Atlas des Arabischen Frühlings – die Video-Edition.

25.11.2019 | Von:
Daniel Gerlach

Religion und Staat

Konfessionen und Politik in der arabischen Welt

Die religiöse Vielfalt im Nahen Osten und in Nordafrika bildet die Grundlage vieler gesellschaftlicher Strukturen. Einerseits formt Religion die Identität vieler Menschen, andererseits ist sie ein Faktor in Herrschaftssystemen, Kriegen und Bürgerkriegen.

Blick auf die Mohammed-al-Amin-Moschee in Beirut durch das zerbrochene Glas eines Gebäudes.Blick auf die Mohammed-al-Amin-Moschee in Beirut durch das zerbrochene Glas eines Gebäudes. (© picture-alliance/dpa)

Als sich im Frühling 2012 Rebellen und Regime-Truppen eine blutige Schlacht um die zentralsyrische Stadt Homs lieferten, schien das Leben zumindest in der Altstadt von Damaskus noch in geordneten Bahnen zu verlaufen. Im Viertel Bab Tuma feierte man christliche Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten – und abends Partys in den einschlägigen Bars. Neben den zahlreichen "zivilen" Sicherheitskräften sah man jedoch auch Uniformierte, die Prospekte des Polizeiverbands unter die Leuten brachten. Darauf prangte eine düstere Erscheinung, die zur Hälfte wie ein Zombie, zur anderen wie der Tod aussah und die Logos ausländischer Fernsehsender auf dem Leib trug: BBC, France 24, Al Jazeera, CNN. Darunter stand: "Nein zum Geist der Fitna!"

Der Begriff Fitna bezieht sich auf die kriegerischen Machtkämpfe unter den frühen Muslimen im 7. bis 9. Jahrhundert, wird aber im modernen Arabisch allgemein für Konfessionskonflikte verwendet: Die syrischen Behörden warnten mit ihrer Broschüre vor ausländischen "Feindsendern", die die syrischen Religionsgruppen angeblich gegeneinander aufhetzten.

Die verschiedenen syrischen Religionsgemeinschaften machten noch bis vor Kurzem den Eindruck, einträchtig mit- und nebeneinander zu leben. Inmitten der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft gehörte etwa ein Viertel der Bevölkerung religiösen Minderheiten an, etwa Alawiten, Schiiten, Ismailiten, Drusen oder Christen. Letztere verteilten sich wiederum auf ein knappes Dutzend Konfessionen. Religiöse Würdenträger, Politiker und Intellektuelle in weiten Teilen der arabischen Welt waren sich häufig einig in ihren öffentlichen Beschwörungen, dass eigentlich gar keine Probleme zwischen den Konfessionen bestünden – eine andere Sprache sprechen aber die vielen Gewalttaten im letzten Jahrzehnt, die mit Verweis auf die religiösen Unterschiede begründet wurden. Den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten nannte der Spiegel-Reporter Christoph Reuter deshalb einmal den "Springteufel der arabischen Welt": Je mehr man seine Existenz verneint und versucht, ihn niederzudrücken, desto höher springt er, wenn jemand den Deckel öffnet. Aber wer sagt eigentlich, dass sich ein Sunnit in Syrien oder ein Kopte in Ägypten über seine Religionsgemeinschaft definiert? Tatsächlich sind viele Bewohner der arabischen Welt nicht ausgesprochen religiös. Doch der familiäre Zusammenhalt und die Gemeinde als soziales Umfeld spielen eine so große Rolle, dass häufig die Zugehörigkeiten mit Stolz und Trotz betont werden, etwa durch Vornamen oder religiöse Symbolik. Und während einige Stadtviertel oder Dörfer eine relativ homogene Bevölkerung aus einer Gruppe aufweisen, gelten andere Orte als "gemischt". Viele Gemeinden grenzen sich stark voneinander ab. Zum Beispiel sind Eheschließungen außerhalb der Gemeinschaft eher die Ausnahme als die Regel, was auch, aber nicht ausschließlich mit der Rechtslage in den meisten arabischen Staaten zu tun hat. Und der Blick aufeinander ist nicht selten von Ängsten und Ressentiments geprägt. Die Religionen erhalten so eine starke identitätsbildende Funktion. Das wirkt sich auch auf die politische Meinungsbildung aus und auf politische Bewegungen, die mitunter von religiösen Identitäten geprägt sind. Das bedeutet aber nicht, dass sich Christen, Sunniten oder Schiiten ohne Weiteres in politische Lager aufteilen ließen; zu Beginn des Aufstands in Syrien oder der Proteste gegen das Mubarak-Regime in Ägypten fanden sich Minderheiten, etwa die Christen, auf beiden Seiten der Konfliktlinien.

