wie die eigenständige ethnoreligiöse Gruppe der Jesiden.

Auch politisch ist die arabische Welt kein einheitlicher Raum. 22 Staaten, in denen Arabisch Amtssprache ist, erstrecken sich über eine Fläche von mehr als 13 Millionen Quadratkilometer in Nord- und Ostafrika sowie Südwestasien. Zwar gab es, den Ideen des Panarabismus folgend, verschiedene Versuche arabischer Staaten zu fusionieren, daran beteiligten sich aber nie mehr als zwei oder drei Staaten. Alle diese Versuche blieben erfolglos, wie 1958 bis 1961 die Vereinigte Arabische Republik (VAR) aus Ägypten und Syrien sowie ihre Konföderation mit dem Nordjemen in den kurzlebigen Vereinigten Arabischen Staaten oder 1974 die totgeborene Arabische Islamische Republik aus Tunesien und Libyen. Die arabischen Länder sind heute in komplementäre oder dysfunktionale, rivalisierende oder sich überschneidende Regionalorganisationen eingebunden, darunter neben der 1945 gegründeten Arabischen Liga die Union des Arabischen Maghreb, die Afrikanische Union sowie der Golfkooperationsrat.

Die Geschichte der arabischen Welt ist äußerst eng mit dem Aufstieg des Islams im 7. Jahrhundert verbunden. Dem vorangegangen waren allerdings schon christliche und jüdische Königreiche in Arabien, der Wiege dreier Weltreligionen und Treffpunkt großer Handelsrouten. Die arabischen Juden lebten über die gesamte Region verteilt – bis sie nach der Gründung des Staates Israel dazu gedrängt wurden, ihre arabischen Heimatländer zu verlassen und nach Israel oder in den Rest der Welt auszuwandern. Und während das Christentum in der Region unzählige Formen angenommen hat, sind die meisten Araber in der heutigen arabischen Welt Muslime sunnitischer Denomination. Nur fünf Prozent der Bevölkerung sind Christen – eine Zahl, die noch dramatisch sinken wird angesichts der ethnoreligiösen Säuberungen durch den »Islamischen Staat«. Und obwohl in der arabischen Welt nur ein Viertel der weltweit 1,5 Milliarden Muslime beheimatet ist, finden sich in der Region die meisten Länder mit prozentual höchster muslimischer Mehrheitsbevölkerung: In den meisten der 22 Länder machen Muslime zwischen 90 Prozent (Ägypten) und nahezu 100 Prozent (Jemen) der Bevölkerung aus. Ausnahmen sind der Libanon, Syrien und die kleinen Golfmonarchien, in denen Gastarbeiter aus Südostasien inzwischen einen großen Teil der Bevölkerung stellen.

Ein mächtiges Band, das die Araber kulturell verbindet, ist ihre Sprache. Deren Macht ist so groß, dass sie auch Differenzen wie die unterschiedlichen regionalen Dialekte und die Kluft zwischen dem klassischen Hocharabisch und der Umgangssprache überbrücken kann. In diesem Sinne hat der arabische Nationalist Sati al-Husri (1882–1968) das letzte Wort: »Ein Araber ist, wer immer Arabisch spricht, ein Araber zu sein wünscht und sich selbst Araber nennt.«

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 16-17.


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