Atlas des Arabischen Frühlings – die Video-Edition.

12.12.2019 | Von:
Shereen El-Feki

Sexualität

"Geh! Ich will heiraten!"

Nachdem junge Araber und Araberinnen ihre Gesellschaften in den Aufstand geführt haben, steht auch die sexuelle Revolution an. Zurückgehalten wird sie von verbotener Sexualität und Tabus.

Seit Beginn des Arabischen Frühlings ist der Kairener Tahrir-Platz Zeuge unterschiedlichster politischer Parolen geworden, doch nur wenige waren wohl so persönlich wie die eines jungen Mannes, der auf seinem Transparent den Sturz der Diktatur mit folgendem Aufruf forderte: "Geh! Ich will heiraten!"

Auf den ersten Blick mag die Forderung seltsam erscheinen. Doch für 100 Millionen Araber zwischen 15 und 29 Jahren steht die Hochzeit synonym für den Eintritt ins Erwachsenenleben: Die Ehe bietet den einzig sozial akzeptierten Rahmen für ein aktives Sexualleben, entsprechend den Regeln aller großen Religionen in der arabischen Welt. Jegliche sexuelle Handlung, die außerhalb einer durch die Familie unterstützten, religiös sanktionierten und staatlich eingetragenen Ehe stattfindet, ist verpönt als haram, illit adab, ’ayb, hchouma – das verurteilende Vokabular scheint endlos.

Für eine wachsende Zahl junger Menschen in der arabischen Welt ist Sex deshalb in weite Ferne gerückt. Frühe Eheschließungen – noch vor zwei Generationen die Norm – sind heute selten, selbst in Ländern wie Jemen, wo Tradition und Konservative der Festsetzung eines legalen Mindestalters von 18 Jahren lange im Weg standen. Hauptsächlich sind es arme, schlecht ausgebildete Mädchen aus ländlichen Regionen, die Gefahr laufen, früh verheiratet zu werden. Auch junge Frauen in aussichtlosen Situationen, etwa Flüchtlinge, sind betroffen, einige werden von ihren verarmten Familien sogar verkauft oder zur Prostitution gezwungen.

Tendenziell steigt das Heiratsalter in weiten Teilen der arabischen Welt, in manchen Regionen sogar drastisch: In Marokko, Algerien und Tunesien sind Frauen mittlerweile Ende 20, Männer Anfang 30. Diese Verschiebung ist auch der wirtschaftlichen Lage geschuldet, da die Eheschließung in den konsumorientierten Gesellschaften der arabischen Welt ein teures Unterfangen geworden ist. Tradition und Religion bestimmen, dass der Bräutigam und seine Familie die Kosten der Ehe zu tragen haben, was weit mehr einschließt als nur ein großes Fest mit teurem Kleid. Eine Jugendarbeitslosigkeitsrate im zweistelligen Bereich bedeutet somit für viele junge Männer, dass sie sich gedulden müssen.

Gleichzeitig verschiebt sich das Heiratsalter der Frauen nach oben – durch ihren steigenden Bildungsgrad und ihre Teilnahme am Arbeitsmarkt. In vielen Ländern wächst die Angst vor dem Phänomen der ’Anusa, der sprichwörtlichen "alten Jungfer" – gebildete Frauen, die keinen Ehemann finden und deshalb abhängig von der Unterstützung ihrer Familie im Elternhaus verbleiben. Auch Scheidungen verursachen gesellschaftliches Unbehagen, insbesondere die reicheren Golfstaaten befürchten den Zerfall der Familie. In beiden Fällen sind die offiziellen Statistiken jedoch weiter weniger alarmierend als die Schlagzeilen: Die große Mehrheit der Menschen in der arabischen Welt heiratet und bleibt auch verheiratet.