Der alte und der neue Konfessionalismus

Moderne Staaten, Verwaltungen und Gesellschaften weltweit beurteilen ihre Bürger nach Kriterien wie Alter – etwa der Volljährigkeit – oder Personenstand. Die arabischen Gesellschaften werden darüber hinaus auch nach dem religiösen Bekenntnis organisiert. Der Konfessionalismus ging in den arabischen Staaten aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs hervor, das seinen religiösen Minderheiten eine Rechts- und Verwaltungsautonomie eingeräumt hatte und dies mit der islamischen Rechtstradition begründete. Die osmanische Verwaltung klammerte dafür die Christen und Juden aus der islamischen Gerichtsbarkeit aus, um ihnen in religiösen Domänen wie Feiertagen, Nahrungsvorschriften und dem Personenstandsrecht Gestaltungsfreiheit einzuräumen, was zugleich aber rechtliche Diskriminierung mit sich brachte. Die Führer einer Religionsgemeinschaft, oft in Gestalt des Klerus oder großer Klanchefs, gewannen damit einen Macht- und Vertretungsanspruch über ihre Gläubigen, der in einigen arabischen Staaten bis heute Bestand hat – gleich ob diese "Gläubigen" tatsächlich gläubig sind oder nicht.

Ein politisches Denkmal setzte die französische Mandatsmacht dem Konfessionalismus nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs: Sie förderte in der Levante ein politisches System, das die Vertretung von Religionsgruppen und Minderheiten gewährleisten sollte. Das Prinzip, das der Libanon auch nach seiner Unabhängigkeit fortführte, sollte sicherstellen, dass Konfessionen nicht über- oder unterrepräsentiert sind. Eine Folge dieser Praxis, die de facto nicht zu einer Integration, sondern zu einer Verschärfung der Differenzen führte, war ein 15 Jahre dauernder Bürgerkrieg. Dieser wurde mit einem Friedensabkommen beendet, das jedoch die Logik des Konfessionalismus nicht überwinden konnte. Die Konfliktakteure verständigten sich darauf, dass der Präsident immer ein Christ, der Premierminister ein Sunnit und der Parlamentssprecher in Schiit sein solle.

Die Verquickung von konfessionellen und politischen Prinzipien in einem Bürgerkrieg führte zum Schlagwort der "Libanonisierung". Sie hat inzwischen auch das multikonfessionelle Nachbarland Syrien befallen. Dort präsentierte sich das Regime von Präsident Baschar al-Assad als Stabilitätsgarant und Beschützer der Minderheiten. Der durchaus als erpresserisch zu bezeichnende Handel "Schutz gegen Loyalität" erklärt nicht zuletzt das Verhalten vieler Christen und Kirchenleute, die nur sehr selten Kritik an den herrschenden Systemen übten. Einerseits befürchten viele Angehörige von Minderheiten, von radikalen Gruppen der Mehrheitsgesellschaft verdrängt und angegriffen zu werden; die palästinensischen Christen waren nach dem Wahlsieg der Hamas im Jahr 2005 ebenso besorgt wie die Kopten nach dem der ägyptischen Muslimbrüder 2012. Andererseits nehmen viele Minderheitenangehörige auch mit Sorge wahr, dass es für die Herrschenden ein Leichtes ist, Pogrome gegen sie anzuzetteln, um ihre Machtposition als Beschützer der Minderheiten zu stärken. Letztere sehen sich also sowohl von ihren Gegnern als auch von ihren Beschützern bedroht.

