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12.12.2019 | Von:
Shereen El-Feki; Georges Azzi

Schwule, Lesben, Trans-Aktivisten

"Homophobie ist nicht revolutionär"

Gerechtigkeit, Freiheit und Würde sind für Millionen Menschen in der Region heute genauso ungreifbar wie vor den Revolutionen. Dies trifft vor allem auf die knapp drei Prozent der Bevölkerung zu, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen.

Eines der bemerkenswertesten Graffitis an Kairos Wänden nach den Unruhen 2011 war ein Cartoon zweier sich küssender, schnauzbärtiger Männer in Polizeiuniform mit dem Slogan "Polizisten sind schwul". Nach den Zusammenstößen zwischen Protestierenden und Sicherheitskräften war dies nicht als soziologische Beobachtung zu verstehen, sondern als Beleidigung. Innerhalb weniger Tage jedoch verwandelten unbekannte Künstler die Schnäuzer in Regenbögen und ersetzten den hasserfüllten Text mit der konstruktiven Einsicht: "Homophobie ist nicht revolutionär."

Leider ist es weitaus schwieriger, auch in der Bevölkerung die Einstellung zu verändern, die auf der Wand zum Ausdruck kam. Für jene, die gleichgeschlechtlich lieben oder eine andere Genderidentität haben, ist das Leben in der arabischen Welt schwer. Für sie gehören Stigmatisierung, Diskriminierung und Gewalt durch Staat, Gesellschaft und Familie zum Alltag. Dies liegt nur zum Teil am Aufstieg eines islamischen Fundamentalismus, viele christliche Kirchen und konservative jüdische Strömungen verurteilen jegliche homosexuelle Akte. Trotz einer hitzigen Debatte über die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen treten nur wenige in der Region offen für eine alternative Glaubensauslegung ein – obwohl es in der Region in der Vergangenheit bereits weitaus offenere Interpretationen gegeben hat.

Die Politik schürt die religiöse Flamme weiter. Die Anerkennung alternativer sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten ist zum Aushängeschild für die liberale Demokratie geworden. Mehr als ein Jahrtausend lang kritisierte der Westen arabisch-islamische Kulturen für ihren scheinbar laxen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen, wie sie in den großen Werken der mittelalterlichen arabischen Erotikliteratur zu finden sind – heute verurteilt er sie für ihre Intoleranz. Homosexualität ist in der Region zu einer Waffe in politischen Auseinandersetzungen geworden, mit der politische Widersacher diffamiert werden können.

Dieses gesellschaftliche Klima führt dazu, dass die Arbeit der zum Thema aktiven Zivilgesellschaft größtenteils von finanzieller Unterstützung aus dem Ausland abhängt. Mittlerweile arbeiten 14 NGOs an der Stärkung der LGBTQ-Bevölkerung (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Queer). Obwohl dies immer noch wenig ist und sie hauptsächlich mit der gebildeten Mittelschicht arbeiten, stellt es doch eine Verdreifachung der Aktivität seit 2010 dar – dem Aufstieg des politischen Islams (wie in Marokko), dem hartem Durchgreifen gegen die Zivilgesellschaft (wie in Ägypten) und den gewaltvollen Konflikten in der gesamten Region zum Trotz.

Der Türöffner für diese Entwicklung war das Internet: Die libanesische Organisation Helem, die Großmutter aller LGBTQ-Organisationen in der Region, entwickelte sich Mitte der 2000er Jahre aus einem Onlineforum. Einige der neueren Gruppen existieren nur online, in Form von Internetmagazinen oder Onlineradiosendern, die Informationen, Unterstützung und die seltene Gelegenheit bieten, über sexuelle Vielfalt auf Arabisch zu diskutieren.

Neben den Online-Initiativen gibt es einige ältere Projekte und Organisationen. Unter ihnen ist die Arab Foundation for Freedoms and Equality (AFE), die Menschenrechtsanwälte mit einem speziellen Interesse an LGBTQ-Themen ausbildet; die M-Coalition, ein regionales Netzwerk zur HIV/AIDS-Thematik für Männer, die Sex mit Männern haben; und MantiQitna ("Unsere Region"), ein jährliches Treffen für LGBTQ-Aktivisten aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Die meisten LGBTQ-Initiativen betreiben nicht Interessenspolitik für eine bestimmte Gruppe, sondern sie wollen grundlegende Menschenrechte für alle sichern, um so der Gewalt, Stigmatisierung und Diskriminierung ihrer Leidensgenossen entgegenzuwirken.