Dennoch leben in der Region mehr Singles als je zuvor. Eine gesamte Generation ist gefangen zwischen Biologie und Soziologie. Sie erreicht ihre sexuelle Reife in einem Klima, das keine Alternative zum ehelichen Sex zulässt. Aktuelle Befragungen in ausgewählten arabischen Ländern zeigen, dass auch unter den jungen Menschen selbst die Mehrheit vorehelichen Geschlechtsverkehr und voreheliches Zusammenleben ablehnen. In Anbetracht der zunehmenden Religiosität unter arabischen Jugendlichen wendet sich eine erhebliche Anzahl alternativen Formen der islamischen Eheschließung zu, wie zum Beispiel mut’a und ’urfi, um ihre sexuelle Beziehung religiös rechtfertigen zu können, egal wie umstritten diese Eheformen sind. Für die meisten jungen Menschen ist dies jedoch eher ein letzter Ausweg als eine Lebensentscheidung.

Verweigerung von offizieller Seite, sich mit dieser kulturellen und demografischen Zerreißprobe zu befassen, erschwert häufig die Forschung zu Sexualität unter Jugendlichen. Erst die zunehmende Zahl an HIV-Infizierten im Nahen Osten und Nordafrika hat einige Regierungen in den vergangenen fünf Jahren dazu bewegt, unverheiratete Jugendliche eingehend zu ihrem Sexualwissen, Verhalten, ihren Einstellungen und Praktiken zu befragen. Überall dort, wo umfangreiche quantitative Studien durchgeführt wurden, offenbart sich ein ähnliches Verhaltensmuster: Mindestens die Hälfte der jungen Männer gibt an, bereits vor der Ehe sexuell aktiv zu sein, die meisten haben ihr erstes Mal in den Teenagerjahren und wechseln mehrmals ihre Partner vor der Eheschließung. Kondome werden nur selten verwendet, hauptsächlich weil sie weitläufig mit zina in Verbindung gebracht werden, dem durch die Religion verbotenen außerehelichen Sex.

Der Anteil junger Frauen, die außereheliche sexuelle Aktivitäten eingestehen, ist viel geringer. Grund hierfür ist die Vorrangstellung der weiblichen Jungfräulichkeit. Denn zwar ist unehelicher Sex zumindest auf dem Papier in den meisten arabischen Ländern für beide Geschlechter gesetzlich verboten. Doch vor allem patriarchale Strukturen im Gewand des religiösen Konservativismus erhalten einen Doppelstandard aufrecht: Es wird erwartet, dass Frauen mit intaktem Hymen zu ihrer Hochzeitsnacht erscheinen, während bei Männern Nachsicht geübt wird, sollten sie sich auf vorehelichen Sex eingelassen haben.

Jungfräulichkeit ist in arabischen Gesellschaften keine Privatangelegenheit, sondern vielmehr Ursache kollektiver Besorgnis und gleichzeitig Quell der Familienehre. Zunehmende Berichte über Ehrenmorde wie in Jordanien und Palästina sind Teil eines weiten Spektrums an genderbasierter Gewalt. In der Tat gelten dem Erhalt dieses kleinen Stückchens weiblicher Anatomie große Aufmerksamkeit und Anstrengung der ganzen Familie, sei es durch weibliche Beschneidung oder Einschränkungen der physischen und sozialen Aktivitäten der Mädchen. Hinzu kommen Jungfräulichkeitstests, von uralten Bräuchen wie der dukhla, wobei das blutbefleckte Laken aus der Hochzeitsnacht als Beweis für die ehrenvolle Entjungferung dient, bis hin zu modernen medizinischen Untersuchungen. Studien zeigen, dass junge Menschen diese Konvention aufrechterhalten – und gleichzeitig unterwandern, indem sie auf nichtvaginalen Geschlechtsverkehr und Hymenrekonstruktion zurückgreifen.

Die Vorbereitung des Wandels

Sexualität wird so weit tabuisiert, dass selbst Sexualkundeunterricht an Schulen unmöglich scheint, obwohl die Unwissenheit unter Kindern und Eltern offenkundig ist. Der verbreitete Konsum von Internetpornografie tut ein Übriges, um Verwirrung zu stiften. Der Libanon ist eines der wenigen Länder in der Region, das einen national einheitlichen Lehrplan für "lebenspraktische Fähigkeiten ", einschließlich umfassender Einweisung in Sexual- und Reproduktionsgesundheit, erarbeitet hat – keine leichte Aufgabe, wenn man das Unbehagen der Lehrer berücksichtigt. Höchst umstritten ist auch, ob Angebote der sexuellen und reproduktiven Gesundheit für unverheiratete Jugendliche zugänglich sein sollen, einschließlich Verhütung und Abtreibungen.

