Atlas des Arabischen Frühlings – die Video-Edition.

16.12.2019 | Von:
Iyad El-Baghdadi

Der intellektuelle Aufbruch

Soziale Medien, junge Aktivisten und die arabischen Aufstände

Eine internetbasierte Öffentlichkeit bereitete den Arabischen Frühling über Jahre hinweg gedanklich vor. Die Blogger gingen erst auf die Straße, dann in die sozialen Netzwerke und sind seither vermehrt bei etablierten Medien untergekommen.

Dem Arabischen Frühling ging eine globale Kommunikationsrevolution voraus: In der arabischen Welt waren Web-Foren, die Anfang der 2000er entstanden waren, ursprünglich der Weg, um online Ideen zu verbreiten und darüber zu debattieren. Mit der Entwicklung der Blogosphäre konnten mehr und mehr Stimmen sich persönlich ausdrücken, Blogs gewannen als Medium an Einfluss – die Online-Gemeinde wuchs und erreichte einen Höhepunkt zu Beginn der Aufstände in der arabischen Welt.

Der Arabische Frühling mischte die Karten für die Blogger neu. Die rasche Abfolge der Ereignisse des Frühjahrs 2011 und ein Hochgefühl des Optimismus sorgten dafür, dass viele Blogger sich den sozialen Medien zuwandten, besonders Twitter und Facebook. Dort konnten sie unmittelbarer über das Geschehen berichten, sich direkter austauschen und dabei eine größere Leserschaft erreichen. Einige erregten landes- und weltweit Aufsehen und erlangten eine Glaubwürdigkeit, die viele etablierte Medien verloren hatten.

Ende 2011 schließlich verfügten die bekannteren Blogger in der arabischen Welt über eine große Zahl an Anhängern und Lesern in den sozialen Medien. Einige von ihnen, die jahrelang unter Pseudonym geschrieben hatten – etwa Amir Ahmad Nasr alias "Sudanese Thinker" – fühlten sich sicher genug, ihre wahre Identität preiszugeben.

In den Jahren nach Beginn des Arabischen Frühlings wurden die Online-Stimmen zunehmend für etablierte Medien interessant. Zeitungen und Fernsehsender, die sich ihnen zuvor verschlossen hatten, gierten auf einmal nach ihrem Material. Manche, wie Mahmoud Salem ("Sandmonkey"), unterhielten ein Blog und Social-Media-Auftritte, während sie regelmäßig für überregionale Zeitungen schrieben. Andere, wie der inzwischen verstorbene Bassem Sabry, verfassten einen Text nach dem anderen für Online-Portale wie Al-Monitor und bei Gelegenheit noch Artikel in der internationalen Presse.

Generell haben junge arabische Aktivisten, die in den 2000er Jahren das Bloggen anfingen und dann während des Arabischen Frühlings bekannt wurden, großes Können und Erfindungsreichtum dabei bewiesen, die verschiedenen Medien miteinander zu kombinieren – von Blogs und Video-Blogs über Online-Portale bis zu etablierten Zeitungen und Buchprojekten.

Überhaupt kann man die Bedeutung des Mediums Internet für die fortlaufende Entwicklung eines kollektiven Bewusstseins der arabischen Jugend kaum überbewerten. Menschen, die keinen Zugang zu dieser Szene haben – in der Regel die älteren Generationen – scheinen in einer ganz anderen Welt zu leben und völlig andere Stimmen zu hören. Das vertieft den Spalt zwischen den Generationen weiter, der zum Ausbruch der Revolutionen beigetragen hat.

Der erwähnte Trend zur Institutionalisierung steht auch für den Übergang des Arabischen Frühlings von einer Phase in die nächste. Es begann ursprünglich auf den Straßen und Plätzen der arabischen Welt, angeführt von Aktivisten, die geschickt die großen Demonstrationen organisierten. Diese Zeitspanne war dramatisch und kathartisch zugleich, zugespitzt auf den triumphalen Moment, in dem die Tyrannen vom Thron gestoßen wurden.

Die zweite Phase jedoch wird von jungen Autoren gelenkt, von Systemarchitekten, Gedankenführern und Meinungsmachern. Einige von ihnen sind Journalisten, andere Geschäftsleute oder Juristen. Sie gehen virtuos mit den verschiedenen Medien um, online wie offline. Sie beeinflussen und inspirieren nicht nur ihre eigene Generation, sondern eine heranwachsende Generation, für die diese Medien nicht mehr "Neue Medien" sind, sondern alltäglich und Teil des Mainstream.

Die Internetaktivisten des Arabischen Frühlings sind zu anerkannten Vordenkern und Meinungsführern eines wichtigen Teils der Bevölkerung geworden. Der Umstand, dass dieser Teil noch jung ist und häufig keinen politischen oder ökonomischen Einfluss besitzt, lässt es noch so scheinen, als ob diese Aktivisten keine nachhaltige Veränderung bewirken könnten. Aber im Laufe der kommenden zehn Jahre werden wir Zeuge werden, wie diese noch jungen Stimmen immer weiter reifen – und wichtige Zeichen setzen werden. Wir sind noch längst nicht fertig, wir haben gerade erst begonnen!

Dieser Artikel ist erschienen in: Gerlach, Daniel et al.: Atlas des Arabischen Frühlings. Eine Weltregion im Umbruch, Zeitbild, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016, S. 94.


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