Syrische Oppositionelle werfen Assad außerdem vor, die Bevölkerungsgruppen aktiv entzweit zu haben, um sich selbst als einzige Person zu etablieren, die für Ordnung sorgen kann. Das bedroht die gesamte Gesellschaft. Ähnlich funktioniert die Taktik, die Umtriebe islamistischer Kräfte zu nutzen – denn besonders sie gefährden die Minderheiten.

Sunna und Schia

Der Status von Christen in der muslimischen Welt ist durch das osmanische Vorbild vergleichsweise klar geregelt. Die Beziehungen zwischen den muslimischen Konfessionsgruppen sind aber vielfältiger und oft auch undurchsichtiger. Die beiden größten Gruppen sind Sunniten und Schiiten, es gibt aber auch Splittergruppen wie die Ismailiten und Alawiten in Syrien, deren Zugehörigkeit zum Islam von Sunniten wie von Schiiten mitunter abgestritten wird.

Der Antagonismus zwischen Schiiten und Sunniten erweckt den Eindruck eines innerislamischen Urkonflikts, einer Kain-und-Abel-Geschichte, die sich wie ein roter Faden durch die nahöstliche Historie zieht. Aber die Frage, ob man Sunnit oder Schiit sei, war in den meisten arabischen Ländern noch vor drei oder vier Jahrzehnten eher unbedeutend. Der Konflikt spielte in der Geschichte vor allem eine Rolle, wenn man ihn machtpolitisch nutzen konnte.

Man kann behaupten, dass sich der Irak-Konflikt vor allem zwischen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit und der sunnitischen Minderheit abspielt. Auch wird in der Berichterstattung über den syrischen Bürgerkrieg oft darauf hingewiesen, dass die Alawiten, zu denen auch die Präsidentenfamilie gehört, aufseiten des Regimes stünden, während die Sunniten die Opposition unterstützten. Beide Erklärungen sind nicht ganz falsch, doch letztlich handelt es sich um Schablonen: Die konfessionelle Ebene ist eine von vielen. Vor allem mangelnde soziale Gerechtigkeit und Staatsversagen haben neben der religiösen Propaganda dazu geführt, dass sich heute Menschen wegen ihres Glaubens gegeneinander richten.

Die Politisierung der Religionen

Der Schiismus etwa führte im 20. Jahrhundert zunächst ein Schattendasein. Selbst die Islamische Revolution, an deren Spitze sich der schiitische Geistliche Ayatollah Ruhollah Khomeini setzte, wirkte auf die Nachbarn zunächst nicht wie eine schiitische Bewegung. Viele Sunniten, selbst radikale Salafisten in Ägypten, begrüßten die Revolution damals als erfolgreiches Aufbegehren gegen die vermeintlich unislamische Herrschaft des Schahs. Als Khomeini 1989 starb, betrauerten ihn auch viele Sunniten weltweit. Die revolutionäre Außen- und Machtpolitik der Islamischen Republik lief in den Folgejahren allerdings zunehmend den Interessen anderer Staaten zuwider – etwa Saudi-Arabiens, das sich als Führungsmacht der sunnitischen Muslime sieht.

Im 21. Jahrhundert ist die Konfrontation akut wie nie zuvor: Dschihadistische Milizen, allen voran der "Islamische Staat", der den sunnitischen Islam für seine Zwecke umgedeutet hat, machen gezielt Jagd auf Minderheiten. Ihr besonderer Hass gilt dabei nicht nur Nichtmuslimen, sondern auch Schiiten, die sie als Ungläubige bezeichnen.

Der Nahe Osten ist – zumal im Vergleich mit Europa – eine extrem vielschichtige, multireligiöse Region. Radikalen Gruppen, die von einer homogenen islamischen Gemeinschaft träumen, ist diese Vielfalt ein besonderer Dorn im Auge. Dass Tausende Jesiden versklavt und getötet und Christen aus den IS-kontrollierten Gebieten vertrieben wurden, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, worum es den Kämpfern auch noch ging: um die Befriedigung materieller Bedürfnisse. Um Kriegsbeute, die laut einer alten Dschihad-Doktrin von "Ungläubigen" genommen werden darf.

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 24-25.


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