Trotz dieser Hindernisse bemühen sich Männer und Frauen in der arabischen Welt, so weit zu gehen, wie es mit Tradition und Kultur zu vereinbaren ist: In Marokko drängt die Zivilgesellschaft auf eine schrittweise Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes. Abtreibung ist in den meisten arabischen Ländern verboten und wird nur illegal ausgeübt. In mehreren Ländern helfen NGOs ledigen Müttern, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Programme wie Muntada Jensaneya ("Arabisches Forum für Sexualität, Bildung und Gesundheit") suchen in den palästinensischen Gemeinden in Israel nach innovativen Wegen, wichtige Fragen der sexuellen Bildung sowohl innerhalb als auch außerhalb des Klassenzimmers zu vermitteln.

In Tunesien und Ägypten bieten einige jugendfreundliche Kliniken Informationen und Gesundheitsdienste im Bereich Reproduktion an, aufgrund verbreiteter Vorurteile bei den Gesundheitsversorgern jedoch bislang mit gemischten Ergebnissen. Ein erfolgreicheres Konzept scheint die Wissensvermittlung unter Gleichaltrigen zu sein, wie sie das Netzwerk Y-Peer in regionalen Niederlassungen organisiert: Junge Menschen informieren sich gegenseitig über Fortpflanzung und sexuell übertragbare Krankheiten. Einige zivilgesellschaftliche Gruppierungen üben Druck auf die Regierungen aus, Gesetze gegen genderbasierte Gewalt zu erlassen, etwa neue Gesetze gegen sexuelle Belästigung in Ägypten, häusliche Gewalt im Libanon und Vergewaltigung in Marokko. Wieder andere NGOs bestärken Frauen positiv, ziehen die Polizei zur Verantwortung für sexuellen Missbrauch oder arbeiten mit jungen Männern, um die Gewalt bereits an ihrer Wurzel auszumerzen.

Eine bislang nicht dagewesene Herausforderung für den sexuellen Status quo in der arabischen Welt ist der explosionsartige Anstieg in der Nutzung sozialer Medien. Der dramatischste und gleichzeitig erfolgloseste Beitrag in dieser Hinsicht waren wohl die Femen-inspirierten Nacktbilder junger ägyptischer und tunesischer Frauen. Zwar handelten sie im Namen von Freiheit und körperlicher Selbstbestimmung, weckten damit aber Ablehnung nicht nur von konservativer, sondern auch liberaler Seite. Es bedarf subtilerer Ansätze, um die Gesellschaft nicht zu spalten – wie die verspielte "Strip for Jackie"-Kampagne im Libanon, die gegen den Ausschluss eines Mitglieds des olympischen Teams aufgrund von "Anstößigkeit" protestiert, oder den lebhaften Onlineaktivismus der LGBTQ-Jugend. Darüber hinaus tauchen in den letzten Jahren immer mehr Quellen mit akkuraten Informationen und ausgewogenen Debatten rund um das Thema Sexualität auf Arabisch auf – nennenswert hier Hubb Thaqafa ("Liebe zur Kultur "), eine wegweisende Social-Media-Plattform.

Die Übertragung der Onlineaktivitäten auf die Wirklichkeit ist jedoch eine andere Geschichte. Bahnbrechende Projekte bleiben kleine, private Kampfansagen an sexuelle Tabus und bewegen schwerlich eine breitere Öffentlichkeit. Auch seit den Tagen der Revolution 2011 hat sich die Politik kaum verändert; tief gehende Veränderungen der Einstellungen zur Sexualität werden noch viel länger brauchen. Vermutlich wird die arabische Welt einen ganz anderen Weg des sexuellen Wandels einschlagen als der Westen. Als Voraussetzung für eine positive Veränderung muss ein Bewusstsein für die Überschneidung des Politischen mit dem Persönlichen entstehen, während Sexualität gleichzeitig in eine breite Debatte über individuelle Rechte und persönliche Freiheiten einfließen muss. Dies bedarf der Arbeit mindestens einer ganzen Generation – bis dahin wird der Frühling nicht in die arabischen Betten einkehren.

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 114-115.


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