Die Aktivisten konzentrieren sich auf mehrere Fronten, darunter die Gesetzgebung. Mehr als 80 Prozent der arabischen Länder kriminalisieren jegliche homosexuelle Akte explizit im Strafrecht, etwa Algerien. Im Libanon und Syrien hingegen wird "nur" "unnatürlicher Geschlechtsverkehr" verurteilt. Das Strafmaß reicht dabei von Geld- und Gefängnisstrafen bis hin zur Todesstrafe, wie im Sudan, Saudi-Arabien und Jemen. Aber auch wenn Homosexualität nicht per Gesetz verboten ist, gibt es strafrechtliche Verfolgung, in Ägypten etwa werden dafür gesetzliche Regelungen zu "ausschweifenden Lebensweisen" und Prostitution herangezogen. Darüber hinaus bietet das Gesetz keinen Schutz vor verbalem oder körperlichem Missbrauch, Erpressung und Kündigung auf Grundlage der sexuellen Orientierung oder anderen Menschenrechtsverletzungen – vor allem dann nicht, wenn die Täter Mitglieder der Familie oder des Stammes sind. Bewaffnete Konflikte verschlimmern die Situation weiter, in den islamistisch kontrollierten Gebieten im Irak sind Homo- und Transsexuelle grausamer Verfolgung ausgesetzt.

Im politischen Klima nach dem Arabischen Frühling ist es schwer, geschriebene Gesetze zu verändern, vor allem in Ländern mit neuen Verfassungen wie Ägypten, Libyen und Irak, in denen konservative islamische Prinzipien als Grundpfeiler dienen. Die Erfahrungen der libanesischen NGOs zeigen aber, dass Gesetze auch in der praktischen Umsetzung abgemildert werden können. Helem agiert auf informeller Ebene mit Polizei und Anwälten und kann so den Druck erheblich verringern. Selbst vor Gericht kann das Gesetz auf den Kopf gestellt werden. In zwei Präzedenzfällen um einen homosexuellen und einen Transgender-Mann entschieden libanesische Richter, dass Artikel 534 mit seiner Verurteilung "unnatürlicher sexueller Beziehungen" nicht greifen könne – denn da es sich um Menschen handele, die die reiche Vielfalt der Natur abbilden, könne von ihnen keine "unnatürliche" Handlung ausgehen.

Stigmatisierung hält an

Sexuell übertragbare Krankheiten sind ein Problem und gleichzeitig Ausgangspunkt für Fortschritt. Die arabische Welt ist mittlerweile eine von nur zwei Weltregionen, in denen die Anzahl an HIV-Neuinfektionen und AIDS-Toten immer noch steigt. Am schlimmsten betroffen sind Männer, die Sex mit Männern haben. Hier lag die Infektionsrate 2014 bei über zehn Prozent. Die wachsende Herausforderung für die öffentliche Gesundheit hat den Weg geebnet für die stillschweigende Zustimmung der Regierungen zu Forschung und finanzieller Förderung sowie Kampagnen für gefährdete Gruppen. Darüber hinaus hat die Krise auch einen offenen Dialog mit religiösen Führern über Homo- und Transsexualität ermöglicht.

Unter den Ärzten bleibt Homophobie aber weit verbreitet. Eine Studie von Helem im Jahr 2009 stellte fest, dass mehr als die Hälfte der befragten Ärzte im Libanon sich weigert, homosexuelle Männern zu behandeln, und sie stattdessen für eine "Umerziehungstherapie " an Psychiater verwies – eine beliebte Praxis auch in Ägypten und den Golfstaaten. Dennoch, NGOs verändern diese Bedingungen langsam, aber stetig. Im Libanon gibt es mit Marsa die erste LGBTQ-freundliche Klinik der arabischen Welt, und 2013 verurteilte die Libanesische Gesellschaft für Psychiatrie Umerziehungstherapien für Homosexuelle.

Auch viele Medien zeichnen durch ihre stark abwertende Sprache ein negatives Bild von Homo- und Transsexualität. Doch Aktivisten im Libanon konnten zumindest einige Medienhäuser und Journalisten von einem neutralen Sprachgebrauch überzeugen, beispielsweise das Adjektiv mithli ("gleichgeschlechtlich") für Homosexuelle zu benutzen statt schadh ("abnorm"). Und ihre Mühen tragen Früchte. 2013 führte die libanesische Polizei eine Razzia in einem Beiruter Schwulen-Autokino durch und verhaftete dabei 30 Gastarbeiter, die sich in der Folge Analuntersuchungen zu unterziehen hatten – eine in der Region weit verbreitete, ethisch und wissenschaftlich jedoch dubiose Diagnostik, um homosexuelle Praktiken "nachzuweisen". Einige Medien verurteilten diese Tests sofort, die libanesische Ärztekammer drohte an, allen durchführenden Ärzten die Lizenz zu entziehen, und das Justizministerium wies die Polizei an, die Tests zu unterlassen.

Auch wenn jeglicher Fortschritt willkommen ist: Die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft sind beschränkt, wenn Sexualität – selbst im relativ offenen Umfeld von Beirut – ein Tabu ist; die soziale Kontrolle durch die Familie ist hoch, und schon Frauenrechte sind wie andere grundlegende politische, ökonomische und soziale Rechte eingeschränkt. Aber den Ruf nach Gerechtigkeit, Freiheit und Würde können die Regierungen immer weniger übertönen.

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 118-119.


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